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Politik

11.02.2021 - APOLOGETIK

Ein unserioeses Diskussionspapier

Zwei Wissenschaftler versuchen, Demonstranten als Verbreiter von Infektionen zu diffamieren

Jens Walter

 
 

Demo am 18. September in Berlin
Bild: scienzz

Martin Lange und Ole Monscheuer behaupten öffentlichkeitswirksam, eine Ausweitung der Infektionen durch Kritiker der Corona-Maßnahmen nachweisen zu können. Obwohl nur als Diskussionspapier vorgestellt, wurde diese Arbeit durch Pressemitteilungen verbreitet und von den Medien bereitwillig aufgenommen. Der Inhalt ist allerdings äußerst fragwürdig.

Das Diskussionspapier, das federführend am Zentrum für Europäische Wirtschafsforschung (ZEW) entstanden ist, wurde sowohl auf den Seiten des ZEW und der Leibnitz-Gesellschaft durch Pressemitteilungen bekannt gemacht und durch die Medien sehr schnell verbreitet -- selbst das ZDF erwähnte es in den Nachrichten. Beschäftigt man sich jedoch näher mit dem Artikel, so wird sehr schnell klar, dass diese mediale Resonanz nur dem behaupteten Ergebnis geschuldet ist, das so ganz in das gegenwärtige Narrativ passt. Handwerklich ist er schlecht gemacht und kann kaum als wissenschaftliche Arbeit bezeichnet werden.

Obwohl nicht anzunehmen ist, dass der -- in keiner Zeitschrift veröffentlichte oder gar geprüfte -- Artikel eine internationale Relevanz hat, ist er in englischer Sprache verfasst. Das soll wohl eher der Anschein einer Seriosität unterstreichen, die der Inhalt nicht liefern kann.

Bereits der erste Satz widerspricht dem Anspruch einer objektiven und neutralen Arbeit, werden doch die Skeptiker der Regierungsmaßnahmen als "deniers" also "Leugner" bezeichnet. Diese zur Diffamierung der Maßnahmen-Skeptiker eingesetzte Beleidigung hat in einer wissenschaftlichen Arbeit nichts zu suchen. Dafür liefert dieser Satz gleich zu Beginn einen deutlichen Hinweis auf die "Gesinnung" der Autoren, die sich wie ein roter Faden durch die Arbeit zieht.

AfD-Wähler und Impfgegner

Um methodisch einen Einfluss der Skeptiker auf die Verbreitung des Virus belegen zu können, stehen die beiden Autoren vor dem Problem, diese überhaupt als Personengruppe identifizieren zu können. Ihr Ansatz ist, sie anhand des politischen Spektrums zu beschreiben und auf diesem Wege auch deren geografische Verteilung festlegen zu können.

Dazu verweisen sie auf die Studie des Basler Soziologen Oliver Nachtwey und seines Teams, die die Proteste gegen die Maßnahmen demografisch analysieren und erste Ergebnisse in einer gut gemachten Grundauswertung am 17.12.2020 vorlegten. Aus dieser Arbeit geht das folgende Wahlverhalten der Skeptiker bei der letzten Bundestagswahl hervor.

  • 23% Die Grünen
  • 21% Sonstige
  • 18% Die Linke
  • 15% AfD
  • 10% CDU/CSU
  • 7% FDP
  • 6% SPD

Diese Verteilung zu nehmen und daraus anhand des Ergebnisses der EU-Wahl von 2019 eine regionale Verteilung der Skeptiker abzuleiten, ist durchaus probat. Allerdings wäre hier zu diskutieren, welche Unterschiede zwischen der EU-Wahl und der Bundestagswahl bestehen und ob noch andere Einflussfaktoren wie eine Ost-West- oder Nord-Süd-Verteilung vorliegen, die das Ergebnis verfälschen.

Stattdessen weisen die Autoren daraufhin, dass sich vor allem die AfD im Widerstand stark gemacht hat und dass zwei Drittel der AfD-Anhänger Corona-Skeptiker seien. Unter Berufung auf die Nachtwey-Studie würden bei der nächsten Wahl der größte Teil der Skeptiker AfD wählen. Die tatsächlichen Antworten bei Nachtwey auf die Frage "Welche Partei würden sie heute wählen?" war:

  • 61% Andere
  • 27% AfD
  • 6% FDP
  • 5% Die Linke
  • 1% Die Grünen
  • 1% CDU/CSU
  • 0% SPD

Die Aussage der Autoren ist in diesem Falle also falsch und vermutlich haben sie diese Studie nicht einmal gelesen, sondern sich vor allem an den Meldungen der Leitmedien und den Aussagen der Politiker zum Thema der Corona-Proteste orientiert. So kommen sie zu der verblüffend einfachen Grundannahme, dass die Maßnahmen-Skeptiker den AfD-Wählen gleichzusetzten sind. Die 73% der Skeptiker, die laut der Nachtwey-Studie nicht die AfD wählen, sind ihnen dabei nicht einmal einer Erwähnung, geschweige denn einer Diskussion wert.

In der gleichen Studie wird erwähnt, dass sich 83% der Protestierenden nicht gegen Corona impfen lassen würden. Obwohl es sich bei dieser Impfung um ein höchst strittiges Thema handelt, nehmen die Autoren es zum Anlass, die Skeptiker den Impfgegnern gleichzusetzten. Diese identifizieren sie anhand derjenigen Kinder, die mit 15 Monaten nicht gegen Masern geimpft sind, und verwenden dies als einen geografischen Indikator. Eine tiefergehende Diskussion dieser gewagten These sucht man vergebens.

Mit diesen falschen oder nicht ausreichend diskutierten Grundannahmen stellen die Autoren in wenigen Worten eine Gleichung vor, mit der sich rekursiv der Einfluss der AfD-Wähler und der mit-15-Monaten-nicht-gegen-Masern-geimpften-Kindern auf die Inzidenz bestimmen lasse. Diese Darlegung ist wiederum so knapp gehalten ist, dass es mir nicht möglich war, diese Methode nachzuvollziehen.

Aus den Ergebnissen dieser fragwürdigen Berechnung ziehen die Autoren die Schlussfolgerung, dass es eine "starke Korrelation" gibt zwischen der regionalen Unterstützung der AfD und den "Infektionen": "A one percentage point increase in the AfD vote share corresponds to an increase of the seven-day-incidence rate of approximately 15 at the end of 2020." [1]

Mit Honk 4 Hope zu den Demos

In einer Art zweitem Teil findet sich ein "empirischer Ansatz", der die Demonstrationen am 7. 11. in Leipzig und am 18.11. in Berlin betraf. Auch hier standen die Autoren vor dem Problem, die Demonstranten geografisch zu verorten und auch hier haben sie eine interessante Methode gefunden: die Honk-for-hope-Busse (H4H). Mit einer merkwürdigen Argumentation kommen die Autoren zu dem Schluss, dass dort wo viele Angebot für H4H bestehen (verglichen mit Flix-Bus), auch eine hohe Nachfrage besteht. In diesen -- meist kleineren -- Ortschaften finde sich also eine besonders hohe Dichte von Skeptikern.

Nach einer ebenfalls sehr kurz gehaltene Darstellung eines rekursiven Ansatzes, präsentieren sie das Ergebnis, das die Infektionsraten überall dort stärker gestiegen sind, wo H4H-Busse starteten.

Dabei scheint den Autoren völlig entgangen zu sein, dass zum einen der Zug -- vor allem in größeren Städten -- ein interessantes Transportmittel ist, und zum anderen auch das Auto ein in Deutschland nicht zu vernachlässigendes Transportmittel ist. Es ist darüberhinaus anzunehmen, dass von den Orten, an denen keine H4H-Haltestellen sind mehr Menschen andere Transportmitteln verwendet haben. Doch die Diskussion solcher Fehlereinflüsse wird von den Autoren genauso vermieden, wie eine Bezugnahme auf die tatsächlichen Fallzahlen, die dieses Ergebnis widerspiegeln müssten. Stattdessen beschreibt der Artikel die Situation so, als habe sich die Entwicklung ohne größere regionale Unterschiede und überall gleich vollzogen. Erst durch die Demonstrationen wäre es zu erheblichen Anstiegen gekommen. Tatsächlich gab es aber zu allen Zeitpunkten große regionale Unterschiede.

Fazit

Die Ergebnisse dieses Diskussionspapiers sind aufgrund der sehr dünnen und teilweise falschen Grundannahmen selbst dann kaum belastbar, wenn die Berechnungen stimmen würden. Aber das ist aufgrund des unseriösen Gesamtbildes dieser Arbeit sehr zu bezweifeln, werden doch fast klischeehaft die Kritiker der Corona-Maßnahmen gleichsetzt mit AfD-Wählern, die Impfungen verweigern und sich vorwiegend mit H4H-Bussen fortbewegen.

Der Aufsatz ist an keinem Punkt selbstkritisch und zeigt weder die Grenzen der Grundannahmen auf, noch legt er die verwendeten Modelle präzise dar. Stattdessen wird die "Haltung" der Autoren präsentiert, eingebettet in eine dazu passende Sprache und garniert mit einem dazu passenden Ergebnis. Die Kritiker der Maßnahmen werden offen abgelehnt, was sich insbesondere auch in den letzten beiden Abschnitten zeigt, die kaum auf die Ergebnisse der Arbeit eingehen: Sie lesen sich sich wie eine persönliche Abrechnung mit einem Feind.


Zu den Autoren der Studie

Martin Lange ist Volkswirt und arbeitet am ZEW. Sein Forschungsbereich ist "Arbeitsmärkte und Personalmanagement" und er hat sich vor allem mit den Auswirkungen von Migration und Flüchtlingen beschäftigt. Zur Finanzierung des ZEW findet sich in der Wikipedia der folgende Passus:
"Die Finanzierung des ZEW erfolgt zum größten Teil aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg sowie seit dem Jahr 2005 aus der Bund-Länder-Finanzierung; diese institutionelle Förderung betrug im Jahr 2019 ca. 61 Prozent. Drittmittel (inklusive „sonstiger Erträge") machten 36 Prozent aus. Die restlichen 3 Prozent sind Rücklagen. Die Drittmittel des Instituts stammen zu 45 % von Bund und ausländischen Ministerien, 18 % von den Bundesländern, ebenfalls 18 % von Stiftungen, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und wissenschaftlichen Einrichtungen, 12 % von Unternehmen und Verbänden und zu 7 % von Europäischen Institutionen." [4]
Sein Mitautor ist von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humbold-Universität. Auch er hat sich laut seiner Literaturliste vorwiegend mit Immigration beschäftigt.

Betrachtet man diese unseriöse Arbeit vor dem Hintergrund der von "Welt am Sonntag" veröffentlichten "engen Kooperation" von Politik und Wissenschaft [7,8], so ist man durchaus geneigt, auch hier eine Art "Auftragswerk" zu sehen. Umgesetzt an einem Institut, das zu einem großen Teil staatlich finanziert ist und enge Kontakte zur Politik pflegt, geschrieben von fachfremden Autoren, die auch bisher an politisch brisanten Themen gearbeitet haben.

Wie bei dem "Haltungsjournalismus" gibt es eine Art "Haltungswissenschaft", die dem Aufzeigen der eigenen Überzeugung den Vorrang vor Objektivität und Wahrheitssuche gibt. Wissenschaftlich unbrauchbar, aber ein willkommenes Futter für politisch abhängige Leitmedien und fragwürdige Faktenchecker.



Quellen und Verweise:
[1] Spreading the Disease: Protest in Times of Pandemics  http://ftp.zew.de/pub/zew-docs/dp/dp21009.pdf
[2] Reitschuster - „Studie" zu Corona-Protesten  https://reitschuster.de/post/studie-zu-corona-protesten-wie-bestellt/
[3] Studie von Nachtwey e.a.  https://osf.io/preprints/socarxiv/zyp3f/
[4] Wikipedie: ZEW  https://de.wikipedia.org/wiki/Zentrum_f%C3%BCr_Europ%C3%A4ische_Wirtschaftsforschung#Finanzierung
[5] Ole Monscheuer  http://olemonscheuer.com/#section-teaching
[6] Martin Lang  https://www.zew.de/team/mze/
[7] Welt: Innenministerium spannt Wissenschaftlcer ein  https://www.welt.de/politik/deutschland/article225864597/Interner-E-Mail-Verkehr-Innenministerium-spannte-Wissenschaftler-ein.html
[8] Welt: Wie das Innenministerium Wissenschaftler einspannte (Bezahlschranke) https://www.welt.de/politik/deutschland/plus225868061/Corona-Politik-Wie-das-Innenministerium-Wissenschaftler-einspannte.html

 

 

 

 

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