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Kultur

28.02.2021 - LINGUISTIK

Vom Spiegel zum Akteur

Der aktuelle Sprachwandel im Lichte des Dudens

von Josef Tutsch

 
 

Ampel in London, nahe Trafalgar
Square, mit Diversitätszeichen
Bild: Hermann Junghans/
Wikipedia

Darf man eigentlich noch „Eskimo“ sagen, wenn man die indigenen Völker im nördlichen Polargebiet meint? Das Wort stammt aus der Sprache von Indianerstämmen in Kanada. Die Etymologie ist unklar. Manche Linguisten behaupten, es bedeute soviel wie „Rohfleischesser“ – also eine abwertende Bezeichnung für angeblich weniger kultivierte Nachbarn. Andere meinen, soviel wie „Menschen, die eine andere Sprache sprechen“ herauszuhören. Eine Entsprechung zu dem, was die alten Griechen meinten, wenn sie andere Völker „Barbaren“ nannten.

Jedenfalls wird die Fremdbezeichnung „Eskimo“ von den damit angesprochenen Stämmen im nördlichen Kanada und in Grönland als unfreundlich empfunden. Wie soll oder wie darf man sagen? Der „Duden“ weiß in seiner aktuellen Onlineausgabe auch keine Lösung zu bieten: „Die Bezeichnung ‚Eskimo‘ wird gelegentlich als diskriminierend empfunden, obwohl die Wortbedeutung ‚Rohfleischesser‘ inzwischen als sprachwissenschaftlich widerlegt gilt. Als Ausweichbezeichnung wurde ‚Inuit‘ vorgeschlagen; diese bezieht sich jedoch nur auf einen Teil der Völkergruppe.“

Bei jenen Gruppen in Europa, die früher als „Zigeuner“ bezeichnet wurden, liegt die Schwierigkeit ähnlich. Der Ausdruck sei „diskriminierend“, erklärt der „Duden“. Begründung: So werde das vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma gesehen. Aber manche dieser Gruppen beteuern, dass sie sich doch lieber weiterhin „Zigeuner“ nennen lassen, statt unter „Sinti und Roma“ subsumiert zu werden.

In der Alltagssprache wäre das Thema weniger gegenwärtig, wenn, ja wann „Zigeunerschnitzel“ und „Zigeunersauce“ nicht Klassiker der österreichischen und deutschen Küche wären. Bisher existiere „keine Ausweichform“, vermerkt der „Duden“ in der aktuellen Onlineausgabe. Eine etwas verwunderliche Information: In Restaurants und Supermärkten ist als Ausweichform etwa „Balkanschnitzel“ oder „Sauce ungarischer Art“ in Gebrauch gekommen.

In der Sache wäre das nicht weiter ein Problem. Aber ein Blick in die Leserbriefspalten der Tageszeitungen zeigt eben auch: Solche Umbenennungen werden von einem ganz erheblichen Teil der Bevölkerung nicht angenommen. Dahinter steht keine Böswilligkeit, ist zu vermuten, sondern schlicht der Zweifel, ob mit solchen Speisebezeichnungen, die ja auch in keiner Weise abwertend gemeint sind, tatsächlich jemand diskriminiert werden kann.

Es kennzeichnet die enorme Spaltung, die sich in den letzten Jahren in der deutschen Gesellschaft eingestellt hat, dass bereits ein solcher Zweifel von manchen als Ausdruck eines dumpfen Rassismus angesehen wird. Was andere wiederum zu aggressivem Angehen gegen die „political correctness“ insgesamt animiert. Oder mindestens zu Spott nach Monty-Python-Art: „Er hat Jehovah gesagt, steinigt ihn!“

Zweifellos ist es ein Verdienst der Political-correctness-Bewegung, dass wir uns mehr als früher bemühen, unseren Sprachgebrauch zu reflektieren. Die Bezeichnung „Neger“ werde „heute meist als abwertend empfunden“, vermerkte der „Duden“ in seiner Auflage von 1990. Das Adverb „meist“ deutete es jedoch an: Von vielen Sprechern wurde „Neger“, wie seit Jahrhunderten angewöhnt, weiterhin als  Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe verwendet, ohne dass sie damit eine Wertung ausdrücken wollten.

Sarotti-Mohr (Imhoff-Stoll-
werck-Museum), Köln
Bild: Stephan
Windmüller/Wikipedia


Aber offenbar ging dieser neutrale Sprachgebrauch im späten 20. Jahrhundert deutlich zurück – wahrscheinlich unter dem Einfluss des amerikanischen „nigger“. Im „Duden“ von 2006 hieß es ebenfalls noch: „Viele Menschen empfinden die Bezeichnungen ‚Neger‘, ‚Negerin‘ heute als diskriminierend.“ Dagegen erklärt die aktuelle Online-Ausgabe den Prozess für abgeschlossen: „Die Bezeichnungen ‚Neger‘, ‚Negerin‘ sind stark diskriminierend.“

Nicht nur der Sprachgebrauch hat sich in diesen Jahrzehnten geändert, ebenso das Selbstverständnis der „Duden“-Redaktion, das machte bereits die Ausgabe von 2006 deutlich: „Vermieden werden sollten auch Zusammensetzungen mit Neger wie Negerkuss. Stattdessen verwendet man besser Schokokuss.“ Derselbe Vermerk zum „Mohrenkuss“ – und natürlich auch zu „Mohrenwäsche“: „heute diskriminierend“.

„Sollten vermieden werden“, „verwendet man besser“: Traditionell hatte  sich der „Duden“ mehr als ein Jahrhundert lang darauf beschränkt, die deutsche Sprache, wie sie von ihren Trägern gesprochen wurde, wiederzugeben, getreu wie ein Spiegel. Regulierungen gab es nur zu Orthographie und Interpunktion. In diesen Bereichen sollten sie allerdings auch verbindlich sein. Wörter wurden allenfalls dann für „veraltet“ erklärt werden, wenn sie unüblich geworden waren. „Heute allgemein durch ‚Frau‘ ersetzt“, heißt es in der Ausgabe von 1996 zum Stichwort „Fräulein“.

Da hat die Aufregung um die wirklich oder vermeintlich „einfacheren“ Schreibweisen, die der „Reformduden“ von 1996 nach sich zog (Beispiel: „Känguruh“ nun ohne „h“ am Ende), eine viel tiefer greifende Änderung verdeckt: Dem Standardwerk wurde sein verbindlicher, halb und halb staatlicher Charakter entzogen. Im Umkehrschluss erhielt er damit aber auch eine neue Freiheit – die Freiheit, sich als sprachpolitischer Akteur zu betätigen.

Freilich: als Akteur unter vielen anderen. Und manchmal mit Passagen, die man eher in einem Parteiprogramm vermuten würde, als in einem Wörterbuch. In der Online-Ausgabe findet sich der Vorschlag, für „in Deutschland lebende Menschen mit dunkler Hautfarbe“ alternativ zu „Neger“ „Afrodeutscher“ zu sagen – obwohl jemand zum „Deutschen“, zumindest rechtlich, ja nicht durch den Wohnsitz wird, sondern durch die Verleihung der Staatsbürgerschaft.

Sprache verändert sich, antworten die Sprachreformer gern, wenn ihre Vorschläge auf Zweifel und Ablehnung stoßen. Und natürlich haben sie Recht, Sprache verändert sich. Was aber nicht bedeutet, dass jeder Vorschlag beifällig aufgenommen würde und sich im Sprachgebrauch durchsetzt. Seit einigen Wochen erregt die „Duden“-Redaktion Furore mit ihrem Projekt, in ihren Worterläuterungen das sogenannte „Generische Maskulinum“ zu beseitigen.

In der Tat, da hat die deutsche Sprache eine Unklarheit, die man im Sinne strenger Logik ärgerlich finden kann: Zwischen „Bäckern“ und „Bäckern“, also zwischen den Arztberuf ausübenden Personen ohne Rücksicht auf das Geschlecht des Individuums einerseits, jenen ausschließlich männlichen Geschlechts andererseits macht die Grammatik keinen Unterschied.

Eine Diskriminierung von Bäckerinnen, weil die bloß „mitgemeint“ seien? 1879 entwickelte der Philosoph Gottlob Frege das Projekt einer „Idealsprache“, die mit der „Herrschaft des Wortes über den menschlichen Geist“ brechen sollte. Die Sprachreform, die sich der „Duden“ mit der Tilgung des „generischen Maskulinums“ vorgenommen hat, zielt ganz ähnlich auf den Versuch, das Deutsche einer „Idealsprache“ anzunähern, mit logischer und sachlicher Eindeutigkeit.

Aber ist es überhaupt denkbar, dass eine „natürliche“, gewachsene Sprache dieser idealen Anforderung entspricht? Oder dass man sie dazu „reformieren“ kann, wenigstens im Punkt Geschlechtergleichheit? Das Thailändische, versichern die Sprachwissenschaftler, kennt bei den meisten Substantiven kein grammatisches „Genus“. Dort bestehe also nicht die Gefahr, dass Sprecher oder Hörer das Genus mit einem durch Natur oder Erziehung vorgegebenen „Sexus“ in Verbindung bringen könnten.

Man kann allerdings fragen, ob die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern deshalb besser verwirklicht ist als in Deutschland mit seiner „geschlechterungerechten“ Sprache. Inwieweit die natürliche Sprache unser Denken und indirekt unser Handeln prägt, ist heftig umstritten. In den 1960er Jahren entwickelte der französische Philosoph Michel Foucault den Gedanken, dass in unseren „Diskursen“, den „sprachlich produzierten Sinnzusammenhängen“, „bestimmte Machtstrukturen“ erzeugt werden. Was Foucault prompt den Vorwurf eintrug, er stelle Karl Marx‘ berühmten Satz aus der „Deutschen Ideologie“, es sei „nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern gerade umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt“, auf den Kopf.

Toiletteneingänge im Zoologi-   
schen Garten, Győr, Ungarn
Bild: Kontrollstellekundl/
Wikipedia 


2006 machte die „Bibel in gerechter Sprache“ auf das Problem der Geschlechtergerechtigkeit aufmerksam. Statt „Jesus sprach zu den Pharisäern“ ist darin zu lesen: „Jesus sprach zu den Pharisäern und Pharisäerinnen“ – weil  ja nicht auszuschließen sei, dass es auch weibliche Pharisäer gegeben haben könnte. Was ganz besonderes Aufsehen hervorrief: Das „Vaterunser“ begann mit „Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel.“ Bei „Gott“ allerdings wurde vermieden, die weibliche Entsprechung „Göttin“ hinzuzusetzen.

Durchgesetzt hat sich von solchen Doppelnennungen im Sprachgebrauch vor allem das „Sehr geehrte Damen und Herren“ am Beginn von Ansprachen. Konsequent durchgeführt, würde diese Regelung jeden Text enorm aufblähen. Statt dessen wird seit den 1980er Jahren mit einer Fülle von orthographischen Zeichen experimentiert, die dem „generischen Maskulinum“ eingefügt werden . Zum Beispiel das große „Binnen-I“, also „BäckerInnen“. Oder der Schrägstrich: „Bäcker/-innen“. Oder der Unterstrich: „Bäcker_innen“. Oder der Doppelpunkt: „Bäcker:innen“. Seit einigen Jahren besonders beliebt: das „Gendersternchen“, also „Bäcker*innen“. Gesprochen mit einer kurzen Pause im Wort, einem „Glottischlag“, wie die Linguisten sagen, einem Kehlkopfverschlusslaut.

Sprachästheten finden all das grauslich. Eingang in den „Duden“ haben Sternchen & Co. vorläufig noch nicht gefunden. Die Redaktion bevorzugt die Doppelnennung. Dabei ist die Diskussion, dass mit der binären Einteilung von „Bäckern“ und „Bäckerinnen“, wie sie das Standardwörterbuch jetzt konsequent durchführen will, weitere Geschlechter sprachlich unsichtbar bleiben, längst aufgekommen. In Stellenanzeigen ist eine Kürzelkombination üblich geworden, die dieses Schema geradezu altbacken aussehen lässt: „m/w/d“ – „d“ für „divers“.

Es ist abzusehen, dass die Diskussion um eine „geschlechtergerechte“ Sprachreform weiter gehen wird. Das Fragepronomen „wer“ ist grammatisch mit „er“ und „sein“ zu verbinden, nicht mit „sie“ und „ihr“. Eine weibliche Entsprechung gibt es im Deutschen nicht, eine diverse erst recht nicht. Werden wir irgendwann in einer zukünftigen „Duden“-Ausgabe zum Stichwort „wer“ lesen: „Fragepronomen, für Personen männlichen Geschlechts“?

Da werden die Redaktionen der Wörterbücher dann viel Kreativität aufbieten müssen, um Parallelwörter zu entwickeln – weibliche, diverse und nicht zuletzt neutrale, weil wir bei der Frage „wer“ noch gar nicht wissen, welche Geschlechter sich dahinter verbergen. Wie auch sonst die Frage nach dem „Sexus“ im Sprachgebrauch oft keine Rolle spielt. Eine Funktion, die im Deutschen bislang, aber zum Unwillen wachsender Teile der Sprachgemeinschaft, das „generische Maskulinum“ ausgefüllt hat: Wenn wir Brötchen kaufen, ist es uns in der Regel egal, welches Geschlecht die Personen haben, die da hinter der Theke stehen oder in der Backstube gearbeitet haben. 


Mehr im Internet:

Sprachwandel - Wikipedia 
scienzz artikel Sprache 

 

 

 

 

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