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Kultur

18.02.2021 - DEUTSCHE LITERATUR

Ich kann dein G'sicht gar nicht sehen

Vor 100 Jahren erregte Arthur Schnitzlers Reigen einen Theaterskandal

von Josef Tutsch

 
 

Arthur Schnitzler, um 1912, Foto-
grafie von Ferdinand Schmutzer
Bild: Wikipedia

Mit dem Urteil des Berliner Kammergerichts, durfte man am Kleinen Schauspielhaus Berlin hoffen, sei alles entschieden. Einem Verbot des preußischen Kultusministerium zum Trotz hatte das Ensemble es gewagt, Arthur Schnitzlers Stück „Reigen“ auf die Bühne zu bringen. Bevor sich am Abend des 23. Dezembers 1920 der Vorhang zur Premiere hob, trat die Direktorin des Hauses, Gertrud Eysoldt, vor das Publikum und erklärte, die Haftstrafe von sechs Wochen, mit der die Verfügung sie bedrohte, könne sie nicht daran hindern, für die Kunstfreiheit einzutreten.

Die Premiere verlief ohne Zwischenfälle. Im Publikum saßen auch die Richter, die über den Einspruch gegen die Verfügung zu entscheiden hatten. Am 3. Januar 1921 hoben sie das Verbot auf. Sie folgten Eysoldts Argumentation, dass Schnitzler kein „unsittlicher Schriftsteller“ sei. In der Urteilsbegründung nannten sie die Aufführung sogar eine „sittliche Tat“. Daraufhin setzte das Kleine Schauspielhaus weitere Aufführungen an.

Was darauf folgte, gehört zu den heftigsten Tumulten, die es in der Geschichte des deutschsprachigen Theaters gegeben hat. Am 22. Februar ereignete sich eine wahre Saalschlacht, Stinkbomben wurden geworfen. Parallel dazu gab es auch in Wien gewaltsamen Protest. Bei der Premiere im Deutschen Volkstheater am 1. Februar war ebenfalls gleich zu Beginn eine Stinkbombe geworfen worden. Eine Vorstellung am 7. Februar musste abgebrochen werden, nachdem Demonstranten unter Rufen wie „Nieder mit dem Reigen!“ und „Man schändet unsere Weiber!“ die Bühne gestürmt hatten.

Für den Autor, den österreichischen Schriftsteller Arthur Schnitzler, wird der Skandal keine große Überraschung gewesen sein. 1897, fast ein Vierteljahrhundert zuvor, hatte er seine „gesunde und freche Komödie“ niedergeschrieben. „Eine Szenenreihe, die vollkommen undruckbar ist“, vermerkte er im Brief an eine Freundin. „Nach ein paar hundert Jahren ausgegraben“, würde sie „einen Teil unserer Kultur eigentümlich beleuchten.“

An eine Aufführung dachte er nicht. Immerhin ließ er einen Privatdruck in 200 Exemplaren für Freunde herstellen. 1903 fand sich der „Wiener Verlag“ sogar bereit, eine Buchausgabe herauszubringen. Sie löste moralische Empörung aus, die sich mit antisemitischen Tönen mischte, das Wort vom „foetor judaicus“, dem „Judengestank“, machte die Runde. In Deutschland wurde das Buch 1904 auf Antrag der Berliner Staatsanwaltschaft verboten. Doch es gab den einen oder anderen Aufführungsversuch. 1903 stellte der „Akademisch-Dramatische Verein“ in München drei der Szenen vor. 1912 fand in Budapest, von Schnitzler nicht autorisiert, eine Vorstellung in ungarischer Sprache statt.

Der „eigentümliche“ Aspekt unserer Kultur, von dem Schnitzler in seinem Brief sprach, war, um es quasi technisch auszudrücken, die „Serialität“ in den erotischen oder sexuellen Beziehungen. Das Titelwort „Reigen“ meinte eine Wanderung durch die sozialen Schichten, die sich als Wechsel der Geschlechtspartner realisiert, von der Dirne über den Soldaten und das Stubenmädchen, den jungen Herrn, die Ehefrau, den Ehemann und das süße Mädel, den Dichter und die Schauspielerin bis zum Grafen. In der letzten Szene, als der Graf mit der Dirne zusammentrifft, schließt sich der Reigen. In der Mitte jeder Szene findet sich eine Zeile mit Gedankenstrichen. Sie deutet den Koitus an.

Als Schnitzler sein Stück schrieb, wird ihm der Name Sigmund Freud noch gar nicht bekannt gewesen sein. Dessen große Abhandlungen wurden erst von 1900 an veröffentlicht. Aber die Analyse des Unbewussten oder Unterbewussten lag im Wien des Fin de siècle sozusagen in der Luft. Er habe den Eindruck gewonnen, schrieb der Forscher 1922 dem Schriftsteller zum 60. Geburtstag, „dass Sie durch Intuition, eigentlich aber in Folge feiner Selbstwahrnehmung, alles das wissen, was ich in mühseliger Weise an anderen Menschen aufgedeckt habe“. „Ja, ich glaube, im Grunde Ihres Wesens sind Sie ein psychologischer Tiefenforscher, so ehrlich, unparteiisch und unerschrocken, wie nur je einer war.“

"Reigen", Erstausgabe von
1903, mit Buchschmuck von
Berthold Löffler
Bild: Wikipedia 


Das Wort „Selbstwahrnehmung“ hatte seinen sehr hintergründigen Sinn. In Wien war Schnitzler als Schürzenjäger bekannt. „Das liebste wäre mir ein Harem“, gestand er sich in seinem Tagebuch ein. In den beiden Szenen „Das süße Mädel und der Dichter“ sowie „Der Dichter und die Schauspielerin“ spiegelte der Autor ein wenig auch sich selbst. Als Vorbild der „Schauspielerin“ haben die Literaturhistoriker Adele Sandrock identifiziert, die in den 1890er Jahren am Deutschen Volkstheater Triumphe gefeiert hatte und zwei Jahre lang eine von Schnitzlers Geliebten war.

Die Kommunikationsprobleme vor und nach dem Koitus, die in dieser „Reigen“-Szene ausgeführt werden, lassen sich durchaus autobiographisch lesen. „Du ahnst ja gar nicht, was du für mich bedeutest…“, sagt der Dichter in seiner poetischen Schwärmerei, die mit ihrem Objekt im Grunde nicht viel zu tun hat, „Du bist eine Welt für sich… Du bist das Göttliche, du bist das Genie… Du bist… Du bist eigentlich die heilige Einfalt.“ Und die Schauspielerin wirft ihm vor: „Was weißt du von meiner Liebe zu dir. Dich lässt das ja alles kalt.“

Kälte: Das ist es, was sich dem Leser oder Zuschauer nach jeder der zehn Szenen vermittelt. Die „innigste Vereinigung von Mann und Frau“ werde hier „in ihrer rohesten und gemeinsten Form dargestellt“, empörte sich eine Sprecherin des „Volksbundes für Anstand und gute Sitte“, Elise Gerken,  im November 1921, als Eysoldt sich in einem Strafprozess wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ verantworten musste. Die Sexualität sei „entkleidet von all den ethischen Momenten, von all den idealen Momenten, die sonst diesen Verkehr zwischen Mann und Frau aus dem Tierischen ins Menschliche erheben.“

„Mit dem ‚Reigen‘ hat Schnitzler das Theater, das ein Haus der Freuden sein sollte, zu einem Freudenhause, zum Schauplatz von Vorgängen und Gesprächen gemacht, wie sie sich schamloser in keiner Dirnenhöhle abwickeln können“, schrieb im Februar 1921 die Wiener „Reichspost“. „Schnaufende Dickwänste mit ihrem weiblichen Anhang, der den Namen der deutschen Frau schändet, sollen sich jetzt dort allabendlich ihre im wüsten Sinnentaumel erschlafften Nerven aufkitzeln lassen.“

In die Kritik mischten sich antisemitische Töne. In einer Versammlung des „Volksbundes der Katholiken Österreichs“ sprach der spätere Bundeskanzler Ignaz Seipel vom „Schmutzstück aus der Feder eines jüdischen Autors“. In der Presse wurde Schnitzler als „jüdischer Schweineliterat“ beschimpft. Er hatte noch Glück, dass er nicht erkannt wurde, als er am 16. Februar in Wien eine Vorstellung besuchte. „Volksstürmler voran drangen einige Hundert in den Zuschauerraum“, berichtete beifällig die Zeitung „Volkssturm“, „wo alles, was möglich war, Glasscheiben, Stühle usw., zertrümmert und auf die anwesenden menschlichen Schweine, Schieber und Dirnen losgedroschen wurde.“ Spätere Aufführungen wurden dann vom Polizeipräsidenten verboten.


Im Rückblick wird deutlich: Im Unbehagen an der Moderne, zumal wenn sie von Wissenschaftlern oder Schriftstellern jüdischer Abstammung vertreten wurde, fanden Teile des konservativen Bürgertums und die aggressiven Gruppen, die sich damals in Österreich wie in Deutschland gegen Republik und Demokratie formierten, eine Gemeinsamkeit. Die Desillusionierung der Sexualmoral, die Schnitzler in seinen Dramen und Erzählungen ganz ähnlich wie Freud mit seiner Psychoanalyse vornahmen, wurde als ungeheuerliche Zumutung empfunden, als Angriff auf die Moral selbst.

Dabei enthüllte der „Reigen“ im Grunde doch viel mehr die Doppelbödigkeit dieser Moral. Der „Reigen“ sei das „Werk eines Moralisten“, resümierte 1960 der Germanist Richard Alewyn, „ein Werk der Entlarvung, der Entzauberung“. Zum Beispiel in der sechsten Szene: Der Ehemann hat auf der Straße ein „süßes Wiener Mädel“ angesprochen. Er fasst eine dauerhafte Liaison ins Auge, fordert jedoch, dass das Mädchen zu einem „moralischen“ Lebenswandel findet – soll sagen: ihm allein für seine außerehelichen Bedürfnisse zur Verfügung steht.

Für Wien hob der Verfassungsgerichtshof das Verbot des Stücks auf. In Berlin endete der Prozess wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ im November 1921 mit einem Freispruch. In der Urteilsbegründung hieß es, die Schauspieler hätten sich „höchster Dezenz befleißigt“. Von „Obszönität“ oder „Anstößigkeit“ könne keine Rede sein. Das Stück verfolge vielmehr „einen sittlichen Gedanken“. „Der Dichter will darauf hinweisen, wie schal und falsch das Liebesleben sich abspielt. Er hat nach Auffassung des Gerichts nicht die Absicht gehabt, Lüsternheit zu erwecken.“

"Die Angeklagten", Lithographie von Emil
Orlik zum Berliner "Reigen"-Prozess, 1921   
Bild: Wikipedia 


Ein Freispruch für die moderne Literatur, auch und gerade indem sie provozierte. Für die Richter stand allerdings nicht die Freiheit der Kunst im Vordergrund. Auch sie stellten an das Theater sittliche Anforderungen, kamen jedoch zu einer anderen Einschätzung von Stück und Autor. Dagegen hatte sich der Kritiker Alfred Kerr in seinem Artikel nach der ersten Aufführung in Berlin zur moralischen Wirkung mit anderthalb Sätzen begnügt: „Die Hörerschaft wurde nicht schlechter davon. Und die Welt ist, zum Donnerwetter, kein Kindergarten.“

Ansonsten legte Kerr den Akzent auf das Ästhetische: „Darf man Stücke verbieten? – Nicht mal, wenn sie schlecht geschrieben sind und schlecht gespielt werden. Hier aber ist ein reizendes Werk – und es wird annehmbar gespielt.“ Auch sonst erhielt Schnitzler für sein Werk viel Zuspruch. Sein Freund Richard Beer-Hoffmann bezeichnete den „Reigen“ mit einem einfallsreichen Kalauer als Schnitzlers „erektiefstes“ Werk, Hugo von Hofmannsthal schrieb ihm: „Schließlich ist es ja ihr bestes Werk, Sie Schmutzfink.“

Dennoch – Schnitzler resignierte. 1922 bat er den S. Fischer Verlag, keine weiten Aufführungen zu genehmigen. Das Verbot lief erst 1982 aus, begründete dann aber auch gleich eine Welle von Aufführungen. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Wahrnehmung des Theaters durch das Publikums, gerade was Sexualität angeht, drastisch geändert – heute sind wir ganz Anderes gewöhnt. Aber vielleicht macht uns das den Blick frei, am „Reigen“ vor allem die Ilusionslosigkeit und Prägnanz zu schätzen, mit der Schnitzler die „Moral“ seiner Epoche, ihre gelebte Sittlichkeit oder auch Unsittlichkeit, sezierte.

Schnitzler habe die Psychoanalyse „dramatisiert“, würdigte der Kulturhistoriker Egon Friedell 1931 den Schriftsteller. Und zwar, wäre hinzuzufügen, bevor Sigmund Freud selbst seine Psychoanalyse ausarbeiten konnte. Gleich die erste Szene des „Reigens“ bietet einen Fall von „Hypersexualität“: Der Soldat will nach dem Koitus mit dem Stubenmädchen eilig zurück ins Tanzlokal – auch um sich in neuen Eroberungen zu versuchen. Elise Gerken nahm diese Passage mit Schaudern zur Kenntnis: Der Mann „wendet sich nach dem Akt in einer zynischen Brutalität von dem Weibe, das ihm eben willig war, ab“ – ein „Zeichen dafür, dass hier von Liebe oder von irgendwelchen seelischen Beziehungen gar nicht die Rede ist“. 

Dabei paraphrasierte Schnitzler an dieser Stelle doch bloß „Goethes Faust“: „So tauml' ich von Begierde zu Genuss, und im Genuss verschmacht' ich nach Begierde.“ Ein Kreislauf, aus dem keine der zehn Figuren des Stücks herausfindet. Und jede bleibt für sich allein und einsam, auch oder gerade in der geschlechtlichen Vereinigung. „Ich kann dein G‘sicht gar nicht sehn“, klagt das Stubenmädchen. Der Soldat antwortet: „A was – G‘sicht!“


Mehr im Internet:

Der Reigen - Wikipedia 
scienzz Artikel Deutsche Literatur der Moderne 

 

 

 

 

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