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05.03.2021 - ETHIK

Wenn jede Alltagsentscheidung zur Gewissensfrage erklaert wird

Berechtigung und Aergernis des Moralismus

von Josef Tutsch

 
 

Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel,
1865 - Bild: Wikipedia

Diese Situation kennt jeder: Wir warten darauf, dass die Ampel auf der gegenüberliegenden Straßenseite endlich „Grün“ zeigt. Weit und breit ist kein Auto zu sehen. Nur gegenüber wartet ebenfalls jemand. Also trauen wir uns endlich und überqueren die Straße. Da werden wir von dem anderen heftig angeraunzt: Ob wir nicht warten könnten … Irgendwie hat er ja Recht, im Sinne der Regelungen, wie sie im Straßenverkehr nun mal gelten. Dennoch empfinden wir seine Intervention als falsch. Aber warum eigentlich?

Ein Verhalten, das umgangssprachlich als „Moralisieren“ oder „Moralismus“ bezeichnet wird. „Moral ist wichtig“, stellen die Philosophen Christian Neuhäuser von der Technischen Universität Dortmund und Christian Seidel vom Karlsruher Institut für Technologie in ihrem neu erschienenen Sammelband zur „Kritik des Moralismus“ fest. Aber was kann an „Moralismus“ dann falsch sein? Kann man es mit der Moral übertreiben, kann man sie zu einen „-ismus“ pervertieren?

Die aktuelle Hochkonjunktur des Moralismus verdanken wir sicherlich den „sozialen Medien“ im Internet: Die moralisierende Aufregung über das Weltgeschehen, die früher auf den Stammtisch beschränkt blieb, lässt sich heute mühelos und in Sekundenschnelle rund um die Welt verbreiten. Dabei können wir uns hinter einem Pseudonym verstecken, es gibt auch kein direktes Gegenüber.

Am ehesten leuchtet der Gedanke, dass „Moralismus“ ein Vorwurf sein könnte, wohl dann ein, wenn der Moralisierer „Wasser“ predigt und „Wein“ trinkt, wie man so schön sagt. Heuchelei also, auch als „Pharisäertum“ bekannt. Damit können wir alle Vorwürfe gegen unser eigenes Handeln abweisen – auf die Gefahr hin, dass wir es uns doch ein bisschen leicht machen: Wenn der andere ein Heuchler ist, besagt das ja nicht, dass er in der Sache Unrecht haben müsste.

Eigentlich, meint Michaela Rehm von der Universität Bielefeld, zielt die Figur des „Pharisäers“ im Neuen Testament aber auf etwas anderes hin: Ein Pharisäer ist nicht unbedingt ein Heuchler, es kann sein, dass er alle moralischen Gebote sehr penibel befolgt. Doch über dem Wortlaut entgeht ihm der Sinn der Gebote. Er ist als moralischer Akteur „im Wortsinn borniert“, schreibt Rehm und nennt ein banales Beispiel: Ein rigoroser Moralisierer könnte „in einem Mietshaus darauf beharren, dass die Kehrwoche am Freitag erledigt wird, obwohl am Samstag darauf ein Umzug ansteht und es vernünftig wäre, das Treppenhaus erst danach zu reinigen“.

Es fehlt also die Fähigkeit, die Kenntnis vom „richtigen“ Verhalten sinnvoll auf die konkrete Situation anzuwenden. Ärgerlich finden wir einen solchen „Moralismus“ aber vor allem dann, wenn wir insgeheim zweifeln, ob der Moralisierer vielleicht doch ein bisschen Recht hat. Ein gemütlicher Abend im Freundeskreis lässt sich leicht verderben, indem jemand anklagend vermerkt, angesichts der Armut in der Welt sei der Genuss von gutem Wein doch ein moralisch unvertretbarer Luxus.

Heinz Erhardt als Verkehrspolizist,
Denkmal in Göttingen
Bild: Axel Hindemith/Wikipedia


Doch wenn man „jede Alltagsentscheidung zu einer moralischen Gewissensfrage“ macht, bringen Neuhäuser und Seidel das Problem auf den Punkt, dann „wird man vor lauter Skrupeln schnell handlungsunfähig und beraubt sich aller Lebensfreude.“ Eine gängige Antwort an den Moralisierer lautet dann, Wirtschaft oder Politik sei das eine, Moral das andere. „Moralismus“, so formuliert es Oliver Hallich von der Universität Duisburg-Essen, gilt als „Übergreifen des Moralischen in Bereiche, in denen es nichts zu suchen hat“.

Keine sehr einleuchtende Argumentation: Wenn moralische Imperative gelten, dann müssen sie immer und überall gelten. Eine ganz andere Frage ist, ob bei manchen Problemen vielleicht mehrere moralische Anforderungen einander gegenüberstehen und ausgeglichen werden müssen. Ein berühmtes Beispiel brachte 1797 Immanuel Kant: Ein Freund hat sich vor einem Mörder, der ihn verfolgt, in unser Haus geflüchtet. Wenn der Mörder uns nach dem Aufenthaltsort des Freundes fragt – dürfen wir ihn belügen?

Kant selbst antwortete auf diese Frage mit „Nein“ und versteifte sich mit merkwürdiger Hartnäckigkeit auf eine „rigoristische“ Position. Solcher moralische Rigorismus, argumentieren Corinna Mieth von der Ruhr-Universität Bochum und Jacob Rosenthal von der Universität Konstanz, könne sich jedoch leicht zum „Fanatismus“ steigern: „Der moralische Fanatiker will nicht hinnehmen, dass es das Böse, oder harmloser: moralische Verfehlungen, gibt und immer geben wird.“

Und er neigt zu der Forderung, der Mensch müsse all seine Lebensfreude der Moral opfern. Von „Fanatismus“ lässt sich deshalb sprechen, weil das moralisch Gute offenbar „nicht das ganze Gute“ ist. Menschen haben nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte, auch das Recht zum Genuss – unabhängig davon, ob dieser Genuss anderen vielleicht als unvernünftig erscheint.

Es liegt im Selbstverständnis der liberalen und demokratischen Gesellschaften des Westens, dass die Bürger mögliche Konflikte zwischen verschiedenen Gütern und Werten, die da auftreten, mit sich selbst austragen müssen. Die Volksrepublik China entwickelt bekanntlich ein Gegenmodell, vermerken Mieth und Rosenthal: Alle sollen durch ein „Sozialkredit-System“ zu einem moralisch einwandfreien Leben – moralisch im Sinne der Staats- und Parteiführung –  gezwungen werden. 

Hierzulande ist es eher eine informelle Macht, die öffentliche Meinung, die in manchen Fragen ein hohes Maß an „sozialer Kohäsion“ herbeiführt. Und ein wichtiges Instrument der öffentlichen Meinung ist eben der „Moralismus“, konstatiert Oliver Hallich von der Universität Duisburg-Essen. Der kann im Einzelfall durchaus zwingende Wirkung entfalten. Wenn in einer Abendgesellschaft oder in einer Talkshow das Gespräch auf Terroranschläge kommt, dann ist es eine Selbstverständlichkeit, dass jeder seinen Abscheu vor den Taten und sein Mitgefühl mit Opfern und Hinterbliebenen bekundet.

Die Gesprächsteilnehmer, so Hallich, bekräftigen ihre „Zugehörigkeit zu einer moralischen Gemeinschaft“. „Wer dies unterließe, müsste mit erheblichen Sympathieeinbußen rechnen“, würde als Politiker seine Karriere aufs Spiel setzen. Damit liegt aber auch die Gefahr nahe, dass in dieser Gemeinschaft der Empörung alle weiteren Aspekte, die mitzubedenken wären, untergehen. Moralismus kann „in einer Art unangemessener Komplexitätsreduktion bestehen“, schreiben Neuhäuser und Seidel. „Jemand vereinfacht eine komplexe Situation auf grobe Weise mit einem pauschalen Moralurteil.“

So kann es nicht nur in der großen Politik ablaufen, sondern ebenso im Alltag. Monika Betzler von der Ludwig-Maximilians-Universität München bringt ein Beispiel: Ein dreijähriges Kind macht beim Einkauf großes Getöse, weil es plötzlich Hunger hat. Die Mutter kauft ihm rasch eine Banane. Darauf empört sich ein Passant: Diese Banane sei doch offenkundig nicht fair gehandelt, ob ihr überhaupt bewusst sei, wie ausbeuterisch Bananenplantagen betrieben würden … Was für ihn zählt, ist sein Wissen vom internationalen Bananenhandel, die konkrete Situation der Mutter interessiert ihn nicht.

"Fairtrade Bananaday", 2008                    
Bild: TransFair e.V./Wikipedia 


In anderthalb Dutzend Artikeln bietet der Band eine lockere Folge von Reflexionen über „Moral“ und „Moralismus“. Mehr Fragen als Antworten. Der Karlsruher Philosoph Michael Schefczyk erinnert daran, dass das militärische Eingreifen der NATO 1999 im Kosovo-Konflikt moralisch gerechtfertigt wurde. Außenminister Joschka Fischer und Verteidigungsminister Rudolf Scharping wurde „Moralismus“ vorgeworfen, weil sie in „moralischer Selbstgewissheit“ verkannt hätten, dass gewichtige Gründe gegen den Einsatz sprachen – sowohl rechtliche, weil ein Mandat der UNO fehlte, als auch sachliche, weil umstritten war, ob im Kosovo tatsächlich ein Völkermord drohte.

Aber natürlich ließe sich der Vorwurf auch umkehren: Die strikte Einhaltung der völkerrechtlichen Formalitäten über die Verhinderung eines Völkermords zu stellen, sei nicht moralisch, sondern „moralistisch“. Dass die Beachtung von Regularien nicht alles sein kann, macht Rehm an einem Beispiel von Mark Twain deutlich. Die Gesellschaft, in der Huckleberry Finn lebt, erklärt es für rechtens, dass Schwarze als Sklaven gehalten werden. Huck weiß sehr wohl, dass er fremdes Eigentum verletzt, wenn er dem Sklaven Jim zur Flucht verhilft. Er tut es trotzdem – aus moralischen Gründen, die für ihn, halb und halb unbewusst, mehr zählen.

Moral oder Moralismus, je nach Perspektive, daran erinnert Fabian Wendt von der University of North Carolina, spielte auch eine Rolle, als Deutschland 2015 eine Million Flüchtlinge oder Migranten aus dem Nahen Osten aufnahm. Da ist Wendt eine merkwürdige Asymmetrie aufgefallen: „Moralismus“ wurde ausschließlich den Befürwortern der „Grenzöffnung“ vorgehalten, den Skeptikern eher Zynismus oder Populismus oder auch Rassismus („manchmal zu Recht“), aber eben nicht Moralismus.

Wendt warnt jedoch davor, daraus eine Begriffsbestimmung zu „rechts“ und „links“ ableiten zu wollen: In anderen Debatten, etwa zur Familienpolitik, könnten konservative Auffassungen durchaus „moralistisch“ genannt werden. Oder sind bestimmte kulturelle, soziale, politische Milieus für Moralismus vielleicht doch anfälliger als andere? 1987 veröffentlichte Hermann Lübbe ein Buch zum „Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“. Ein Fazit seiner Erfahrungen mit der 68er Bewegung: Der Philosoph, berichtet Eva Buddeberg von der Goethe-Universität Frankfurt, analysierte den politischen Moralismus als Mittel, die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt moralisch abzuwerten – und damit sich selbst das Recht auf Verletzung von Regeln und Normen zuzuschreiben, „im Namen einer angeblich höheren Rechts“.

Ein Jahrhundert zuvor, schreibt Tim Henning von der Universität Stuttgart, hatte Friedrich Nietzsche darüber reflektiert, ob nicht den moralischen Imperativen im Sinne Immanuel Kants grundsätzlich der Impuls innewohne, „Herrschaft auszuüben, und zwar über andere nicht minder als über sich selbst“. Meine Mitmenschen sollen ihr Leben, bitte schön, nach denselben Grundsätzen ausrichten, unter die ich selbst mich gestellt habe: „Was an mir achtbar ist, das ist, dass ich gehorchen kann – und bei euch soll es nicht anders stehen als bei mir!“

Henning kommt jedoch zu dem Schluss, dass auch bei Kant, diesem Moralphilosophen par excellence, so etwas wie eine „Kritik des Moralismus“ angelegt ist, damit auch eine Erklärung, warum Moralismus für die Kritisierten so ärgerlich werden kann. Während Staat und Polizei mit der Androhung von Zwang bloß unser äußeres Verhalten regulieren, zielt das Moralisieren unserer Mitmenschen auf unsere inneren Beweggründe, auf unsere Autonomie als moralisches Subjekt. Die Moralisierer sind nicht zufrieden, wenn die Angesprochenen ihrer Forderung äußerlich zwar nachkommen, zugleich jedoch durchblicken lassen, dass sie vom Recht dieser Forderung innerlich keineswegs überzeugt sind. Erwachsene Menschen reagieren aber nun einmal allergisch, wenn bei ihnen das Gefühl aufkommt, sie sollten erzogen oder umerzogen werden.


Neu auf dem Büchermarkt:
Kritik des Moralismus, herausgegeben von Christian Neuhäuser und Christian Seidel, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2328, 490 S., ISBN 978-3-518-29928-9, 28,00 € [D], 28,80 € [A] 


Mehr im Internet:
Kritik des Moralismus, hg. von Christian Neuhäuser und Christian Seidel, Suhrkamp Verlag 
Moralismus - Wikipedia 
scienzz artikel Ethik und Politik 

 

 

 

 

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