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Kultur

22.03.2021 - GESCHICHTE

Die Geburt eines neuen Staates

Vor 200 Jahren brach der griechische Aufstand los

von Josef Tutsch

 
 

Eugène Delacroix: Das Massaker
von Chios, April 1822 (Gemälde
von 1824, Ausschnitt, Louvre,
Paris) - Bild: Wikipedia

Es ist die wahrscheinlich berühmteste aller Besuchernotizen aus der Zeit vor dem Internet: An einer Säule des Poseidontempels von Kap Sounion an der Südspitze Attikas findet sich die Einritzung „Byron“. Anscheinend konnte der englische Schriftsteller George Gordon Byron, der 1809 als einer der ersten Touristen aus Westeuropa Griechenland bereiste, der Versuchung nicht widerstehen, seinen Namen in dem weichen Stein zu verewigen.

1823 kehrte Byron nach Griechenland zurück, diesmal, wie er es verstand, als Freiheitskämpfer. Ein Wort, bei dem wir in unserem postheroischen Zeitalter stocken, wir wollen es allenfalls mit Anführungszeichen gelten lassen. Aber das frühe 19. Jahrhundert sah das noch anders. Die Französische Revolution hatte bei vielen Intellektuellen in Europa den Enthusiasmus geweckt, für eine gute Sache notfalls auch mit militärischer Gewalt streiten zu wollen.

Und der Aufstand der Griechen gegen die osmanische Herrschaft, der am 25. März 1821, vor 200 Jahren, losbrach, hatte alle Anzeichen einer solchen guten Sache. 1718 hatte die Republik Venedig ihre letzten Besitzungen auf der Peloponnes aufgeben müssen, die gesamte Balkanhalbinsel stand nun unter osmanischer Herrschaft. Die Christen genossen zwar freie Religionsausübung, aber unter einer drückenden Sondersteuer, die auf lange Sicht eine Konversion zum Islam begünstigte.

Im Stadtteil Phanari von Konstantinopel hatte sich allerdings eine privilegierte Schicht von Griechen herausgebildet. Die „Phanarioten“ besetzten die Schlüsselstellungen in der orthodoxen Kirche und nahmen im Auftrag der Hohen Pforte die Verwaltungsaufgaben vor Ort wahr – nicht nur in den Regionen, die wir heute Griechenland nennen, sondern ebenso in den serbisch, bulgarisch, albanisch und rumänisch besiedelten Gebieten. Vor allem hatten sie die Steuern einzutreiben, natürlich auch zu ihrem eigenen Vorteil.

Über ihre Handelstätigkeit hatte diese Elite jedoch weitreichende Verbindungen, die sie mit den Ideen der europäischen Aufklärung und Revolution bekannt machten. 1814 gründeten griechische Kaufleute im russischen Odessa eine „Freundesgesellschaft“, die mit Hilfe des Zarenreiches Griechenland von den Osmanen befreien wollte. Gleichzeitig mit Aufständen in Konstantinopel und auf der Peloponnes sollte Russland einen neuen Krieg eröffnen.

Doch die Regierung in Sankt Petersburg schwankte unschlüssig. Einerseits war da der machtpolitische Gegensatz zum Osmanischen Reich. Bereits ein halbes Jahrhundert zuvor hatte Katharina die Große Aufstandsversuche in Griechenland unterstützt. Auch Zar Alexander liebäugelte mit dem Gedanken, die gesamte orthodoxe Christenheit unter seine Herrschaft zu bringen.  Andererseits – die Unterstützung von Aufständischen passte nicht in sein „legitimistisches“ Weltbild.

Doch in Serbien schwelte seit 1804 ein Aufstand gegen die türkische Herrschaft, das wird die Griechen ermutigt haben. Im März 1821 rückte Alexander Ypsilanti, griechischer General in russischen Diensten, mit einer kleinen Armee von Freiwilligen über den Dnjestr auf türkisches Gebiet vor, in das heutige Rumänien. Die Region war Ypsilanti, der aus einer phanariotischen Familie stammte, vertraut: Zwei seiner Vorfahren hatten als osmanische Statthalter in der Walachei und der Moldau gedient.

Tatsächlich gelang es, die rumänischen Bauern zum Aufstand zu bewegen – allerdings nicht gegen die Türken, die als Besatzer ja auch wenig in Erscheinung traten, sondern vielmehr gegen die verhassten griechischen Steuereintreiber. Bei zwei Schlachten im Juni wurden die Freiwilligen, die in der Bevölkerung keinen Rückhalt gefunden hatten, von osmanischen Truppen aufgerieben. Ypsilanti konnte nach Österreich fliehen, wo er sechs Jahre lang in Festungshaft gehalten wurde. Für nationale Unabhängigkeitsbestrebungen hatte Staatskanzler Fürst Clemens von Metternich keinen Sinn.

Theodoros Vrzykis: Metropolit Ger-
manos von Patras segnet am 25. 
März 1821 die Fahne des Auf-
stands (Gemälde von 1865, Natio-
nalgalerie, Athen - Bild: Wikipedia 


Die Unabhängigkeitskämpfer um Ypsilanti hatten verkannt, dass sich die übrigen unterworfenen Völker auf dem Balkan und an der unteren Donau zwar als orthodoxe Christen, aber nicht als „Griechen“ sahen. Auch in Konstantinopel, das als Hauptstadt des unabhängigen Staates nach Abschüttlung der osmanischen Herrschaft vorgesehen war, scheiterte der Aufstand. Der griechisch-orthodoxe Patriarch büßte es am Galgen, dass er die Erhebung unterstützt hatte.

Dagegen hatte der Aufstand, den die Aktivisten der Freundesgesellschaft gleichzeitig im griechischen Mutterland entfachten, vollen Erfolg. Am 25. März 1821, dem heutigen griechischen Nationalfeiertag, wurden an mehreren Orten auf der Peloponnes die türkischen Garnisonen erstürmt. In wenigen Tagen breitete sich der Aufstand auf viele Inseln der Ägäis und auf Zentralgriechenland aus, bereits am 7. April war auch Athen in der Hand der Rebellen.

Der Unabhängigkeitskrieg wurde von beiden Seiten mit der allergrößten Brutalität geführt – ein Krieg nicht nur der Nationen, sondern auch der Religionen. Im April 1822 fielen auf der Insel Chios etwa 25.000 Griechen einem Massaker zum Opfer, 45.000 weitere wurden in die Sklaverei verkauft. Das Geschehen löste in Westeuropa ungeheure Empörung aus. Für den Pariser „Salon“ malte Eugène Delacroix sein Bild „Das Massaker auf Chios“, es wurde sozusagen zum „Guernica“ des 19. Jahrhunderts. Zu Hunderten strömten junge Leute auf den Balkan, um die Griechen bei ihrem Freiheitskampf zu unterstützen, in ihrer Mehrzahl Angehörige der Aristokratie und des gebildeten Bürgertums, der berühmteste unter ihnen Lord Byron.  Überall in Europa gründeten sich „philhellenische“ Gesellschaften, um für die griechische Sache wenigstens Geld zu sammeln.

Für die europäischen Intellektuellen dieser Zeit waren die Griechen eben kein Volk unter vielen anderen am Rande Europas, sondern die Erben eines Homer, eines Phidias, eines Platon. Und mit der athenischen Demokratie in der Zeit des Perikles auch die ersten Vertreter einer „anderen“ Art von Politik – anders als es das „ancien régime“ vorlebte, das nach dem Sturz Napoleons partiell restauriert worden war. „Bei dem Namen Griechenland“, brachte für seine Studenten Georg Wilhelm Friedrich Hegel das humanistische Geschichtsbild auf den Punkt, „ist es dem gebildeten Menschen in Europa, insbesondere uns Deutschen, heimatlich zumute.“

Dabei hielt Hegel selbst sich vom politischen Philhellenismus fern. Für ihn war diese „Heimat“ Vergangenheit, eine Frage der Bildung, nicht der aktuellen Politik. Noch um einiges drastischer desillusionierte 1830 der Münchner Historiker Jakob Philipp Fallmerayer den Philhellenismus: Die antiken Griechen seien im Laufe des Mittelalters ausgestorben und durch slawische oder albanische Einwanderer ersetzt worden. Aber für viele der jungen Leute in den Ländern Westeuropas wiederholten sich im griechischen Aufstand der 1820er Jahre die Perserkriege des 5. Jahrhunderts vor Christus. Im erhofften neugriechischen Staat sahen sie eine Wiederkehr des „klassischen“ Athen.

Die Aufständischen selbst hatten dagegen gar nicht so sehr das „Athen“ der vorchristlichen Zeit im Sinn, sondern, historisch viel näher liegend, „Konstantinopel“. Sie träumten von einer Wiederherstellung des christlichen Reiches der „Rhomäer“, das 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen untergegangen war. Nur in der orthodoxen Kirche lebte es fort – der die an der antiken, heidnischen Literatur geschulten Humanisten aus dem Westen wiederum fremd gegenüberstanden.

Es war nicht die einzige Diskrepanz zwischen Traum und Realität, mit der die europäischen Intellektuellen vor Ort fertig werden mussten. Byron klagte entsetzt über die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe zwischen den Rebellen, über die Korruption, die sein durchaus reichhaltiges Vermögen schneller dahinschmelzen ließ, als er sich das vorgestellt hatte, über die Bedenkenlosigkeit, mit der die Aufständischen die muslimische Bevölkerung vertrieben oder ermordeten. Die Brutalität machte auch vor Kindern keinen Halt. Byron selbst adoptierte ein neunjähriges türkisches Mädchen, dessen Eltern getötet worden waren.

Beinahe wäre es mit der griechischen Unabhängigkeit wenige Jahre nach Ausbruch der Revolution bereits wieder zu Ende gewesen. 1824 betraute der Sultan den Gouverneur von Ägypten, Muhammad Ali Pascha, mit der Kriegsführung. Seine Armee war den schlecht ausgebildeten griechischen Streitkräften überlegen, er konnte einen Großteil Griechenlands zurückerobern. Da entschlossen sich Großbritannien und Frankreich gemeinsam mit Russland zum Eingreifen. Im Juli 1827 verlangten sie von beiden Seiten einen Waffenstillstand. Nachdem die osmanische Regierung dies abgelehnt hatte, versenkte die Koalition vor Navarino an der Südwestküste der Peloponnes die türkische und ägyptische Kriegsflotte.

Joseph-Denis Odevaere: Byron auf dem To-  
tenbett, 1824  (Gemälde von 1826, Groe-
ningemuseum, Brügge) - Bild: Wikipedia 


Die Regierungen in London und Paris hatten sich zur Intervention gedrängt gesehen – durch eine Macht, von der zuvor niemand geahnt hatte, dass sie mit derartiger Verve in die internationale Politik eingreifen könnte: die öffentliche Meinung in ihren Ländern. Doch an einer Schwächung des Osmanischen Reiches waren sie nicht interessiert. 1829 vereinbarten die Großmächte, Griechenland solle nicht die volle Unabhängigkeit erhalten, sondern lediglich „autonom“ werden, unter Oberhoheit des Sultans.

Das Konzept scheiterte an der Hartnäckigkeit der Aufständischen. Und dann an den militärischen Erfolgen Russlands, das 1828 die Türkei auch zu Lande angegriffen hatte. 1830 gab es eine neue Übereinkunft zwischen den Großmächten: Etwa ein Drittel des damaligen griechischen Siedlungsgebiets wurde international als unabhängig anerkannt.

Damit machte Griechenland den Anfang einer langen Reihe von Völkern zwischen Ostsee und Mittelmeer, die sich im 19. und 20. Jahrhundert aus den großen Reichen Osteuropas herauslösten und zu eigenständigen Mitgliedern des europäischen Staatensystems wurden. Und man kann durchaus fragen, ob die griechische Unabhängigkeit ohne den Philhellenismus überhaupt möglich gewesen wäre. Der Umfang des neuen Staates allerdings blieb für mehr als ein Jahrhundert eine offene Wunde. In den 1920er Jahren wurden Hunderttausende Griechen aus der heutigen Türkei vertrieben, erst 1947 konnten die Ionischen Inseln hinzugewonnen werden.

Als König des neuen Staates bestellten die Großmächte den Wittelsbacherprinzen Otto. Dessen Vater, König Ludwig I. von Bayern, hatte sich als einziger europäischer Monarch auch ganz persönlich für den Philhellenismus begeistert. 1830 ließ er sich von der antiken Architektur zum Bau der „Walhalla“, des Ruhmestempels hoch über der Donau, unweit von Regensburg, inspirieren. Im Namen des Freistaates lebt Ludwigs Engagement bis heute fort: Am 20. Oktober 1821 verfügte der König, statt „Baiern“ in Zukunft „Bayern“ zu schreiben. 


Mehr im Internet:

Griechischer Aufstand - Wikipedia 
scienzz artikel Südeuropa 

 

 

 

 

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