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Wissenschaft

11.03.2021 - RELIGION

Mutter Erde und ein goldener Glanz ueber dem Leben

Gruene Religiositaet seit der Aufklaerung

von Josef Tutsch

 
 

Denkmal für Henry David Tho-
reau bei Walden Pont - Bild:
Rhythmic Quietude/Wikipedia

„Offen gesagt, sehen nur wenige Menschen die Natur“, schrieb 1836 der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson. „Die meisten Menschen sehen die Sonne nicht. Zumindest haben sie eine sehr oberflächliche Art zu sehen.“ „Beim Naturliebhaber sind die inneren und äußeren Sinne noch wirklich aufeinander abgestimmt; er hat sich den Geist der Kindheit selbst noch im Mannesalter bewahrt.“ Den Geist der Kindheit, wo die Sonne noch „ins Auge und ins Herz scheint“.

Offenkundig dachte Emerson an eine andere „Natur“ als die der Naturwissenschaften. Heute findet man auf dem Büchermarkt wie im Internet eine Fülle von Versuchen, durch deren „oberflächliche“ Sichtweise zu einer – wirklich oder bloß vermeintlich – „wahreren“ und „tieferen“ Anschauung der Natur vorzudringen. Der amerikanische Religionswissenschaftler und Naturschützer Bron Taylor spricht in seinem Buch, das 2009 in den USA herauskam und erst jetzt in deutscher Übersetzung erschien, von „Naturspiritualität“.

Oder von „dunkelgrüner Religion“. Da wäre über jeden Teilbegriff in diesem komplexen Terminus zu streiten. Die Farbe „grün“ meint nicht eigentlich etwas Politisches, vielmehr eine zunächst einmal vorpolitische Denkströmung, die jedoch offenkundig den Hintergrund für die Konjunktur „grüner“ Parteien und Bewegungen in den letzten Jahrzehnten abgibt. Taylor: Die Natur wird als Wert an sich gedacht, ohne dass menschliche Wünsche und Bedürfnisse da ausschlaggebend wären, mithin als „unseres verehrenden Schutzes würdig“.

„Dunkel“, heißt es im Vorwort, sei erstens als Verstärkung des Farbwortes gemeint, um anzudeuten, wie tief dieses „Ernstnehmen der Natur“ geht. Und zweitens um zum Ausdruck zu bringen, „dass diese Religion auch ihre Schattenseite haben könnte“, bis hin zur „Gewaltbereitschaft“. Das amerikanische „dark green“ wäre in solchen Zusammenhängen vielleicht sogar treffender mit „düstergrün“ zu übersetzen.

Schließlich „Religion“. Der Terminus „Religiosität“ wäre vermutlich treffender – es fehlt jeder institutionelle Rahmen, es gibt auch keine festen Kriterien, wer dazu gehört und wer nicht. Dahinter stehen Überlegungen, wie sie der Soziologe Thomas Luckmann 1967 im Begriff der „unsichtbaren Religion“ verdichtete: In der Moderne ist die Bedeutung der etablierten Kirchen zugunsten organisatorisch schwer fassbarer Formen von Spiritualität zurückgetreten.

Und der vielleicht wichtigste Inhalt in dieser modernen „Quasi-Religion“ ist eben die Verehrung der Natur. Als Beispiel für Europa nennt Taylor den deutschen Zoologen Ernst Haeckel, der im späten 19. Jahrhundert Darwins Evolutionslehre zu einer Art Pantheismus ausbaute. In den USA gilt Henry David Thoreau als Klassiker, beinahe als Kirchenvater dieser Religiosität. Thoreau widersprach dem gängigen Glauben, der Mensch sei von Gott zum Herrscher über die Natur eingesetzt, protestierte gegen die „Kommerzialisierung“ und predigte ein „harmonisches Leben im Einklang mit der Natur“.

„Thoreau sehnte sich nach dem direkten, körperlichen und persönlichen Kontakt mit der wilden Natur“, referiert Taylor, „er wollte ihr angehören und seine Eingebundenheit in sie verstehen.“ Als ihm 1860 Charles Darwins soeben veröffentlichtes Buch vom „Ursprung der Arten“ in die Hand fiel, nahm er die Evolutionslehre als Bestätigung seiner intuitiven Einsichten. Eine recht eigenwillige Rezeption. Wenn Thoreau nicht bereits 1862 gestorben wäre, hätte er sich wohl der Frage stellen müssen, was an Darwins „struggle for existence“ eigentlich so harmonisch sein sollte.

"Mother Earth" im Jacques-Cartier-Park,
Gatinaeu, Quebec - Bild: Dennis Jarvis/
Flickr/Wikipedia


Aber wie Taylor an Beispielen belegt, kommt es tatsächlich vor, dass die Zugehörigkeit zum „Kreislauf des Lebens“ als harmonisch erlebt werden kann – auch wenn man selbst in der Nahrungskette gerade die Rolle des Objekts einzunehmen droht. 1985 war die australische Philosophin Val Plumwood, die sich selbst als „Ökofeministin“ bezeichnete, mit dem Kanu in den Kakadu-Feuchtgebieten an der australischen Nordküste unterwegs. Ein Salzwasserkrokodil näherte sich ihr und griff an.

Wie Plumwood später berichtete, wurde sie in diesem Augenblick von zwei gegensätzlichen Impulsen erfasst. Einerseits wehrte sie sich und schaffte es irgendwie, sich zu retten. Andererseits bewunderte sie die Schönheit des Krokodils und fühlte beim Blick in dessen „gefleckte goldene Augen“ eine tiefe Verbundenheit. Trotz der schweren Verletzungen blieb von diesem Erlebnis ein „Gefühl tiefer Dankbarkeit“ zurück. Ein „goldener Glanz“ liege nun über ihrem Leben, verkündete Plumwood nach ihrer Genesung der Welt.

Ist es sinnvoll, solche Gefühle „religiös“ zu nennen? Zum Beispiel bei dem schottischen Philosophen John Muir, der im späten 19. Jahrhundert die amerikanische Naturschutzbewegung mitbegründete, häufen sich Termini wie „göttlich“ oder „heilig“ oder „erhaben“, wenn es um die angestrebte Harmonie mit der Natur geht. Aber natürlich gibt es dazu auch kritische Stimmen.Taylor zitiert den britischen Zoologen Richard Dawkins, der 2006 in seinem Buch „Der Gotteswahn“ solche Redewendungen für pure Phrasen erklärte.

Wenn man unterstellt, dass Plumwood in ihrer Erinnerung sich nichts vormacht hat, deuten ihre subjektiven Empfindungen jedoch tatsächlich in Richtung Religion. Als deren vielleicht wichtigste Aufgabe gilt seit jeher, den Menschen mit dem unvermeidlich bevorstehenden Tod zu versöhnen. Um 1960 proklamierte der amerikanische Schriftsteller Gary Snyder, einer der Gründerväter der „Beat Generation“, den Gedanken der „Verwobenheit“ von allem mit allem zur Leitidee der Zukunft, mit deutlicher Abgrenzung gegen das Spezialistentum der modernen Wissenschaft: „Jeder gesunde Menschenverstand nimmt Verwobenheit wahr..“

Und damit gegen die gesamte abendländische Geistesgeschichte, wie Snyder sie sah: „Nicht normal ist der Geist-Körper-Dualismus, der mit dem Monotheismus eingeführt wurde.“ Aus dieser Gegenposition erscheinen das Christentum und die moderne Wissenschaft gleichermaßen als Abschnitte eines „unnatürlichen“ Irrwegs, den die westliche Welt seit vielen Jahrhunderten eingeschlagen hätte. Mit viel Pathos proklamierte Snyder eine Umkehr.

Mit ähnlicher Intention erweckte 1979 der britische Wissenschaftler James Lovelock die griechische Göttin Gaia zu neuem Leben: „Die Erde mitsamt der sie umhüllenden Atmosphäre ist ein Lebewesen.“ Lovelock betonte gern, als Wissenschaftler sei er eigentlich Agnostiker, die Göttin sei bloß eine Metapher. Andererseits erhob er keine Einwände dagegen, dass „manche aus Gaia oder aus dem Leben selbst eine Religion machen wollten“. „Wir sind Teil der Gaia-Familie“, heißt es bei Lovelock einmal. „Menschliches Wohlergehen“ sei „nicht das einzige, was zählt.“ 

Taylor wirft die Frage auf, ob in dieser emphatischen Betonung der Zugehörigkeit nicht auch eine Gefahr liegen könnte: nämlich dass menschliches Wohlergehen oder gar individuelle Rechte am Ende gar nichts mehr zählen. Teile der Bewegung gegen die „Anthropozentrik“ haben sich sogar zur Gewalt bekannt. „Wir müssen nichts Geringeres anstreben als die Zerschlagung und Auflösung jeder staatlichen und unternehmerischen Körperschaft“, forderte 2006 der amerikanische Umweltaktivist Derrick Jensen.

"Natives Engaged in the Sport of Surf-Riding"  
Hutching's California Magazine, 1858
Bild: Wikipedia 


Nach Jensens Auffassung, resümiert Taylor, würde solche Gewalt „auf lange Sicht“ zu weniger Leid führen. Der kanadische Umweltschützer Paul Watson, der sich vor allem gegen den Walfang engagiert hat, verkündete 2005 so etwas wie ein Evangelium der neuen „biozentrischen Religion“. Von Gewalt war darin zwar mit keinem Wort die Rede. In hymnischem Ton verkündete Watson einen „revolutionären Ansatz zur Schaffung einer neuen Religion“, mit dem Ziel, „zu einer Harmonie mit Millionen von anderen Arten“ zu finden. Doch über die Frage, wie mit Interessenkonflikten umgegangen werden könnte, die sich in dieser Harmonie womöglich doch einstellen, scheint Watson nicht im Geringsten nachgedacht zu haben.

Auch in dem einen oder anderen Film lässt sich die „grüne“ oder „dunkelgrüne“ Religiosität wiederfinden – und eben auch eine gewisse Naivität. Zum Beispiel in „Avatar“, 2009, von James Cameron: Die Na‘vi auf ihrem Mond Pandora, der um einen weit entfernten Stern irgendwo im Weltall kreist, leben in idealem Einklang miteinander und mit ihrer Natur. Pandora ist ein „heiliger“ Superorganismus, in dem keine Konflikte aufkommen können. Die einzige Bedrohung sind die irdischen Eindringlinge, die sich die Bodenschätze des Mondes aneignen wollen. 

Eine weitere populäre Variante grüner Religiosität hat Taylor in der modernen Surfing-Kultur entdeckt. Surfing sei ein Sport, aber „auch spirituell“, ist in einem englischen „Guide“ zu lesen, „denn es geht nur um dich und Mutter Natur“. Ein gewisser Brad Melekian, Professor an der University of San Diego, verstieg sich 2005 zu der Prophezeiung, Surfing könne „die nächste Weltreligion werden“.

Daran kann man soviel plausibel finden, dass die sinnliche Erfahrung der Meereswellen tatsächlich eine Grundlage für Verbundenheitsgefühle schaffen mag – in der Regel auch weniger gefährlich als eine Begegnung mit Raubtieren. Religiöse oder quasi-religiöse Gefühle angesichts der unendlichen Weiten, in diesem Fall des Meeres – da ließe sich auch für das „alte“ Europa, dem Snyder einen Irrweg bescheinigte, eine lange Vorgeschichte der „grünen“ Religiosität ausmachen. 1757 veröffentlichte der englische Philosoph Edmund Burke  eine Theorie des „Erhabenen“. Auf dem Höhepunkt der europäischen Aufklärung wurde die Faszination der ungezähmten Natur entdeckt.

Und eines der Beispiele für diese Faszination waren eben die mächtigen Ozeane – als Bild des Unendlichen im Kontrast zur Kleinheit des Menschen. Ganz ähnlich muss Immanuel Kant den „bestirnten Himmel“ erlebt haben, den er gleich neben dem „moralischen Gesetz“ als Quelle „immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht“ ansah. Jean-Jacques Rousseau hatte in weiten Landschaften anscheinend eine vergleichbare Empfindung. Aus den „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, 1782: „In einem Zustand der seligen Selbstaufgabe verliert der Betrachter sich in der Unermesslichkeit dieser schönen Ordnung, mit der er sich eins fühlt.“

1927 schrieb der französische Romancier Romain Rolland in einem Brief an Sigmund Freud, Ursprung der Religion sei vielleicht „ein ozeanisches Gefühl“, das Empfinden, im Unendlichen aufzugehen. Freud reagierte skeptisch. Für ihn reduzierte sich dieses vermeintlich religiöse Gefühl auf eine psychologische Funktion, nahe am Selbstbetrug. Freud zog diesem Trost einen Gestus der Illusionslosigkeit vor, eines heroischen Sich-Ergebens in die harte Tatsächlichkeit. Aber sicherlich kann man mit dem kanadischen Philosophen Charles Taylor fragen, ob nicht auch darin ein Versuch liegt, sich über die Endlichkeit unseres Lebens hinwegzutrösten: Dieser Gestus schmeichelt dem menschlichen Selbstbewusstsein.


Neu auf dem Büchermarkt:

Bron Taylor: Dunkelgrüne Religion. Naturspiritualität und die Zukunft des Planeten, aus dem Englischen und mit einer Nachbemerkung von Kocku von Stuckrad, Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2020, ISBN 978-3-7705-6491-0, XXX + 373 S., m. 1 s/w. Abb., 34,90 € 


Mehr im Internet:

Bron Taylor: Dunkelgrüne Religiostität, Fink Verlag 
Mutter Erde - Wikipedia 
scienzz artikel Religiosität der Gegenwart 

 

 

 

 

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