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Wissenschaft

17.03.2021 - KULTURGESCHICHTE

Ein Biss, der die Welt veraenderte - und eine umgestossene Kerze

Historisches und Anekdotisches rund um beruehmte Hunde

von Josef Tutsch

 
 

Präsidentenhund Fala Roosevelt
Memorial, Washington, D.C.
Bild: Carol M. Highsmith/Wikip.

Wer weiß, vielleicht war es ja wirklich sein Hund, dem Franklin D. Roosevelt 1944 seine Wiederwahl verdankte. Hinterbänkler der republikanischen Opposition hatten im Wahlkampf das Gerücht gestreut, während einer Reise zur Truppeninspektion im nördlichen Pazifik sei der „First dog“, der Scottish Terrier Fala, auf einer Aleuten-Insel vergessen worden. Der Präsident habe dann einen Zerstörer der US Navy ausgesandt, um ihn abholen zu lassen, und sich damit der Verschwendung von Steuergeldern schuldig gemacht.

In einer Rede vor der Transportarbeiter-Gesellschaft sagte Roosevelt, ihn selbst lasse diese frei erfundene Geschichte zwar kalt. Fala jedoch, ein „Schotte“, also zu höchster Sparsamkeit neigend, sei tief gekränkt, „seitdem ist er nicht mehr derselbe“. Roosevelt und Fala gewannen gegen den Herausforderer Thomas E. Dewey, „ein großer Mann mit einem kleinen Hund gegen einen kleinen Mann mit großem Hund“, wie die Demokraten im Wahlkampf spotteten – an Deweys Seite hielt sich eine Dänische Dogge für den Posten des „First Dog“ bereit. Seit 1997 steht Fala in Bronze auf dem „Roosevelt Memorial“ in Washington neben seinem Herrchen.

Eine der vielen Storys von mehr oder weniger prominenten Hunden, die die amerikanische Historikerin Mackenzi Lee in ihren neuen Buch zusammengetragen hat, Motto: „Hunde schreiben Geschichte“ – oder, ein Stück nüchterner formuliert: Neben den Menschen treten manchmal auch Hunde als Akteure der Geschichte auf. Im einen oder anderen Fall sogar ganz wörtlich, zumindest wenn man der Anekdote glauben will. 1527, erzählt Lee, schickte König Heinrich VIII. von England seinen Lordkanzler, Kardinal Thomas Wolsey, nach Rom, um beim Papst eine Annullierung seiner Ehe mit Katharina von Aragon zu erreichen. Wolsey nahm seinen Greyhound Urian mit auf die Reise und mit zur päpstlichen Audienz.

Irgendwie muss Urian etwas missverstanden haben, als Clemens VII. den Fuß ausstreckte. Er biss den Stellvertreter Gottes in den Körperteil, den sein Herrchen dem vorgegebenen Zeremoniell zufolge hätte küssen sollen, und machte damit alle Hoffnungen des Königs zunichte, der Papst würde die Ehe annullieren, die dem König leider keinen männlichen Thronerben beschert hatte. Der Fortgang ist bekannt: Heinrich löste die englische Kirche von Rom.

Ein Hundebiss, der die Welt veränderte … Lee hat davon abgesehen, all diese Hundegeschichten auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Doch selbst wenn man voraussetzt, dass es sich wirklich so abgespielt hat – ob der Biss für den Bruch zwischen Papst und König am Ende den Ausschlag gab, wäre noch eine ganz andere Frage. In Lees Buch spiegelt sich oft mehr die Wertschätzung, die Hunden in den Erzählungen von Geschichte immer wieder entgegengebracht wurde, als die Geschichte selbst.

Im einen oder anderen Fall war es wohl mehr eine „Unwertschätzung“. Als 1796 zwischen Napoleon Bonaparte und Joséphine Beauharnais die Hochzeitsnacht anstand, wollte Joséphines Mops Fortune das Bett nicht räumen und biss den Bräutigam. Um das Leben ihres Frauchens hatte sich Fortune wohl besondere Verdienste erworben. Unter der Terrorherrschaft war Joséphine inhaftiert gewesen, nur ihr Hund hatte sie besuchen dürfen. In dessen Halsband gelang es ihr, Nachrichten mit einflussreichen Freunden auszutauschen, die ihre Hinrichtung verhindern konnten.

Die Autorin selbst hält übrigens, wie der Leser gleich im Vorwort erfährt, einen Bernhardiner. Der früheste namentlich bekannte Hund war Abutiu. Er lebte um 2.400 oder 2.300 v. Chr. in Ägypten. Nach seinem Tod wurde er auf königlichen Befehl mumifiziert und erhielt ein Grab in der Nekropole von Gizeh. Es sollte sichergestellt werden, dass der Hund im Jenseits weiterleben konnte – ein Wunsch,  wie er ähnlich auch in anderen Kulturen immer wieder auftaucht. Im indischen Mahabharata wird erzählt, dass der alt gewordene König Yudisthira von Indra, dem König der Götter, eingeladen wird, ins Nirwana einzugehen. Yudisthira fragt, ob sein Hund mitkommen dürfe. Als der Gott das zunächst verweigert, lehnt er dankend ab. Darauf lacht Indra und belehrt den König: „Dachtest du wirklich, Hunde dürften nicht in den Himmel, obwohl sie doch die Besten und Reinsten sind?“

Isaac Newton und Diamond, Illustration
von 1874 - Bild: Wikipedia
 

Eine chinesische Erzählung berichtet von einem Kaiser, der durch seinen General verraten wurde. Der Kaiser ließ ausrufen, jeder, der ihm den Kopf des Verräters bringe, werde seine Tochter zur Frau erhalten. Der „Held“ kam, es war der kaiserliche Hund Panhu mit dem Kopf des Generals im Maul. Der Kaiser zögerte ein wenig, sein Wort zu halten, ließ sich jedoch überzeugen, weil ihm prophezeit wurde, der Hund könne in einen Menschen verwandelt werden. Man müsse ihn dazu sieben Tage und sieben Nächte unter eine goldene Glocke setzen.

Leider schaute die Prinzessin, ob nun aus Neugier oder aus Sorge, bereits am sechsten Tag unter die Glocke. So blieb die Verwandlung unvollkommen: Der Prinzgemahl hatte einen menschlichen Körper, aber einen Hundekopf. Dennoch fand die Hochzeit statt. Vermutlich entstand die Legende, um zu erklären, warum beim Volk der Yao im Süden Chinas der Verzehr von Hundefleisch unüblich ist: Die Yao verehren Panhu als ihren Urahn.

Am Anfang der europäischen Literatur steht eine rührende Hundegeschichte. Als Odysseus nach langen Irrfahrten nach Ithaka zurückkommt, findet er Argos, den er zwanzig Jahre zuvor als Welpen aufgezogen hatte. Argos wedelt mit dem Schwanz, senkt die Ohren und stirbt – sei es vor Freude über das Wiedersehen, sei es, weil er enttäuscht ist, dass Odysseus ihn ignorieren muss, damit er nicht gleich erkannt wird.

Hunde können auch Leben retten. Wahrscheinlich seit dem 17. Jahrhundert werden in den Alpen Hunde dazu ausgebildet, Menschen aus dem Schnee zu bergen. Anfang des 19. Jahrhunderts soll der Bernhardiner Barry insgesamt 40 Menschen gerettet haben. Wussten Sie, dass die katholische Volksfrömmigkeit einen Schutzpatron der Hunde kennt? Im 14. Jahrhundert beobachtete der hl. Rochus, der sich in der Pflege von Pestkranken engagierte, dass Hunde vor den Kranken nicht zurückschreckten und oft auch deren Wunden ableckten.

Andererseits werden Hunde seit jeher auch im Krieg eingesetzt. 331 v. Chr. soll ein gewisser Peritas Alexander den Großen vor einem Kriegselefanten gerettet haben, indem er sich in dessen Lippe verbiss. Im 16. Jahrhundert nutzten die spanischen Konquistadoren in Amerika ihre Hunde dazu, die Ureinwohner zu terrorisieren. Auf Puerto Rico wurde einem Killerhund namens Becerillo grundlos befohlen, eine alte Frau anzugreifen. Die fiel verängstigt auf die Knie und bat um Gnade. Der Legende zufolge hielt Becerillo inne, beschnupperte die Frau und statt sie zu verletzen, hob er sein Bein. Der Fortgang ist umstritten. Die Quellen berichten, dass der Statthalter Ponce de León, sonst wegen seiner Blutdürstigkeit bekannt, daraufhin befahl, die Frau freizulassen: „Ich werde nicht zulassen, dass das Mitgefühl eines Hundes das eines wahren Christen übertrifft." Lee vermutet eher, dass Becerillo als unbrauchbar aussortiert wurde.

Auch in den beiden Weltkriegen waren Hunde mit dabei. 1916 sollte ein Mischlingshund namens Satan, der in der französischen Armee als Melder tätig war, mit einer Gasmaske auf der Schnauze, einem eingeschlossenen Truppenteil eine wichtige Nachricht überbringen. Unterwegs wurde er von den Deutschen ins Bein geschossen, schaffte es aber dennoch durchzukommen, nachdem er die Stimme seines Herrn erkannt hatte. Eine Brieftaube, die Satan mit sich führte, flog zurück ins Hauptquartier und überbrachte die Antwort.

Manchmal ließ die Disziplin der vierbeinigen „Soldaten“ allerdings zu wünschen übrig. 1925 patrouillierten griechische Soldaten an der bulgarischen Grenze. Einer der Hunde entdeckte irgendetwas, vielleicht ein Kaninchen, und rannte los. Sein Herrchen hinterher. Die Bulgaren reagierten auf die Grenzverletzung mit Schüssen, mehrere griechische Soldaten wurden getötet. Die beiden Länder befanden sich am Rand eines Krieges, griechische Truppen besetzten eine Grenzstadt in Bulgarien. Dem Völkerbund gelang es, den Konflikt zu beenden.

Rettungshund Barry, im Naturhistorischen   
Museum Bern 
Bild: PraktikantinNMBE/Wikipedia

Von 1930 an versuchte sich im thüringischen Leutenberg eine „Hundesprechschule“ daran, Hunden das Sprechen beizubringen. Der Ehrgeiz ging sogar dahin, zwischen Menschen und Hunden telepathische Verbindungen zu ermöglichen. Kein Einzelfall: In den 1870er Jahren führte auch Alexander Graham Bell, der später das Telefon erfand, mit seinem Skye Terrier Trouve Sprachexperimente durch. Bells Hoffnung war es, die Mechanismen der lautlichen Kommunikation zu entschlüsseln. Angeblich konnte Trouve am Ende den Satz „How are you, Grandmama?“ verständlich hervorbringen.

Heute leben in den westlichen Industriegesellschaften die meisten Hunde ohne feste Aufgaben, bloß als Familienmitglieder, wohl am berühmtesten: die Corgis von Queen Elizabeth. Darüber vergessen wir leicht, dass viele Hunderassen für sehr spezielle Zwecke gezüchtet wurden. Zum Beispiel die „Turnspit Dogs“ im späten Mittelalter. Man steckte sie als lebende Küchengeräte in ein Holzrad neben der Feuerstelle. Durch ihr Treten sorgten sie dafür, dass das Fleisch über dem offenen Feuer beständig gewendet wurde.

Hunde im Dienst menschlicher Zielsetzungen … 1957 wurde auf den Straßen Moskaus die Mischlingshündin Laika aufgegriffen. In einer Raketenkapsel wurde sie in die Erdumlaufbahn geschickt, auf Nimmerwiedersehen. Leicht ist diese Entscheidung den sowjetischen Wissenschaftlern vermutlich nicht gefallen. Einer von ihnen erzählte später, er habe Laika vor dem Start mit nach Hause genommen und sie mit seinen Kindern spielen lassen, um ihr vor dem Tod noch etwas Gutes zu tun.

2005 kam in Südkorea Snuppy zur Welt, ein Afghanischer Windhund, der erste geklonte Hund. Er entstand aus Hautzellen, die man dem Ohr seines „Vaters“ entnommen hatte. Nach seinem Tod 2015 wurde Snuppy wiederum geklont. Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse sich daraus ergeben, hält die Historikerin erst einmal offen. Jedenfalls wird Snuppy den Wissenschaftshistorikern in Erinnerung bleiben.

Dagegen ist die berüchtigte „Tat“ oder Untat von Diamond vielleicht nur eine Legende. Es soll um 1686 gewesen sein. Isaac Newton war gerade dabei, seine Abhandlung über das Gravitationsgesetz für den Druck vorzubereiten, als es klopfte. Während Newton die Tür öffnete, sprang seine Zwergspitzhündin Diamond aufgeregt durchs Zimmer und stieß die Kerze auf dem Tisch um. Das Manuskript ging in Flammen auf. „Oh, Diamond, wenn du wüsstest ...“, soll Newton geseufzt haben. Er versank in tiefe Depression, konnte seine Schrift dann jedoch rekonstruieren. 


Neu auf dem Büchermarkt:
Mackkenzi Lee: Eine Weltgeschichte in 50 Hunden, aus dem Englischen von Daniel Beskos, mit Illustrationen von Petra Eriksson, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 192 S., ISBN 978-3-518-47103-6, 18,00 € [D], 18,50 € [A], 25,90 CHF 


Mehr im Internet:
Mackkenzi Lee: Eine Weltgeschichte in 50 Hunden, Suhrkamp Verlag 
scienzz artikel Tiere 

 

 

 

 

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