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Kultur

31.03.2021 - THEOLOGIE

Geopfert, um die Suenden der vielen hinwegzunehmen

Der Tod Jesu in zwei Jahrtausenden Christentum

von Josef Tutsch

 
 

Lovis Corinth: Der rote Christus,
1922 (Pinakothek der Moderne,
München) - Bild: Wikipedia

Davon wissen Religionslehrer ein Lied zu singen. War es wirklich nötig, fragen Schüler, dass Gott seinen Sohn am Kreuz sterben ließ? Schon der Gedanke, die Sünde von Adam und Eva habe auch ihre Nachkommen belastet, durch alle Generationen hindurch, leuchtet modernen Menschen schwer ein. Dass der Gottessohn leiden musste, um diese Schuld abzutragen, erst recht nicht. Doch selbst wenn man den Gedanken der Stellvertretung akzeptiert – ist die Grausamkeit des Kreuzestodes mit der Vorstellung von einem gütigen Vatergott vereinbar?

Fragen, die offenbar bereits den ersten christlichen Missionaren gestellt wurden. Die Predigt vom gekreuzigten Christus sei „den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit“, stellte der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief fest. Dabei war seinen Zeitgenossen der Gedanke an blutige Opfer durchaus vertraut. Tieropfer, wohlgemerkt: Dass Jahwe keine Menschenopfer wollte, stellte die Bibel in der Geschichte von Abraham und Isaak klar. In seinem Gehorsam gegenüber Gott war Abraham jedoch bereit gewesen, seinen einzigen Sohn zu opfern, ein Engel hielt ihn im letzten Moment davon ab.

Dass Paulus diese Geschichte auf Gott selbst umdeutete, und zwar mit einem Ausgang, bei dem tatsächlich das Blut des Sohnes floss, muss in den Ohren frommer Juden ungeheuerlich geklungen haben: Gott „hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben“. Daneben bezog Paulus die Passion Christi auf die Erzählung vom Auszug aus Ägypten zurück, die Opferung von Lämmern, mit deren Blut die Erstgeborenen Israels gerettet wurden. Im Jerusalemer Tempel wiederholten die Priester dieses Opfer Jahr für Jahr zum Passahfest.

Um solch ein stellvertretendes Opfer ging es Paulus zufolge auch im Leiden und Sterben Jesu: „Als unser Passahlamm ist Christus geopfert worden.“ „Christus wurde geopfert, um die Sünden der vielen hinwegzunehmen“, heißt es ähnlich im Hebräerbrief eines unbekannten Verfassers. Die Religionshistoriker haben viel Mühe aufgewandt, um in der damaligen jüdischen oder heidnischen Religionswelt Vorbilder für diese Theologie der Stellvertretung im Tod zu finden. Am ehesten lassen sich die Makkabäerbücher anführen, die von der Unterdrückung des Judentums durch die Seleukidenkönige im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. erzählen. Einige Male wird darin die Hoffnung ausgedrückt, der Tod der Märtyrer werde zur Rettung des unterdrückten Volkes führen.

Aber die Ähnlichkeit bleibt vage. Andererseits waren die heidnischen Mysterienreligionen damals zwar voll von Göttern und Heroen, die durch den Tod hindurchgingen und ihn triumphierend überwanden. Ein frühes Beispiel bot der Mythos von Herakles, wie ihn die Tragödie des Euripides bereits im 5. Jahrhundert vor Christus wiedergegeben hatte: Als König Admetos sterben soll, ist seine Gattin Alkestis bereit, sich für ihn zu opfern. Doch Herakles bezwingt den Gott des Todes im Ringkampf und bringt Alkestis ihrem Gatten zurück.

Die Kirchenväter interpretierten diesen Mythos als Vorausdeutung auf die Passion Jesu. Aber es handelt sich um eine Heldengeschichte, von stellvertretender Sühne ist darin nicht die Rede. In den 170er Jahren verfasste der griechische Philosoph Kelsos eine ausführliche Polemik gegen das aufstrebende Christentum. „Warum befreit Christus sich nicht aus dieser Schmach, warum rächt er nicht den Frevel, der an ihm und seinem Vater begangen wird?“, fragte Kelsos.

Der Theologe Basilides von Alexandria, später „Herrscher der Irrlehren“ genannt, fand einen Weg, diese „Torheit“, wie sie vielen Hörern der christlichen Predigt erscheinen musste, aus der Welt zu schaffen: Jesus habe die Dämonen überlistet, er habe mit Simon von Cyrene die Erscheinung getauscht und sei so der Kreuzigung entgangen. Der Koran hat diesen Gedanken aufgegriffen: „Sie haben ihn [Jesus] nicht getötet und sie haben ihn nicht gekreuzigt, sondern es erschien ihnen eine ihm ähnliche Gestalt.“

Caravaggio: Geißelung Christi,
1607 (Museo di Capodimonte,
Neapel) - Bild: Wikipedia 


Kelsos hatte aber noch einen weiteren Grund, warum ihm die Passion Christ ganz und gar nicht verehrungswürdig vorkam: Ebenso wenig wie zu einem Gott passte für ihn Jesu Verhalten zu dem Bild, das er sich von einem großen Weisheitslehrer machte. Als positives Gegenbeispiel nannte er den Philosophen Anaxarchos, der um 320 v. Chr. auf Zypern von einem tyrannischen König gefoltert und getötet worden war. Anaxarchos tat seine Verachtung des Tyrannen mit den Worten kund: „Zerstampfe, zerstampfe das Fell des Anaxarchos, denn ihn selbst zerstampft du nicht!“ „Das ist die Stimme eines wahrhaft göttlichen Geistes“, kommentierte Kelsos.

Dem heidnischen Philosophen – und mit ihm so vielen anderen Skeptikern in den letzten zwei Jahrtausenden – kam es unplausibel vor, dass dem Bösen oder den Übeln durch Leiden und Tod eines Gottessohnes Abhilfe geschafft sein könnte. Gehörte das Negative zur menschlichen Existenz nicht unvermeidlich dazu? Im frühen 19. Jahrhundert entwickelte Georg Wilhelm Friedrich Hegel ein Konzept, die Übel und das Böse in dieser Welt mit dem Gedanken an einen gütigen Gott zu versöhnen. Der Tod Jesu am Kreuz wurde zum Gleichnis für die endlose Folge von Widersprüchen, Negationen und „Aufhebungen“ in der Geschichte.

„Gott ist gestorben, Gott ist tot“, schrieb Hegel, „dieses ist der fürchterlichste Gedanke, dass alles Ewige, alles Wahre nicht ist.“ Als gelernter Theologe wusste er aber auch: „Gott steht wieder auf.“ Oder in dialektischer Verklausulierung: „Der Geist ist nur Geist als dies Negative des Negativen.“ In der Geschichte sah Hegel eine Schlachtbank, auf der die Individuen geopfert werden und geopfert werden müssen, damit der Geist sich selbst verwirklichen kann: Ohne Kreuzestod keine Auferstehung.

Hegels spekulative Philosophie wiederholte den Versuch, den Ende des 11. Jahrhunderts der Benediktinermönch Anselm von Canterbury unternommen hatte: das Kreuz Christi als eine im Schöpfungswerk angelegte Notwendigkeit darzutun. Der Mensch, argumentierte Anselm, habe durch seinen Ungehorsam die göttliche Majestät verletzt. Dafür war er zur Genugtuung verpflichtet, als unvollkommenes Wesen jedoch außerstande, diese „Satisfaktion“ zu leisten. Anselms Folgerung: Wenn diese Genugtuung „niemand leisten kann außer Gott und niemand schuldet als der Mensch, so muss sie notwendig ein Gottmensch leisten“.

Eine Argumentation, die in ihrer unerbittlichen Strenge immer wieder verschreckt hat. Eine Generation später legte der Theologe Petrus Abaelardus ein Alternativkonzept vor: Indem Christi liebender Opfertod unsere eigene Liebe zu Gott weckt, werde unsere Sündhaftigkeit ausgelöscht. Thomas von Aquin führte dann beide Gedankenstränge zusammen: „Christus hat durch sein Leiden aus Liebe und Gehorsam Gott etwas Größeres dargebracht, als der Ausgleich für alle Beleidigungen des Menschengeschlechts forderte“, und zwar vor allem „wegen der großen Liebe, mit der er litt.“

Vier Jahrhunderte später wies Martin Luther die quasi-juristische Notwendigkeit, die Anselm dem Handeln Gottes unterstellt hatte, zwar zurück: Gott durfte nicht dem Anschein menschlicher Gerichtsbarkeit unterworfen werden. Doch im Grundsatz überdauerte die Satisfaktionslehre auch die Reformation. Dass Christus „gelitten hat, gestorben und begraben ist, damit er für mich genug täte und bezahlte, was ich verschuldet habe – nicht mit Silber oder Gold, sondern mit seinem eigenen, teuren Blut“, schrieb Luther im „Großen Katechismus“ von 1529.

Eine Wende brachte erst der italienische Theologe Fausto Sozzini, der Anfang des 17. Jahrhunderts die Lehre von der Erlösung gründlich umstülpte. Jedes Individuum sei unvertretbar, lehrte Sozzini, niemand könne eines anderen Schuld und Strafe auf sich nehmen. Und ein Gott, der ohne Genugtuung nicht vergeben kann, sei eben kein gütiger Gott. Von protestantischen wie von katholischen Dogmatikern wurde der „Sozzianismus“ heftig befehdet: Er bot keine Antwort auf die Frage, wie er mit dem Bibelwort zu vereinbaren sei, dass Christus „für uns“ geopfert wurde, „um die Sünden der vielen hinwegzunehmen“.

Auch Immanuel Kant wusste in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ von 1793 mit dem Gedanken eines stellvertretenden Opfers nichts anzufangen. Die Sündenschuld könnte nicht „wie eine Geldschuld auf einen anderen übertragen werden“, sie sei „die allerpersönlichste“, nur der Strafbare, nicht der Unschuldige könne sie tragen. Jesus wurde zum Sinnbild eines moralisch vollkommenen Menschen umgedeutet. Die Vorstellung, wie der Gottessohn am Kreuze starb, solle die Menschen in ihrem Bemühen um moralisches Verhalten bestärken.

Albrecht Dürer: Christus am Kreuz 
um 1496 (Gemäldegalerie Alte
Meister, Dresden) - Bild: Wikipedia


Welche Herausforderung die Frage nach der Heilsbedeutung von Jesu Tod auch für das Christentum der Gegenwart bietet, zeigte ein Aufsatz des Publizisten Adolf Holl im Jahr 2000: „Ein liebender Gott will keine Opfer“, „Gott ist kein Sadist“, „Warum Jesus mit einem Opferlamm rein gar nichts zu tun hat.“ Zweifellos – Holl wollte provozieren. Aber isoliert stehen solche Sätze nicht da. „Theologische Verantwortung zwingt uns, hier kirchliche und biblische Überlieferung zu verlassen“, schrieb zum Beispiel der Theologe Ernst Käsemann – was ihm prompt die Kritik eintrug, damit bleibe von einer christlichen Theologie nicht mehr viel übrig.

In der Frage nach der Deutung von Jesu Tod stehe „stets das Ganze auf dem Spiel“, stellt der Münchner Theologe JörgFrey 2005 in einem Sammelband über „Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament“ lakonisch fest. Die Klärung der historischen Begriffe ist allerdings nur die eine Hälfte der Schwierigkeit, die andere ist die Vermittlung an moderne Menschen. Die Religionspädagogin Mirjam Zimmermann berichtet von einer Meinungsumfrage 2002, in der sich ergab, der überwiegende Teil der Jugendlichen heute könne mit dem Tod Jesu „nichts anfangen“. Oder jedenfalls nicht mehr als mit dem Tod des Sokrates, der im Ethikunterricht der Schulen gern neben die christliche Passion gestellt wird.

Um so überraschender ist, dass sich ausgerechnet in der modernen Populärkultur reichlich Beispiele für das Motiv einer Stellvertretung im Tod finden. Zimmermann verweist etwa auf den Zeichentrickfilm „Findet Nemo!“, 2003 – der Fisch Nemo ist bereit, sein Leben zu opfern, damit seine Brüder und Schwestern gerettet werden. Oder auf den japanischen „Pokémon“-Film von 1998: „Das Menschenwesen musste sich opfern, um den Kampf zu beenden“, sagt darin ein „Bekehrter“, nachdem der Trainer der „guten“ Pokémons sein Leben im Kampf gegen die „bösen“ Klone dahingegeben hat.

Trivialisierende Aneignungen der Frohen Botschaft, wenn man so will.  Im „Pokémon“-Film folgt auf den Tod sogar eine Art Auferweckung, die zugleich den Beginn einer neuen, friedlichen Welt signalisiert. Vielleicht treffen die „Torheiten“ und „Ärgernisse“ vom Opfertod Christi im Neuen Testament ja doch eine Schicht in uns, die mächtiger ist als alles, was Skeptiker in 2.000 Jahren da vorgebracht haben.


Mehr im Internet:

Sühnetheologie - Wikipedia 
scienzz artikel Jesus von Nazaareth 
scienzz artikel Karfreitag 

 

 

 

 

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