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Wissenschaft

26.03.2021 - GESCHLECHTERGESCHICHTE

Sie greift lieber zu huebschen Geschichten

Frauen- und Geschlechtergeschichte - vom alten Rom ueber die europaeische Aufklaerung bis nach Hawaii

von Josef Tutsch

 
 

Lucas Cranach d. Ä.: Lucretia
gibt sich den Tod, um 1535
(Museo Soumaya, Mexiko)
Bild: Wikipedia

Am 8. Mai 1819 war König Kamehama von Hawaii verstorben. Für die Trauerzeit waren die sonst geltenden Tabus aufgehoben, Männer und Frauen aßen gemeinsam von verbotenen Speisen. Die Priester versuchten auszuforschen, wie es zum Tod des Königs gekommen sein konnte. Altem Glauben zufolge, erläutert der Historiker Wolfgang Behringer von der Universität Saarbrücken, starben Menschen nicht aufgrund von Krankheit oder Alter, sondern durch Hexerei. Vor allem eine der Witwen, Kaahumanu, und ihre Verwandten wurden verdächtigt.

Doch Kaahumanu, so Behringer, „behielt das Heft des Handelns in der Hand“. Als zehn Tage nach dem Tod der Sohn einer ihrer Mitköniginnen zum Nachfolger proklamiert wurde, war sie es, die Regie führte. Unter Berufung auf den angeblichen letzten Willen des Verstorbenen setzte sie sich zur Regentin ein. Niemand widersprach, der Häuptlingsrat gab seine Zustimmung. Bis zu ihrem Tod 1832 amtierte Kaahumanu, die formal den Königen untergeordnet blieb, de facto als unumschränkte Herrscherin.

Eine „starke Frau“, wie man so sagt, ein Fall, dass es nicht die Männer sind, die Geschichte machen. Anfang der 1970er Jahre kam das Schlagwort „Herstory“ auf, das der herkömmlichen Form der Geschichtsschreibung eine andere, weiblich bestimmte Sicht entgegensetzen wollte. Im Deutschen lautete die Entsprechung zunächst „Frauengeschichte“. Doch um alte Einseitigkeiten nicht durch neue abzulösen, setzte sich dann der Ausdruck „Geschlechtergeschichte“ durch.

Zum 65. Geburtstag einer der Vorreiterinnen der Frauen- und Geschlechtergeschichte, der Basler Historikerin Claudia Opitz, ist jetzt eine Festschrift mit zweieinhalb Dutzend Beiträgen erschienen. Das Spektrum der Themen reicht vom islamischen Recht des Mittelalters bis zu den Hexenverfolgungen in der Schweiz des 18. Jahrhunderts – und eben zur de-facto-Königin Kaahumanu. Studien zu Ansätzen weiblicher Emanzipation, aber eben auch und vor allem zu jenem patriarchalischen oder maskulinistischem Denken, das gerade die europäische Geschichte weitgehend beherrscht hat. „Frauen, die ein öffentliches Rederecht beanspruchten, galten als verrückte Mannweiber“, resümiert Sophie Ruppel von der Universität Basel.

Dabei ging der Ausschluss der Frauen von den realen Entscheidungsprozessen oft mit einer eigentümlichen Idealisierung einher. Am Anfang der römischen Republik, berichtet die Ideenhistorikerin Anna Becker von der Universität Aarhus, stand eine Frau, die nur ein einziges Mal in ihrem Leben aktiv werden durfte – nämlich indem sie sich den Tod gab. König Sextus Tarquinius, so erzählte der römische Geschichtsschreiber Livius, war von „wilder Begierde“ nach Lucretia, der tugendhaftesten aller Ehefrauen, ergriffen. Nachdem er ihr Gewalt angetan hatte, offenbarte sie sich Vater und Ehemann, schwor sie auf Rache ein und stieß sich einen Dolch in die Brust. Ihr lebloser Körper, der auf dem Forum öffentlich ausgestellt wurde, gab das Signal für den Sturz des Königtums.

Für Livius war der frevelhafte Zugriff des Königs auf die Ehefrauen der Bürger der Punkt, an dem eine legitime Monarchie in Tyrannis umschlug. Lucretia wurde zum Symbol der Republik – einer Republik, von der ihre lebenden Geschlechtsgenossinnen jedoch ausgeschlossen blieben. Manchmal hat es gegen die untergeordnete Stellung der Frauen Widerspruch gegeben. Einen Fall hat die Historikerin Annalena Müller von der Universität Fribourg im frühen 16. Jahrhundert bei dem Universalgelehrten Agrippa von Nettesheim gefunden. Dass in der biblischen Schöpfungsgeschichte Eva erst nach Adam erschaffen wird, und zwar aus dessen Rippen, wurde von den mittelalterlichen Theologen in der Regel als Beleg für die Nachrangigkeit der Frauen interpretiert. 1529 widersprach Nettesheim in einer Abhandlung unter dem programmatischen Titel „Vom Adel und Vorrang des weiblichen Geschlechts“: Eva konnte gar nicht wissen, dass es den Menschen untersagt war, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Gott hatte dieses Verbot nämlich vor ihrer Erschaffung ausgesprochen. Sie sündigte also unbewusst, Adam dagegen wissentlich und willentlich.

Müller muss ihre Nettesheim-Interpretation aber auch gleich mit einem kleinen Wermutstropfen versehen: Es sei zweifelhaft, ob diese Argumente so ganz und gar ernst gemeint waren, vielleicht wollte der Autor bloß die gängigen Denkmuster seiner Zeit humoristisch persiflieren. Dieser Verdacht stellt sich spätestens an der Stelle ein, wo Nettesheim auf die Menschwerdung des Gottessohnes zu sprechen kommt. Gerade weil das männliche Geschlecht das „niedrigere“, stärker der Sünde verhaftete ist, sei Christus, um die Menschen von der Sünde zu erlösen, als Mann und nicht als Frau geboren worden. „Und davon kommt wohl, dass die Kirche das Priesteramt lieber dem Mann als der Frau überträgt.“

Johanna Charlotte Unzer.-Ziegler
Bild: Wikipedia 


Ein Loblied auf die Frauen, wie ironisch auch immer, das der portugiesische Jesuitenpater Johannes de Britto anderthalb Jahrhunderte später schwerlich hätte nachvollziehen können. Britto arbeitete als Missionar im südlichen Indien. Es gelang ihm, den Prinzen Tariadeven zu bekehren. Doch vor der Taufe stand ein Hindernis: Der Prinz hatte gleich fünf legitime Ehefrauen. Kein Einzelfall, die Missionare gerieten immer wieder mit dem Umstand in Konflikt, dass die Angehörigen des indischen Adels an der Polygamie festhalten wollten.

Hier war der Prinz sogar bereit, sich auf eine einzige Ehefrau zu beschränken. Doch die jüngste der fünf sperrte sich gegen eine Aufhebung ihrer Ehe und erhob Klage bei ihrem Großvater Rangadeven, dem regierenden Fürsten von Tamil Nadu. Im Jahr 1693 wurde Brito verhaftet und hingerichtet. Für die Missionare, vermerkt Antje Flüchter von der Universität Bielefeld, kam diese Widerspenstigkeit der Prinzessin überraschend. Ansonsten stellten sie fest, in Indien sei es Brauch, „dass die Weiber eben den Glauben bekennen, welchem der Mann oder der Hausherr ergeben ist“. „Darum ist es nötig, vor allem die Hausväter für Christus zu gewinnen.“ Universal galt diese Regel jedoch nicht, wie die Missionare zum Beispiel in Nordamerika feststellten. Ein Jesuit fragte einen Häuptling der Algonquin, ob er seinen Sohn nicht bei ihnen in die Schule geben wolle. Der antwortete, das würde er sehr gern tun, aber – seine Frau sei dagegen.

Reisen bildet – oder jedenfalls weitet es den Blick, vorausgesetzt natürlich, man ist bereit, sich für die fremde Welt zu öffnen. 1717/18 weilte Lady Mary Montagu als Gattin des britischen Botschafters am osmanischen Hof. Nach ihrer Rückkehr trug sie in der Londoner Gesellschaft gern türkische Kleidung zur Schau, das machte in Europa den „goût turque“ populär. Aber durch ihre Offenheit für die fremde Kultur wurde sie auch zu einem wichtigen Motor der Medizingeschichte. In Konstantinopel hatte Montagu beobachtet, dass manche Mütter bei ihren Kindern mit einer Art Impfung den Pocken vorbeugten. Sie wagte es, ihre eigenen Kinder dieser Prozedur zu unterziehen.

Es war nicht zuletzt ihr Renommee beim britischen Hochadel, das dazu half, die Pockenimpfung in Europa zu verbreiten – gegen den Widerstand von vielen Ärzten wie Geistlichen. Anscheinend bot von allen vormodernen Epochen der europäischen Geschichte am ehesten das 18. Jahrhundert Chancen, dass auch weibliche Stimmen gehört wurden. Die Basler Historikerin Sophie Ruppel nennt die Naturforscherin Johanna Charlotte Unzer, geborene Ziegler, die 1751 eine „Weltweisheit für Frauenzimmer“ veröffentlichte. Zu ihrer Zeit galt sie als Koryphäe der Gelehrsamkeit. Doch im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde sie weitgehend vergessen und verdrängt. Die „Allgemeine Deutsche Biographie“ von 1895 fertigte sie mit gönnerhafter Verachtung ab: „Sie greift statt zu strengen Beweisen lieber zu hübschen Geschichten“, „aber das Ganze plaudert so unschuldig fröhlich dahin, dass man‘s sich gern gefallen lässt.“

Aber warum wurden die Frauen gerade im „bürgerlichen“ Zeitalter aus der Öffentlichkeit zunächst wieder zurückgedrängt, jedenfalls in einigen Bereichen wie der Wissenschaft? Ruppel verweist darauf, dass sich um 1800 die Auffassung wandelte, was Wissenschaft eigentlich leisten soll – der Trend ging vom „kollektiven Unternehmen im Sinn einer Mitarbeit aller am großen Projekt der bildungsgetragenen Aufwärtsbewegung der Menschheit“ hin zu „originären Ideen“.

Die Oldenburger Historikerin Almut Höfert nennt einen zweiten Punkt: Damals erst, mit dem enormen Aufschwung der empirischen Naturwissenschaften, bildete sich das Konzept von „sexus“ als einem biologisch unveränderlich vorgegebenen Geschlecht aus. Das begünstigte es, den beiden Geschlechtern unterschiedliche Sphären der bürgerlichen Gesellschaft als Aufgabenfelder zuzuweisen: einerseits den Staat, andererseits die Familie. Höfert zitiert eine Arbeit von Claudia Ulbrich aus dem Jahr 2006: In der vormodernen Zeit war das körperliche Geschlecht noch nicht die „Kernkomponente der Identität“. 


An das, was heutzutage kontrovers unter dem Stichwort „Identitätspolitik“ diskutiert wird, konnte Ulbrich dabei noch nicht denken. Aber auch die Herausgeberinnen dieser Festschrift für Claudia Opitz haben sich sorgsam bemüht, die Grenzen der Geschichtswissenschaft nicht in Richtung Aktivismus zu überschreiten. Mit einem ganz besonderen Prozess von Gruppenformierung seit der Aufklärung, zunächst ausschließlich bei Männern, befasst sich die Wiener Historikerin Christa Hämmerle in ihrem Beitrag. Infolge der Französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen entstand ein neuer Typus von „Männlichkeit“: Der „Drill“, der die Armeen der frühen Neuzeit sozusagen von außen diszipliniert hatte, wurde durch die Vorstellung einer soldatischen „Moral“ abgelöst.

Kaahumanu, de-facto-Königin  
von Hawaii - Bild: Wikipedia 


Die Soldaten sollten also nicht aufgrund von Zwang, sondern „aus innerer Überzeugung“ gehorchen. Dazu dienten dann auch die modernen Ideologien wie insbesondere der Nationalismus. Im Zivilleben hat Sandro Guzzi-Heer von der Universität Lausanne eine Parallele gefunden: Seit der Aufklärung stellten sich die Monarchen mehr und mehr als liebende Väter ihres Volkes dar. Umgekehrt wurden die Untertanen angehalten, ihre Pflichten aus Liebe zu diesem „Vater“ und zum „Vaterland“ zu erbringen. In der Moderne wird Regierung, wie der Philosoph Michel Foucault es bereits vor einem halben Jahrhundert analysierte, nach Möglichkeit als Selbstführung der Regierten praktiziert.

EinWandel, ist im Rückblick zu sagen, der dem Individuum sowohl mehr Freiheit als auch mehr Verantwortung gebracht hat. Zurück zur Geschichte Hawaiis. Unmittelbar nach ihrer Machtergreifung verkündete Kaahumanu eine Revolution: Es sei zwar jedem unbenommen, nun wieder zu den alten Tabus zurückzukehren. Doch „was mich selbst und meine Verwandten angeht, beabsichtigen wir, in Zukunft frei von Tabus zu leben“. Ein halbes Jahr lang, berichtet Behringer, blieb der Machtkampf zwischen Neuerern und Bewahrern in der Schwebe. Dann ließ Kaahumanu die alten Heiligtümer und Götterbilder zerstören.

Vor allem von den Frauen wurde dieser Kulturbruch, der Hawaii den Anschluss an die europäisch-nordamerikanische Moderne eröffnete, offenbar als große Befreiung erlebt. Ein „Verdienst der Königinwitwe“, schreibt Behringer. Die Kehrseite war allerdings, dass die alte hawaiianische Kultur unwiederbringlich zerstört wurde. 1898 folgte die Annexion durch die USA.


Neu auf dem Büchermarkt:

Körper – Macht – Geschlecht. Einsichten und Aussichten zwischen Mittelalter und Gegenwart, herausgegeben von Anna Becker, Almut Höfert, Monika Mammertz und Sophie Ruppel, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2020, 440 S. mit s/w. Abb., ISBN 978-3-595-51319-5, 44,99 €


Mehr im Internet:

Körper – Macht – Geschlecht, hg. von A. Becker, A. Höfert, M. Mammertz und S. Ruppel, Campus Verlag
Geschlechtergeschichte - Wikipedia 
scienzz artikel Geschichtswissenschaften

 

 

 

 

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