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Politik

07.04.2021 - KZ-GESCHICHTE

Nicht misshandeln

SA-Gefaengnis Papestrasse - ein fruehes Konzentrationslager in Berlin

Klaus Oberzig

 
 

Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße, Haftraum 4
Bild: Harry Weber/Metropol Verlag, Berlin 2013

Andersdenkende wegzusperren hat im christlichen Abendland eine lange Tradition. Auch wenn es behauptet wird, es ist nicht Volkes Stimme, die sich da als Reflex auf Querulanten erhebt. Der Anteil von Think-Tanks, Politikern und Medien, welche diese Reflexe generieren, ist beträchtlich und zumeist ursächlich. Die Propagierung der Meinung der Herrschenden steht in der Regel am Anfang angeblicher Ausbrüche der Volksmeinung. Vordergründig ist das Thema Wegsperren aus den Medien, selbst den alternativen, wieder verschwunden, auch wenn klar ist, dass sogenannte Quarantänebrecher in einigen Bundesländern tatsächlich weg gesperrt werden. In Brandenburg und Sachsen hat man, Berichten zufolge, Flüchtlingsunterkünfte kurzerhand umfunktioniert. Ganz pragmatisch. Dafür gibt es historische Vorbilder des Jahres 1933, wie etwa das SA-Gefängnis Papestrasse. Es gilt als erstes provisorisches KZ der Nazis.

Auch wenn das Thema Lager und Wegsperren medial momentan weniger Aufmerksamkeit findet, ist es in manchen Familien durchaus präsent geblieben. Speziell die Zeit vom 20. März bis zum 7. April war in der noch jungen NS-Herrschaft des Jahres 1933 die Phase, in der die ersten Lager entstanden. Nachdem am 24. März das „Ermächtigungsgesetz" in Kraft getreten war, wurde am 7. April mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" eine weitere Rechtsgrundlage für die Verfolgung von Andersdenkenden und deren Unterbringung in Lagern geschaffen. Der 7. April ist auch für meine Familie kein x-beliebiger Tag. Es ist vielmehr der Tag, der in der Familiengeschichte untrennbar mit dem Thema Verhaftung, Wegsperren und Lager verbunden bleibt.

Meine Tante, die damals als Krankenschwester im Krankenhaus Moabit arbeitete, wurde zusammen mit ihrem Lebensgefährten bereits in den Morgenstunden dieses 7. April 1933 am Arbeitsplatz verhaftet und in das frisch geschaffene provisorische KZ in der General Papen Kaserne gebracht. Sie war damals in der Leitung der gewerkschaftlichen Betriebsgruppe des Krankenhauses aktiv, er war in Moabit Stationsarzt, Kommunist und Jude. Absolute No goes für die Nazis, wie man heute formulieren würde.

Die beiden haben sich nach der Verhaftung nie wieder gesehen. Beide wurden verhört und gefoltert. Er überlebte die Tortur nicht, sie wurde nach einigen Tagen entlassen, nicht ohne eine erpresste Erklärung unterschrieben zu haben, dass sie zeitlebens über die Ereignisse im provisorischen KZ schweigen würde. Was für sie folgte, war nicht nur Berufsverbot, sondern zwölf Jahre Kampf ums Überleben sowie Tätigkeiten im Untergrund.

Im April Jahr 2011 konnte der Verein „Geschichtswerkstatt Papestraße" mit öffentlichen Mitteln und Geldern der Lottostiftung das nahezu intakte KZ als Gedenkstätte eröffnen. Sie ist sogar aktuell besuchbar. Mir waren die Ereignisse des April 1933 sowie die Existenz des ersten provisorischen KZ seit langem bekannt. Meine Tante hatte mir bei einem Spaziergang auf einem Friedhof davon erzählt. Das war 1970 im damaligen Ostberlin, wo ich sie als Westberliner Student regelmäßig im Rahmen meiner finanziellen Möglichkeiten besuchte.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis eine private Initiative die Geschichte des provisorischen KZ wieder ans Licht bringen konnte. Immerhin, könnte man sagen. Damit kann ich durchaus leben. Manche Prozesse laufen eben langsam. Nicht verstehen kann ich den kalten Hass und die Menschenverachtung, mit der Zeitungen, wie etwa die Bild-Zeitung, aber auch Politiker die Notwendigkeit des Wegsperrens Andersdenkender im Munde führen. „Zentralstellen für die Zwangseinweisung" ist eine dafür gebräuchliche, neue Wortschöpfung, die verharmlosend versucht, das zu verschleiern, was dort mit Menschen geschieht.

Hat Berlin nicht genügend solcher Zentralstellen der Zwangsdeportation, etwa in der Großen Hamburger Straße in Mitte, der Levetzowstraße in Moabit oder der Putlitzbrücke zwischen Moabit und Wedding, um nur die Bekanntesten zu nennen? Kann man nach den Erfahrungen, wie man damals mit den sogenannten Volksschädlingen umging, eine vergleichbare Nummer, wenn auch mit dem scheinbar harmloseren Begriff der Corona Leugner, erneut aufziehen? Man kann, ganz augenscheinlich. Sind die Begriffe Volksschädling und Coronaleugner so weit voneinander entfernt?

Wenn in grünen Netzwerken und E-Mai-Verteilern ein Wegsperren wie selbstverständlich gefordert wird, ohne dass dem entschieden widersprochen wird, dann befindet man sich in enger geistiger Nachbarschaft zu den Urhebern von Verfolgung und Vernichtung Andersdenkender im Faschismus. Aus provisorischen KZs wurden effiziente Mordfabriken. Das sollte man nicht vergessen. Wohin entwickeln sich umfunktionierte Flüchtlingslager in Brandenburg oder Sachsen?

Wo steht ein deutscher Außenminister, der einmal als Motivation und Ausgangspunkt seiner Politisierung den Holocaust nannte, wenn er heute öffentlich zum Besten gibt, wer sich nicht impfen lassen wolle, dürfe auch nicht mehr in Lebensmittelgeschäften einkaufen? Mir sind noch die Erzählungen meiner Tante im Ohr, in welche Not sie nach der Freilassung aus dem KZ das über sie verhängte Berufs- und Beschäftigungsverbot gestürzt hatte. Wer nicht mehr einkaufen darf, überlebt nur noch durch die Hilfe und Solidarität anderer, Menschen. Ist das die Vision des immer gut gekleideten SPD-Politikers?

Es geht hier nicht darum die Vergleichbarkeit des Frühjahres 1933 mit dem Frühjahr 2021 zu beschwören. Aber Worte sind immer Anfang und Ausgangspunkt von Taten. Wer Andersdenkende in Lager sperren will und dies auch noch öffentlich kundtut, ist mit einem Bein bereits zum Täter geworden. Das ist eine der Lehren des 7. April 1933, die mir präsent ist. Jedes Jahr genau an diesem Tag. Deswegen ist es kein harmloser Fauxpas öffentlich nach Lagern zu rufen. Es ist eine moralische Disqualifizierung.


Mehr im Internet:
BILD vom 15.01.2021
Gedenkort Papestraße
Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums
Margarete Kubis, 1896 - 1982, in Virtuelles Denkmal „Gerechte der Pflege"
Nicht misshandeln. Das Krankenhaus Moabit: 1920-1933, ein Zentrum jüdischer Ärzte in Berlin

 

 

 

 

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