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Politik

01.05.2021 - GESCHICHTE

Er dirigierte die Welt nach den naemlichen Gesetzen wie ein Theater

Vor 200 Jahren starb Napoleon Bonaparte

von Josef Tutsch

 
 

Napoleon, Gemälde von
Jacques-Louis David, 1812,
National Gallery of Art, Wa-
shington - Bild: Wikipedia

„Was für ein Massaker!“, sagte der französische Marschall Michel Ney, als die Schlacht gegen russische und preußische Truppen bei Preußisch-Eylau in der Nähe von Königsberg am 9. Februar 1807 zu Ende gegangen war. „Und ohne Ergebnis!“ Auf beiden Seiten waren jeweils um die 15.000 Soldaten gefallen. Anders als Napoleon das von seinen Schlachten gewöhnt war, hatte es keinen Sieger gegeben.

Und dann entfuhr dem Kaiser der Franzosen angeblich jener zynische Satz, der bis heute sein Bild bei der Nachwelt prägt: „Eine Nacht in Paris wird das alles wettmachen.“ Mag sein, dass dieser Ausspruch nicht authentisch ist. Aber er trifft etwas Richtiges: Napoleon Bonaparte, der am 5. Mai 1821, vor 200 Jahren, auf St. Helena verstarb, war bereit, Tausende und Abertausende von Menschen zu opfern, wenn es ihm politisch angebracht schien. Die Historiker schätzen, dass in seinen Kriegen zwischen 2,5 und 3,5 Millionen Soldaten ums Leben kamen. Außerdem mindestens 1 Million Zivilisten, vielleicht aber auch bis zu 3 Millionen.

Als „des Satans ältesten Sohn“ titulierte ihn Ernst Moritz Arndt. Und auch Goethe, der ihn immer bewunderte, gestand ein: Er „trat das Leben und das Glück von Millionen mit Füßen“. Sein Gespräch mit dem Tyrannen im Oktober 1808 in Erfurt betrachtete der Dichter als einen Höhepunkt seines Lebens: Der Beherrscher Europas hatte sich herabgelassen, mit ihm über Fragen der Poesie zu diskutieren. In Napoleon spürte er einen Geistesverwandten. Er „gab zu verstehen, dass Napoleon ungefähr die Welt nach den nämlichen Gesetzen dirigiere wie er das Theater“, vermerkte der Schriftsteller Johann Daniel Falk, dem Goethe wenige Tage nach der Unterredung davon berichtete.

„Wie das Theater“, mit den Menschen als bloßen Rollen auf einer Bühne … Hegel sprach vom „Weltgeist zu Pferde“, nachdem er den vorbeireitenden General bei der Einnahme von Jena 1806 gesehen hatte. Die napoleonischen Kriege gaben ihm den entscheidenden Anstoß, die Geschichte als eine große „Schlachtbank“ zu interpretieren – mit der Erwartung, nur durch eine unendliche Folge von Menschenopfern hindurch könne der „Geist“ zu seiner Selbstverwirklichung gelangen.

Napoleon, konstatierte der Historiker Günter Müchler in seiner Biographie, die vor zwei Jahren, zum 250. Geburtstag herauskam, wurde von der Geschichtswissenschaft wie von der Öffentlichkeit gern als Beleg dafür genommen, dass es doch die „großen Männer“ sind, die „Geschichte machen“. „Groß“ in dem durch und durch amoralischen Sinn, dass es im Rückblick unmöglich ist, sich einen Fortgang der Geschichte ohne ihr Wirken vorzustellen. Für die antike Geschichte wäre hier an Alexander von Makedonien zu denken, der durch die Eroberung des Perserreichs die griechische Welt nach Asien hin öffnete – eine frühe Globalisierung, wenn man so will. Und für die europäische Neuzeit eben an Napoleon. Durch seine Karriere vom Sohn eines korsischen Advokaten zum Kaiser der Franzosen und zum Beherrscher Europas demonstrierte er aller Welt, dass die große Politik kein Reservat von Fürsten ist, die durch Erbfolge auf ihren Thron gelangt sind.

Hatte Napoleon, dieser „Regisseur“ des Welttheaters, eigentlich ein Konzept davon, wie er Europa umgestalten wollte? War es seine Absicht, die Revolution, die seinen Aufstieg möglich gemacht hatte, fortsetzen und vollenden oder wollte er ihr ein Ende machen? Blickt man auf den Titel, den Napoleon sich verlieh, wird man zu dem Schluss kommen, dass er offenbar beides im Sinn hatte: „Von Gottes Gnaden und aufgrund der Verfassung Kaiser der Franzosen“. „Von Gottes Gnaden“: In dieser Floskel lag eine Rückkehr zur sakral legitimierten Monarchie, der Anspruch auf die Nachfolge der Bourbonenkönige. „Aufgrund der Verfassung“: Das war das Erbe der Revolution. Sie hatte Frankreich zwar die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegeben, aber keine politische Stabilität.

Durch ein Plebiszit ließ Napoleon sich in seiner Macht bestätigen – „pseudodemokratisch“, wie wir das heute nennen würden. Nein, mit „liberté“, politischer Freiheit oder Volkssouveränität, hatte Napoleon nichts im Sinn. 1814, nachdem er aus der Verbannung nach Elba zurückgekehrt war, verhandelte er mit dem Staatstheoretiker Benjamin Constant über eine neue Verfassung für das Kaiserreich. Nun versprach er eine im Wortsinn „konstitutionelle“ Monarchie, die der kaiserlichen Macht Fesseln anlegen würde.

Bonaparte auf der Brücke von
Arcole, 1799, Gemälde von
Antoine-Jean Gros (Schloss
Versailles) - Bild: Wikipedia



Eine Komödie, darf man mutmaßen. Constant hätte misstrauisch sein müssen. Wenige Tage zuvor hatte er Napoleon in einem Zeitungsartikel noch mit Attila und Dschingis Khan in eine Reihe gestellt. Doch Napoleon, nachdem er in Paris eingezogen war, sah über diese Beschimpfung generös hinweg und lud seinen Kritiker zur Audienz in die Tuilerien. Constant erlag dem Charme des „Hunnenkönigs“. Zur Probe, wie Napoleon es wirklich mit der Konstitution Ernst halten wollte, kam es nicht. Drei Monate später brach das Empire zusammen.

Mit der zweiten Forderung der Revolution, der „égalité“, der Gleichheit vor dem Gesetz, muss es ihm dagegen sehr ernst gewesen sein. Einige Wochen vor der Kaiserkrönung führte er den Code civil ein, den er selbst später als seine größte und bleibende Leistung betrachtete. 1814 widersetzte er sich hartnäckig der Forderung Constants, die Konfiskation des Adelsbesitzes als unrechtmäßig zurückzunehmen. Napoleon wusste genau: Dadurch hätte er sich die Unterstützung der bürgerlichen Schichten, die seine Herrschaft trugen, verscherzt.

Die „fraternité“ allerdings, die Brüderlichkeit … In seinem Testament, das er im Frühjahr 1821, kurz vor seinem Tod am 5. Mai, verfasste, sprach Napoleon vom „französischen Volk, das er so sehr geliebt“ habe. Ob er dabei auch an die Opfer dachte, die seine Kriege diesem Volk abverlangt hatten? Da hat Müchler ein hartes Urteil gefällt: Für Napoleon war das „Volk“ vor allem ein „Objekt“, „eine Vielheit, für deren Wohlergehen man sorgen sollte, die auch ‚gehoben‘ werden musste durch Bildung, die man aber vor allem für die Armee brauchte und für Plebiszite“.

Zu schweigen von den Opfern anderer Völker, die Napoleon als Erbe der Revolution der Theorie zufolge ja nicht bekriegen, sondern vielmehr befreien wollte. Sie hatten die Last der Kriege mitzutragen, profitierten aber nur sehr eingeschränkt von den Reformen. Um seine Herrschaft über Europa zu stabilisieren, war Napoleon auf die Kooperationsbereitschaft der Fürsten angewiesen. Nachdem er 1806 die Kontinentalsperre verfügt hatte, um Großbritannien niederzuzwingen, ließ er für Frankreich gelegentlich Ausnahmen vom Wirtschaftskrieg zu, der schließlich beide Seiten schädigte. Für die Verbündeten nicht. Umstände, die hinter Friedrich Nietzsches Aussage, Napoleon sei der einzige gewesen, „der bisher stark genug war, aus Europa eine politische und wirtschaftliche Einheit zu bilden“, doch ein großes Fragezeichen setzen.

Napoleon selbst zog, als er auf St. Helena seine Memoiren verfasste, das Fazit, er sei keineswegs „stark genug“ gewesen: „Die Wahrheit ist, dass ich niemals ganz Herr meiner Bewegungen war. Ich habe Pläne gehabt, aber niemals die Freiheit, sie auszuführen.“ Angeblich rang er sich auf dem Sterbebett sogar zu der Einsicht durch: „Ich war gezwungen, Europa durch Waffen gefügig zu machen, heute muss man mit Überzeugungen arbeiten.“

Ein General, der am Ende dazu gelangte, auch Ideen als wirkende Kräfte der Geschichte anzuerkennen? In seinen frühen Jahren war er es als selbstverständlich gewohnt, dass die Französische Revolution auch in den Nachbarländern faszinierte. Doch vor allem in Spanien stieß diese Faszination an ihre Grenzen: Nicht nur Adel und Dynastie, sondern große Teile des Volkes sperrten sich dagegen, dass Frankreich seine neuen politischen Strukturen exportierte.

Im linksrheinischen Deutschland dagegen setzte die Annektion durch Frankreich 1798 einen großen Modernisierungsschub in Wirtschaft und Verwaltung in Gang: mit Befreiung der Bauern, Aufhebung des Zunftzwangs, Abschaffung der Adelsprivilegien, Aufbau eines leistungsfähigen Schulsystems usw. usf. Der Rheinbund jedoch, mit dem Napoleon auch die Staaten rechts des Rheins näher an Frankreich heranführen wollte, kam niemals über den Status einer Militärallianz hinaus. Als Musterstaat, der für das französische Vorbild in Deutschland werben sollte, war das „Königreich Westphalen“ konzipiert, in dem Napoleon seinen Bruder Jérôme zum König einsetzte. In der Praxis wurde Westphalen, wie die anderen Vasallenstaaten auch, als Ersatzreservoir genutzt, militärisch wie ökonomisch.

1807 installierte Napoleon ein „Herzogtum Warschau“, mit dem König von Sachsen als formellem Staatsoberhaupt. Die Leibeigenschaft der Bauern sollte unverzüglich abgeschafft werden, sie war mit seinen Vorstellungen von bürgerlicher Gleichheit unvereinbar. Aber auch da geriet er mit seinen eigenen Interessen in Konflikt: Wollte er sich einen zukünftigen Krieg gegen Russland nicht von vornherein verbauen, durfte er den polnischen Adel nicht verärgern.

Napoleons "Adieux" in Fontainebleau, 1815
Gemälde von Antoine-Alphonse Monfort
(Schloss Versailles) - Bild: Wikipedia 


Je länger, je mehr musste sich Napoleon an allen Fronten mit Behelfskonstruktionen begnügen. Und er hetzte, wie Müchler festgestellt hat, „von einer Reparaturbaustelle zur nächsten“, „Reaktion verdrängte Gestaltung“. Es war die pure Verzweiflung, die ihn 1812, nachdem der Wirtschaftskrieg gegen Großbritannien keinen Erfolg gebracht hatte, zum Russlandfeldzug trieb: Das Zarenreich wollte sich den französischen Plänen nicht unterordnen.           

Sein Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand hatte bereits Jahre zuvor gemahnt, das Empire nicht zu überdehnen. Aber Napoleon wusste: Es war ein Lebensgesetz seiner Herrschaft, dass sie sich beständig steigern musste. Auch in dieser Hinsicht war der Kaiser der Erbe der Revolution. Sie hatte ein neues Moment in die europäische Politik hineingebracht: Ihre Ideen waren von vornherein darauf angelegt, universal zu gelten und sich universal durchzusetzen.

Zeitlebens nagte an Napoleon das Bewusstsein, dass seine Herrschaft irgendwie „illegitim“, sein kaiserlicher Thron ein großes Theater sei. „Eure Herrscher, geboren auf dem Thron“, sagte er 1813, unmittelbar bevor die „Befreiungskriege“ ausbrachen, zu Österreichs Staatskanzler Fürst von Metternich, „können sich zwanzigmal schlagen lassen und doch immer wieder in ihre Residenz zurückkehren. Das kann ich nicht, der Sohn des Glücks. Meine Herrschaft überdauert den Tag nicht, an dem ich aufgehört habe, stark und folglich gefürchtet zu sein.“

Dabei wusste Napoleon natürlich genau, dass er sein „Glück“ mit ungeheurer Energie selbst herbeigezwungen hatte. Es wird diese prekäre Mischung von begründetem Überlegenheitsgefühl und dem Bewusstsein drohender Instabilität gewesen sein, die ihn gelegentlich dazu verleitete, seine hochwohlgeborenen Partner offen zu brüskieren. In Erfurt lud er Prinz Wilhelm von Preußen zur Hasenjagd ein – ausgerechnet auf das Schlachtfeld von Jena, wo die französische Armee zwei Jahre zuvor den Staat Friedrichs des Großen zu Boden geworfen hatte.

„Er hat die Unzulänglichkeit der übrigen Regenten aufgedeckt“, stellte Goethe dazu später lakonisch fest. Und dennoch – in den „Befreiungskriegen“ gelang es diesen verachteten Repräsentanten des ancien régime, den Kaiser der Revolution vom Thron zu stoßen. Ermöglicht wurde ihnen dieser Sieg durch die Mobilisierung der Volksmassen. Frankreich hatte versucht, die Ideen seiner Revolution in andere Länder zu „exportieren“. Die ungewollte Folge war, dass sich vor allem in Deutschland ein neues nationales Selbstbewusstsein ausbildete – in oft aggressiver Wendung gegen Frankreich. Der Solidarisierung breiter Bevölkerungsschichten mit „ihren“ angestammten Monarchen vermochte das „fremde“ Universalkaisertum nicht standzuhalten.


Neu auf dem Büchermarkt:

Günter Müchler: Napoleon. Revolutionär auf dem Kaiserthron, Wissenschaftliche Buchgesellschaft/Theiss Verlag, 623 S. mit 30 s/w. Abb., ISBN 978-3-8062-3917-1, 24,00 €


Mehr im Internet:

Napoleon - Wikipedia 
scienzz artikel Revolution und Napoleon

 

 

 

 

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