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Wissenschaft

10.04.2021 - FILM

Mein Name ist Bond, James Bond

Ueber eine Ikone der modernen Unterhaltungsindustrie

von Josef Tutsch

 
 

Der erste James-Bond-Darsteller, Sean
Connery, Fotografie von Rob Mieremet
Bild: Nationaal Archief Den Haag/Wikip.

1982, erzählt der Literatur- und Kulturwissenschaftler Wieland Schwanebeck von der TU Dresden in seinem neuen Buch über die James-Bond-Filme, besuchte ein Fernsehteam der BBC die Dreharbeiten zu „Octopussy“. Der Reporter versuchte, Hauptdarsteller Roger Moore Einzelheiten zum Plot zu entlocken. Moore war wohl ein bisschen amüsiert, dass sich das Interesse ausgerechnet auf die Handlung richtete – er hatte längst begriffen, dass es in einem James-Bond-Film darauf am allerwenigsten ankam, immerhin war es bereits sein sechster Einsatz „im Dienste Ihrer Majestät“. Er antwortete also trocken, es gehe „um so einen Geheimagenten namens James Bond“.

Doch der Reporter blieb hartnäckig. Nach einer kurzen Denkpause schob der Schauspieler hinterher: „Es gibt auch einen Schurken.“ Auf eine weitere Nachfrage hätte Moore vermutlich gesagt, auch bei diesem Abenteuer werde sein Bond am Ende die Oberhand gewinnen. Wäre er zugleich Literaturhistoriker gewesen, hätte er auch sagen können: Lesen Sie die großen Heldenepen der Weltliteratur – „never change a winning formula“, warum ein Bauprinzip ändern, das beim Publikum immer noch verfängt?

Seit seinem ersten Auftreten 1962 hat James Bond inzwischen 25 Abenteuer absolviert, das Einspielergebnis für die Filmreihe liegt nach heutigem Geldwert bei sagenhaften 16 Milliarden US-$. Mit der Anweisung „Geschüttelt, nicht gerührt“ gingen die Trinkgewohnheiten des Helden (pro Film jeweils 1 Wodka Martini) in die Alltagskultur ein. Für Fans, die sich in die Rolle hineinversetzen wollen: Man nehme 1 Maß Wodka, ½ Maß Kina Lillet sowie 3 Maß Gordon‘s. In einem Tumbler mit Eis schütteln, dann servieren in einem tiefen Champagnerkelch mit einem großen, schmalen Stück Limonenschale.

Weiter mit der Statistik. In diesen 25 Filmen hat Bond 54 sexuelle Eroberungen getätigt und etwa 600 Gegenspieler beseitigt. Nun ja, diese letzte Zahl ist etwas irreführend, in einem Film ereignet sich eine Explosion, bei der gleich mehrere hundert „Böse“ ihr Ende finden. In James-Bond-Filmen wird mitleidlos getötet, das führte dazu, dass die Freiwillige Selbstkontrolle in Deutschland bis in die 1990er Jahre eine Freigabe erst ab 16 erteilte. Und es wird ebenso hemmungslos geliebt. Davon ist allerdings mehr das „Davor“ und das „Danach“ zu sehen. So maßlos sich Bond auch gebärdet – die Filme müssen einigermaßen familiengerecht bleiben.

Was allerdings ganz und gar nicht familiengerecht ist: Liebe und Verrat – beides gehört in dieser Welt zusammen. Wenn man überhaupt von „Liebe“ sprechen will. Am Anfang des Films „Der Spion, der mich liebte“, 1977, rast Roger Moore in mörderischem Tempo eine Skipiste hinab, vier Schergen eines gegnerischen Geheimdienstes dicht auf seinen Fersen. Wenige Minuten zuvor teilte er noch mit einer jungen Schönheit das Bett – kein Zweifel, dass sie die Verfolger auf den Plan gerufen hatte. Doch wie gewohnt nimmt Bond  das eine wie das andere sportlich, das Lieben wie das Töten.

Wäre der BBC-Reporter bei seiner Recherche zu „Octopussy“ firm gewesen, hätte er statt nach der Handlung vielmehr nach den Waffen fragen müssen, mit denen Bond diesmal alle Bedrohungen abwehren und umkehren würde. Was zählt, ist der Überraschungseffekt. Da gibt es zum Beispiel Gewehre im Skistock, Handys mit Elektroschocker, Kugelschreiber, die eigentlich Pistolen sind – oder auch Giftspritzen. Einmal stellt sich plötzlich heraus, dass Bonds Brille auch zu Röntgenblicken zu gebrauchen ist, ein andermal, dass in seine Hose Kletterhaken eingelassen sind oder in seine Schuhabsätze Peilsender.

Nach jedem Film ist die Presse voll mit Artikeln, in denen bewiesen wird, dass die Physik dieser Filmwelt ganz und gar unmöglich ist. Die Zuschauer haben sich davon bislang nicht beeindrucken lassen. Die Leser von „Grimms Märchen“, meint Schwanebeck, nehmen ja auch keinen Anstoß daran, dass Wölfe und Frösche sprechen können. Die Raffinesse der James-Bond-Romane und -Filme liegt darin, dass die Geschichten in der uns vertrauten Topographie und Zeitrechnung spielen, mit den uns vertrauten Markenprodukten – und dennoch bei Bedarf immer mal wieder die Naturgesetze ignorieren.

Der Aston Martin aus "Goldfinger" auf
Werbetour, 2009 - Bild: EPei/Wikipedia


Alles zu einem einzigen Zweck, den das Publikum bereits zu Beginn des Films voraussehen kann. „You have a nasty habit of surviving“, sagt der Gegenspieler in „Octopussy“, 1983, zu Bond, „du hast eine hässliche Angewohnheit, dauernd zu überleben“. Aber immer mit knapper Not, versteht sich: Der Timer der radioaktiven Sprengladung in „Goldfinger“, 1964, wird erst bei Sekunde 007 gestoppt. Bereits Flemings Romane sind durch ein rasantes Erzähltempo gekennzeichnet. Schwanebeck hat einen Brief des Verlags gefunden, in dem es heißt, vielleicht sollte er doch nicht  so viele Sätze mit einem „und“ beginnen. Schließlich wolle der Leser auch mal durchatmen.

Ein Superheld, der alle seine Abenteuer überlebt hat und wohl auch weiter überleben wird – vorausgesetzt, dass Publikum und Produzenten nicht die Lust daran verlieren. Fleming hatte sich bereits bei Band 5 seiner Romanreihe überlegt, ob nicht Zeit für einen Schluss sei. Bond sinkt bewusstlos zu Boden, nachdem ihn eine vergiftete Klinge verletzt hat, die im Schuh einer scheinbar harmlosen alten Frau versteckt war. Doch das Publikum akzeptierte nicht, dass Bond tot sein könnte, Fleming musste bis zu seinem eigenen Tod 1964 weiter James-Bond-Romane schreiben.

In der Filmreihe, berichtet Schwanebeck, wurde dieser Cliffhanger bisher sechsmal wiederholt. Aber jeweils mit der beruhigenden Versicherung „James Bond will return“. Während Fleming in seinen letzten Romanen den Helden, der nicht sterben durfte, immerhin mit ersten Anzeichen des kommenden Alters versah, bleibt die Bond-Figur der Filme immer auf der  Höhe ihrer sportlichen Leistungsfähigkeit, vielleicht Anfang 40, auf keinen Fall viel älter.

Immer wieder wird der Sportlichkeit des Helden durch Prothesen und Taschenspielertricks künstlich aufgeholfen, von magnetischen Uhren bis zu manipulierten Spielkarten. Der Ausgang der Geschichten ist voraussehbar, der Sieger steht von vornherein fest. Ihre Strahlkraft beziehen die Filme, wie es der Medienwissenschaftler Umberto Eco einmal formuliert hat, aus den „virtuosen Einfällen“, mit denen dieses Finale hinausgeschoben wird.

Einige besonders skurrile Einfälle, berichtet Schwanebeck, wurden dann doch nicht realisiert. Im ersten Film der Reihe, „James Bond jagt Dr. No“, 1962, sollte der „böse“ Gegenspieler ursprünglich ein hyperintelligenter Affe sein. Bei irgendeinem Film gab es die Idee, Bond könnte sich vor seinen Verfolgern in eine Kirche flüchten und sich dort als Jesus am Kreuz tarnen. Davon nahm das Team dann aber Abstand, vermutlich, um religiöse Empfindlichkeiten zu schonen.

Bei all dem, was heute „political correctness“ heißt, sind die James-Bond-Produzenten seit einem halben Jahrhundert viel weniger rücksichtsvoll. Die ersten Filme entstanden in den 1960er Jahren, auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs. Seinem Selbstverständnis nach kam Bond aber aus einer noch viel älteren historischen Epoche. Er entstand, so Schwanebeck als „Produkt einer unterdrückten Trauer über den Bedeutungsverlust des britischen Empires“. Und dieses Empire erforderte einen Helden von überragender „Männlichkeit“. Die Werbewirtschaft hat dieses Ideal dankbar aufgenommen. „Unlock the 007 in you!“ propagierte 2012 zum Kinostart von „Skyfall“ eine Getränkefirma.

Virilitätsbeweise im Kampf wie in der Liebe. Dazu gehört einerseits Bonds „Gewerbeschein“, wie Schwanebeck das nennt, die „Lizenz zum Töten“, wie es der Titel des Films von 1989 mit unnachahmlicher Präzision formulierte, andererseits die Rolle, die den „Bond-Girls“ ein für allemal zugeschrieben ist, ihre sexuelle Verfügbarkeit. Kein Wunder, dass Bond seine Männlichkeit als Waffe einsetzt – eine Waffe, die viel wirksamer ist als manche der technischen Spielereien. In „Liebesgrüße aus Moskau“, 1963, will eine sowjetische Agentin ihm Liebe vorspielen, um den Kalten Krieg über einen erotischen Zweikampf zu entscheiden. Natürlich verfällt sie Connerys Charme.

Seit den 1990ern gab es Bemühungen, die Reihe einem modernen Frauenbild anzupassen: Bond erhielt eine Frau als Chefin des Geheimdienstes und musste sich als „sexistischer Dinosaurier“ beschimpfen lassen. Was es allerdings mit diesem Sexismus jenseits der bramabarsierenden Sprüche des Helden wirklich auf sich hat – das bleibt hinter dem Anspruch auf „familiengerechte Handlung“ verborgen. Schwanebeck: „Wenn man die entsprechende Altersfreigabe sichern will, dürfen zwar gesichtslose Handlanger über den Haufen geschossen, aber keine primären Geschlechtsmerkmale entblößt werden.“

Der aktuelle James Bond-Dar-
steller, Daniel Craig - Bild:
www.GlynLowe.com/Wikipedia 


Jedenfalls bleiben Bonds erotische Eskapaden eher beiläufig. In „Der Mann mit dem goldenen Colt“, 1974, verfrachtet Moore eine Gespielin in den Kleiderschrank, um Platz für die nächste zu schaffen: „Deine Stunde kommt auch noch, ich versprech‘s dir!“ Im Grunde, meint der Autor, hält Bond seit mehr als einem halben Jahrhundert einer einzigen Frau die Treue, der Queen des Vereinigten Königreiches, in deren Geheimdienst er arbeitet. James Bond ist nicht nur „Großbritanniens profitabelster Kinoexport“, sondern auch die zur Filmfigur gewordene Phantasie von einer vermeintlich guten, alten Zeit, als das Empire noch eine Weltmacht war.

Bedroht wird dieses  Empire nicht nur durch konkurrierende Supermächte, die es in der Realität längst abgelöst haben, sondern vor allem durch größenwahnsinnige Plutokraten. Oft flirten sowohl die Romane als auch die Filme bei der Zeichnung dieser Bösewichte mit dem puren Ressentiment – nicht einmal unbedingt aus ideologischen Gründen, sondern aus dramaturgischer Notwendigkeit. Damit der Held einen Drachen töten kann, braucht die Geschichte nun einmal einen Drachen, meint Schwanebeck achselzuckend.

Bei der Zeichnung dieser „Drachen“, also der schurkischen Gegenspieler des Helden, bediente sich bereits Fleming ohne jede Scheu vor dem Makabren im Stereotypen-Repertoire der Kriminal- und Spionageliteratur. Zum Beispiel der Terrorismus-Financier Le Chiffre in „Casino Royale“ ist zwar intellektuell hochbegabt, aber völlig humor- und empathielos, äußerlich wie charakterlich „hässlich“, er wirkt effeminiert, ist kein „richtiger“ Mann. Bei seinerkörperlichen Erscheinung spielte Fleming sogar mit antisemitischen Klischees. Einen Höhepunkt von Bedenkenlosigkeit leistete sich jedoch der Film „In tödlicher Mission“, 1981: Bond „entsorgt“ seinen behinderten Gegenspieler in einem Industrieschornstein.

Manche der „Bond-Schurken“ kamen auch dem Bild vom Nazi-Deutschen entgegen, das in Großbritannien in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg populär war. In „Moonraker“, 1979, wählt ein gewisser Hugo Drax erlesene Exemplare der „Herrenrasse“ aus und schießt sie auf einer Arche in den Weltraum. Mit ihren Nachkommen sollen sie später zurückkehren und eine neue Menschheit begründen.

An die Zeugung einer Herrenrasse denkt Bond nicht, nachdem er Drax‘ diabolische Pläne vereitelt hat und ihm zum Lohn die schöne Wissenschaftlerin zugefallen ist. Aber die Phantasie von finaler Überlegenheit prägt die Bond-Filme und ihren Helden durchweg. Darin liegt die Gefahr der Langeweile: Kämpfe, bei denen der Sieger von vornherein feststeht, sind für das Publikum ohne Spannung. Aber bislang haben es die Produzenten geschafft, den Weg zum Finale noch in jedem Film mit der nötigen Abwechslung zu gestalten. Manchmal sogar ohne Waffen und Gewalt: In „Octopussy“ zähmt Bond einen wilden Tiger mit der simplen Anweisung „Sitz!“

Bei Madame Tussaud in London stehen die sechs James-Bond-Darsteller einträchtig vereint in einer Reihe, von Sean Connery über Georges Lazenby, Roger Moore, Timothy Dalton und Pierce Brosnan bis zu Daniel Craig. Alle in schwarzen Anzug mit Fliege gekleidet, wirken sie beinahe wie Replikanten: Bond kann nicht sterben, er wird ausgetauscht und magisch verjüngt. Und sie alle sagen „Mein Name ist Bond. James Bond“ – bis heute das wahrscheinlich bekannteste aller Filmzitate. Bei den Arbeiten zum Film „Skyfall“ wurde sogar erwogen, ob Bonds Festung nicht durch eine „Armee“ ehemaliger Bond-Darsteller verteidigt werden sollte, sie hätten diesen Spruch im Chor vortragen können. Der Flughafen Köln/Bonn hat ihn sich zunutze gemacht. Im Tonfall des Originals werden die Besucher begrüßt mit „Willkommen in Bonn, Köln/Bonn“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Wieland Schwanebeck: James Bond. 100 Seiten, Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2020, 108 S. mit 15 Abb. und Infograf., ISBN 978-3-15-020577-8, 10,00 €


Mehr im Internet:

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