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Wissenschaft

21.04.2021 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Die faustische Allseitigkeit des Menschentums

Eine Geschichte der Spezialisierung und des Universalitaetsstrebens in der Wissenschaft

von Josef Tutsch

 
 

Alexander von Humboldt, Por-
trait von Karl Joseph Stieler,
1843 - Bild: Wikipedia

Hätten Sie‘s gewusst? Ein Literaturkritiker, der sich auch als Schmetterlingsforscher und mit dem Austüfteln von Schachproblemen einen Namen machte? Die Lösung lautet: Vladimir Nabokov, heute besser bekannt als Autor des Romans „Lolita“. Oder ein Verwaltungsbeamter, der das Datum der Weltschöpfung zu berechnen versuchte und eifrig nach der Kunst forschte, aus Quecksilber Gold zu machen? Isaac Newton, der Begründer der „klassischen“ Mechanik.

„The Polymath“ hat der britische Kulturhistoriker Peter Burke sein Buch zur Wissenschaftsgeschichte betitelt, das letztes Jahr im Original herauskam. Der ursprünglich griechische Begriff „polymathia“ meint soviel wie „Gelehrsamkeit auf vielen Gebieten“, mit abwertendem Klang auch „Vielwisserei“. Als deutsche Entsprechung zu „polymath“ war früher „Polyhistor“ gebräuchlich. Inzwischen ist dieses Wort allerdings derart veraltet, dass der Übersetzer Matthias Wolf sich lieber mit der etwas pathetischen Umschreibung „Giganten der Gelehrsamkeit“ beholfen hat.

Burke bietet einen umfassenden Überblick über die Geschichte des Bemühens um Universalität in der Wissenschaft, mit hunderten von Beispielen. Diese Fülle geht allerdings ein wenig auf Kosten einer gründlichen Analyse. Etwa Aristoteles, seit zweieinhalb Jahrtausenden der Paradefall eines Universalgelehrten, wird in einem einzigen Absatz abgehandelt. Da hätte sich der Leser schon einiges über die Arbeitsweise seines wissenschaftlichen Instituts gewünscht, das sich ebenso mit Zoologie beschäftigte wie mit Vergleichender Verfassungslehre, mit kosmologischer Spekulation wie mit der Dichtkunst.

Nicht im Text, wohl aber im Untertitel bringt die deutsche Übersetzung noch eine andere, durchaus problematische Assoziation hinein: „Universalgenies“. Richtig ist daran zweifellos, dass viele dieser Gelehrten sich auch auf Gebieten abseits der Wissenschaft betätigten – etwa in Literatur und Kunst wie Goethe. Oder auf die Politik der folgenden Generationen enormen Einfluss ausübten wie Karl Marx. Aber im Wort „Genie“ klingt unvermeidlich der Irrationalismus des Geniekults an, wie er im 18. Jahrhundert aufkam.

Der Wissenschaftsbetrieb der Gegenwart ist weitgehend vom Spezialistentum beherrscht. Aber auch von der Klage über dieses Spezialistentum. Burke zitiert den Science-fiction-Autor Robert Heinlein: „Spezialisierung taugt für Insekten.“ Man kann fragen, ob diese Klage so ganz berechtigt ist. Wahrscheinlich kamen bereits die ersten Ackerbauern nicht ohne Spezialisten aus, die sich zum Beispiel mit dem Sternenhimmel intensiver befassen konnten, als das dem Großteil der Gesellschaft möglich war. Um die Ernte im Herbst zu sichern, musste für die Aussaat im Frühjahr der geeignete Zeitpunkt gefunden werden.

Das wird andererseits auch Misstrauen gegenüber solchem Herrschaftswissen hervorgebracht haben – und eine Sehnsucht, diese Spezialisierung zu überwinden. Dabei war die Skepsis gegenüber der Realisierbarkeit dieses Wunsches bereits im alten Griechenland gegenwärtig, berichtet Burke. „Vielwisserei lehrt nicht, Vernunft zu haben“, polemisierte um 500 v. Chr. der Philosoph Heraklit. Manche berühmte Universalgelehrte waren wohl eher große Sammler und „Kompilatoren“. Zum Beispiel Plinius d. Ä., der im 1. Jahrhundert n. Chr. eine enzyklopädische „Naturgeschichte“ verfasste. Oder der Bischof Isidor von Sevilla, der im frühen 7. Jahrhundert das Wissen der Spätantike nochmals zusammenfasste, von der Theologie bis zur Technik, und es dem Mittelalter überlieferte.  

Eine wichtige Triebkraft, die immer wieder Universalgelehrte hervorbrachte, hat Goethe in seinem „Faust“ in Worte gefasst: „dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Der Verfasser von Goethes Vorlage, dem „Faustbuch“ von 1587, sah dieses Bestreben sehr kritisch: Entfesselter Wissensdurst kann geradewegs in die Hölle führen. Noch der junge Isaac Newton, berichtet Burke, wurde von Gewissensbissen geplagt, ob es nicht eine Sünde sei, dass sein Herz mehr am Wunsch nach Erkenntnis hänge als an der Frömmigkeit. Da hat erst die Aufklärung die Wertung umgekehrt.

Skizze für eine Flugmaschine von Leonardo
da Vinci, um 1488 - Bild: Wikipedia 


Goethe lieferte in seiner „Faust“-Dichtung aber auch gleich eine parodistische Karikatur des Erkenntnisideals: „Zwar weiß ich viel, doch möcht‘ ich alles wissen“, legte er Fausts lerneifrigem Famulus Wagner in den Mund. Und dem klugen Teufel Mephisto eine beißende Kritik dieser Pseudo-Universalität: „Fehlt leider nur das geistige Band.“ Bei einem „wirklichen“ Universalgelehrten wie Leonardo da Vinci lag die Gefahr etwas anders. Leonardo hatte, wie seine Notizenbücher belegen, immer das große Ganze im Sinn, nämlich seine Naturphilosophie. Doch er neigte dazu, sich zu verzetteln, schreibt Burke, vollendete nur wenige Gemälde und keine einzige der vielen geplanten Abhandlungen. 

Er entsprach auch in keiner Weise dem Idealbild von universaler Gelehrsamkeit, das seine Zeitgenossen kultivierten, dem „uomo universale“. Der italienische Schriftsteller Baldassare Castiglione forderte 1528, ein vollendeter „Hofmann“ müsse selbstverständlich ein versierter Kämpfer sein, aber darüber hinaus in den Wissenschaften gebildet, „mehr als mittelmäßig“, und er solle in Malerei, Musik und Tanz reüssieren. Im Grunde also weniger ein Gelehrter, im Sinne eines Wissenschaftlers, der von seiner wissenschaftlichen Arbeit leben muss, als ein ökonomisch von allen Zwängen freigestellter, universal gebildeter Mensch.

Wie schwierig es wurde, mit der enormen Expansion des empirischen Wissens vor allem im 17. Jahrhundert umzugehen, zeigt Burke am Beispiel des Jesuiten Athanasius Kircher. Von seinen Zeitgenossen wurde er als „letzter Mensch, der alles wusste“, gerühmt. Und tatsächlich befasste er sich mit so gut wie allen Wissensgebieten, von der Mathematik bis zur Sinologie, von der Kompositionslehre bis zum Bergbau. Aber, so Burke, „seine Kritikfähigkeit war relativ schwach ausgebildet“.

Eine Generation später versuchte ein Gottfried Wilhelm Leibniz noch einmal, alle Gebiete des Wissens zu beherrschen. „Er konnte alle Wissenschaften gleichzeitig betreiben“, bescheinigte ihm nach seinem Tod 1716 sein französischer Kollege Bertrand de Fontenelle, ebenfalls ein sehr vielseitiger Gelehrter. Aber auch Leibniz hatte mit dem Leonardo-Syndrom seine Schwierigkeiten. „Ich habe viele Projekte verfolgt, aber kein einziges perfektioniert und komplettiert“, schrieb er in einem Brief.

Dennoch versuchte die Aufklärung im 18. Jahrhundert, das Ideal des universal gebildeten Menschen nochmals zu erneuern. Bei diesem „homme de lettre“ ging es nicht unbedingt um eigene Forschungen, sondern vor allem um die Vermittlung zeitgenössischer Denkströmungen an das Publikum, und zwar „in einer klaren, eleganten Form“. Statt der „hommes“ konnten es ebenso wie in der Renaissance übrigens auch „femmes“ sein, merkt Burke an. In den Salons der vornehmen Gesellschaft wurden die neuesten wissenschaftlichen Theorien ebenso leidenschaftlich diskutiert wie die Entwicklungen in der Literatur oder der Politik.

Zugleich allerdings häuften sich die kritische Einwände gegen die „Vielwisserei“. „Die Polymathie ist oft nicht mehr als eine konfuse Ansammlung nutzloser Kenntnisse, die nur zum Besten gegeben werden, um mit ihnen zu protzen“, urteilte zum Beispiel 1765 die „Encyclopédie“. Im frühen 19. Jahrhundert war Alexander von Humboldt einer der letzten Universalgelehrten, für den die heute so selbstverständliche Schranke zwischen den beiden „Kulturen“, Natur- und Geisteswissenschaften, noch kein Problem bildete.

Und innerhalb dieser Kulturen ereignete sich eine enorme Vervielfältigung von Spezialdisziplinen, der Bildungshistoriker John Ruscio sprach gar von einem „ehernen Gesetz“. Ein Spezialfall der zunehmenden Arbeitsteilung im Zeitalter der industriellen Revolution, kritisch gesehen: eine Form der „Entfremdung“. 1845 formulierte Karl Marx, selbst ein Universalgelehrter, in der „Deutschen Ideologie“ sein Unbehagen: In der kommunistischen Gesellschaft der Zukunft werde es jedem möglich sein, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu trieben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“.

Blick in die Staatsbibliothek Berlin, Gebäude  
am Kulturforum - Bild: Gunnar Klack/
Wikipediai


Aber es gab auch Verteidiger der Spezialisierung.  Sie ermögliche, argumentierte um 1900 der Soziologe Émile Durkheim, eine präzisere und „objektivere“ Erkenntnis als der Universalitätsanspruch, der sich unvermeidlich unter philosophische oder theologische Prämissen stellen müsse. Sein Kollege Max Weber erklärte „die Beschränkung auf Facharbeit, mit dem Verzicht auf die faustische Allseitigkeit des Menschentums“ in der heutigen Welt zur „Voraussetzung wertvollen Handelns überhaupt“. In einem abgewogenen Urteil versuchte sich 1901 der Soziologe Leonard Trelawny Hobhouse eine historische Bilanz versuchte, „die Effizienz und Genauigkeit moderner Wissenschaft. Ihr verdanken wir aber auch einen Verlust an Frische und Interesse, eine Schwächung wissenschaftlicher Phantasie und eine große Beeinträchtigung von Wissenschaft als Instrument der Erziehung.“

„Verzicht auf die faustische Allseitigkeit des Menschentums ...“ Oder Wissenschaft als eine moderne Form der Askese. Burke erinnert an die Etymologie des Wortes „Disziplin“. Es entstand in der Antike als Übersetzung des griechischen „askesis“, das soviel bedeutete wie „Training“ oder „Übung“. Das hindert natürlich nicht daran, dass der Traum von Universalität geblieben ist. In den akademischen Festansprachen von heute ist wahrscheinlich keine andere Vokabel derart verbreitet wie „Inter-“ oder „Multi-“ oder „Transdisziplinarität“. Mehr als eine rhetorische Pflichtübung? Seit dem 19. Jahrhundert, schreibt Burke, haben sich am Rande des akademischen Betriebs immer wieder informelle „Clubs“ gegründet, in denen Gelehrte den intellektuellen Austausch pflegten.

Eine Fortsetzung der „Salons“ des 18. Jahrhunderts, wenn man so will. Ein höheres Maß an Organisation weisen die „Regionalstudien“ auf, die nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in den USA ihren großen Aufschwung erlebten. An die Stelle der herkömmlichen Einteilung nach Disziplinen ist die nach Sprachen getreten. In diesem Fall weist Burke auch auf die handfesten politischen Interessen hin, in denen diese Regionalinstitute ihren Ursprung hatten: Die Regierung der USA verspürte enormen Bedarf nach wissenschaftlich fundierter Beratung.

Auch die „Kulturgeschichte“, als deren Doyen Peter Burke heute international bekannt ist, kann als Ansatz zu einer neuen Universalität gelten, der Autor spricht von einer „interdisziplinären Historiographie“. Doch es ist bezeichnend, dass sich auch gleich wieder neue „Subdisziplinen“ ausgebildet haben wie Biohistorie oder Umweltgeschichte, als Hybridformen der Geschichtswissenschaft mit anderen Disziplinen.

Welche Konsequenzen wird die „digitale Revolution“ für das Widerspiel zwischen Spezialisierung und Universalitätsstreben nach sich ziehen? Der Eindruck scheint unabweisbar, dass die gründliche und langsame Lektüre von Texten mehr und mehr einem „raschen Überfliegen von Informationen“ Platz macht. Als Folge lässt sich vermuten, dass es  für die Zukunft noch schwieriger wird, zwischen „Giganten der Gelehrsamkeit“ und bloßen „Scharlatanen“ zu unterscheiden. „Amateure“, „Dilettanten“, „Scharlatane“– seit jeher beliebte Schimpfwörter gerade für Gelehrte, die versuchen, die Grenzen „ihres“ Faches zu überschreiten. Burke nennt einige prominente Beispiele: Marshall McLuhan, Jacques Lacan, Michel Foucault, Jacques Derrida – gegen sie alle wurde der Verdacht erhoben, hinter ihrer scheinbaren Universalität verberge sich bloße Oberflächlichkeit.


Neu auf dem Büchermarkt:

Peter Burke: Giganten der Gelehrsamkeit. Die Geschichte der Universalgenies, aus dem Englischen von Matthias Wolf unter Mitarbeit von Ursula Wulfekamp, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2021, 320 S. mit Abb., ISBN 978-3-8031-3702-9, 29,00 €


Mehr im Internet:

Peter Burke, Giganten der Gelehrsamkeit, Verlag Klaus Wagenbach 
Universalgelehrter - Wikipedia 
scienzz artikel Wissenschaft

 

 

 

 

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