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12.05.2021 - GESCHICHTE

Ein Vorbild fuer alle Revolutionen der Moderne

vor 150 Jahren endete die Pariser Commune

von Josef Tutsch

 
 

Abzeichen der Nationalgarde, 1871
Bild: Wikipedia

Sein Name wäre längst vergessen, wenn ihm nicht das berühmteste seiner Beichtkinder, König Ludwig XIV., ein Landgut östlich von Paris als Alterssitz zur Verfügung gestellt hätte. Fast hundert Jahre nach dem Tod des Jesuitenpaters François d’Aix de Lachaise wandelte die Stadt Paris das Gelände zum Friedhof um. Heute pilgern die Fans von Jim Morrison und Edith Piaf, Sarah Bernhardt und Maria Callas, Molière und Frédéric Chopin, Oscar Wilde und Marcel Proust dorthin.

Und alle, die sich der sozialistischen Idee, in welcher Ausprägung auch immer, verpflichtet fühlen. Zwischen den Grabsteinen des Cimetière Père Lachaise verschanzten sich am 27. Mai 1871, vor 150 Jahren, die letzten Kämpfer der Pariser Commune. Sie wussten, dass die Schlacht um Paris verloren war. Die Truppen der „bürgerlichen“ Republik hatten bereits die gesamte Stadt eingenommen – bis auf diesen Friedhof. Am Morgen des 28. Mai wurden die letzten 147 Kommunarden vor einer Mauer dort erschossen. In den folgenden Jahrzehnten wurde diese „Mur des Féderés“ zum wichtigsten Wallfahrtsort der internationalen Arbeiterbewegung.

Und die „Commune“ selbst, wie es der Schriftsteller Sebastian Haffner ausdrückte, zur „Inspiration fast aller Revolutionen, die das 20. Jahrhundert erschüttert haben“: „Das Jahrhundert begann am 18. März 1871“, also mit dem Aufstand von Einheiten der Pariser Nationalgarde gegen die provisorische Regierung der Dritten Republik. „In Erwägung unserer Schwäche machtet ihr Gesetze, die uns knechten soll‘n“, dichtete 1934 Bert Brecht in seiner „Resolution der Kommunarden“. „Die Gesetze seien künftig nicht beachtet, In Erwägung, dass wir nicht mehr Knecht‘ sein woll‘n.“ Als die Sowjetunion 1964 das Raumschiff „Woschod 1“ in die Erdumlaufbahn schickte, war neben den Bildern von Marx und Lenin der Rest einer roten Fahne mit an Bord, die im Frühjahr 1871 über der Commune geweht hatte.

In den zwei Jahrzehnten zuvor war das glänzende Paris entstanden, wie wir es heute kennen. 1853 hatte Kaiser Napoleon III. den Stadtplaner Georges-Eugène Haussmann zum Präfekten des Departements ernannt. Durch das Gewirr der Altstadtstraßen ließ Haussmann großzügige Boulevards schlagen. Wahrscheinlich sollten sie, meint der Historiker Thankmar von Münchhausen in seiner Geschichte der Commune, gar nicht so sehr, wie im Rückblick oft behauptet wird, der kaiserlichen Armee ein freies Schussfeld gegen mögliche Barrikadenkämpfer eröffnen. Im Vordergrund stand die Intention, den ungehinderten Verkehr von Menschen und Waren zu ermöglichen.

Ergebnis war eine soziale „Entmischung“. Der Kaiser und sein Präfekt nahmen in Kauf, dass die ärmeren Schichten der Bevölkerung aus dem alten Zentrum vertrieben wurden. „Nicht für die Arbeiter wird die Stadt saniert“, schrieb 1868 der Journalist Émile Zola, der später mit seinem Romanzyklus rund um die Familie Rougon-Macquart weltberühmt wurde, „jeder neue Boulevard, der gezogen wird, drängt sie in größerer Zahl in die Vorstädte zurück.“ Der „rote Gürtel“ um Paris entstand. „Man hat zwei durchaus verschiedene und sogar feindliche Städte geschaffen“, analysierte ein Beobachter bereits 1869, „die Stadt des Luxus wird von einer Stadt des Elends eingeschlossen.“

Eine Explosion blieb zunächst aus. Dazu kam es erst, nachdem das Kaiserreich im Krieg gegen Preußen zusammengebrochen war. Im September 1870 wurde die Republik ausgerufen. In der Pariser Arbeiterschaft kam die Befürchtung auf, eine „bürgerliche“ Regierung könnte die vorsichtigen sozialen Reformen, die das Kaiserreich durchgeführt hatte, wieder zurückdrehen. Als die Wahlen zur Nationalversammlung im Februar 1871 eine konservative Mehrheit, erbrachten, stand sogar die Drohung im Raum, die Bourbonendynastie könnte wieder auf den Thron gerufen werden. Auch der Waffenstillstand, den die provisorische Regierung der Republik mit Preußen im Januar vereinbart hatte, rief in Paris Empörung hervor. Aufrufe zum „Widerstand bis zum Äußersten“ machten die Runde – gegen den äußeren Feind wie gegen die Regierung, die sich nach einigen verlorenen Schlachten in die militärische Niederlage ergeben hatte.

Kommunarden stürzen die Vendome-Säule,
Main  
1871, Aufnahme von André Adolphe
Eugène 
Disdéri - Bild: Wikipedia


In Teilen der Nationalgarde, einer Art Bürgerwehr, die in der Revolution von 1798 gegründet worden war, fand der Widerstand seinen organisatorischen Rückhalt. Bereits im September 1870 hatte es in ihren Reihen Anläufe gegeben, eine inoffizielle Gegenregierung zu bilden. Gegen einen äußeren Feind waren diese Bataillone mangels Ausbildung kaum einsatzfähig. Im Inneren jedoch konnten sie eine gefährliche Bürgerkriegsarmee bilden. Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck empfahl den Franzosen, die Nationalgarde aufzulösen. Doch Außenminister Jules Favre lehnte ab, er befürchtete ein Blutbad.

In Furcht vor dem, was kommen würde, verließen in den kommenden Wochen große Teile des Bürgertums die Stadt. Am 10. März beschloss die Nationalversammlung, die in Versailles zusammengetreten waren, vorläufig nicht nach Paris umzuziehen: Es gab keine Hoffnung, die Hauptstadt unter Kontrolle zu bringen. Zum militärischen Zusammenstoß kam es eher zufällig, als am 18. März Regierungstruppen versuchten, sich Kanonen wieder zu beschaffen, die von Nationalgardisten beschlagnahmt worden waren.

Das Projekt, das sich in diesen Tagen und Wochen in Paris ausbildete, inspiriert die politische „Linke“ bis heute. 1891 erklärte Friedrich Engels die Pariser Commune zum ersten Fall dessen, was Karl Marx als „Diktatur des Proletariats“ bezeichnet hatte: eines revolutionären Übergangs in die kommunistische Gesellschaft. Am 26. März wurden Wahlen durchgeführt, mit einer Beteiligung von fast 45 Prozent.

Politische Stabilität konnten sie nicht herbeiführen. Zeit ihres Bestehens wurde die Commune von inneren Auseinandersetzungen erschüttert. Viele Funktionsträger gerieten unter den Verdacht, mit der Regierung in Versailles zu konspirieren. Am 3. April wurde Kriegskommissar Jules-Henri-Marie Bergeret verhaftet. Einer Anekdote zufolge schrieb er an die Wand seiner Zelle eine Nachricht an seinen Nachfolger: „Bürger Cluseret, in einer Woche erwarte ich, Sie hier zu sehen.“ Ganz so schnell ging es dann doch nicht: Gustave Paul Cluseret amtierte bis zum 1. Mai, dann wurde auch er verhaftet.

In hektischer Betriebsamkeit versuchten die Führer der Commune, sich durch soziale und wirtschaftliche Reformen  die Gefolgschaft ihrer Anhänger zu sichern. Aufgelaufene Mietschulden wurden gestrichen, verpfändete Gegenstände wurden zurückerstattet, Fabriken, die ihre Eigentümer auf der Flucht vor der Commune verlassen hatten, wurden in Kollektiveigentum überführt. Kinder, deren Väter bei der Verteidigung von Paris fielen, sollten eine Pension erhalten.

Immerhin eine dieser Maßnahmen wurde später von der Republik übernommen und blieb in Frankreich bis heute bestehen: die konsequente Trennung von Kirche und Staat. Zunächst allerdings führte diese Reform dazu, dass Schulwesen und Krankenversorgung in Paris weitgehend zusammenbrachen. Von Verwaltung und Justiz bestanden ohnehin nur noch Reste: Ein Großteil der Beamten hatte die Stadt verlassen. Publikumswirksam waren vor allem die symbolischen Akte: die Wiedereinführung des Revolutionskalenders von 1792, die Zerstörung der Vendome-Säule, die an Napoleons Feldzüge erinnerte, die Stürmung von verruchten Cafés, in denen die „Cocottes“ arbeiteten.

Immer wieder kam es zu Scharmützeln mit den Truppen der Republik, die rund um Paris standen. Für den 3. April war ein „Spaziergang nach Versailles“ geplant, um dort die Nationalversammlung zu sprengen und die Mitglieder der Regierung zu verhaften. Das Vorhaben kam nicht zustande. Bismarck, inzwischen Kanzler des neu gegründeten Deutschen Reiches,  wunderte sich, so berichtet der Historiker Klaus-Jürgen Bremm in seinem Buch über den Deutsch-Französischen Krieg, warum die republikanische Regierung den Parisern nicht die Lebensmittelzufuhr abschnitt. Andererseits nahm er über seinen Staatssekretär Kontakt zu den Kommunarden auf. Er hätte die Regierung in Versailles, mit der über einen Frieden verhandelt wurde, gern unter Druck gesetzt. Doch ein Arrangement scheiterte daran, dass die Deutschen den Aufständischen keine Waffen liefern wollten.

Briefmarke der DDR, 1971
Bild: Nightflyer/Wikipedia


Aus der Sicht der republikanischen Regierung waren die Kommunarden schlicht Kriminelle, gegenüber Bismarck sprach Favre von einem „Banditentum“. Umgekehrt wurde im belagerten Paris „jeder Zweifel, jeder Mangel an Begeisterung als Verrat angesehen“. „Wir werden die soziale Republik nur erreichen, wenn wir hunderttausend Köpfe abgeschlagen haben“, zitiert Münchhausen aus dem Bericht über eine politische Versammlung im Paris dieser Wochen – nur eine Stimme von vielen. Mehr und mehr übernahmen in der Stadt die Radikalen die Macht. Am 4. Mai wurde ein „Wohlfahrtsausschuss“ gebildet und mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet, die Pressefreiheit wurde aufgehoben.

Rhetorisch hatten beide Seiten sich längst in einen Blutrausch hineingesteigert, als am 20. Mai 1871 der Friedensvertrag mit dem Deutschen Reich der Regierung in Versailles neue Handlungsmöglichkeiten eröffnete. Am 21. Mai begannen ihre Truppen mit dem Sturm. Eine Zeitung der Kommunarden kündigte an, bevor ein „Versailler“ nach Paris hineinkomme, werde notfalls die ganze Stadt gesprengt. Die Tage bis zum Ende der Kämpfe am 28. Mai gingen als „Blutige Woche“ in die Geschichte ein. Wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, wurde niemals geklärt; die Schätzungen liegen zwischen 7.000 und 30.000. Die Regierungstruppen „machten keine Gefangenen“, die Kommunarden reagierten mit der Erschießung von Geiseln. So wurde am 24. Mai der Erzbischof von Paris, Georges Darboy, exekutiert.

Am 28. Mai fanden die Kämpfe auf dem Friedhof Pére Lachaise ein Ende. Es folgten Prozesse mit Todesurteilen und Verbannungen in die tropischen Kolonien Frankreichs. Erst 1880 rang sich die Dritte Republik zu einem Amnestiegesetz durch. Im historischen Gedächtnis Frankreichs und der Welt blieb die Pariser Commune in Form von zwei gegensätzlichen Geschichtserzählungen präsent: als das erste, blutig gescheiterte Aufleuchten einer ganz anderen Art von Politik oder als eine Form von Massenwahnsinn, als „unbegreiflicher Ausbruch nationaler Zwietracht“.


Auf dem Büchermarkt:

Thankmar von Münchhausen: 72 Tage. Die Pariser Kommune 1871 – die erste „Diktatur des Proletariats“, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015, 528 S., ISBN 978-3-421-04440-2, 24,99 € [D], 25,70 € [A], 33,90 CHF


Mehr im Internet:

Pariser Kommune - Wikipedia
scienzz artikel Geschichte Frankreichs

 

 

 

 

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