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Kultur

29.05.2021 - FRANZOESISCHE LITERATUR

Als Europa den Geist der Unduldsamkeit abzulegen begann

Vor 300 Jahren erschienen Montesquieus Persische Briefe

von Josef Tutsch

 
 

Baron de Montesquieu, 1728
Bild: Wikipedia

„Nimm drei Blätter der Logik des Aristoteles in griechischer Sprache, zwei Blätter einer scholastisch-theologischen Abhandlung, vier Blätter von Paracelsus“, vermischt mit Auszügen aus den Werken weiterer großer Philosophen, Theologen und Medizingelehrter, „lass das Ganze 24 Stunden ziehen und nimm viermal täglich eine Dosis davon.“

Ein unfehlbares Abführmittel – so war es in einem Briefroman zu lesen, der Ende Mai 1721, vor 300 Jahren, in Amsterdam anonym erschien. Wahrscheinlich hatte der Verfasser, der französische Schriftsteller Charles de Secondat, Baron de Montesquieu, mit Ärzten und Apothekern nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Und zweifellos haderte er mit der einen oder anderen großen Autorität aus der Vergangenheit, die seiner Ansicht nach das Denken der Gegenwart weniger inspirierten als belasteten.

Es war eine Zeit des Aufbruchs. 1715 war Ludwig XIV. verstorben. In den 1680er Jahren hatte er nochmals versucht, durch die Austreibung der Protestanten sein Reich weltanschaulich auf eine einheitliche Linie zu bringen. Sein Neffe Philipp von Orléans, der die Regentschaft für den minderjährigen Nachfolger führte, zeigte viel weniger Ambitionen, die geistigen Strömungen seiner Zeit zu kontrollieren. Dennoch befürchtete Montesquieu, mit seinem Spott über die verschiedensten Aspekte der zeitgenössischen Kultur, von der Politik über die Religion bis zur Mode, vom Wissenschaftsbetrieb über Literatur und Theater bis zur Stellung der Frauen, könnte er Ärger hervorrufen. So hielt er es für angebracht, seinen Namen auf dem Titelblatt des Romans lieber nicht zu nennen.

Und gespottet wird viel in diesem Buch, den „Persischen Briefen“, die heute als ein Gründungsdokument der Aufklärung gelten. 1704 waren in französischer Übersetzung einige „Märchen aus 1001 Nacht“ herausgekommen und hatten eine enorme Begeisterung für die fremde Welt entfacht, die sich da auftat. Montesquieu, der in Bordeaux als Gerichtspräsident amtierte und zuvor mit Abhandlungen zur Ökonomie und zur Geschichtswissenschaft hervorgetreten war, kehrte in seinem Roman die gewohnte Perspektive um: Es sind zwei Reisende aus dem Orient, die ein Sittenbild der europäischen und französischen Gesellschaft „von außen“ geben.

Eine belletristische Form dessen, was die Politik- und Sozialwissenschaftler heute „Systemvergleichung“ nennen. Die beiden persischen Adligen Rica und Usbek reisen nicht zu Geschäftszwecken, sondern aus „Wissbegier“, wie sie gleich im ersten Brief beteuern. Allerdings auch, gibt Usbek später zu, weil er sich am persischen Hof Feinde zugezogen hat. In ihren Briefen an Freunde in der Heimat kommentieren sie mit einer Mischung von Interesse und Erstaunen, Respekt und Kritik die aus ihrer Sicht exotische Kultur Europas in den letzten Jahren Ludwigs XIV. und den ersten des Regenten. Manchmal stellen die Besucher verblüffende Übereinstimmungen mit ihrer eigenen Kultur fest. Er selbst neige zum Aberglauben, schreibt Usbek, als er einem Freund das Rezept für den Abführungstrank mitteilt. In seiner Kleidung trage er eingenäht allerlei wirkkräftige Sprüche mit sich.

Die meisten der Themen in diesem Buch sind jedoch ernsthafter. Der politischen Macht müssen Grenzen gesetzt werden, das war Montesquieus tiefste Überzeugung. Usbek über den alternden Sonnenkönig: „Man hat ihn oft sagen hören, dass unter allen Regierungen der Welt ihm die türkische oder die unseres großmächtigen Sultans am besten gefalle; so viel Wert legt er auf die morgenländische Staatskunst.“

Aus der Sprache des Romans in die der politischen Polemik übersetzt: Ludwig XIV. war ein Despot und wäre es gern in noch höherem Maße gewesen – wenn die Tradition seines Landes ihm nicht Schranken gesetzt hätte. Für den Gerichtspräsidenten, der die Unabhängigkeit der Justiz von der Krone zu schätzen wusste, ein großes Ärgernis. Mehr als ein Vierteljahrhundert später in seiner Abhandlung „Vom Geist der Gesetze“ formulierte Montesquieu den Grundsatz von der Gewaltenteilung als Voraussetzung jeder gemäßigten, menschenfreundlichen Politik. Und er fragte, ob es vielleicht natürliche, soziale, kulturelle Voraussetzungen gibt, die entweder den Despotismus oder die Gewaltenteilung begünstigen.

"Persische Briefe", Ausgabe von
1754 - Bild: Wikipedia 

Ein Problemkomplex, der sich im Roman bereits angedeutet findet. Montesquieu legte die Aussage über den Despoten Ludwig seinem „Perser“ Usbek in den Mund. Für den ist die „morgenländische Staatskunst“ zunächst einmal das Selbstverständlichste auf der Welt. Doch je länger Rica und Usbek in der Fremde weilen, desto mehr geraten sie ins Nachdenken: „Die Macht der europäischen Könige ist in der Tat sehr groß“, „dennoch üben sie dieselbe nicht in dem Umfange aus wie unsere Sultane.“ Bei den Fürsten hierzulande sei es nicht „der übliche Brauch“, „alle, die ihnen missfällig sind, auf den leisesten Blick hinrichten zu lassen“.

Natürlich entwertet die wachsende Distanz der „Perser“ gegenüber ihrer eigenen Kultur nicht die Einwände gegen Missstände in der europäischen. Rica an einen Briefpartner in Anatolien über die konfessionellen Kriege: „Ich kann Dir versichern, dass es nie ein Reich gegeben hat, wo so viele Bürgerkriege stattgefunden haben wie in den christlichen.“ An dieser Stelle hatte Montesquieu auch keine Bedenken, dem europäischen Publikum sein fiktives Persien als leuchtendes Beispiel vorzuhalten: „Die heilige Religion, von den Engeln dorthin gebracht, schützt sich durch ihre eigene Wahrheit; sie bedarf nicht dieser gewaltsamen Mittel, um sich aufrechtzuerhalten.“ Eine Idealisierung des Fremden, in der das Vorbild des römischen Geschichtsschreiber Tacitus nachwirkt. Der hatte im 1. Jahrhundert n. Chr. seiner Gesellschaft mit dem Lob der unzivilisierten, aber tugendhaften Germanen seiner eigenen Gesellschaft einen mahnenden Spiegel vorgehalten.

Vor allem die Kritik der katholischen Kirche nimmt in Montesquieus Roman breiten Raum ein. Etwa zum Mönchtum und zum Zölibat der Priester, zwei beherrschenden Institutionen in der französischen Gesellschaft der Zeit. Usbek stellt lakonisch fest, von der „Tugend“ der Enthaltsamkeit sei nur eins gewiss, nämlich dass sie weiter keinen Nutzen habe. Unter der persischen Maske konnte sich Montesquieu sogar Schärfen erlauben, die sonst unweigerlich die Zensur auf den Plan gerufen hätten. Usbek zeigt sich verwundert über „die große Zahl von Eunuchen, die man in den christlichen Ländern findet“. Die Leser werden gestutzt haben: „Eunuchen“  gab es in Europa doch nur als Gesangsvirtuosen? „Ich meine die Priester und Derwische beiderlei Geschlechts, welche eine ewige Enthaltsamkeit geloben.“

Einmal überlegt Usbek sogar, ob sich der Katholizismus in Frankreich noch 500 Jahre werde halten können. Ein Blick hinüber nach Holland und nach England zeige doch, dass die protestantische Religion dem wirtschaftlichen Fortkommen viel günstiger sei. Es werden solche Stelle gewesen sein, die dafür sorgten, dass der Roman 1761 auf dem römischen „Index“ landete. Erst 1761, also vier Jahrzehnte nach seinem Erscheinen. Inzwischen hatte der „Geist der Gesetze“, der 1748 veröffentlicht wurde, deutlich gemacht, welche revolutionäre Sprengkraft in Montesquieus Gedanken steckte. Dass die europäische Geisteswelt sich bereits Anfang des Jahrhunderts in einem rapiden Umbruch befand, registrierten die „Perser“ des Romans sehr aufmerksam. Die Christen, schreibt Usbek in die Heimat, „fangen an, sich des Geistes der Unduldsamkeit, der sie sonst beseelte, zu entschlagen“. „Man hat eingesehen, dass, um die Religion zu lieben und auszuüben, es nicht nötig ist, diejenige zu hassen und zu verfolgen, welche sich nicht zu ihr bekennen.“

Jedenfalls in Frankreich. In Spanien, hat Rica gehört, würde man in Glaubensfragen rigoroser vorgehen. Jeder Ketzer dort „wäre zu Asche verbrannt, ehe man nur daran gedacht hätte, ihn zu hören“. Es kennzeichnet jedoch die Pluralität der Perspektiven im Roman, dass sofort die Frage aufkommt, ob nicht auch die Spanier an Frankreich viel Kritik anbringen könnten. Kritik ist von der Perspektive des Kritikers abhängig – niemals zuvor in der Weltliteratur wurde diese Grundvoraussetzung der modernen Kultur mit derartiger Konsequenz durchgeführt wie in diesem Roman am Beginn der französischen Aufklärung.

Kein Wunder, dass den Revolutionären am Ende des 18. Jahrhunderts Montesquieus Kritik am ancien régime zu wenig eindeutig und entschieden schien, allzu nachdenklich und abwägend, bloß ironisch. Mit seinen komplexen Reflexionen über die Bedingungen, die Freiheit erst möglich machen, geriet Montesquieu sogar unter Verdacht, seine Bücher würden den Feinden der Freiheit Munition liefern, um die universale Verbreitung der revolutionären Ideen zu verhindern. Gibt es überhaupt absolute Maßstäbe, um über ganze Länder und Kulturen zu richten?

Eine Frage, die Montesquieu weder in diesem Roman noch später in seiner Abhandlung beantwortet hat. Der Ausgang der Romanhandlung deutet jedoch an, dass im Verlangen nach individueller Freiheit ein solcher universal geltender Maßstab liegen könnte. In Isfahan hat Usbek einen Serail zurückgelassen. Während seiner Abwesenheit bricht ein Aufstand der Frauen gegen ihre Unterdrückung, gegen ihre Sklavenstellung aus. „Ich konnte in der Knechtschaft leben, aber ich war allezeit frei“, schreibt seine Lieblingsfrau Roxane im vorletzten Brief des Buches mit heroischem Pathos ihrem Ehemann, bevor sie Gift nimmt. „Ich habe Deine Gesetze nach den Gesetzen der Natur umgestaltet, und mein Geist hat sich stets seine Unabhängigkeit bewahrt.“

Da klingt das Konzept der antiken Stoiker an, auch unter widrigen Umständen die moralische Autonomie des Individuums aufrechtzuerhalten. Aber Montesquieu wollte mehr, er fragte nach den sozialen Bedingungen, unter denen Freiheit wirklich werden kann. Einmal wird sogar die Frage aufgeworfen, ob die Sklaverei der alten Römer gegenüber jener in den islamischen Staaten nicht ihre Vorteile hatte. In Rom, meinte Montesquieu, hätten Sklaven, die durch Mühe und Arbeit reich geworden waren, die Möglichkeit gehabt, sich loszukaufen und frei zu werden.

Vignette zur deutschen Ausgabe von 1759
Bild: Wikipedia 

Die Erneuerung der Sklaverei, die gerade damals in den europäischen Kolonien in Übersee ablief, ist im Roman allerdings ausgeklammert. Und auch die „männliche“ Perspektive, die Usbek und Rica vertreten, wird zwar in ihren brutalen Auswüchsen angeprangert, aber nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Wenn in Frankreich, hat Rica beobachtet, die Ehemänner weniger als in Persien von der Eifersucht geplagt werden, dann aus einem sehr schlichten Grund: Sie würden die Untreue ihrer Frauen nun einmal als unvermeidlich hinnehmen.

Zweifellos hat der hochdramatische Ausblick am Ende des Buches, als Usbeks Hausverwalter ein blutiges Strafgericht über die unbotmäßigen Frauen im Serail ankündigt, zum Erfolg des Romans mit beigetragen. Blickt man auf die beiden Hauptfiguren, bleibt die Handlung dennoch offen. Rica und Usbek sind durch ihre Jahre in Europa verunsichert, die ihnen angestammte Welt hat ihre Selbstverständlichkeit verloren. Werden sie sich nach ihrer Rückkehr als Fremde im eigenen Land verstehen? Die parallele Frage lässt sich zu den Lesern der „Persischen Briefe“ Lesern stellen. Vielleicht gewinnen sie durch die Lektüre des Romans, das mag Montesquieus geheime Hoffnung gewesen sein, ein wenig Distanz zu ihren eigenen Voraussetzungen.


Mehr im Internet:

Montesquieu, "Persische Briefe" - Wikipedia 
scienzz artikel Französische Literatur

 

 

 

 

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