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Wissenschaft

06.06.2021 - LITERATURGESCHICHTE

Zweiter Impuls der europaeischen Moderne

Eine Neubewertung der Romantik

von Josef Tutsch

 
 

Friedrich Schlegel, um 1790, Krei-
dezeichnung von Caroline Rehberg
Bild: Wikipedia

1799 brachte der Weimarer Schriftsteller August von Kotzebue ein neues Stück auf die Bühne. Thema war, wie der Titel ankündigte, „die heutige Bildung“, Hauptfigur der junge Universitätsabsolvent Karl. Dessen Rolle, erklärte Kotzebue in der Vorrede, sei „einzig und allein, und zwar wörtlich, aus den bekannten und berühmten Schriften der Herren Gebrüder Schlegel gezogen.“ Die Gebrüder Schlegel – August Wilhelm war Universitätsprofessor in Jena, Friedrich trat dort gerade eine Privatdozentur an. Gemeinsam brachten sie die Zeitschrift „Athenaeum“ heraus.

Aus Sicht der Schlegels, erklärt der Literaturwissenschaftler Stefan Matuschek, als Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Jena sozusagen ein Nachfolger von August Wilhelm, war ihre Publizistik ein „öffentlicher Vernunftgebrauch“ – ganz, wie sich das Immanuel Kant in seinem Essay „Was ist Aufklärung?“, 1784, vorgestellt hatte. Matuschek spricht von einer „emanzipatorischen Schreib- und Lesekultur“. Heute gelten die „Athenaeums“-Fragmente als die maßgebliche Programmschrift der deutschen Frühromantik. Was Kotzebue allerdings von den Schriften der beiden Brüder hielt – „hochtrabender Unsinn“, resümiert eine der Figuren im Drama“, „ein paar Jahre im Tollhaus werden ihn [Karl] schon zur Vernunft bringen.“

Diese scheinbare Stellung der Romantik gegen die „Vernunft“ ist im Alltagssprachgebrauch erhalten geblieben: „Romantisch“ – das klingt an „phantastisch“ oder „wirklichkeitsfremd“ an. Ursprünglich bedeutete das Wort soviel wie „romanhaft“ – gedacht war an Ritter- und Abenteuerromane, Wunder- und Liebesgeschichten. Der Intention der „Frühromantiker“ im Umkreis der Brüder Schlegel entspricht das jedoch keineswegs, konstatiert Matuschek. In den 1790er Jahren wurde „romantisch“ zu einem „Zauberwort“, das gerade nicht die Flucht aus der Realität meinte, sondern deren Gestaltung nach dem Leitfaden von Ideen.

Von „Ideen“, wohlgemerkt, nicht von Begriffen. 1781 hatte Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ dem verstandesmäßigen, begrifflichen Erkennen Grenzen gezogen: Die Ideen von Gott, Unsterblichkeit und Freiheit würden außerhalb unserer Empirie liegen, sich deshalb jeder menschlichen Erkenntnis entziehen. In praktischer Hinsicht jedoch, erklärte 1788 die „Kritik der praktischen Vernunft“, hätten solche Ideen sehr wohl ihren Sinn: als Forderungen, die die Vernunft aufstelle, um den Menschen als freies und verantwortungsvoll handelndes Wesen zu konzipieren.

Friedrich und August Wilhelm Schlegel formulierten „launig und aphoristisch, was der Königsberger Professor in seiner berüchtigt schwierigen Diktion ausgeführt hatte“, verteidigt Matuschek die Frühromantik gegen das Klischeebild von Gefühls- und Phantasieseligkeit. Und erst recht gegen die einseitige Perspektive, in der viele Germanisten in der Nachfolge des berühmten Buches von dem ungarischen Philosophen Georg Lukács, 1954, nach dem Nationalsozialismus die Romantik als eine „Zerstörung der Vernunft“ geißelten.

Das ist für Teile der Spätromantik nicht falsch, stellt Matuschek in seiner Studie fest. Die frühe Romantik würde damit jedoch arg verzeichnet. Die Romantik war, jedenfalls in ihrem Ursprung, keine Feindseligkeit zur Aufklärung, sondern deren Fortführung – allerdings in durchaus selbstkritischer Absicht. Auch das Wunderbare, das manche Aufklärer wie Nicolai oder Kotzebue für baren Unsinn erklärten, sollte mit einbezogen werden. 1797 dichtete ein Freund der Schlegels, Ludwig Tieck, die Komödie „Der gestiefelte Kater“. Ein Stück mit doppeltem Boden: Auch das Publikum spielte darin mit. Es reagierte auf die Märchenelemente im Sinne des bornierten „gesunden Menschenverstandes“, die die Frühromantiker der älteren Generation vorwarfen. „Der Kater spricht? Was ist denn das?“, empört sich einer der Zuschauer.

Jacob Grimm, um 1860, Fotografie
von Franz Seraph Hanfstaengl
Bild: Wikipedia 

Das 18. Jahrhundert hatte „die traditionellen Glaubenslehren und Bekenntnisse hinter sich gelassen“, schreibt Matuschek. Das brachte einen „Gewinn an intellektueller Mündigkeit“, der zugleich jedoch als „Verlust an Ganzheitlichkeit“ empfunden wurde, als „metaphysische Obdachlosigkeit“. Die romantischen Dichter antworteten darauf, so der Literaturhistoriker, durch eine „imaginäre Bautätigkeit“: „Romantik ist die Kunst, metaphysische Luftschlösser zu bauen.“ Zum Beispiel in Joseph von Eichendorffs berühmtem Gedicht „Mondnacht“ von 1835, „Es war, als hätt‘ der Himmel die Erde still geküsst ...“ Für Leser, die willens sind, sich darauf einzulassen, meint Matuschek, können diese Verse so etwas wie „ein metaphysischen Obdach“ schaffen. Doch es hat „keine andere Haltbarkeitsgarantie als seine künstlerische Überzeugungskraft“.

Die philosophische Rechtfertigung hatte bereits 1788 Immanuel Kant in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ formuliert. In seiner Sicht waren die religiösen Ideen keine Sache der theoretischen Vernunft mehr, sondern „nur“ noch der praktischen. 1797 entwickelten die Freunde Hegel, Hölderlin und Schelling, die zusammen in Tübingen Theologie studiert hatten, das Projekt einer „neuen Mythologie“. Einer „Mythologie der Vernunft“, wie die drei auch gleich betonten.  Im Jahr 1800 forderte auch Friedrich Schlegel, „wir“ sollten „ernsthaft dazu mitwirken, eine Mythologie hervorzubringen“.

Mit „wir“ waren die jungen Intellektuellen gemeint, die sich als Schüler Kants verstanden, auch als Anhänger der Französischen Revolution, wenngleich mit einigem Abstand zum „terreur“. „Nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern“, proklamierten Hegel, Hölderlin und Schelling. Drei Jahrzehnte später würdigte Hegel die Französische Revolution im Rückblick als den Versuch des Menschen, „sich auf den Kof, das ist auf den Gedanken zu stellen und die Wirklichkeit nach diesem zu erbauen“.

Bei einem Großteil der Romantiker hatte es nur wenige Jahre gedauert, bis sie von der politischen Realität, die sich aus der Revolution entwickelte, ernüchtert waren. So „bekehrte“ sich Friedrich Schlegel zur restaurativen Politik des österreichischen Staatsministers Metternich. Und in den „Befreiungskriegen“ gegen Napoleon stürzten sich große Teile des intellektuellen Deutschland in einen brutalen Franzosenhass. Als Beispiel zitiert Matuschek das „Vaterlandslied“ von Ernst Moritz Arndt, 1813: „Wir wollen heute Mann für Mann mit Blut das Eisen röten, mit Henkerblut, Franzosenblut – oh süßer Tag der Rache!“

Nationalismus und Restauration – zwei Phänomene, die den frühromantischen Aufbruch überschattet haben. Aber auch die „Nationalisierung“ Europas war Geist vom Geiste der „Romantik“. In diesem Prozess wurde die Literaturgeschichtsschreibung zum „patriotischen Prestigeunternehmen“. Im 18. Jahrhundert hatten die international geprägte literarische Hochkultur der adligen und bürgerlichen Eliten einerseits, die Populärkultur andererseits noch relativ unverbunden nebeneinander gestanden. Das Zeitalter der Romantik und der Revolution setzte sich zum Ziel, diese Schranke durch eine wahrhaft „volkstümliche“ Literatur zu überwinden.

Doch dieser Gewinn an Popularität brachte zugleich einen Verlust von internationaler Verbundenheit. Matuschek demonstriert das an Friedrich Schlegel. In seinen Vorlesungen zur Literaturgeschichte 1803/04 in Paris und Köln betonte er noch, die europäische Literatur bilde „ein zusammenhängendes Ganzes, wo alle Zweige innigst verwoben sind“. Ein Jahrzehnt später wertete er Literatur in erster Linie als „National-Erinnerungen, das herrlichste Erbteil, das ein Volk haben kann“. 1835 versuchte Jacob Grimm, dieses „Erbteil“ bis in die Zeit vor der Schriftkultur zurückzuverfolgen. In seiner „Deutschen Mythologie“ wollte er das „germanische Altertum“ rekonstruieren – und identifizierte es einigermaßen naiv mit dem Deutschland seiner Gegenwart.

Walhalla bei Regensburg
Bild: Mijozi/Wikipedia

„Deutsch“ und „romantisch“ – für Generationen deutscher Leser waren das nahezu Synonyme. 2007 nannte der Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski die Romantik im Untertitel seines Buches rundum „eine deutsche Affaire“. Noch ein gängiges Bild, das Matuschek zu recht rückt: Die Romantik war ein durch und durch europäisches Phänomen. Und dass die restaurativen Tendenzen eben nicht die ganze Romantik waren, wird im internationalen Vergleich noch deutlicher als beim Blick auf Deutschland. „Le romantisme est le libéralisme en litterature“, verkündete 1830 der Schriftsteller Victor Hugo im Vorwort zu seinem Drama „Hernani“.

Die Romantik nicht als „Zerstörung der Vernunft“, sondern als „zweiter Impuls der europäischen Moderne“, nachdem die Aufklärung den ersten Impuls gesetzt hatte. Immer wieder zeigt Matuscheks Buch aber auch, dass „in manchem, was zur historischen Romantik gehört, dieser Zug verloren wurde“. Eine vielleicht allzu vorsichtige Formulierung: Mit der „Subjektivierung und Ästhetisierung der Religion“ nahm zugleich die lange Folge der modernen nationalistischen und totalitären „Ideologien“ und „Ersatzreligionen“ ihren Ausgang. Mit Bezug auf die Germanenbegeisterung, die sich in Deutschland seit den „Befreiungskriegen“ ausbreitete, spricht Matuschek von „versteinerten Mythen“.

In den 1830er Jahren errichtete Ludwig I. von Bayern hoch über der Donau bei Regensburg seine „Walhalla“. Sie sollte, erläutert der Autor, „die neuzeitliche deutsche Kultur im Germanentum verankern und als Zentrum eines großgermanischen Kulturraums dem romananischen entgegensetzen“. Und, wäre hinzuzufügen, dem antiken Kulturraum gleichberechtigt zur Seite. „Die romantische Neubelebung der germanischen Mythologie endet in der Leugnung, dass sie ein Mythos ist.“

Auch das gehört zum Gesamtbild des historischen Komplexes Aufklärung und Romantik: Im Denken von Immanuel Kant und seinen Schülern war die traditionelle Religion „subjektiviert“ worden. „Das Leben soll kein uns gegebener, sondern ein von uns gemachter Roman sein“, formulierte Novalis 1798 das Postulat des sittlich autonomen Individuums. Damit schien die Gefahr gebannt, zum „Überzeugungstäter“ zu werden, nämlich „dort im objektiven Wahrheitsanspruch unerbittlich und fundamentalistisch zu werden, wo man nichts Genaues weiß und wissen kann“.

Doch irgendwann ließ die „imaginäre Bautätigkeit“ vergessen, dass sie bloß imaginär war. Man versuchte ernsthaft, sich in den „metaphysischen Luftschlössern“ einzurichten, den „gedichteten Himmel“ als handgreifliche Tatsache zu nehmen. Die Geschichte der  Ideologien, die sich seit der Romantik ausbildeten, hat uns gelehrt, wie übermächtig diese Versuchung ist. Es sei „gut, sich nicht über den Status des selbstgemachten Jenseits zu täuschen“, schließt Matuschek seine Studie.


Neu auf dem Büchermarkt:

Stefan Matuschek: Der gedichtete Himmel. Eine Geschichte der Romantik, Verlag C. H. Beck, München 2021, 400 S. mit 29 Abb., ISBN 978-3-406-76693-0, 28,00 €


Mehr im Internet:

Stefan Matuschek: Der gedichtete Himmel, Verlag C. H. Beck 
Romantik - Wikipedia 
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