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20.07.2021 - KULTURGESCHICHTE

McDonalds, Doener Kebab und Currywurst

Aus der Geschichte des Fast Food

von Josef Tutsch

 
 

Hamburger - Bild: Len Rizzi/Natonal In-
stitutes of Health/Wikipedia

„Man soll nie zu schnell essen“, empfahl der „Vollständige Haushaltungsunterricht nebst Anleitung zum Kochen für Arbeiterfrauen“, herausgegeben vom Verband „Arbeiterwohl“, 1882. Das Essen habe im Kreis der Familie in Ruhe stattzufinden, und auch das Kochen durch die Hausfrau dürfe, wenn das „häusliche Glück“ vollkommen sein solle, nicht hastig ablaufen.

Goldene Worte aus einer „guten, alten Zeit“, möchte man meinen. Der Realität im Bismarckreich entsprach dieses „Idealbild“ nicht. Immer mehr Arbeiter, berichtet der Regensburger Wirtschafts- und Sozialhistoriker Arnd Kluge in seiner Studie über die Geschichte des „Fast Food“, nahmen ihre Mahlzeit in den Fabriken in einer kurzen Mittagspause in Werkskantinen ein oder brachten sich ihren „Henkelmann“ von zu Hause mit. Und in sehr vielen Arbeiterfamilien gingen auch die Frauen einer Erwerbstätigkeit nach und hätten also gar keine Zeit gehabt, ihrer Familie sowohl mittags als auch abends eine vollständige warme Mahlzeit zuzubereiten.

Die Organisation „Arbeiterwohl“, die im Umfeld der katholischen Sozialbewegung angesiedelt war, wurde aus der Sozialdemokratie denn auch heftig kritisiert: Mit solchen Bildern vom „häuslichen Glück“ solle eine längst überholte „kleinbürgerliche“ Vorstellung von Haushalt und Familie verbreitet werden. In der Realität brachten die Jahrzehnte um 1900 in Deutschland einen Aufschwung dessen, was wir heute „Fast Food“ nennen, also einer Ernährungsweise, die sich unter den Imperativ der Schnelligkeit stellt: Speisen sollen rasch verzehrt werden und ebenso rasch zubereitet werden können.

„Rasch“ aus der Perspektive des Konsument betrachtet, betont Kluge: Der Zeitaufwand verschwindet nicht, er wird bloß unsichtbar, indem die Lebensmittelprodukte halbfertig ins Haus geliefert oder ganz fertig an der nächsten Straßenecke zum sofortigen Verzehr feilgeboten werden. Die Klage über dieses Phänomen ist heute eines der großen Themen der Kulturkritik. „Gegen Fast Food zu kämpfen, heißt mindestens die Welt zu retten“, schreibt Kluge. Es macht krank, es lässt die Tischsitten verfallen und zerstört regionale Esskulturen zugunsten eines „amerikanischen“ Lebensstils. Massentierhaltung und Verpackungsmüll verursachen ein ökologisches Desaster, die Gewöhnung von Kindern an Fast Food, noch abfälliger auch „Junk Food“ genannt, ist ein Verbrechen an der nächsten Generation.

Und dennoch – Fast Food ist allgegenwärtig. Konzerne wie McDonalds machen mit der Unlust der Konsumenten, sich ein Übermaß an Küchenarbeit aufzubürden, ein Milliardengeschäft. Kluge hat die Ursprünge dieser Esskultur, die in den Augen ihrer Kritiker eigentlich gar keine „Kultur“ ist, zurückverfolgt. Bereits in Antike oder im Mittelalter standen zum Beispiel bei Festumzügen Buden am Rand und boten kleine Speisen wie Brot oder Würste für den schnellen Verzehr. Im Vergleich mit dem, was im eigenen Haushalt zubereitet werden konnte, waren sie allerdings relativ teuer – wie ja auch heute der Kunde den Arbeitsaufwand, den er nicht selbst erbringen will, im Restaurant oder an der Imbissbude über den Preis tragen muss.

Ob die kleinen Leute zu Hause qualitativ besser essen konnten, ist eine ganz andere Frage. Die übliche Ernährung war Jahrtausende lang eine Breispeise, die aus einfachen Zutaten bestand, in der Regel ohne Fleisch, und wenig Arbeit erforderte. „Vor dem Industriezeitalter hatte die Mehrheit der Bevölkerung niemals die Mittel, sich einen aufwendigen Nahrungsmittelkonsum zu leisten.“ Bei der Zubereitung setzte schon der Mangel an Brennstoff Grenzen. Auch die Sitte, dass alle in einem Haushalt aus einer einzigen Schüssel aßen, muss der Hast Vorschub geleistet haben: Wer nicht eifrig zulangte, ging womöglich leer aus.

Die Armen, schreibt Kluge, „lebten tagtäglich in einer unfreiwilligen Fast-Food-Gesellschaft“. Einen weiteren Schritt hin zur Beschleunigung der Esskultur brachte für Deutschland das späte 19. Jahrhundert. Die „bürgerlichen“ Haushaltsratgeber sangen im Sinne bürgerlicher Anstandsvorstellungen das hohe Lied der Gemächlichkeit – und brachten gleichzeitig Tipps, wie es auch schneller gehen könne. In der 4. Auflage ihres „Praktischen Kochbuchs“, 1849, sah zum Beispiel Henriette Davidis „noch keine Notwendigkeit, auf Geschwindigkeit in der Küche zu drängen“. „Um 1890 begann sich der Ton in den Kochbüchern zu ändern.“

Türkischer Dönerverkäufer, 1855, Photo-
graphie von James Robertson
Bild: Wikipedia


Den Hintergrund, erläutert Kluge, gaben neben den Veränderungen in der Arbeitswelt auch technische Innovationen. Im Dampfdrucktopf mit Sicherheitsventil würden dank der höheren Temperatur die „Speisen in der Hälfte der gewöhnlichen Zeit fertig“, schrieb Friederike Luise Löffler 1897 in ihrem „Neuen Stuttgarter Kochbuch“. Inwieweit damit wirklich Zeit „eingespart“ wurde, sei jedoch fraglich, meint Kluge: Mit dem Komfort stiegen auch die Ansprüche.

Mit „Liebigs Fleischextrakt“ und „Maggis Suppenwürze“, so Löffler weiter, könne die Hausfrau auch schnell und billig zubereiteten Speisen die gewünschte Würze verleihen. Vor allem Maggi wurde zum Inbegriff einer Kochkunst, die als Variante der „bürgerlichen“ Küche gelten konnte und dennoch dem Trend entgegen kam: Auch diese „schnellen“ Produkte seien „vollwertige“ Speisen. 1890 enthielt die Neuauflage von Davidis‘ „Praktischem Kochbuch“ statt einzelner Hinweise auf rasch zu verwirklichende Rezepte gleich ein ganzes Kapitel mit „schnell zu machenden Speisen“. Man könne sich auch mittags mit einer Suppe und abends mit einem Butterbrot begnügen, hieß es in einer Ausgabe des „Häuslichen Glücks“ von 1911.

Andere Ratgeber empfahlen, sich Vorräte anzulegen, um rasch und dennoch abwechslungsreich kochen zu können – ein Rat, der oft jedoch sowohl an den niedrigen Einkommen als auch an den fehlenden Lager- und Konservierungsmöglichkeiten scheitern musste. Schulen, Kirchen und Bildungsvereine versuchten, dem Trend zu Fast Food entgegen zu wirken, indem sie „Hauswirtschaftsunterricht“ anboten, der aber oft bloß theoretisch blieb: In vielen Schulen fehlte eine Lehrküche. In großen Fabriken wurden Kantinen eingerichtet, die Mahlzeiten in großer Zahl bereithalten mussten, so rasch und so billig wie möglich, versteht sich. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, betont Kluge, wurde übrigens gerade von den Beschäftigten eine möglichst kurze Mittagspause gefordert: Sie ermöglichte es, früher in den Feierabend zu gehen.

Außerhalb der Arbeit nahm, wer es sich leisten konnte, vielleicht auch eine Imbissbude in Anspruch. Viele Garküchen erlaubten es den Kunden, eigene Vorräte mitzubringen und kochen zu lassen. Manchmal ergab sich ein Zwang zur Schnelligkeit sogar in der allervornehmsten Gesellschaft. An den Höfen verlangte das Protokoll, dass die Diener alle Teller wegräumten, sobald das Familienoberhaupt seine Mahlzeit beendet hatte. Das konnte bei nachgeordneten Personen, die als letzte bedient worden waren, dazu führen, dass sie alles in größter Hast hinunterschlingen mussten, wenn sie nicht hungrig bleiben wollten. Prinzessin Maria del Pilar von Bayern, die sich als Malerin in der Nachfolge des französischen Impressionismus einen Namen machte, erinnerte sich an ihre Kindheit am Hofe von Prinzregent Luitpold, um 1900: „Ich rief laut und vernehmlich, dass alle mich hören konnten ‚Nein, lasst mich erst essen, ich habe doch Hunger!‘ und hielt dabei mit beiden Händen meinen Teller fest. Aber auch der Lakai gab nicht nach und beharrte in seiner Pflichterfüllung.“

Auch eine Form von Fast Food, wenn man so will. Sehr zwiespältig, berichtet Kluge, verhielt sich das NS-Regime. Auf der einen Seite wurde traditionelles Kochen und das gemeinsame Speisen propagiert, das Herunterschlingen galt als ungesund und „undeutsch“. Auf der anderen Seite wurden Fast-Food-Produkte gefördert, wenn sie sich zu einer raschen und billigen Ernährung etwa der Soldaten eigneten.

Ähnlich hin- und hergerissen war die staatlich gelenkte Wirtschaft der DDR. Eigentlich durfte die Fast-Food-Welle, die im West-Fernsehen vorgelebt wurde, ja nicht imitiert werden. Andererseits – der Umstand, dass die große Mehrzahl der Frauen einer Beschäftigung nachging, erforderte, sie von Hausarbeit zu entlasten. Im Gefolge der westlichen „Hendl“ kam 1967 der „Goldbroiler“ auf, ein Fall, merkt Kluge an, dass ein Fast-Food-Erzeugnis sogar relativ fettarm war.

Fast Food in Amsterdam
Bild: Andreas Thum/Wikipedia


Im selben Jahr hatten die Mc-Donalds-Restaurants ihren Siegeszug rund um die Welt angetreten. Anderthalb Jahrzehnte später persiflierte Andy Warhol die Entwicklung: „Das Schönste an New York ist McDonalds. Das Schönste an Paris ist McDonalds. Das Schönste an Berlin ist McDonalds. Moskau und Peking haben noch nichts Schönes.“ Man braucht sich für eine Mahlzeit nicht einmal vom Steuer seines Kraftwagens zu entfernen: Bereits 1921 eröffneten in den USA die ersten Drive-in-Imbisse.

Eine Uniformierung der Welt im Dienste des schnellen Konsums, unter Aufopferung dessen, was man früher „Küchen-“ und „Tischkultur“ nannte. Andererseits – offenbar kann Fast Food durchaus als angenehm empfunden werden. Es ermöglicht dem Individuum ein Stück weit Emanzipation aus vorgegebenen sozialen Zusammenhängen. Inzwischen haben sich längst auch „gutbürgerliche“ Restaurants darauf eingestellt, dass sie dem eiligen Besucher schnelle und kleine, wenngleich nicht immer preiswerte Speisen bieten.

Kritiker verbuchen die aktuelle Fast-Food-Welle gern unter „Amerikanisierung“. Nicht ganz zu Recht, meint Kluge: „Andere Variante des ‚Ethno Food‘ sind auf dem deutschen Nachkriegsmarkt wichtiger geworden“. Statt von Amerikanisierung wäre also eher von „Globalisierung“ zu sprechen. Zu der Frage, inwieweit die Warnungen vor den gesundheitlichen Schäden begründet sind, hält sich der Historiker zurück. Vor einigen Jahren ernährte sich der amerikanische Filmemacher Morgen Spurlock vier Wochen lang ausschließlich von McDonald‘s-Produkten und stellte anschließend „massive Störungen“ fest. Ausschließlich – der Lebensrealität in den westlichen Industrieländern entspricht das nicht, meint Kluge. Kontrollexperimente, in denen andere Probanden zum Beispiel nur Kopfsalat zu sich nehmen, wurden nicht durchgeführt.


Neu auf dem Büchermarkt:

Arnd Kluge: Currywurst & Co. Die Geschichte des Fast Food in Deutschland, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2021, 165 S. mit 18 s/w. Abb., ISBN 978-3-515-12913-8, 39,00 €


Mehr im Internet:

Arnd Kluge: Currywurst & Co., Franz Steiner Verlag
Fast Food - Wikipedia
scienzz artikel Küche

 

 

 

 

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