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20.06.2021 - IDEENGESCHICHTE

Wenn Gesellschaften sich existentiell bedroht fuehlen

Apokalyptische Gedankenmuster in der Gegenwart

von Josef Tutsch

 
 

Erzengel Michael im Kampf
mit dem Drachen, aus Al-
brecht Dürers "Apokalypse",
1498 - Bild: Wikipedia

„21.12.2012, 24.00 Uhr: Weltuntergang, danach Weltuntergangs-Aftershow-Party – Open end“, machten sich vor ein paar Jahren Witzbolde über die Endzeitphantasien lustig, die damals um die Welt gingen. Aus dem sogenannten „Maya-Kalender“ hatten einige Interpreten abgeleitet, zu diesem Termin sei das „Ende“ fällig. Bekanntlich blieb es aus – bis zum nächsten Mal. Vielleicht bis 2029, wenn der Asteroid Apophis der Erde wieder einmal nahe kommt. Bei einem Zusammenprall könnte er das Leben auf der Erde auslöschen, spekulieren manche Hobby-Astronomen.

Es gibt dieses Ende – als Untergang der Welt, zumindest so, wie wir sie kennen, oder auch als Übergang in eine bessere Weltordnung – in zahllosen Varianten. Im späten 19. Jahrhundert beschworen manche marxistischen Theoretiker gern den „großen Kladderadatsch“, der das Ende des Kapitalismus und den Übergang in eine neue Wirtschaftsordnung heraufführen sollte. In den USA erscheint seit 1995 eine Romanserie „Left behind“, die sich darum dreht, dass ein Teil der Menschheit „entrückt“ wird, um sie der kommenden Drangsal zu entziehen. Ein anderer Teil muss sich dem Kampf gegen den Antichristen und seine Helfershelfer in der nationalen und internationalen Politik der Gegenwart stellen.

Der Göttinger Religions- und Sozialwissenschaftler Alexander-Kenneth Nagel hat sich in seiner neuen Studie mit der Konjunktur solcher Deutungsmuster in den letzten Jahrzehnten befasst. Denn der Eindruck, dass wir in der Gegenwart von solchen „apokalyptischen“ Deutungsmustern und Bilderwelten überschwemmt werden, drängt sich auf. Ursache könnte sein, dass die moderne Medienwelt von jeder einzelnen Stimme eine viel größere Lautstärke als früher erfordert, damit sie im „Rauschen“ nicht untergeht. Unter dem Weltende, das entweder unausweichlich ist oder sich nur mit allergrößten Anstrengungen vermeiden lässt, tun wir es nicht.

Das Wort „Apokalypse“ bezeichnete ursprünglich eine Literaturgattung, die in der Zeit vom 2. Jahrhundert v. bis zum 1. Jahrhundert n. Chr. in Judentum und Christentum weit verbreitet war. Berühmtestes Beispiel: die „Offenbarung des Johannes“, das letzte Buch der Bibel, in dem ein  Schreckensbild vom Kampf des Satans gegen das Volk Gottes in der bevorstehenden Endzeit entfaltet wird. Doch eigentlich war sie als Trostschrift konzipiert: Sie sollte den Gläubigen Hoffnungen auf die neue Welt vermitteln, die der Drangsal folgen würde.

Diese Intention hat die Verfasser apokalyptischer Schriften in den letzten zwei Jahrtausenden aber niemals daran gehindert, die Schrecken der Endzeit mit viel Lust am Detail auszumalen. Mit der „Säkularisierung“ in der europäischen Neuzeit sind Trost und Hoffnung gegenüber den Schrecknissen vollends in den Hintergrund getreten. In der heutigen Alltagssprache, konstatiert Nagel, meint Apokalypse „in der Regel die schlechthinnige Katastrophe und die Zerstörung der Welt.“ Oder jedenfalls der Erde, wie sie uns als Heimat vertraut ist.

Einen aktuellen Anlass für die Renaissance der Apokalypse bietet natürlich Corona. In deutschen Zeitungen hat Nagel eine ganze Reihe von Artikeln gefunden, in denen die Pandemie apokalyptisch gedeutet wird. Am offensten äußerte sich Georg Seeßlen voriges Jahr in der „Zeit“: Es sei doch nicht das erste Mal, dass die Schöpfung „einen radikalen Bruch und einen Neuanfang“ erlebt. „Warum sollte so etwas nicht noch einmal geschehen?“ „Nicht nur der einzelne Mensch, nicht nur ein ‚Reich‘ oder eine ‚Kultur‘, auch die Menschheit an sich ist nicht unsterblich.“

Zu schweigen von Artikeln, die in Corona und natürlich auch in den politischen Maßnahmen den Ausdruck einer tiefergehenden Krise des wirtschaftlichen und politischen Systems oder unserer Umwelt sehen. Nagel nennt als Beispiel das amerikanische „Qanon“-Netzwerk, das in Corona einen neuen Beleg dafür sieht, wie die Menschheit durch einen „Schattenstaat“ bedroht wird. „Es braucht nicht viel Phantasie, um in dem Schattenstaat das apokalyptische Kernmotiv der ‚Großen Hure Babylon‘ wiederzuerkennen“, vermerkt Nagel, der teuflischen Gegenmacht zum Gottesreich.

Anti-Lockdown-Demonstration in Ohio, USA
2020 - Bild: Becker 1999/Wikipedia 


Offenbar ist die Konjunktur apokalyptischer Denkmuster nicht an irgendwelche politischen oder weltanschaulichen Standpunkte gebunden. In den Ansprachen von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Corona hat Nagel eine Häufung von Vokabeln wie „Prüfung“ oder „Bewährung“ gefunden. Merkel griff auch das "klassische apokalyptische Motiv" des Bruderkampfes auf: "Wenn wir nicht aufpassen, dient die Pandemie denen als Vorwand, die die Spaltung der Gesellschaft betreiben." Bereits die Denkschriften des Club of Rome von den „Grenzen des Wachstums“ in den frühen 1970er Jahren machten reichlich von Katastrophenrhetorik Gebrauch. Als Ursprung allen Übels wurde das exponentielle Wachstum der Weltbevölkerung ausgemacht. 1972 verglich Dennis Meadows den Fortschritt mit einer wuchernden Lilie in einem Teich. Sie wächst jeden Tag auf das Doppelte ihrer Größe. Irgendwann ist die Hälfte des Teichs bedeckt, die andere Hälfte aber noch frei – es scheint keine Dringlichkeit zu geben, die Lilie zurückzuschneiden. Am nächsten Tag ist kein Wasser mehr zu sehen.

Zwei Jahre später wurden Mihailo Mesarovic und Eduard Pestel noch deutlicher: „Die Welt hat Krebs, und der Krebs ist der Mensch.“ Ein halbes Jahrhundert später fragt sich der Leser, wie viel daran wörtlich gemeint war – oder wie man sich das Zurückschneiden der „Lilie“, die Ausmerzung des „Krebsgeschwürs“, das der Mensch sein soll, eigentlich vorstellen darf. Wahrscheinlich sollte die Drohgebärde bloß „die Dramatik im Hier und Jetzt unterstreichen“. Vorletztes Jahr hat Roger Hallam, der Sprecher der Kampagne „Extinction Rebellion“, die Prognose wiederholt, mit der Klimakatastrophe sei der Tod von Milliarden Menschen zu erwarten.

Anders als bei der „alten“, religiösen Apokalypse richtete und richtet sich die Hoffnung hier nicht auf ein Eingreifen Gottes in die Geschichte, sondern auf menschliche Aktivität. Der Club of Rome beschwor ein „bisher in der Menschheit einmalige Unternehmen“, im Grunde, resümiert Nagel, eine Selbstumwandlung zum „neuen Menschen“. Und noch ein Punkt hatte sich gegenüber der alten Apokalyptik geändert: An die Stelle einer göttlichen Offenbarung, die durch einen Engel übermittel wird, war – für ein modernes wissenschaftliches Bewusstsein von größerer Plausibilität – ein Computermodell getreten.

Ob die Mitarbeiter des Club of Rome sich über eine innere Verwandtschaft ihrer Argumentation mit religiösen Mustern Gedanken gemacht haben, ist eher zweifelhaft. Dem DDR-Dissidenten Rudolf Bahro dagegen  war diese Analogie sehr bewusst, als er 1987 fragte: „Wer kann die Apokalypse aufhalten?“ Der „Exterminismus“, „die massenhafte Vernichtung von Leben, das wir für unwert befunden haben“, befand Bahro, sei prinzipiell in der abendländischen Sozial- und Kulturgeschichte angelegt. Er setzte seine Hoffnungen auf eine „Spiritualisierung“ des Sozialismus: „Es gibt durchaus eine Analogie zu dem, was ganz am Anfang der Christenheit mit der ‚Gemeinschaft der Heiligen‘ gemeint war.“

Dass die Apokalypse für die frühen Christen nicht nur Bedrohung, sondern auch Hoffnung gewesen war, als Durchgang in eine neue Welt, blendete Bahro dabei aus. Anders übrigens als Karl Marx, der von einer Verschärfung der Klassenkämpfe den Übergang zum Sozialismus erwartete. Allerdings war das Wort „aufhalten“ im Titel von Bahros Schrift halb und halb ein Zitat aus dem Neuen Testament. Im 2. Thessalonicher-Brief befasst sich der Apostel Paulus mit der Frage, warum die Wiederkunft Christi noch auf sich warten lasse. Seine Antwort: Zuvor müsse „der Feind Gottes“ auftreten, der bislang noch durch einen „Aufhalter“, griechisch „katechon“, gehindert werde.

Wen oder was man sich unter diesem „Aufhalter“ vorstellen soll, geht aus dem Bibeltext nicht hervor. In dem Paulusbrief nimmt er offenbar eine sehr zweideutige Rolle ein: Aufgehalten wird nicht nur der Widersacher, sondern auch die folgende Wiederkunft Christi. In den folgenden Jahrhunderten trat der positive Aspekt dieses Aufhaltens in den Vordergrund. Im Mittelalter war die Lehre beliebt, es sei das Heilige Römische Reich, das der Herrschaft des Antichrist vorläufig im Weg stehe.

Eine merkwürdige Variante dieses Gedankens hat Nagel bei dem Jenaer Geschichtsphilosophen Günter Zehm gefunden. 2002 entwickelte Zehm in der Zeitschrift „Junge Freiheit“ seine Vorstellung von einem „in Sittlichkeit und Religiosität geeinten“ Bund europäischer Nationen, der zwei Erscheinungsformen des Antichrist die Stirn bieten müsse: dem „amerikanischen Gleichmacher-Imperialismus“ und der „islamischen Gottesstaatsdiktatur“. Dieser Staatenbund könne in die Rolle des „Katechon“ eintreten, brachte Zehm sein apokalyptisches Konzept auf den Punkt.

„Fühlen sich Gemeinschaften oder Gesellschaften existentiell bedroht, greifen sie bei der Deutung dieser Bedrohung oft auf Apokalypsen zurück“, bilanziert Nagel. Und dann stellt sich die Frage, welche Aktionen moralisch legitim sein könnten, um die Apokalypse aufzuhalten. Von den Geschichtsphantasmagorien eines Zehm schlägt Nagel einen Bogen zu einigen Attentaten der letzten Jahre, Beispiel: Christchurch 2019, die von ihren Urhebern immer wieder als Verteidigung gegen einen angeblich geplanten „Bevölkerungsaustausch“ gerechtfertigt wurden. Eine Darstellung der Endzeitphantasien im Islam, analog zu jenen im Christentum und in der daraus hervorgegangen säkularisierten Kultur der Moderne, hat Nagel sich an dieser Stelle erspart.

"Die in" von Extinction Rebellion, München
2019 - Bild: Henning Schlottmann/
Wikipedia


„Wenn Gesellschaften oder Gemeinschaften sich existentiell bedroht fühlen ...“ Ohne es zu wollen, darf man vermuten, hat Nagel in seinem Buch ein halb und halb schon wieder komisches Beispiel für solche Bedrohungen geliefert. Allerdings wird hier nicht gleich die Gesellschaft im Ganzen „bedroht“, dafür immerhin die Sprache. Der Text ist „gegendert“, man findet also grausliche Prägungen wie „Freund*in-Feind*in-Konstruktionen“ oder „der*die Apokalyptiker*in“. Das kann man für die Schaffung einer neuen, „geschlechtergerechten“ Sprachwelt halten – oder aus anderer Perspektive für die Zerstörung der alten.

Vor anderthalb Jahrzehnten stellten Religionswissenschaftler der Freien Universität Berlin in der Bundeshauptstadt eine Reihe von christlichen Gemeinden fest, die am Rande der Kirchen so zu leben versuchen, wie sie sich das Urchristentum vorstellen, also in Erwartung der unmittelbar bevorstehenden „Apokalypse“. Eine weltliche Entsprechung hat Nagel bei den „Preppern“ gefunden, die „always prepared“ sein wollen – nicht gerade auf den Weltuntergang, aber doch auf eine große Krise des Wirtschaftssystems, die vom einzelnen und von seiner kleinen Gemeinschaft erfordern würde, sich selbst zu versorgen. Vielleicht nur vorübergehend, vielleicht aber auch auf Dauer – die Prognose einer bevorstehenden Krise vermischt sich mit dem utopischen Entwurf einer neuen Welt, die aus der Krise hervorwachsen würde.

Das Spektrum der Befürchtungen bei den Preppern reicht von der Erschöpfung der Rohstoffe bis zu terroristischen Anschlägen, von Epidemien bis zur Bedrohung durch Außerirdische. Und das Spektrum der empfohlenen Maßnahmen von der Bevorratung mit Mineralwasser bis zu Kampfsportübungen. Eine beliebte Chiffre der Prepper-Bewegung ist die Buchstabenkombination „TEOTWAWKI“, ausgeschrieben: „The end of the world, as we know it“. Das ist, von der Rockband R.E.M., die den Song 1987 kreierte, vermutlich sogar beabsichtigt, die Paraphrase eines Verses aus der Offenbarung des Johannes: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Alexander-Kenneth Nagel: Corona und andere Weltuntergänge. Apokalyptische Krisenhermeneutik in der modernen Gesellschaft, transcript Verlag, Bielefeld 2021, 209 S., ISBN 978-3-8376-5595-7, 30,00 €


Mehr im Internet:
Alexander-Kenneth Nagel: Corona und andere Weltuntergänge, transcript Verlag 
Apokalypse - Wikipedia 
scienzz artikel Weltuntergang 

 

 

 

 

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