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27.06.2021 - ITALIENISCHE LITERATUR

So nachhaltig wie sonst nur Homer und Shakespeare

Sieben Jahrhunderte Wirkungsgeschichte von Dantes "Goettlicher Komoedie"

von Josef Tutsch

 
 

Dante Alighieri von Giotto di Bon-
done, um 1300, Bargello, Florenz
Bild: Wikipedia

1880 erhielt Auguste Rodin den Auftrag, für das neue Musée des Art Décoratifs in Paris eine große Bronzetür zu entwerfen, sechs Meter hoch und vier Meter breit. Rodin wählte Motive aus Dantes „Göttlicher Komödie“ – die Tür sollte das Höllentor wiedergeben. Fertig stellen konnte Rodin seinen Entwurf niemals, doch einige Stücke daraus wurden zu selbständigen Kunstwerken, vor allem „Der Denker“. Und dann „Der Kuss“, ein nacktes Liebespaar in inniger Umarmung.

Betrachter fragen sich vielleicht, warum der Mann in seiner linken Hand, hinter dem Rücken der Frau, ein Buch hält. Im zweiten Kreis der Hölle begegnet Dante der verdammten Sünderin Francesca da Rimini, die ihm berichtet, wie sie gemeinsam mit ihrem Schwager Paolo Malatesta eine Liebesgeschichte las. Durch ihr intensives Miterleben ließen sich die beiden zum Ehebruch verführen.

„Aus Sicht der Hüter bürgerlicher Moral“, schreibt die Göttinger Literaturwissenschaftlerin Franziska Meier in ihrem neuen Buch, das im Vorfeld von Dantes 700. Todestag am 14. September herausgekommen ist, „war die Sünderin Francesca das erste abschreckende Beispiel dafür, was für gefährliche Flausen Liebesromane jungen Mädchen in den Kopf setzten. Künstler und Autoren der Romantik und Postromantik hegten allerdings Sympathie für jene, die sich mit Romanfiguren mehr oder weniger naiv identifizierten, sie in ihrer eigenen trivialen Realität nachlebten und daran scheiterten.“ Berühmtes Beispiel einer modernen „Sünderin“: Flauberts Madame Bovary.

Was, fragt Meier, ist es eigentlich, das an Dante und seiner „Göttlichen Komödie“ seit sieben Jahrhunderten derart fasziniert? Nicht nur an solchen aufsehenerregenden Episoden, sondern auch am Gedicht im Ganzen, obwohl vermutlich nur wenige Leser sich durch die mehr als 14.000 Verse vollständig hindurchgearbeitet haben? Als vor zwei Jahrzehnten der Euro eingeführt wurde, erhielten die Länder die Möglichkeit, auf der Rückseite der Münzen nationale Symbole oder Portraits anzubringen. Italien wählte das markante Profil von Dante Alighieri. Eine erläuternde Aufschrift, um wen es sich dabei handelt, wurde für unnötig erachtet. Noch ein Beispiel aus der Populärkultur. In Dan Browns Thriller mit dem Titel „Inferno“ macht sich der Verbrecher ein teuflisches Vergnügen daraus, seine Mordpläne mit Anspielungen auf die „Göttliche Komödie“ zu spicken. Brown konnte davon ausgehen, dass schon der Name „Dante“ das Interesse eines weltweiten Publikums garantieren würde.

Eine „Nachhaltigkeit“ des Werkes, wie man sie sonst nur von Homer und von Shakespeare kennt. Dabei haben sich der Nachwelt nur einige wenige Passagen im Detail eingeprägt, so eben die traurige Geschichte der Francesca da Rimini. Oder die grausige Erzählung von Ugolino della Gherardesca, der mit seinen Söhnen eingekerkert und dem Hungertod überlassen wurde. Dante deutet an, dass der Vater an den Leichen seiner Kinder Kannibalismus begangen haben könnte. Der eine oder andere Vers aus Dantes Gedicht ist in die Handbücher „geflügelter Worte“ eingegangen, voran die Aufschrift auf dem Tor zu Hölle: „Lasst jede Hoffnung, wenn ihr eingetreten!“

Die „Göttliche Komödie“ – ein Steinbruch, aus dem jeder nach Belieben kleinere oder größere Brocken herausbrechen kann? Oder vielmehr, wie in den Literaturgeschichten zu lesen ist, ein „grandioses, unnachahmliches Kunstwerk, das gerne mit einer gotischen, in die Höhe strebenden Kathedrale verglichen wird“? Womöglich allerdings auch ein Kunstwerk von „monolithischer Fremdheit“? Im 18. Jahrhundert, schreibt Meier, attackierte Voltaire Dante als „eine mysteriöse Gottheit, deren Orakel niemand so recht verstehe“ – trotz der vielen Kommentare. Im 20. Jahrhundert plädierte der Philosoph Benedetto Croce dafür, den „unerträglichen theologischen Roman“ zu ignorieren. Sonst lasse sich die großartige Poesie der „Komödie“ nicht genießen.

Bei naiver Lektüre, meint Meier, könnte man in der Tat glauben, Dante hätte die christliche Lehre von Hölle, Fegefeuer und Himmel als präzise beschriebene Topographie darbieten wollen – nicht anders als später Honoré de Balzac, der die Hölle auf die Erde holte und sie in den Straßen von Paris ansiedelte. Etwa ein halbes Jahrhundert nach Dantes Tod erzählte der Novellist Franco Sacchetti, Bernardo Visconti, Herrscher von Mailand, habe einen Bauern befragt, was in der Hölle vor sich gehe. Dessen Antwort: Dort würden Menschen zerschnitten, gevierteilt, zerrissen und gehängt, ähnlich wie in Mailand ja auch. Und auf die Nachfrage, woher er das wisse: Von Dante – der habe schließlich davon berichtet.

Auguste Rodin: Der Kuss, 1886
(Ny Carlsberg Göyptotek, Kopen-
hagen) - Bild: Philipp Weissen-
bacher/Wikipedia

 

Ein Scherz. Sacchettis Freund Boccaccio betonte ausdrücklich, die Jenseitsreise sei als Parabel zu lesen. Aber geschildert, wenn man das so paradox ausdrücken darf, mit einer phantastischen Realistik. Immer wieder haben sich die Schriftsteller der folgenden Jahrhunderte an Dante ein Beispiel genommen – für die Darstellung äußersten Grauens gab es kein besser geeignetes Vorbild. Zum Beispiel Joseph Conrad in seiner Erzählung „Das Herz der Finsternis“: Marlows Reise den Kongo hinauf in das Terrorregime des Elfenbeinhändlers Kurtz zeichnet Dantes Abstieg zu Luzifer nach.

Manchmal war das Vorbild der „Göttlichen Komödie“ derart übermächtig, dass es das neue Werk in seiner inneren Logik zu sprengen drohte. Als Peter Weiss in seinem Oratorium „Die Ermittlung“ den Frankfurter Auschwitzprozess thematisierte, berichtet Meier, wollte er sich ursprünglich an Dantes „Hölle“ orientieren. Die Einwendungen von Siegfried Unseld, dem Leiter des Suhrkamp-Verlags, brachten ihn davon ab. Anscheinend wurde Weiss erst allmählich bewusst, wie problematisch diese Parallelisierung doch war. Hinter der mittelalterlichen Hölle stand der Gedanke, dass große Sünden geahndet werden sollten – Sünden, wie es sie bei den Gequälten von Auschwitz nicht gab.

Geahndet, nicht etwa gesühnt. Anders als im Fegefeuer werden die Sünder in der Hölle bis in alle Ewigkeit bestraft. Und zwar im Zeichen der göttlichen Gerechtigkeit. Eine Voraussetzung von Dantes Gedicht, die nachzuvollziehen modernen Lesern schwer fällt. Meier: „Je mehr der Glaube an die christliche Hölle in Europa als Aberglaube verworfen wurde, desto mehr blieb eine übersteigerte, detaillierte Schilderung von Qualen übrig, die Menschen einander zufügen.“

„Gerecht“ wird diese Strafe durch die universale Sündhaftigkeit des Menschen. „Dass ich vom graden Weg mich abgewandt“, bekennt der Jenseitswanderer gleich im dritten Vers seines Gedichts. Konkrete Verfehlungen werden nicht angesprochen, es geht um die Schuld, die Adam und Eva im Paradies auf sich geladen haben. Oder, wenn man es ganz untheologisch ausdrücken will: um das unbestimmte Gefühl, irgendetwas falsch gemacht zu haben.

Ein Verbrechen, auf das die Strafe der ewigen Verdammnis folgen muss? In den sieben Jahrhunderten seit Dantes Tod haben sich die Leser immer wieder gefragt, ob der Dichter nicht an der einen oder anderen Stelle Sympathie mit den gequälten Seelen durchscheinen lässt. Etwa bei seinem bewunderten Lehrer Brunetto Latini: „Wie dankbar ich Euch bin, das soll sich weisen durch meine Worte noch, solang ich lebe.“ Dennoch ist Latini in den 7. Kreis der Hölle versetzt – die Kommentatoren vermuten: wegen sexueller Verfehlungen.

Auf Francescas Erzählung von ihrem Ehebruch reagiert der Jenseitswanderer sogar mit einem Ohnmachtsanfall: „Vor Schmerz der Sinn mir schwand, als ob ich sterben müsste, und wie ein toter Körper sank ich hin.“ Aus Mitleid? Oder etwa, weil sich der Dichter an eigene Sünden gemahnt fühlt In jungen Jahren hatte er in seiner Lyrik das Hohelied einer sehr irdischen Liebe gesungen.

Passagen, in denen das scheinbar „Monolithische“ des Werkes, der theologisch-dogmatische Rahmen, in den die Dichtung eingebettet ist, vielleicht doch aufgebrochen wird. An einer Stelle wird die Frage erörtert, warum Heiden, die niemals die Möglichkeit hatten, die christliche Botschaft zu vernehmen, trotz eines vorbildlichen Lebenswandels in der Hölle landen müssten. Gottes Gerechtigkeit sei den Menschen nun einmal unergründlich, lautet die Antwort. Ob man sich mit dieser Kapitulation der menschlichen Vernunft begnügen kann, bleibt offen. Meier: „Schon wegen der bewunderten Persönlichkeiten der Antike grollte Dante mit dem Absolutheitsanspruch des einzig seligmachenden Glaubens.“

In den letzten Jahren, berichtet Meier, haben einige Verse aus dem 28. Gesang der „Hölle“ Anstoß erregt. Dort wird der Prophet Mohammed bis in die Gedärme hinein aufgeschlitzt – als Strafe für die Abspaltung vom Christentum, als die man im Mittelalter den Islam ansah. 2012 verurteilte die italienische Menschenrechtsorganisation Gherush92 Dantes Epos als zutiefst rassistisch antisemitisch, das Buch müsse aus den Lehrplänen der italienischen Schulen verschwinden. Nicht nur islamophob, sondern auch antisemitisch, nämlich, weil im tiefsten Kreis der Hölle Judas, der Verräter Christi, in Luzifers Maul steckt und auf ewig zerkaut wird.

Und was den „Rassismus“ betrifft: Vor einigen Jahren, berichtet Meier, stellt Simon Njami, Mitbegründer der Zeitschrift „Revue noire“ in Paris, dessen Eltern aus Kamerun stammen, die Universalität der „Komödie“ mit dem schlichten Satz „Ich komme da nicht vor!“ in Frage. Was Njami aber nicht daran hinderte, sich mit Dante in einer Ausstellung auseinanderzusetzen: „Die ‚Göttliche Komödie‘ aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler“.

Dante und die "Göttliche Komödie", von
Domenico di Michelino, 1465
Bild:Jastrow/Wikipedia


Irritationen, wie sie allerdings die Dante-Lektüre seit jeher begleitet haben, erläutert Meier. Zum Beispiel die Florentiner Humanisten im frühen 15. Jahrhundert, die durchweg republikanisch gesinnt waren, mussten schockiert sein, dass Dante neben Judas auch die Tyrannenmörder Brutus und Cassius in den Mündern des Höllenfürsten zappeln ließ. Da half es dann nur, den Text „uneigentlich“ zu lesen, gegen den Strich. Wer wollte, konnte in der „Komödie“ so etwas wie eine Ermächtigung hierzu finden. Als Theologe warnte Dante immer wieder vor der Versuchung des Hochmuts. Als Dichter erhob er den stolzen Anspruch, nicht nur „schön“, sondern auch „wahr“ zu reden. „Nun überlass du dich dem Trieb des Herzens“, sagt Vergil, nachdem er seinen jüngeren Kollegen durch Hölle und Fegefeuer hindurch begleitet hat, als Heide jedoch das Paradies nicht betreten darf. „Erwarte Lehre nicht noch Wink von mir“, „Du sei dein eig‘ner Kaiser und dein Papst!“

Dichter von Giovanni Boccaccio bis zu Samuel Beckett haben sich Dantes Mahnung zu Herzen genommen. Eine der gewagtesten Umdeutungen von Dantes Höllenfahrt vollzog 1859 Charles Baudelaire in seinen „Blumen des Bösen“. Himmel und Hölle waren gleichwertig geworden, was zählte, war der Kampf des lyrischen Ich gegen den „ennui“, die erdrückende Langeweile in der modernen Welt. In Baudelaires Sicht verschmolz die Gestalt des Jenseitswanderers Dante mit jener des Odysseus, von dem die „Komödie“ erzählt, im „heißen Drang, durch alle Länder hin der Menschen Wert und Narrheit zu erfahren“, habe er sich aufgemacht, die unbekannten Welten jenseits der Säulen des Herakles auszuforschen. Ein Vorläufer des Columbus, wenn man so will. „Wir wollen fort, wollen ins Tiefste – Himmel oder Hölle – dringen, ins Unbekannteste“, schließt das letzte Gedicht der „Blumen des Bösen“, „und sehn: gibt‘s Neues dort?“


Neu auf dem Büchermarkt:

Franziska Meier: Besuch in der Hölle. Dantes Göttliche Komödie. Biographie eines Jahrtausendbuchs, Verlag C. H. Beck, München 2021, 214 S. mit 12 Abb., ISBN 978-3-406-76723-4, 26,00 €


Mehr im Internet:

Franziska Meier: Besuch in der Hölle, Verlag C. H. Beck 
Dante, "Göttliche Komödie" - Wikipedia 
scienzz artikel Italienische Literatur 

 

 

 

 

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