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Kultur

05.07.2021 - FRANZOESISCHE LITERATUR

Die fliehende Erinnerung noch einmal wieder heraufzubeschwoeren

Vor 150 Jahren wurde Marcel Proust geboren

von Josef Tutsch

 
 

Marcel Proust, Fotografie
von Otto Wegener
Bild: Wikipedia

Es muss 1946 oder 1947 gewesen sein, erinnerte sich später Horst Bienek. Im Alter von 16, 17 Jahren las er alles, was die nationalsozialistische Diktatur verbannt und verschüttet hatte – Thomas Mann und James Joyce, André Gide und Franz Kafka usw. In der Zeitschrift „Die Fähre“ fiel ihm ein Autor auf, dessen Namen er bislang nicht kannte. Abgedruckt war der Anfang des Romans „Sodom und Gomorrha“, des vierten Bandes aus dem Zyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust.

Bienek war verstört: Dieser Text „hatte uns gar nichts zu sagen.“ „Und trotzdem, ich kam nicht davon los. Es war eine Welt des Scheins, des schönen Scheins, der fließende Abglanz einer Welt, die ebenso fern wie erregend, ebenso fremd wie faszinierend, ebenso exotisch wie anziehend war.“ Wie der Redakteur der „Fähre“, Rudolf Hartung, erläuterte, waren Teile dieses Romanwerks bereits in den 1920er Jahren in deutscher Übersetzung erschienen. Hartung bekannte, die Lektüre habe ihm dabei geholfen, die Nazizeit geistig zu überstehen, und Bienek, der sich in der Sowjetischen Besatzungszone mehr und mehr in eine innere Emigration hineingedrängt sah, versuchte, die Bände auf dem Büchermarkt aufzutreiben. Vergeblich: Joyce oder Kafka konnte von Reisenden aus West-Berlin eingeschmuggelt werden, die „Suche nach der verlorenen Zeit“ war auch dort nicht erhältlich.

Proust blieb für Bienek vorläufig ein Mythos, auch in den Jahren seiner politischen Gefangenschaft in Ost-Berlin und dann in Workuta. Als er 1955 in den Westen ausreisen durfte, kamen dort gerade die Bände der neuen Übersetzung von Eva Rechel-Mertens heraus. Noch heute wird jeder Leser Bieneks anfängliche Verstörung durch diesen Autor, der am 10. Juli 1871, vor nunmehr 150 Jahren, in Paris geboren wurde, nachempfinden können. Wer von der „Recherche du temps perdue“ Handlung im Sinne des traditionellen Romans erwartet, wird gründlich enttäuscht. Auf den 5.000 Seiten passiert buchstäblich gar nichts – außer dass einige Dutzend Dandys und Décadents und Snobs im Frankreich der Jahrhundertwende in ihren Salons miteinander konversieren. Mal in Paris, mal im fiktiven Badeort Balbec in der Normandie.

Der Literaturkritiker Walter Mehring drückte seine Irritation drastischer aus, als er 1951 im amerikanischen Exil an seine Proust-Leküre in den 1920ern zurückdachte. Der Autor der „Recherche“ rede „unaufhörlich von sich“, „überspannt wie ein hypochondrisches, schwer neurotisches Muttersöhnchen“ – von sich selbst und von seinen Versuchen, als Sohn einer bürgerlichen Familie im Adel Fuß zu fassen. Ein „peinliches, unerfreuliches“ Milieu, fand Mehring – und war von Prousts Darstellung doch „bestrickt wie von einem virtuosen, perlenden Präludieren arabesker Passagen“. „Man schmunzelt verständnisinnig mit“, und empfindet dann im Nachhinein „den Schock: Man ist bei Marquis-de-Sade-Gespenstern zu Gast gewesen“, „in einem parfümierten, sophistisch schillernden Pfuhl toter Seelen“.

Es war die „Belle époque“, heute besser als „Fin de siècle“ bekannt. Seit dem Sturz des Zweiten Kaiserreichs hatte der Adel in Frankreich politisch alle Funktionen verloren. Gesellschaftlich gab er weiter den Ton an, begann sich jedoch kaum merklich mit der Bourgeoisie zu vermischen. Am Ende von Prousts Romanzyklus darf eine „Madame Verdurin“ unter dem Titel einer „Herzogin von Guermantes“ auftreten. Auch die Erzählerfigur, der Autor hat ihr seinen eigenen Vornamen „Marcel“ gegeben, träumt von einem solchen Aufstieg.

Prousts Vater war Arzt, die Mutter stammte aus einer jüdischen Bankiersfamilie. Im Alter von neun Jahren erlitt der Sohn seinen ersten Asthmaanfall. Die Mutter versuchte, alle Gefahren von ihm fernzuhalten. Zu einer geregelten Berufstätigkeit kam es nie, das elterliche Vermögen gab ihm finanzielle Unabhängigkeit. Proust verbrachte seine Zeit in den vornehmen Salons. Als Außenseiter: „Was ihn beliebt machte“, schrieb später Stefan Zweig in einer biographischen Skizze, „ war einzig seine Generosität: Er überströmte alle Frauen mit kostbaren Blumen, überhäufte alle Welt mit unvermuteten Geschenken, lud jeden ein, zermartete sich den Kopf, auch dem nichtigsten Laffen gefällig und sympathisch zu sein.“

In einigen Künstlerfiguren, die er später in der „Recherche“ auftreten ließ, spiegelte Proust seine Sehnsucht nach Anerkennung: in dem Maler Elstir, dem Schriftsteller Bergotte, dem Musiker Vinteuil. Er selbst hatte allerdings so gut wie nichts vorzuweisen, nur ein kleines Bändchen mit Prosaskizzen, zu dem der Schriftstellerkollege Anatole France ein lobendes Vorwort geliefert hatte. Ein paar Artikel im „Figaro“, leicht ironische Berichte aus der Haute volée. Und jeden Abend geistreiche Plaudereien, die am nächsten Morgen vergessen waren.

Manuskriptseite aus der "Suche 
mach der verlorenen Zeit"
Bild. Wikipedia 


Außenseiter … Der Romanzyklus bietet eine ganze Galerie davon wie Marcels jüdischen Schulkameraden Albert Bloch, einen jungen Intellektuellen, der in seinem Bestreben, zur „guten“ Gesellschaft zu gehören, allerlei törichten Sprüchen seinen Beifall zollt. Oder den Homosexuellen Baron de Charlus. Als Familienangehöriger der Guermantes genießt er soziales Renommée, versteht es auch, seiner Person durch Anspielungen auf den Hof Ludwigs XIV. eine historische Dimension zu geben. Und bleibt dennoch eine verachtete Figur. 1929 entdeckte Walter Benjamin die „subversive Seite“ des Werks, den „detektivischen Einschlag“ in Prousts Neugier: Ein wenig hatte die gute Gesellschaft in seiner Welt mit ihrem leichten Leben hatte auch von einer Verbrecherbande an sich. Nur dass Proust selbst allzu gern dazu gehört hätte. Im Juli 1909 zog er sich überraschend zurück. Sein Asthmaleiden hatte sich verschlimmerte.

Will man das Ende der „Recherche“ autobiographisch lesen, war er jedoch vor allem zu dem Schluss gekommen, die Beschäftigung mit Belanglosigkeiten habe ihn bislang davon abgehalten, sein Werk zu schaffen. So mündet der Romanzyklus in den Vorsatz, ihn zu schreiben. In Paris machten bald Gerüchte über Prousts neues Leben die Runde. Im Bett oder am Schreibtisch warte der Kranke auf den Tod, müsse sich, um nicht beständig zu frieren, Tag und Nacht in dicke Tücher und Pelze hüllen. Die Fenster seien immer verschlossen – sowohl um das Halbdunkel zu bewahren als auch um den Geruch der Kastanienbäume draußen zu halten. Sein Zimmer habe er mit Korkplatten auskleiden lassen, um alle störenden Geräusche abzuschirmen.

1913 wollte Proust den ersten Band seines Romanwerks herausbringen. Der Lektor des renommierten Verlags Gallimard, André Gide, lehnte ab: Der Autor war ihm lediglich als „Snob“ bekannt. Proust musste den Band auf eigene Kosten bei Grasset drucken lassen. Doch binnen weniger Jahre wurde er zur nationalen Berühmtheit. 1919 erhielt er für den zweiten Band den Prix Goncourt, 1920 wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Gide hatte längst eingeräumt, mit der Ablehnung habe er sich „einen der schmerzendsten Gewissensbisse“ seines Lebens bereitet.

Als Proust 1922 verstarb, waren vier Bände erschienen. Die weiteren drei wurden aus dem Nachlass herausgegeben. Gallimard, zu dem Proust nach dem Erfolg des ersten Bandes gewechselt war, berichtete einmal, dass Prousts Arbeitsweise seine Setzer immer wieder zur Verzweiflung brachte. Wenn die Korrekturbögen zurückkamen, waren nicht etwa die Druckfehler ausgemerzt. Statt dessen hatte Proust den Rand der Fahnen mit ganz neuem Text voll geschrieben.

Das war im Sinne der Romankonzeption nur konsequent. Was der Erzähler „Marcel“ schriftlich niederlegt, hat mit einer „realistischen“ Erzählung wenig zu tun. Es sind spontane Erinnerungen, in einem freien Ablauf der Assoziationen, perspektivisch wechselnd, mit vielschichtigen Überlagerungen. Nichts gleiche einem traditionellen Roman, etwa von Gustave Flaubert, weniger als das Werk von Marcel Proust, stellte der deutsche Romanist Ernst Robert Curtius 1924 fest und sprach von einem „offenen Kunstwerk“. Curtius fühlte sich bei der Lektüre an wissenschaftliche Verfahren erinnert: etwa an die Entzifferung von „Palimpsesten“, also von Manuskripten, deren Text abgeschabt und überschrieben wurde, um das kostbare Pergament weiter verwenden zu können.

Aber es hat auch Leser gegeben, die durch Prousts Bemühen, „jede kleinste Regung im Menschen zu skizzieren“, zur Weißglut getrieben wurden. Diese „Kunst“ sei für den neuen „sozialistischen Realismus“ ohne Belang, dekretierte Karl Radek 1934 auf dem sowjetischen Allunionskongress in Moskau. Radek fehlte an Proust die Geradlinigkeit, mit der seiner Meinung nach eine moderne Kunst auf die Verurteilung des Kapitalismus hinauslaufen müsse. Für Klaus Mann, der als Gast am Kongress teilnahm, muss diese rüde Abwertung der literarischen Moderne ein Punkt gewesen sein, der ihn davon abhielt, in der Sowjetunion heimisch zu werden: Proust habe, auch eine Form der Revolution, „eine neue Sensibilität“ in die Literatur eingeführt.

Mann hatte vielleicht die bis heute berühmteste Passage des Romanwerks im Sinn: Der Geschmack „eines jener dicklichen, ovalen Sandtörtchen, die man ‚Petites Madeleines‘ nennt“, in Tee aufgelöst, weckt im erwachsenen Marcel die Erinnerung an seine Kindheit, eine Erinnerung, die alle Sinne erfasst – und setzt damit den Prozess in Gang, der den Romanzyklus hervorbringt. Seit fast hundert Jahren wird diese Episode immer wieder angeführt, um Prousts Technik des erinnernden Schreibens zu illustrieren: „Ich verlange von meinem Geist, die fliehende Erinnerung noch einmal wieder heraufzubeschwören.“

Prousts Grabmal auf dem Friedhof     
Père Lachaise, Paris 
Bild: Olivier Brüchez/Wikipedia 


Doch diese Erinnerung ist flüchtig: „Ich trinke einen zweiten Schluck und finde nichts anderes darin als im ersten, dann einen dritten, der mir etwas weniger davon schenkt als der vorige. Ich muss aufhören, denn die geheime Kraft des Trankes scheint nachzulassen.“ Kein Wunder, dass bei Lesern der „Recherche“, die von der Literatur handfesten „Realismus“ verlangten, gelegentlich so etwas wie Widerwillen aufkam. Mehring fasste das, was Klaus Mann Sensibilität nannte, in eine böse Anekdote: Als Proust im Sterben lag, habe er noch einmal nach seinen Manuskripten verlangt, um eine darin beschriebene Agonie an Hand der eigenen zu revidieren.

Gibt es überhaupt eine Gewissheit im Fluss der Erinnerungen? Darf der Leser es wörtlich nehmen, wenn der 7. Band „Die wiedergefundene Zeit“ betitelt ist? Oder ist das vermeintliche Wiederfinden vielmehr ein Phantasieren? Am Ende, schrieb 1971 der Schriftsteller Jean Améry, könne der Leser daran zweifeln, ob die Menschen, die der Erzähler gekannt haben will, jemals „wirklich“ waren. Er habe sich immer schon über die „Sicherheit“ gewundert, mit der manche Autoren „über die Welt verfügen“, meinte Martin Walser 1958. Proust sei da viel ehrlicher: „Er hat gesehen, dass die Wirklichkeit nicht in zusammenfassender Verkürzung und in objektive erzählten Lebensläufen darstellbar ist, ja dass sie eigentlich überhaupt nicht repräsentierbar ist.“


Auf dem Büchermarkt:

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, übersetzt von Eva Rechel-Mertens, 7 Bände, Suhrkamp Verlag, 1953 bis 1957, neu in der „Frankfurter Ausgabe“ des Gesamtwerks.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, neu übersetzt und kommentiert von Bernd-Jürgen Fischer, Reclam Verlag, Stuttgart 2017.

Marcel Proust. Leserfahrungen deutschsprachiger Schriftsteller, herausgegeben von Achim Hölter, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1998 


Mehr  im Internet:

Marcel Proust - Wikipedia 
scienzz artikel Französische Literatur

 

 

 

 

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