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Wissenschaft

03.08.2021 - SOZIOLOGIE

Eine Begleitwissenschaft zur Entwicklung der europaeischen Moderne

Aus der Fruehgeschichte der Soziologie

von Josef Tutsch

 
 

Alexis de Tocqueville
Bild: Wikipedia

Philosophie sei „ihre Zeit in Gedanken erfasst“, schrieb Georg Wilhelm Friedrich Hegel 1821 in seiner „Philosophie des Rechts“. Also die Selbstreflexion einer Gesellschaft, die historisch bedingt und historisch geworden ist – nicht anders, als auch jedes Individuum „ein Kind seiner Zeit“ sei. Hegel selbst war ein „Kind“ der Aufklärung. Die großen Revolutionen – die industrielle in England, die politische in Frankreich, die philosophische in Deutschland – hatten die rasanten Veränderungen der Gesellschaft im westlichen und mittleren Europa binnen weniger Jahrzehnte deutlich gemacht.

Wie keine Zeit zuvor verspürte diese Epoche der Revolutionen ein Bedürfnis, ihre Eigenart und ihren Ort in der Geschichte zu bestimmen. Der Soziologe Hans-Peter Müller von der Berliner Humboldt-Universität hat am Beispiel von fünf „klassischen“ Denkern des 19. Jahrhunderts die Entstehung einer der Einzelwissenschaften rekonstruiert, die sich als intellektuelle Antwort auf diese „Große Transformation“ herausbildeten: der Soziologie.

Blickt man auf die Gesamtheit der Disziplinen, die sich unter Sammelbezeichnungen wie „Geistes-“ und später „Gesellschaftswissenschaften“ damals aus der Philosophischen und der Rechtswissenschaftlichen Fakultät heraus spezialisierten, war die Soziologe eine der spätesten. Ihrer akademischen Etablierung ging die Ausdifferenzierung der historischen Disziplinen, der sogenannten „Geisteswissenschaften“ voran – beinahe gewinnt man den Eindruck, die Universitäten hätten lange damit gezögert, die Gegenwart ausdrücklich zum Thema wissenschaftlicher Studien zu erklären. Erst 1896 wurde Émile Durkheim zum Professor „für Pädagogik und Soziologie“ in Bordeaux ernannt. Erst 1919 erhielt Max Weber in München eine Professur, die sich außer mit Nationalökonomie und Wirtschaftsgeschichte auch mit „Gesellschaftswissenschaft“ befasste.

Dabei ist, erklärt Müller, am Denken jener Theoretiker, die im historischen Rückblick als die ersten Soziologen gelten können, zum Beispiel Alexis de Tocqueville oder Karl Marx, von vornherein ein „präsentistischer Charakter“ zu beobachten, eine  „Gegenwartsobsession“. Die Soziologie entstand „gleichsam als eine Begleitwissenschaft der modernen Gesellschaft und ihrer Entwicklung“. Das Erkenntnisinteresse bestand in der Klärung der Frage, was da eigentlich vor sich ging seit der Erfindung der Dampfmaschine in England, dem Sturz des Ancien régime in Frankreich, der Philosophie von Kant und Hegel in Deutschland.

Also im Versuch, „die Moderne zu verstehen“. Ein, wenn man so will, dialektischer Prozess: Die Soziologie als „Spiegel der Gesellschaft“, schreibt Müller, prägte die Selbstwahrnehmung dieser Gesellschaft mit. Und damit auch die Diskussionen über die Frage, wie die Gesellschaft sich fortgestalten solle. In den 1820er Jahren lehrte Hegel in seinen Vorlesungen zu Geschichtsphilosophie, mit der Französischen Revolution habe der Mensch sich erstmals „auf den Kopf, das ist auf den Gedanken gestellt“ und es unternommen, „die Wirklichkeit nach diesem zu erbauen“.

1845 erklärte Marx in seinen „Feuerbach-Thesen“ die Veränderung der Welt zur Aufgabe der Philosophie – zwischen einer normativen Sozialphilosophie und einer empirischen Wirklichkeitswissenschaft von der Gesellschaft wollte er keine Grenze ziehen. Den Gegenpol vertrat zwei Generationen später Max Weber: Bei moralischen Empfehlungen zur wünschenswerten Entwicklung solle sich „die Wissenschaft“ strengste Zurückhaltung auferlegen. Weber witterte die Gefahr, dass der Wissenschaftsbetrieb sonst im Streit über gesellschaftliche Zukunftskonzepte in weltanschaulich gebundene Sekten auseinanderfallen könnte.

Marx‘ Wille zur revolutionären Veränderung war Alexis de Tocqueville, dem anderen Soziologen der allerersten Generation, fremd. Aber auch für ihn stellte die Gegenwart nicht nur einen Gegenstand seiner Studien dar, sondern ebenso ein Programm und ein Projekt. In der Demokratie hatte der Abkömmling eines alten Adelsgeschlechtes das Strukturprinzip der modernen Gesellschaft entdeckt – nicht nur als Regierungs-, sondern auch als Lebensform. Aber er sah ebenso die Gefahr des „Despotismus“, indem die Bürger sich mehr und mehr „vom öffentlichen Wohl ab- und ausschließlich dem privaten Wohlergehen zuwenden“ würden.

Émile Durkheim
Bild: Wikipedia


Tocqueville, schreibt Müller, hoffte, die traditionelle Religion würde mit der Zeit vielleicht eine Grundlage für eine universale Wertschätzung von Demokratie, Gleichheit und Freiheit ausbilden. Insoweit war Marx‘ Zeitdiagnose unvergleichlich viel pessimistischer: Die Gesellschaft seiner Gegenwart war dem Untergang geweiht. Dafür war seine Zukunftserwartung unvergleichlich viel optimistischer: Die Revolution würde aus dem „Reich der Notwendigkeit“ in das „Reich der Freiheit“ führen.

Damit, betont Müller, nimmt Marx unter den „Klassikern“ der Soziologie eine Sonderstellung ein: Tocqueville akzeptierte ebenso wie später Durkheim, Simmel und Weber den „Kapitalismus“ als eine gegebene Tatsache, die sich allenfalls reformistisch verändern ließ. Am deutlichsten wurde in dieser Hinsicht Max Weber, der das ersehnte „Reich der Freiheit“ für eine Illusion erklärte und einen „Heroismus“ als „die entscheidende Herausforderung für den modernen Menschen“ ansah. In der Tat sei es zweifelhaft, meint Müller, ob Marx dieses Moment seiner Konzeption aus der nationalökonomischen Analyse folgern könne: Die Beobachtung von Mängeln in der Gegenwart bedeute ja nicht, dass für die Zukunft eine Besserung zu erwarten sei. Es handele sich vielmehr um ein „Erbe der Hegelschen Geschichtsphilosophie, die von der progressiven Durchsetzung der Vernunft in der menschlichen Geschichte ausgeht“.

Für Émile Durkheim, eine Generation später, stand keine politische und ökonomische, sondern eine „moralische Revolution“ auf der Tagesordnung. Die wachsende Arbeitsteilung in der Moderne, musste Durkheim anerkennen, hatte eine Steigerung der Produktivität ermöglicht, mehr individuelle Wohlfahrt und gesellschaftlichen Wohlstand erzeugt. Aber es mangelte der modernen Gesellschaft an Gerechtigkeit. Wenn Durkheim sich in die Kultur und Religion der australischen Aborigines vertiefte, dann, so Müller, weil er sich dort Aufschluss über die Frage erhoffte, wie Ideale, Werte und Normen entstehen, also wie in Gesellschaften „Sinn erzeugt“ wird.

Durkheims älterer Kollege Auguste Comte hatte sogar den Schritt gewagt, aufgrund seiner soziologischen Theorien eine Art Religion stiften zu wollen. Müller hat ihm in seinem Buch kein Kapitel gewidmet, so wenig wie Herbert Spencer, der im späteren 19. Jahrhundert wesentlichen Anteil daran hatte, dass  Charles Darwins Evolutionslehre zum „Sozialdarwinismus“ umgeformt wurde. Im Hintergrund von Durkheims Forschungsprogramm, schreibt Müller, stand eine „reformerische Vision“, die Vorstellung einer, um es mit einem aktuellen Schlagwort zu sagen, „kommunitaristischen“ Weiterentwicklung des liberalen Erbes von Aufklärung und Revolution.

Ähnlich stand die Frage, inwieweit das Individuum in der modernen Gesellschaft seine Freiheitschancen nutzen könne, auch bei Durkheims deutschem Kollegen Georg Simmel im Mittelpunkt. Voraussetzung von Simmels Denken, so Müller, war die Annahme, dass die Idee der individuellen Freiheit, die der nachaufklärerischen Gesellschaft in Europa und Nordamerika ihre Prägung gab, ebenfalls ein Produkt der Aufklärung war – sie hatte sich im Kampf gegen Monarchie und Klerus entwickelt.

Eine, wie man heute kritisieren würde, sehr „eurozentrische“ Perspektive. Müller wägt vorsichtig ab: Der westliche Weg sei nur einer von vielen Wegen in die „Moderne“. Andererseits – es sei nun einmal nicht zu leugnen, dass die demokratischen und liberalen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika stattfanden. Die „Moderne“, die Tocqueville und Marx, Durkheim und Simmel analysierten, war eine „westliche“ Moderne. Aber vielleicht ist es in der Tat ja eine Form von Hybris, wenn wir erwarten, dieser „Individualismus“ könnte, um es mit einem Satz von Max Weber, dem fünften der „Klassiker“ in Müllers Buch zur Entstehung der Soziologie zu sagen, „in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit liegen“ – und nicht bloß ein vorübergehender Sonderweg sein.

Im Vergleich zu den Anfängen der Soziologie ein Jahrhundert zuvor zeigt sich bei Weber jedenfalls eine tiefe Skepsis gegenüber der Annahme, die Wissenschaften könnten einen „Weg zum wahren Glück“ weisen: „Wer glaubt daran – außer einigen großen Kindern auf dem Katheder oder in Redaktionsstuben?“ Man könne übrigens bestreiten, fügt Müller an, dass Weber mit dieser rhetorisch gemeinten Frage ganz richtig lag. Die „Glücks- und Komforterwartung“ gegenüber den Wissenschaften sei sehr lebendig geblieben.

Im Schlusskapitel spricht Müller kursorisch ein halbes Dutzend aktuelle Theorieentwürfe an, die an die Gedanken der „Klassiker“ anknüpfen. 2013 kam zum Beispiel Thomas Piketty in seinem Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ zu dem Schluss, Tocqueville habe sich mit seiner Voraussage, die bürgerliche Gesellschaft werde keine Plutokratie ausbilden, offenkundig geirrt. Längst habe sich ein „globaler Geldadel der Reichen und Mächtigen“ herausgebildet. Piketty empfahl, mit einer ebenso globalen Strategie der Umverteilung durch Einkommens- und Vermögenssteuern.

Max Weber - Bild: Wikipedia      


Dagegen meinte Branko Milanović 2016 in seinem Buch über die „ungleiche Welt“, die gegenwärtige Alleinherrschaft des Kapitalismus sei durchaus überlebensfähig. Dass dieser Kapitalismus in zwei Varianten existiert, einer traditionellen in den westlichen Ländern und einer in China, die mit einer sehr autoritären politischen Führung kombiniert ist, mit offizieller Berufung auf Karl Marx – nun ja. 2017 stellte Andreas Reckwitz in seiner Studie „Die Gesellschaft der Singularitäten“ die provozierende Frage, ob die Idee der Individualität, wie sie die Soziologie des 19. Jahrhunderts beherrschte, durch die Veränderung der Gesellschaft nicht längst überholt sei. Heute herrsche der Imperativ der „Singualität“, also: „Sei etwas Besonderes!“ – wobei dieses Besondere sich real dann freilich in der Berufung auf ethnische oder religiöse oder kulturelle Identitäten erschöpft. Was in einem Bezugssystem als singulär erscheint, kann im nächsten gängiger Mainstream sein.

Viel stärker als ältere Wirtschaftsformen, meinten auch Luc Boltanski und Ève Chiapello 1999 in ihrem Buch über den „neuen Geist des Kapitalismus“, würde die Konsumgesellschaft der Gegenwart mit dem Versprechen winken, „Selbstverwirklichung zu ermöglichen“. Dieses Versprechen, wie realistisch oder illusorisch auch immer, könne, vielleicht wirksamer als irgendetwas zuvor in der Geschichte, die Menschen zum „Mitmachen“ im Wirtschaftsprozess motivieren. Oder, wenn man es kritisch sehen will, dazu verführen.

Im Jahr 1900 hatte Simmel bereits einen sehr skeptischen Vorausblick auf die moderne Konsumgesellschaft gewagt: Für die meisten Menschen würde sich die ersehnte Freiheit in der Moderne darauf reduzieren, „aus dem Ensemble rasch wechselnder Mode- und Stilangebote“ auswählen zu können. Noch um einiges pessimistischer fiel Max Webers Prognose aus, wohin der Prozess der „Rationalisierung“, als den er die Kulturgeschichte des Westens seit den griechischen Philosophen und den israelitischen Propheten ansah, am Ende führen müsste: Die „äußeren Güter dieser Welt“ würden „unentrinnbare Macht über den Menschen“ gewinnen, „wie niemals zuvor in der Geschichte.“


Neu auf dem Büchermarkt:

Hans-Peter Müller: Krise und Kritik. Klassiker der soziologischen Zeitdiagnose, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 419 S., suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2299, 24,00 € [D], 24,70 € [A]


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