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Kultur

11.08.2021 - ENGLISCHE LITERATUR

Erfundene Geschichten in einer authentischen Welt

Vor 250 Jahren wurde Walter Scott geboren, der Begruender des historischen Romans

von Josef Tutsch

 
 

Walter Scott, Portrait von Henry
Raeburn, 1822 - Bild. Wikipedia

Es war im Frühjahr 1812. Der schottische Jurist Walter Scott galt wegen seines Gedichts „Die Lady vom See“ über die Welt der schottischen Clans im 16. Jahrhundert unbestritten als der führende Poet Großbritanniens. Da erschienen von dem jungen George Lord Byron die ersten beiden Gesänge seines Versepos „Childe Harolds Pilgerfahrt“. Das Büchlein, in dem Byron die Reflexionen eines jungen Engländers auf seinen Reisen durch die Mittelmeerländer wiedergab, wurde zum Sensationserfolg. „Eines Morgens wachte ich auf und war berühmt“, soll der Autor gesagt haben. Das Publikum durfte für die kommenden Jahre einen spannenden Wettstreit zwischen den beiden Dichtern erwarten.

 

Doch Scott, der bereits 40 Jahre zählte, war bei der Lektüre sofort zu dem Schluss gekommen, mit Byrons Ingenium könne sein eigenes poetisches Talent unmöglich konkurrieren, und gab die Versdichtung auf. Stattdessen verlegte er sich auf eine andere literarische Form: den Prosaroman. Einige Jahre zuvor hatte er eine Erzählung von den letzten Kämpfen der schottischen Anhänger des Hauses Stuart gegen die Herrschaft der Hannoveraner Dynastie in den 1740er Jahren begonnen. Das Manuskript war dann unvollendet liegen geblieben – Versdichtungen versprachen mehr soziale Anerkennung. 

 

Der Anekdote zufolge fiel ihm nun dieses Manuskript wieder in die Hände, als er eigentlich nach einem Angelwerkzeug suchte. Scott nahm die Arbeit an der Erzählung wieder auf. 1814 erschien „Waverley“, der erste „historische Roman“ der Weltliteratur. Und bis zu seinem Tod 1832 brachte Scott nun Jahr für Jahr mindestens einen Roman nach dem Vorbild von „Waverley“ heraus – Urtypen einer ganz neuen literarischen Gattung. Scott wollte die Geschichte nicht bloß als Steinbruch für die eigene Phantasie nutzen, sondern vielmehr ein „authentisches“ Bild der Vergangenheit liefern. 

 

Ganz leicht wird ihm die Umstellung nicht gefallen sein. Nach den Glanzzeiten eines Henry Fielding („Tom Jones“) und Laurence Sterne („Tristram Shandy“) hatte der englische Roman im frühen 19. Jahrhundert keinen guten Ruf. Mit dem Verfassen von Romanen, musste Scott befürchten, werde er seinen Ruf als Gentleman riskieren. So wurde sein Name auf dem Titelblatt von „Waverley“ verschwiegen.

 

Doch der rasante Erfolg versöhnte ihn bald mit der zuvor so wenig geschätzten Literaturgattung. Auch der finanzielle Erfolg: Zeitweise führte Scott auf seinem Schloss Abbotsford das Leben eines Feudalherrn in alter Zeit, wie er es sich vorstellte und in seinen Romanen schilderte – ohne die blutigen Fehden, versteht sich. Aber der Vorbehalt, dass das Verfassen von Prosaromanen für einen Gentleman eigentlich keine angemessene Beschäftigung sei, blieb. Bis 1827 gab sich Scott, der 1820 in den erblichen Adel erhoben worden war, im Titel seiner Romane lediglich als der „Autor von ‚Waverley‘“ zu erkennen.

 

Als Scott diesen ersten „historischen Roman“ der Weltliteratur schrieb, lag die Französische Revolution ein Vierteljahrhundert zurück. Und während Großbritannien sich nach außen der Herrschaft Napoleons über Europa zu erwehren hatte, wurde es im Inneren durch die Industrielle Revolution verwandelt. Wie keine andere Zeit zuvor verspürte diese Epoche der Revolutionen das Bedürfnis, sich ihrer Stellung in der Weltgeschichte bewusst zu werden. 

 

Scott stürzte sich, um „Waverley“ schreiben zu können, ins Studium der Quellen – mit einer Intensität, wie wahrscheinlich keiner der früheren Schriftsteller, für die der Abstand zwischen Vergangenheit und Gegenwart noch kein Problem dargestellt hatte. Er hatte den Ehrgeiz, die historischen Umstände und Geschehnisse unverfälscht wiederzugeben, im Grunde nicht viel anders, als es heute die Autoren von Sachbüchern oder von Fernsehdokumentationen beabsichtigen. Im Verfassen historischer Romane, hat der Literaturwissenschaftler Viktor ?megač das Selbstverständnis Scotts und seiner zahllosen Nachahmer im 19. und 20. Jahrhundert auf den Punkt gebracht, wurde der Schriftsteller zugleich zum Geschichtsschreiber.

 

Und zwar zu einem Geschichtsschreiber anderer, höherer Art, als es der bloße Chronist war. Im 4. Jahrhundert v. Chr. hatte Aristoteles gelehrt, die Dichtung sei „philosophischer“ als die Geschichtsschreibung – sie habe das Allgemein-Menschliche zum Gegenstand, die Historiographie bloß das Besondere, Einmalige. Im Vorwort zu „Waverley“ sprach Scott aus, wovon er sich abgrenzen wollte: vor allem von der romantischen Schauerliteratur, die damals auf dem Höhepunkt ihrer Popularität war. 

 

Auch von einem in der Hauptsache „gefühlvollen“ Erzählen. Nicht dass er darauf verzichtet hätte, seinen Figuren eine romantische Liebesgeschichte beizugeben. Sie sollte dem Leser einen Anreiz zur Identifikation geben, vor allem jedoch verdeutlichen, wie die politischen und kulturellen Auseinandersetzungen auf das Privatleben auch der „kleinen“ Leute einwirkten. „Die Leidenschaften der Großen, ihre Streitigkeiten, ihre Aussöhnungen berühren das Schicksal aller, die sich ihnen nähern“, schrieb Scott 1823 im Roman „Quentin Durward“ programmatisch. 

 

Als „Helden“ seiner Romane wählte Scott denn auch nicht die „Großen“ der Geschichte wie Fürsten oder Feldherren, sondern Durchschnittsmenschen – erfundene Figuren mit erfundenen Schicksalen. Er verstrickte sie in die großen Entwicklungen, die unverfälscht, ohne Fiktion, wiedergegeben werden sollten. Ein Kniff, der sich im historischen Roman bis heute gehalten hat. Zum Beispiel in Umberto Ecos „Name der Rose“, 1980, ist die Handlung um William von Baskerville und Jorge von Burgos in der ligurischen Benediktinerabtei fiktiv. Für den Rahmen mit seiner Darstellung der theologischen und kirchenpolitischen Auseinandersetzungen im 14. Jahrhundert dagegen konnte Eco ein hohes Maß an Authentizität beanspruchen.

 

Wie auch Scott das vor zwei Jahrhunderten für seine Schilderungen aus der schottischen, englischen oder französischen Geschichte tat. Als „Waverley“ entstand, lag die neue Gattung sozusagen in der Luft. Binnen weniger Jahre wurde sie in ganz Europa und Nordamerika zur Mode. 1817 kamen „Die Kronenwächter“ von Achim von Arnim heraus, 1826 „Lichtenstein“ von Wilhelm Hauff und „Der Aufruhr in den Cevennen“ von Ludwig Tieck, im selben Jahr „Der letzte Mohikaner“ von James Fennimore Cooper. 

 

Der Name des Urhebers der neuen Gattung übte auf das Publikum eine derartige Faszination aus, dass Willibald Alexis es 1824 für gut hielt, seinen Roman „Walladmor“ als Übersetzung, „frei nach Walter Scott“ auszugeben. 1831 erschien „Der Glöckner von Notre-Dame“ von Victor Hugo, 1842 „Die Brautleute“ von Alessandro Manzoni, 1843 „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas. Einen monumentalen Höhepunkt schuf 1868 Lew Tolstoi mit „Krieg und Frieden“. 

 

Über den poetischen Rang von Scotts Werken freilich streiten sich die Literaturkritiker bis heute. Der junge Elias Canetti kam, wie in der Autobiographie „Die gerettete Zunge“ nachzulesen ist, zu einem sehr abfälligen Urteil, als ihm seine Mutter um 1917 einen Scott-Roman in die Hand drückte. Es war „Ivanhoe“, 1820 erschienen, bis heute das meistgelesene Buch des Autors. Canetti reagierte nahezu allergisch, wischte das Argument der Mutter, er interessiere sich doch für Geschichte, empört beiseite: „Das ist doch keine Geschichte! Das da sind nur blöde Ritter mit ihren Rüstungen!“

 

Nun ja, Millionen begeisterte Leser haben es anders gesehen und anders gewertet. Und die Opernfreunde: Wahrscheinlich gibt es außer Shakespeare keinen anderen Schriftsteller, dessen Werke so oft für das Musiktheater umgesetzt wurden. Höhepunkt: Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“, 1835, nach der schaurigen Geschichte von der Braut, die von ihrem Bruder aus familienpolitischen Gründen gezwungen wird, einen ungeliebten Mann zu heiraten, daraufhin wahnsinnig wird und ihren Gatten in der Hochzeitsnacht ermordet. Inzwischen natürlich auch die Cineasten. Vor allem die Turnierszene in „Ivanhoe“ bietet seit Stummfilmzeiten eine immer wieder gern genutzte Vorlage.

 

Ganz Unrecht hat Canetti mit seiner Kritik vielleicht aber doch nicht. In der Tat lässt sich fragen, ob es Scott in seinen mehr als zwei Dutzend historischen Romanen durchweg gelungen ist, lebendige Charaktere zu schaffen – und nicht bloß Stellvertreterfiguren für historische Umstände und Entwicklungen. Am ehesten gelang ihm dies wohl bei Personen aus wenig angesehenen sozialen Milieus. Bereits Scotts französische Kollegin George Sand würdigte ihn als Dichter der unteren Schichten, der Bauern, Handwerker, Soldaten und Geächteten. 

 

1937 machte Georg Lukács in seiner Studie über den historischen Roman darauf aufmerksam, dass Scott diesen Vorzug wahrscheinlich gerade seiner „konservativen“ Haltung in sozialen Fragen verdankte. Konservativ freilich in einem Sinn, der mit Aufgeschlossenheit für den Fortschritt einherging. Sein Herz hing an der ständisch gegliederten, sozusagen „farbigen“ Gesellschaft der Vergangenheit, von der sein Verstand jedoch wusste, dass sie der modernen Uniformierung nicht standhalten würde. In einem Brief von 1822 kam er auf die schottische Variante der englischen Sprache zu sprechen, die ihn an seine Jugend erinnerte, mit dem wehmütigen Fazit „But that is all gone.“ 

 

Vielleicht doch nicht so ganz: Der Erfolg von Scotts Romanen hatte großen Anteil daran, dass Schottland als Reiseziel der europäischen Eliten im 19. Jahrhundert gleichrangig neben die Mittelmeerländer trat. Dabei wusste Scott bei allem Interesse für das Schicksal der „kleinen“ Leute den Werbewert „großer“ Namen durchaus zu schätzen. 1821 wagte er sich an jene Epoche, in der das britische Weltreich seinen Anfang genommen hatte, die Zeit Elisabeths I. In einem Kapitel des Romans des Romans „Kenilworth“ werden die Schauspiele eines gewissen William Shakespeare erwähnt – 1575, als der gerade einmal elf Jahre zählte. 

 

Für Leser, die sich ein wenig mit der Chronologie auskennen, ein Anlass zum Kopfschütteln oder zum Schmunzeln, je nachdem. Scott hatte der Versuchung, die beiden Großen der englischen Geschichte in einem einzigen Roman unterzubringen, nicht widerstehen können. 

 

Wenn irgendetwas alle Romane Scotts durchzieht, dann sein Versuch, zwischen den Extremen, die die Handlung vorantrieben, eine ausgewogene Position zu finden – zwischen Schotten und Engländern, in Schottland selbst zwischen den Highlandern und den Bewohnern der urbanen Zentren, im England des Mittelalters zwischen Sachsen und Normannen, in den Glaubenskriegen zwischen der Staatskirche und den Dissidenten aller Art. Dieses Bemühen um Ausgewogenheit, sein Sinn für „Fairness“ rettete ihn auch vor jenen Einseitigkeiten, wie der nationalistisch geprägte deutsche „Professorenroman“ ein halbes Jahrhundert später sie nur allzu gern zum Ausdruck brachte. Beispiel: Felix Dahns „Kampf um Rom“, 1876. Gänzlich unverhüllt predigte der Roman die moralische Überlegenheit der Germanen gegenüber den „dekadenten“ Völkern am Mittelmeer.

 

Mehr als es bei jeder anderen literarischen Gattung der Fall ist, werden historische Romane daraufhin befragt, ob sie die außerliterarische Realität, die als Modell gedient hat, auch „getreu“ wiedergeben, beinahe wie Sachbücher. 1850 stellte der jüngere Kollege William Thackeray in einer humoristischen Fortsetzung von „Ivanhoe“ diese Frage zu Scotts bis heute meistgelesenem Roman. „Ivanhoe“ hat wesentlichen Anteil daran, dass Richard Löwenherz bis heute der populärste König des englischen Mittelalters ist, beinahe der „gute“ König schlechthin. Thackeray lieferte ein Gegenbild, das vielleicht realistischer ist: Richard habe gewohnheitsmäßig „aus seinen Edlen und Gemeinen, Geistlichen und Juden soviel Geld herausgepresst, als er nur bekommen konnte“. 

 

 

 

 

 

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