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26.08.2021 - DEUTSCHE LITERATUR

Der Polizeihund knurrt mich ganz abscheulich an

Vor 100 Jahren starb der bayerische Schriftsteller Ludwig Thoma

von Josef Tutsch

 
 

Ludwig Thoma, Portrait von K. Klimsch, 1909
Bild: Wikipedia


„Ich bin schon wieder angezeigt“, schrieb „Peter Schlemihl“ alias Ludwig Thoma im „Simplicissimus“, als er und seine Zeitschrift es wegen einer frechen Satire wieder einmal mit der Justiz zu tun bekamen. „Der Staatsanwalt spannt schon den Hahn und legt die Flinte auf mich an“, „der Polizeihund fletscht den Zahn und knurrt mich ganz abscheulich an.“

Eine Anspielung auf das „Hundevieh“, das die Zeitschrift gern auf ihrem Titelblatt zeigte. Ja, der Schriftsteller Ludwig Thoma, der am 26. August 1921, vor 100 Jahren, in Rottach-Egern bei Tegernsee starb, hatte im wilhelminischen Kaiserreich ein, wenn man so will, sehr inniges Verhältnis zur Strafjustiz. Sein Hang zu Aufmüpfigkeiten hatte ihm bereits zu Kinderzeiten Ärger eingetragen. Einiges davon ging in sein bis heute populärstes Buch ein, die „Lausbubengeschichten“, die 1905 herauskamen. Zwölf Episoden aus einem oberbayerischen Schülerdasein. Hinter den kindlichen Streichen ließ Thoma ein grundsätzliches soziales Problem aufscheinen: die Tyrannei einer stupiden Obrigkeit mit einem oft lächerlichen Regelwerk.

Thoma schlug die Rechtsanwaltslaufbahn ein. Seine Kanzlei in Dachau bei München soll auch gar nicht so schlecht gelaufen sein. Aber er fühlte sich in dieser Tätigkeit nicht recht wohl, die Juristerei bot seinem Geist zu wenig Spielraum. Der bösartige Spruch „Er war Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand“ – er stammt nicht, wie oft zu lesen ist, von Kurt Tucholsky, sondern von Thoma.

Von 1895 an veröffentlichte er gelegentlich humoristische Kurzgeschichten aus dem bäuerlichen Leben, das eine oder andere satirische Gedicht in der Zeitschrift „Simplicissimus“, 1899 auch ein Lustspiel, „Die Witwen“. Die große Wende in seinem Leben brachte dann ausgerechnet ein Eingriff der Justiz. Im Oktober 1898 hatte sich Kaiser Wilhelm II. zu einer Pilgerreise nach Palästina aufgemacht. Während die übrige deutsche Presse dem Unternehmen pflichtgemäß ihre Huldigung zollte, erdreistete sich der „Simplicissimus“, die Herrscherqualitäten des Kaisers in Frage zu stellen: „Nicht jeder Herrscher wagt sich auf die Reise ins alte Kanaan. Du aber fandst, du seist zu Hause momentan entbehrlich; der Augenblick ist völlig ungefährlich; und wer sein Land so klug wie du regiert, weiß immer schon im Voraus, was passiert.“

Schlimmer noch: Der Autor des Spottgedichts, Frank Wedekind, zog sogar Wilhelms religiöse Intention ins Lächerliche. Die „Simpliccismus“-Ausgabe vom 31. Oktober 1898 wurde konfisziert. Um einer Strafverfolgung wegen Majestätsbeleidigung zu entgehen, floh der Verleger Albert Langen ebenso wie Wedekind und der Zeichner Thomas Theodor Heine ins Ausland.

Damit die Zeitschrift überhaupt weiter erscheinen konnte, benötigte sie jedoch einen verantwortlichen Redakteur in München. Langen entschied sich überraschend für Thoma, der bislang nur einzelne Beiträge geliefert hatte. Für die nächsten Jahre wurde „Peter Schlemihl“, der Mann aus der Märchenerzählung von Adalbert von Chamisso, der dem Teufel seinen Schatten verkauft, zu Thomas zweitem Ich.

Irgendwelche Mühe, Konflikte mit dem Staatsanwalt zu vermeiden, gab sich der ehemalige Rechtsanwalt nicht. Er wollte Autoritäten und Scheinautoritäten attackieren und lächerlich machen, die weltlichen wie die geistlichen. 1906 wurde er wegen „Beleidigung und öffentlicher Beschimpfung einer Einrichtung der christlichen Kirche mittels Presse“ zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Anlass waren einige Verse gegen kirchliche „Sittlichkeitsprediger“, Höhepunkt des Gedichts: „Was wissen Sie eigentlich von der Liebe mit Ihrem Pastoren-Kaninchentriebe?“

Bloß scherzhaft war das nicht. Das zeigt Thomas Bauernroman um einen intriganten Pfarrer, der im selben Jahr herauskam, „Andreas Vöst“. In einer Nebenfigur, einem Kandidaten der Theologie, spiegelte der Autor seinen eigenen Bildungsweg: Desillusioniert von dem herrschenden Geflecht aus Missgunst und Verleumdung in der bestehenden Kirche, gibt der junge Mann seine Berufspläne auf und wendet sich einer weltlichen Laufbahn zu.

Immer wieder entfachten Thomas Gedichte, Erzählungen und Stücke Stürme der Entrüstung. Gemildert freilich durch den Pluralismus der verschiedenen Autoritäten, die im Königreich Bayern und im Deutschen Kaiserreich gegeneinander standen. Wenn Thoma den preußischen Chauvinismus und Pickelhauben-Militarismus attackierte, dann durfte er auf den Beifall heimatstolzer Bayern rechnen – Thomas Sticheleien gegen die „Preißn“ rufen in Wiederaufführungen seiner Stücke heute noch jedes Mal die Begeisterung des Publikums hervor. Umgekehrt fanden seine Angriffe auf die klerikale Politik in Bayern Unterstützung bei all jenen, die sich in der Nachfolge von Bismarcks Kulturkampf sahen. 1906 schmähte er in einem Gedicht die Mehrheit im neu gewählten bayerischen Abgeordnetenhaus: „Was ist schwärzer als die Kohle? Als die Tinte? Als der Ruß? Schwärzer noch als Rab' und Dohle und des Negers Vorderfuß? Sag mir doch, wer dieses kennt! – Bayerns neues Parlament.“

Im Jahr darauf schuf Thoma die Figur des bayerischen Landtagsabgeordneten Josef Filser. Ein Hinterbänkler, katholisch, konservativ und königstreu, Mitglied der das Parlament beherrschenden Zentrumspartei, der es mit Bauernschläue versteht, im politischen Spiel seinen eigenen Vorteil zu wahren. Nur mit viel Mühe passt Filser in seinen Briefen die Dachauer Mundart halbwegs dem Hochdeutschen an: „Ich bin fon meinem Beruf Oegonohm und durch das Ferdrauen des Folkes barlamentarischer Abgeorneter.“ „Ich habe als Man des Folkes nichd gewißt das ich zur Regirung beruhfen bin sontern inser hochwirninger her Bfarrer hat es entdekt.“ „Ich bin bei dem Zendrum und mus bemergen das ich meinen Bardeischwuhr immer drei gehalden hawe.“

Ludwig Thoma, stellt der Augsburger Literaturhistoriker Klaus Wolf in seiner „Bayerischen Literaturgeschichte“ fest, „entdeckte das subversive Moment der Mundartdichtung“. Eine Tradition, die gerade in Bayern bis heute nachwirkt, sowohl in Volksstücken, die, dem Hochdeutschen mehr oder wenige behutsam angeglichen, im Fernsehen auch einem überregionalen Publikum dargeboten werden, als auch auf der Kabarettbühne.

Andererseits war es gerade die mundartliche Färbung, die dem „Briefwechsel“ (Filser selbst schrieb „Briefwexel“) jeden Anschein von Plumpheit nahm. Thoma nutzte den Erfolg des Buches beim Publikum, indem er 1910 einen Bauernschwank folgen ließ. Im Eilzug Berlin-München trifft Filser auf einen Ministerialrat, der den ungehobelten Hinterbänkler zunächst herablassend betrachtet – bis er erfahren muss, dass es sich um eine gewichtige Persönlichkeit des parlamentarischen Betriebs in Bayern handelt. Dass auch Reisende aus Norddeutschland im Abteil sitzen, gab reichlich Gelegenheit, die vom Publikum erwarteten Witze über die „Preißn“ einzuflechten.

Die Witzeleien könnten leicht verdecken, dass Thomas Attacken eine sehr ernsthafte Seite hatten. Als er 1906 wegen des „Pastoren-Kaninchentriebs“ einige Wochen inhaftiert war, nutzte er die Zeit, um die Komödie „Moral“ zu schreiben. Während die Mitglieder eines national gesinnten Sittlichkeitsvereins die Tugend der alten Germanen hochleben lassen, setzt ein ehrgeiziger Polizeiassessor alles daran, die Kundenliste einer Dame von zweifelhaftem Ruf aufzuklären. Am Ende wird das Verfahren niedergeschlagen, weil von einem öffentlichen Skandal auch allerhöchste Herrschaften betroffen wären. Doch der Schein bleibt gewahrt, denn: „Die Hauptsache ist, dass man sich öffentlich zu moralischen Grundsätzen bekennt. Das wirkt günstig auf die Familie, auf den Staat.“

„Wenn in der Ehe die Lügen aufhören, dann geht sie auseinander“, sagt eine der Figuren des Stücks und wiederholt damit Henrik Ibsens zynische Feststellung „Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und Sie nehmen ihm zu gleicher Zeit das Glück.“ 1912 ließ Thoma der Komödie mit „Magdalena“ eine tragische Variante folgen. Im Namen der „Moral“ oder vielmehr Scheinmoral ersticht ein Vater seine „gefallene“ Tochter. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg gelang es Thoma, mit den Mitteln des bayerischen Volksstücks die Gattung des bürgerlichen Trauerspiels in der Nachfolge Lessings noch einmal zu beleben.

„An Sonderbarem wird es nimmer fehlen“, schrieb er zur Eröffnung des „Simplicissimus“-Jahrgangs 1913, „wo wir so ziemlich jede Amtsperson zu unseren besten Mitarbeitern zählen, auf Kanzeln, auf Kathedern, auf dem Thron.“ Dass die große Zeit des „Simplicissimus“ wenig später zu Ende ging, konnte er nicht ahnen. Als 1914 der Weltkrieg ausbrach, ergab sich auch Thoma der allgemeinen Begeisterung, er zweifelte sogar daran, ob Satire in dieser Zeit überhaupt noch einen legitimen Platz habe. Er war davon überzeugt, berichtete Hermann Sinzheimer, später selbst Chefredakteur des „Simplicissimus“, „Deutschland sei überfallen worden und es sei ein Defensivkrieg und ein Krieg um seine Existenz, den es zu führen habe und dem sich kein Deutscher entziehen dürfe. Somit gebe es keinen Raum und keine Aufgabe mehr für ein satirisches Blatt der Opposition gegen die herrschenden Gewalten in Deutschland.“

Der Linksliberale, wie man Thomas Position im Kaiserreich wohl zusammenfassen darf, war über Nacht zum glühenden Nationalisten geworden. Nicht untypisch für die deutschen Intellektuellen damals, denen das Kaiserreich, bei allem Ärger, den es oft bereitete, doch als Heimat liebgeworden war. Als sich die Niederlage abzeichnete, suchte Thoma verzweifelt nach Verantwortlichen. Und wie so viele andere damals glaubte er, sie zu finden: in den Juden. Wolf weist darauf hin, dass bereits der junge Thoma gelegentlich seine Vorbehalte gegen das äußerte, was er „galizisch“ nannte, gegen das kulturell fremdartige Osteuropa. Nach dem Weltkrieg verband sich diese diffuse Abneigung mit der gegen die westlichen Siegermächte zu einem aggressiven Antisemitismus. Bis zu seinem Tod schrieb Thoma einen Hetzartikel nach dem anderen – gegen das Judentum, gegen die bayerische Räterepublik, die sich im Frühjahr 1919 für kurze Zeit etablierte, gegen die bürgerliche Demokratie von Weimar.

Ausfälligkeiten, die auch den Ruhm des jüngeren Ludwig Thoma verdunkeln, an den wir doch viel lieber denken, wenn wir in der Münchner Ruhmeshalle seine Büste sehen. Ein Klassiker der Kritik an Regierungen welcher Art auch immer wurde seine Satire „Der Münchner im Himmel“, 1911, dem breiten Publikum auch durch den Zeichentrickfilm von 1970 bekannt. Alois Hingerl, Dienstmann Nr. 172 vom Hauptbahnhof München, kommt in den Himmel, ist davon jedoch gar nicht erbaut, weil ihm dort seine Maß Bier vorenthalten wird. Ergrimmt setzt er sich auf eine Wolke, um dennoch pflichtgemäß zu frohlocken und Hallelujah zu singen. Da das ganz grauslich klingt, schickt ihn der liebe Gott nach München zurück mit dem Auftrag, der bayerischen Regierung die göttlichen Eingebungen zu überbringen. Leider kehrt Alois unterwegs im Hofbräuhaus ein und vergisst seinen Auftrag. Wegen des Schlusssatzes „… und so wartet die bayerische Regierung bis heute auf die göttlichen Eingebungen“ wurde Thoma zu einer Geldstrafe verurteilt.


Mehr im Internet:

Ludwig Thoma - Wikipedia
scienzz artikel Klassiker der modernen deutschen Literatur


 

 

 

 

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