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02.09.2021 - KULTURGESCHICHTE

Malen im Freien und Traeume von einem befreiten Menschentum

Von Barbizon bis Capri - die Kolonien der Kuenstler und Lebenskuenstler

von Josef Tutsch

 
 

Paula Modersohn-Becker: Worpsweder Landschaft,
1900 (Museum Ludwig, Köln) - Bild: Wikipedia

Es begann mit einem Bild, das der damals 19-jährige Maler Théodore Rousseau 1831 im Pariser „Salon“ ausstellte. Eine Landschaft in der Auvergne, eigentlich nichts Besonderes. Doch das Publikum war fasziniert von Rousseaus Malstil, der das „Ursprüngliche“ des Motivs hervorhob, ohne jede Idealisierung der „wilden“ Natur.

Rousseau suchte nach Möglichkeiten, diesen Effekt des „Unverfälschten“ weiter zu steigern, und entschloss sich zu einem radikalen Experiment. Im folgenden Jahr gab er die bislang selbstverständliche Übung auf, dass Maler in der freien Natur bloß Skizzen anfertigten und daraus im Atelier ihre Bilder komponierten. Er zog von Paris in den Wald von Fontainebleau und malte dort „plein air“.

Dass seitdem Tausende und Abertausende von Malern in die Natur zogen, berichtet der Berner Ausstellungsmacher Andreas Schwab in seinem neuen Buch über „Künstlerkolonien“, war einer technischen Innovation zu verdanken, die gerade zur rechten Zeit kam. 1841 meldete der Amerikaner John G. Rand seine Farbtube zum Patent an, die das Mischen der Farben vereinfachte und auch ein schnelles Eintrocknen verhinderte. Die Atelierausrüstung wurde transportabel, ließ sich auch irgendwo im Freien aufbauen.

In den folgenden Jahren entstand im Weiler Barbizon unweit von Fontainebleau, in dem sich Rousseau angesiedelt hatte, eine ganze „Künstlerkolonie“ – zunächst aus Frankreich, dann aus allen Ländern Europas und Nordamerikas, das Vorbild für alle späteren Künstlerkolonien von Pont-Aven in der Bretagne bis Capri, vom Monte Verità bei Ascona bis Worpswede. Schwab, der vor einigen Jahren auch die Dauerausstellung auf dem Monte Verità zur Geschichte des Ortes erstellte, widmet sich in seinem Buch der Geschichte dieser Künstlerkolonien – das Wort „Kunst“ in einem sehr weiten Sinn genommen, einschließlich dessen, was man „Lebenskunst“ nennt.

Denn dem Vorbild der Maler folgten bald viele andere „Aussteiger“, die das Bedürfnis hatten, wie Schwab es ausdrückt, ihr Leben „zumindest für eine gewisse Zeit auf eine komplett neue Grundlage zu stellen“. Als Rousseau nach Barbizon kam, bestand die Infrastruktur des Ortes lediglich aus einer kleinen Herberge mit angeschlossenem Krämerladen. Die Maler quartierten sich in den engen Zimmern im Obergeschoss ein. Bevor sie sich mitsamt ihrer Staffelei zur Arbeit in den umliegenden Wäldern und Feldern aufmachten, wurden sie von den Wirtsleuten mit einem Imbiss und einer Flasche Wein ausgestattet.

Mit den Schwärmereien der Künstler von dem damals recht abgelegenen Ort ließen sich ganze Anthologien füllen. „Derjenige, der in der Stille lebt, wird zum Zentrum der Welt“, begeisterte sich der Maler Rousseau und notierte, bei der Arbeit fühle er sich manchmal „wie ein Baumstrunk“.  „Wenn Sie nur die Schönheit des Waldes sehen würden!“, schrieb sein Kollege Jean-François Millet in einem Brief. Neben der äußeren Natur faszinierte die Städter auch das bäuerliche Leben – oder vielmehr die Vorstellung, die sie sich als Beobachter davon machten. „In den schwieligen Händen und verschwitzten Gesichtern der Bauern“, berichtet Schwab, erkannte zum Beispiel Millet, der selbst vom Land stammte, „eine eigene Poesie – eine mythische Ursprünglichkeit, die den Städtern längst abhanden gekommen sei“.

Dabei konnte von so etwas wie einer „ungezähmten“ Natur in Barbizon längst nicht mehr die Rede sein. Bereits in den 1830er Jahren war ein dichtes Wegenetz angelegt worden, mit künstlichen Aussichtspunkten und Brunnen. Es ging um eine Alternative zur Großstadt Paris – aber keine wirklich radikale Alternative, vermerkt Schwab: Die meisten Maler kamen lediglich in den Sommermonaten, kaum einer gab sein Atelier in Paris auf.

Bald strömten auch die Wochenendtouristen nach Barbizon, die nun nicht nur die Bauern bei ihrer Arbeit beobachten wollten, sondern ebenso die berühmten und weniger berühmten Maler. Von der Bahnstation Melun aus wurde eine Tramway angelegt. Statt die Felder zu bestellen, lebten viele der „Ureinwohner“ nun davon, dass sie den Künstlern Modell standen. Bereits 1875 spottete die Pariser Zeitschrift „Journal amusant“, die Künstler aus aller Herren Länder seien im Umkreis von Barbizon verzweifelt auf der Suche nach Orten, wo noch niemand gemalt habe.

Und Barbizon machte Schule. 1864 „entdeckte“ der amerikanische Maler Robert Wylie in der Bretagne den wunderschönen Ort Pont-Aven. Drei Jahrzehnte später zählte man dort 100 Künstler bei insgesamt 1.400 Einwohnern. Die Besucher waren von den religiösen Traditionen der Bretonen fasziniert, auch von ihrer Sprache, die damals bereits abzusterben begann. 1886 quartierte sich Paul Gauguin ein – er suchte das einfache Leben zunächst in der Bretagne, erst später in der Südsee.

Mit Gauguin wurde Pont-Aven zum Mythos – mindestens zum Ersatzmythos für das weit entfernte Tahiti. Im Fall von Altaussee im steirischen Salzkammergut entwickelte sich die Künstlerkolonie aus einer Sommerfrische. Vor allem Schriftsteller und Komponisten bestimmten das Bild. In den 1930er Jahren logierte hier der Romancier Hermann Broch. „Vorderhand tue ich so, als gäbe es nichts in der Welt als meine Arbeit“, schrieb er in einem Brief. „Ich lese keine Zeitung, will von Spanien, von China und überhaupt von nichts wissen.“ Ein Eskapismus, meint Schwab, der für solche Künstlerkolonien durchaus typisch war: Sie konnten die Illusion vermitteln, es sei, „aller Zeitläufte entbunden“, möglich, sich „einzig dem Werk zu widmen“. 1938 musste Broch einsehen, dass diese Haltung angesichts des Nationalsozialismus selbstmörderisch werden konnte und floh über England in die USA.

Die beiden deutschen Künstlerinnen Ida Gerhardi und Jelka Rosen fanden ihr „Arkadien“ 1896 im Dorf Grez-sur-Loing östlich von Paris. Der Garten eignete sich als Freiluftatelier für ungestörte Aktdarstellungen. Nun ja, fast ungestört: Wie Gerhardi in einem Brief erzählt, bestieg der Pfarrer des Dorfes auffällig oft seinen Kirchturm, um von dort aus „einen Blick ins irdische Paradies zu tun“. Ein Jahr später war es mit dem Paradies dann auch schon wieder vorbei. 1897 kam der britische Komponist Frederick Delius, den Rosen in Paris kennen gelernt hatte. Die beiden gingen eine Beziehung ein und überwarfen sich mit Gerhardi.

Immerhin eine Generation lang bestand die Malerkolonie von Skagen in Dänemark. In den 1870ern hatten skandinavische Künstler die „Wüstenlandschaft“ an der Nordspitze Jütlands für sich entdeckt. An die Stelle der Bauern von Barbizon traten hier Fischer. In Deutschland wurde Worpswede zum Inbegriff einer Künstlerkolonie. 1898 begeisterte sich die junge Malerin Paula Becker, später unter dem Namen Paula Modersohn bekannt: „Worpswede, Worpswede, Worpswede! Versunkene Glockenstimmung! Birken, Birken, Kiefern und alte Weiden. Schönes braunes Moor, köstliches Moor.“

Es kennzeichnet den Wandel des sozialen Bewusstseins in diesen Jahrzehnten, dass der Maler Heinrich Vogeler es 1919 unternahm, die Künstlerkolonie nicht einfach wachsen zu lassen, sondern systematisch zu planen. Die Zukunftsgesellschaft, wie Vogeler sie sich dachte, sollte antizipiert werden, als „kommunistische Insel im kapitalistischen Staat“. Doch bereits 1923 wurde die Kommune aufgelöst und in ein Kinderheim der „Roten Hilfe“ umgewandelt.

Ein „neues, befreites Menschentum“ schwebte auch den Lebensreformern vor, die im Jahr 1900 die Naturheilanstalt auf einem Hügel bei Ascona begründeten. Die Einheimischen wunderten sich vor allem über die „Balabiott“, die „Nackttänzer“, auf dem Monte Verità. Besucher, die von der Idee einer „naturnahen“ Lebensweise angezogen wurden, haderten oft mit dem radikalen Vegetarismus im „Salatorium“: „Wir essen Salat, ja wir essen Salat“, reimte der Anarchist Erich Mühsam, „und essen Gemüse früh und spat.“ 1903 weilte der Soziologe Max Weber zu einem Kuraufenthalt in Ascona. Schwab vermutet, dass er dort Eindrücke für seine manchmal etwas bissigen Ausführungen über utopische Weltverbesserer sammelte, die in solchen Kolonien nach neuen Formen von Gemeinschaft suchten.

In vielen Fällen kam das Aussteigertum nicht ganz freiwillig zustande. 1903 veröffentlichte der Schriftsteller Hanns Heinz Ewers einen Artikel über Capri, die „Insel der Entgleisten“, wie er im Titel geheimnisvoll formulierte. Gemeint war: der Homosexuellen, die sich vor der drückenden Sexualmoral in ihren Heimatländern auf die Insel vor der kampanischen Küste geflüchtet hatten. 1897 war Oscar Wilde gekommen, nachdem er seine Zuchthausstrafe verbüßt hatte, 1898 der Industrielle Friedrich Alfred Krupp. Ewers nutzte den Skandal, den italienische und deutsche Zeitungen 1902 um Krupp entfacht hatten, mit  allerlei Andeutungen über Prostitution und sexuellen Missbrauch von Jugendlichen.

Statt über Capri hätte Ewers seinen Enthüllungsartikel auch über Taormina auf Sizilien schreiben können – in den Souvenirläden dort, schreibt Schwab, sind Postkarten mit den künstlerisch gestalteten Aktfotografien eines Wilhelm von Gloeden heute noch ein beliebter Artikel. Oder über Tanger – die Stadt wurde im späten 19. Jahrhundert zum Sehnsuchtsziel für alle, die ihre Träume vom Orient ausleben wollten, sowohl in der Sexualität als auch im Konsum von Drogen.

Capri stand in den Jahren 1909 kurz davor, auch ein Zentrum der sozialistischen Revolution zu werden. Der Schriftsteller Maxim Gorki, der aus Russland verbannt war, plante eine bolschewistische Parteischule. Das Projekt scheiterte, weil Gorki am Ende doch nicht bereit war, sich der Parteilinie, wie Lenin sie aus Zürich verfügte, unterzuordnen. So blieb es dem schwedischen Arzt Axel Munthe vorbehalten, das Bild der Insel bei der Nachwelt zu prägen. 1887 hatte er eine Luxuspraxis für die europäische Hautevolée eröffnet.

Und Sonderlingen wie dem Maler Karl Wilhelm Dieffenbach, der auf Capri sein Evangelium des Vegetarismus und der Freikörperkultur predigte und „zivilisationskritische“ Bilder malte – eine Haltung, meint Schwab mokant, „die sich auf einer Insel im blauen Golf von Neapel, fern jeder Industrie, natürlich privilegiert äußern ließ“. Tempi passati? Die Kolonien der Künstler und Lebenskünstler, wie sie sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelten, von Barbizon bis Capri, gibt es nicht mehr – aber vielleicht gerade deshalb nicht, weil das Unbehagen an der modernen Zivilisation, aus dem heraus sie entstanden, zum Massenphänomen geworden ist.

Im Zeitalter des Massentourismus ist auch die Möglichkeit, auf Zeit wirklich aus der Zivilisation „auszusteigen“, nichts mehr, was sich nur jene leisten würden, die von Beruf wegen am Rande der bürgerlichen Gesellschaft stehen wie eben viele Künstler. Ein matter Abglanz dessen, was die Künstlerkolonien früher einmal waren, berichtet Schwab, lässt sich in Worpswede heute noch erahnen: „An Sommertagen können Schaulustige den Künstlern über die Schulter blicken, die wie ihre berühmten Vorbilder der Pleinair-Malerei nachgehen.“


Neu auf dem Büchermarkt:

Andreas Schwab: Zeit der Aussteiger. Eine Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità, Verlag C. H. Beck, München 2021, 333 S. mit 16 farb. und 57 s./w. Abb., ISBN 978-3-406-77524-6, 26,00 €


Mehr im Internet:

Andreas Schwab: Zeit der Aussteiger, Verlag C. H. Beck
Künstlerkoloninen -Wikipedia
scienzz artikel Kunst und Gesellschaft

 

 

 

 

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