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Kultur

09.09.2021 - ITALIENISCHE LITERATUR

Ein Dichter und seine Stadt

Zum 700. Todestag von Dante Alighieri

von Josef Tutsch

 
 

Dante Alighieri, posthumes Portrait von Sandro
Botticelli, um 1495 - Bild: Wikipedia


Im nördlichen Seitenschiff des Doms Santa Maria del Fiore in Florenz schuf der Maler Domenico di Michelino 1465 ein Fresko, in dem er den großen Sohn der Stadt würdigte. Mit seiner rechten Hand weist Dante auf die drei Jenseitsreiche, die er durchwandert hat, Hölle, Fegefeuer und Paradies. In der linken hält er sein Buch, die „Divina Commedia“. Strahlen gehen von dort auf seine Heimatstadt aus, die an der Domkuppel und am Turm des Palazzo Vecchio zu erkennen ist. Dante ist mit einem Lorbeerkranz bekrönt.

Mit den historischen Realitäten, wie sie anderthalb Jahrhundert zuvor, beim Tod Tod des Dichters in Ravenna am 14. September 1321, aussahen, hat diese Apotheose wenig zu tun. 1302 war Dante unter Androhung der Todesstrafe aus Florenz verbannt worden, er kehrte niemals zurück. Spötter haben gemeint, die „Hölle“ sei vor allem entstanden, weil Dante seine Gegner in Florenz mit ewiger Strafe belegen wollte.

Seinen Ururgroßvater Cacciaguida degli Elisei, der im 12. Jahrhundert am Zweiten Kreuzzug teilgenommen hatte, siedelte Dante dagegen im Paradies an, mit einem recht durchsichtigen Zweck: Cacciaguida spricht seinen Nachkommen feierlich davon frei, in den Wirren der Florentiner Politik irgendeine Schuld auf sich geladen zu haben. Der Freimut, mit dem Dante in solchen Fällen die Plätze in seinem Himmel, seinem Fegefeuer und seiner Hölle verteilte, trug ihm früh die Schelte frommer Leser ein: Wollte der Dichter sich frevlerisch anmaßen, das Urteil Gottes über die Seelen am Jüngsten Tag vorwegzunehmen?

In der Tat, Dante konnte hassen wie wahrscheinlich kein anderer großer Dichter. Völlig aufgeben wollte er seine politischen Ambitionen auch im Exil nicht, als er ruhelos durch die Städte Mittel- und Oberitaliens zog. Von 1310 an unternahm der deutsche König Heinrich VII. Feldzüge in Italien. Dante erhoffte davon die Chance, in seine Heimatstadt zurückkehren, vielleicht sogar wieder in die Politik einsteigen zu können.

Dazu kam es nicht. Auch das Angebot, das die Machthaber in Florenz dem Dichter 1315 unterbreiteten, führte nicht zur Versöhnung. Längst empfanden sie Dantes Exil als Schmach für ihre Stadt. Als Preis für die Rückkehr verlangten sie lediglich, dass ihr Gegner sich vor dem Stadtregiment erniedrigen müsse, wenigstens symbolisch. Doch das ließ Dantes Stolz nicht zu.

Was dann nach Dantes Tod folgte, gehört zu den erstaunlichsten Vorgängen der Literaturgeschichte. Bereits 1334 hielt der Dominikanerorden in Florenz es für angebracht, die Verwendung der „Göttlichen Komödie“ in Predigten zu untersagen. Offenbar war genau das üblich geworden: Die Prediger trugen Passagen aus dem Buch als moralisierende Exempel vor – wie sonst Texte aus der Heiligen Schrift oder die Legenden von den Heiligen.

Posthum war Dante zur moralischen und politischen, beinahe sogar religiösen Autorität geworden. Manche der Leser oder Hörer fassten seine Jenseitsschilderungen naiv-wörtlich auf. Bernardo Visconti, der Herrscher von Mailand, erzählte der Novellist Franco Sacchetti um 1390, habe einen Bauern gefragt, was seiner Meinung nach in der Hölle vor sich gehe. Dessen Antwort: Dort würden Menschen zerschnitten, gevierteilt, zerrissen und gehängt, ähnlich wie in Mailand ja auch. Und auf die Nachfrage, woher er das wisse: Von Dante – der habe es schließlich selbst gesehen und davon berichtet.

Derart ungerührt nahm der Dichter selbst die Qualen der Verdammten in der Hölle nicht zur Kenntnis. „Vor Schmerz der Sinn mir schwand, als ob ich sterben müsste“, heißt es an einer Stelle, „und wie ein toter Körper sank ich hin.“ Die Kommentatoren sind sich nicht einig: Wird der Dichter hier von Mitleid übermannt? Oder fühlt er sich an eigene Sünden gemahnt und an die Höllenstrafen, die ihm drohen könnten?   

Die Stelle findet sich in der bis heute vielleicht berühmtesten aller Episoden des Epos, der rührenden Erzählung von Francesca da Rimini und ihrem Schwager Paolo Malatesta. Die beiden lasen gemeinsam eine Liebesgeschichte und ließen sich davon emotional mitreißen. „Da mussten manchmal wir vom Buche auf uns in die Augen schauen und erblassten“, beichtet Francesca dem Jenseitswanderer Dante, der sie im zweiten Kreis der Hölle antrifft.

Dass Dante dabei an eigene „Sünden“ dachte, ist keineswegs unwahrscheinlich. In seiner Jugend hatte er in Gedichten das Lob einer sehr irdischen Liebe gesungen. Moderne Leser können sich auch nur schwer des Gedankens erwehren, dass hier vielleicht ein leiser Zweifel an Gottes Gerechtigkeit, genauer: an der kirchlichen Lehre von Gottes Gerechtigkeit, anklingt. Ist es nicht allzu grausam, dass Francesca und Paolo für ihren Ehebruch mit ewiger Verdammnis bestraft werden?

Formuliert hat Dante solche Zweifel nicht. In den 1820er Jahren nannte Georg Wilhelm Friedrich Hegel die „Göttliche Komödie“ „das eigentliche Kunstepos des christlichen katholischen Mittelalter“: „Wie die Individuen in ihrem Treiben und Leiden, ihren Absichten und ihrem Vollbringen waren, so sind sie hier, für immer, als eherne Bilder versteinert hingestellt.“ Aber es ist nicht zu leugnen, dieses „Eherne“, „Versteinerte“, kann auch abschrecken. Ein Jahrhundert nach Hegel plädierte der Philosoph Benedetto Croce dafür, den „unerträglichen theologischen Roman“ zu ignorieren. Sonst lasse sich die großartige Poesie der „Komödie“ nicht genießen.

Noch ein Beispiel dafür, dass die moralischen Normen von Dantes Zeit in aller Selbstverständlichkeit in seine Dichtung eingegangen sind. Im 7. Kreis der Hölle findet er seinen Lehrer Brunetto Latini. Er wird als „Sodomit“ bestraft, also wegen sexueller Neigungen, die als „unnatürlich“ galten. Was Dante aber nicht daran hinderte, seine Verehrung und Bewunderung gegenüber dem Lehrer auch an dieser Stelle auszudrücken: „Wie dankbar ich Euch bin, das soll sich weisen durch meine Worte noch, solang ich lebe.“

Der Dichter hat beides schroff nebeneinander gestellt, die Höllenstrafe für Latinis „Verfehlungen“ und seine Verehrung für den Meister. Zu einem besonders heiklen Punkt der kirchlichen Erlösungslehre wagte Dante sogar eine kritische Frage. Nachdem der antike Kollege Vergil ihn durch Hölle und Fegefeuer geführt hat, wird er an der Pforte des Paradieses von der engelsgleichen Figur der Beatrice abgelöst, die vielleicht Dantes Jugendliebe war, vielleicht aber auch poetische Fiktion ist.

Als „Heide“ darf Vergil das Paradies nicht betreten, darin folgt Dante der Kirchenlehre seiner Zeit. Doch ob dieser Ausschluss von Menschen, die von Christus doch gar nichts wissen konnten, eigentlich gerecht sei, fragt Dante an einer Stelle. Wo liegt die „Schuld“ dieser „Heiden“? Gottes Gerechtigkeit sei den Menschen nun einmal unergründlich, lautet die Antwort. Das kann man als eine Kapitulation der menschlichen Vernunft auffassen – oder gerade umgekehrt als eine Aufforderung, weiter zu fragen.

Neuerdings kreiden Kritiker dem Dichter auch „Antisemitismus“ und „Islamophobie“ an. Im tiefsten Kreis der Hölle wird Judas in Luzifers Maul zermahlen, zur Strafe für seinen Verrat an Christus, von dem die Evangelien berichten. Dem Propheten Mohammed werden in der Hölle die Gedärme aufgeschlitzt – als Strafe für die Abspaltung vom Christentum, als die man im Mittelalter den Islam ansah.

Aber kann man es einem Dichter des 14. Jahrhunderts als Schuld anlasten, dass er nicht die Wertungen vertrat, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts üblich geworden sind? Mit einer ähnlichen Frage mühten sich bereits die Dante-Interpreten um 1400 ab. Die frühen Humanisten mussten befremdet zur Kenntnis nehmen, dass außer Judas auch die Caesarmörder Brutus und Cassius auf alle Ewigkeit im Maul des Höllenfürsten zappeln. Während sie dem Vorbild der römischen Republik nacheifern wollte, hatte der große Dante in der Monarchie sein Ideal von Politik gesehen.

Da half es nur, den Text uneigentlich zu lesen, sozusagen „gegen den Strich“. Wer wollte, fand dazu in der „Komödie“ selbst so etwas wie eine Ermächtigung. „Nun überlass du dich dem Trieb des Herzens“, sagt Vergil, als er sich von Dante verabschiedet. „Erwarte Lehre nicht noch Wink von mir“, „du sei dein eig‘ner Kaiser und dein Papst!“

Darin liegt die große Paradoxie dieses Gedichts, seine Stellung unmittelbar vor dem Anbruch der Neuzeit. Getreu der mittelalterlichen Lasterlehre, resümiert die Göttinger Romanistin Franziska Meier, warnte Dante vor der Versuchung des Hochmuts, der radikalen Subjektivität. Doch zugleich erhob er den stolzen Anspruch, als Dichter, also aus eigenem Recht, ohne eine kirchliche Autorität im Hintergrund, nicht nur „schön“, sondern auch „wahr“ zu reden.

In einem Brief an einen seiner Gastgeber im Exil, Cangrande della Scala, den Stadtherrn von Verona, beanspruchte Dante für sein Gedicht sogar dieselbe Interpretationskunst, die herkömmlich dem Bibeltext gewidmet wurde. Und er behielt Recht: Es dauerte nur wenige Jahrzehnte, bis die Stadt Florenz das Werk ihres großen Sohnes, den sie einst von sich gestoßen hatte, auf öffentliche Kosten verlegen und kommentieren ließ. Von 1373 fand jeden Sonn- und Feiertag in der Kirche Santo Stefano eine öffentliche Vorlesung über die „Commedia“ statt. Unter den Zuhörern waren nicht nur Gelehrte, sondern ebenso die betuchten Kaufleute der Stadt. Und auch ganz gewöhnliche Leute. Zumindest entschuldigte sich der erste Dozent, Giovanni Boccaccio, später halb und halb ironisch dafür, dass er die Poesie dem „unwürdigen Volk“ nahe gebracht habe. Also jenen, die kein Latein verstanden, sondern bloß das „volgare“, die Volkssprache, in der auch Dante selbst geschrieben hatte.

So hatte es denn auch aktuelle politische Gründe, dass Domenico di Michelino 1465 damit beauftragt wurde, in seinem Bild die postume Versöhnung Dantes mit seiner Heimatstadt zu feiern. Die Medici, die eine fürstenähnliche Stellung in Florenz errungen hatten, wollten sich dagegen verwahren, dass ihre Gegner das überragende Ansehen des Dichters für ihre Propaganda nutzten. 1481 legte der Rhetorikprofessor Cristoforo Landino eine kommentierte Dante-Ausgabe vor, die er im Auftrag der Medici erstellt hatte. Landino wehrte alle Versuche ab, Dantes bösartige Verse gegen seine Heimatstadt als irgendwie aktuell aufzufassen: Sie hätten sich immer nur gegen eine kleine Politikerclique gerichtet.

Anderthalb Jahrhunderte nach seinem Tod im Exil wurde Dante zum Inbegriff des „Florentinischen“ stilisiert. Und einige Jahrzehnte später, während Italien zum hilflosen Opfer spanischer und französischer Truppen wurde, zum Inbegriff der „italianità“ insgesamt. Als Raffael 1509 den Vatikanischen Palast mit Fresken ausschmückte, brachte er Dante gleich zweimal an prominenter Stelle unter, erstens im Kreis der Dichter von Homer über Vergil bis zu Petrarca und Boccaccio, zweitens aber auch unter den großen Theologen. Papst Julius II., der die Fresken in Auftrag gab, hatte keine Bedenken, dass der Dichter gleich hinter seinem Onkel und Vorgänger, Sixtus IV., plaziert wurde.


Auf dem Büchermarkt:

Die Göttinger Romanistin Franziska Meier hat eine eingehende Studie über die Wirkung Dantes vorgelegt:
Besuch in der Hölle. Dantes Göttliche Komödie –  Biographie eines Jahrtausendbuchs, Verlag C. H. Beck, München 2021, 214 S. mit 12 Abb., ISBN 978-3-406-76723-4, 26,00 €


Mehr im Internet:

Dante Alighieri - Wikipedia
scienzz Italienische Literatur

 

 

 

 

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