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Wissenschaft

16.09.2021 - GESCHICHTE DER MEDIZIN

Ueble Ausduenstungen, unheilvolle Planetenkonjunktionen und Strafen Gottes

Krankheitstheorien vor Erfindung des Mikroskops

von Josef Tutsch

 
 

Albrecht Dürer: Die vier apokalyptischen Reiter,
Holzschnitt, 1498 - Bild. Wikipedia

Im Jahr 37 v. Chr. veröffentlichte der römische Schriftsteller Marcus Terentius Varro seine Abhandlung über die Landwirtschaft. Ein Kapitel darin befasste sich mit der Frage, welche Lage für eine „villa rustica“ geeignet sei. Nicht zu nah an einem Gewässer, riet Varro: In der feuchten Luft würden Tiere leben, die so klein sei, dass man sie gar nicht sehen könne. Sie könnten durch Mund oder Nase in den menschlichen Körper eindringen und schwere Krankheiten verursachen.

Empirische Belege für seine Aussage, mit der zum ersten Mal in der Wissenschaftsgeschichte das angesprochen wurde, was wir heute „Mikrobiologie“ nennen, hatte Varro nicht. Das Mikroskop, mit dem die Bakterien und später auch die Viren entdeckt werden konnten, wurde erst um 1600 erfunden. Mit dem Satz über die winzigen Tierchen entwickelte Varro die sogenannte „Miasmentheorie“ weiter, die um 400 v. Chr. der Arzt Hippokrates von Kos begründet hatte: Giftige Ausdünstungen des Bodens würden mit der Luft fortgetragen und könnten so Krankheiten verbreiten. Im Ausdruck „Malaria“  – übersetzt: „schlechte Luft“ – lebt dieser Gedanke bis heute fort.

Die Münsteraner Historikerin Katharina Wolff hat sich in einer ausführlichen Studie mit den Seuchentheorien im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit befasst – also im Zeitraum zwischen der „Großen Pest“ des 14. Jahrhunderts und der Erfindung des Mikroskops. Neben der Miasmentheorie von der schlechten Luft war unter den Ärzten damals vor allem die „Humoralpathologie“ verbreitet, die ebenfalls bis auf die griechische Antike zurückging: Krankheiten seien durch eine Störung des Gleichgewichts zwischen den vier „Säften“ im menschlichen Körper verursacht, Blut und Schleim sowie gelber und schwarzer Galle. Andere unterstellten einen negativen Einfluss der Gestirne – oder das Handeln böswilliger Mitmenschen, entweder durch Gift oder mittels magischer Praktiken.

Theologen wiederum deuteten die Krankheit als Strafe, die Gott über die sündige Menschheit verhängt habe – oder auch als Wirkung von Dämonen. Im Rückblick, meint Wolff, könnte man vermuten, es hätte einen heftigen Streit um die „Deutungshoheit“ geben müssen, zwischen den Ärzten einerseits, den Theologen andererseits. Er blieb aus, wahrscheinlich auch deshalb, weil keine der Diagnosen zu einer erfolgreichen Therapie führte. Medizinische, hygienische, magische und religiöse Abwehrstrategien standen bunt nebeneinander. Oft enthielten die medizinischen Abhandlungen nebenbei auch Zauberformeln oder Empfehlungen zur Frömmigkeit.

Die Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts führten die Ärzte in der Regel auf einen Überschuss von Blut im menschlichen Körper gegenüber anderen „Körpersäften“ zurück. Therapeutisch war der Pest am ehesten mit Aderlass und Beulenschneiden beizukommen: Das überflüssige Blut und die Fäulnis sollten aus dem Körper abgelassen werden. Um eine Ansteckung zu vermeiden, berichtet Wolff, empfahl das „Pariser Pestgutachten“ von 1348 „leichte, als trocken und kühl eingestufte Nahrungsmittel und Getränke wie Geflügelfleisch und Weißwein“. Von Fisch wurde abgeraten, ebenso von Geschlechtsverkehr wie überhaupt von körperlichen Betätigungen, die Hitze und Feuchtigkeit mehren konnten.

1475 wies der Rat der Stadt München die Einwohner an, die Wohnungen gut zu räuchern, um üble Dünste zu vertreiben, die ein solches Ungleichgewicht begünstigen konnten. 1533 wurde in Nürnberg dem Hauswirt des Rathauses aufgetragen, täglich ein reinigendes Feuer auf dem Vorplatz zu unterhalten. Und wer weiß, vielleicht wurden dadurch zeitweise ja auch die Flöhe ferngehalten, die nach moderner Erkenntnis das Bakterium Yersinia pestis im Darm trugen und es durch ihren Biss weitergaben.

Humoralpathologie und Miasmentheorie, schreibt die Autorin, sind heute, nach dem Siegeszug der Mikrobiologie, nur noch medizinhistorisch ein Thema. Magische und astrologische Deutungen leben dagegen in manchen „alternativen und esoterischen Heilmethoden“ fort. Dem Pestgutachten von 1348 zufolge war die Grundlage für die Große Pest bereits 1345 gelegt worden, als am 20. März der Planet Mars während einer Konjunktion mit Jupiter und Saturn in das Sternbild des Wassermanns eintrat.

Umstände, gegen die man sich mit Amuletten zu wappnen versuchte. Wohl wegen seiner Seltenheit galt der Smaragd als wirksames Heilmittel gegen die Pest. Oder mit Zaubersprüchen: Die „unerwünschten Kräfte“ wurden beschworen, aus dem Körper des Patienten zu weichen. Oder mit symbolischen Praktiken: Da die geschwollenen Lymphknoten bei der Pestkrankheit vage an Hühnereier erinnerten, wurden sie nach dem Ausschneiden einem Huhn eingezwängt. Die Krankheit sollte auf das Huhn übergehen und mit der Tötung des Tieres die Welt verlassen.

Sehr oft, betont Wolff, lässt sich kaum sagen, ob die empfohlenen Mittel, vom Besprengen der Räume mit Essig über den Verzehr von allerlei Pflanzen bis zum Mitführen von Rosen oder Walnüssen, nach heutigem Sprachgebrauch „medizinisch“ oder „magisch“ gemeint waren. Auch das Fleisch giftiger Schlangen sollte gegen die Pest helfen – wer konnte schon genau sagen, ob die Seuche nicht eine Art Vergiftung war, der man sozusagen mit dem gleichen Mittel begegnen konnte. Luther unterstellte in seiner Schrift von 1527 einen dämonischen Ursprung der Pest und deutete das Wirken der Dämonen als göttliche Prüfung.

Die Maler des 15. Jahrhunderts stellten die Pest gern im Bild eines Pfeils dar. Auf einer sienesischen Tafel von 1437 ist es ein dämonisches Wesen, das den Menschen mit seinen Pfeilen den Tod bringt, auf dem Göttinger Barfüßeraltar von 1424 Gottvater selbst. Es gab eigene „Pestheilige“, die angerufen werden konnten, darunter den römischen Soldaten Sebastian, der durch Pfeile, die seinen Körper durchbohrten, den Märtyrertod gefunden haben soll, und Rochus, der sich in der Pflege der Pestkranken engagierte und dabei selbst erkrankte. Von der Mitte des 14. Jahrhunderts an zogen „Geißlerzüge“ durch die Städte, um die Bußfertigkeit der Menschen zu demonstrieren.

Derart beherrschend, wie man gern glaubt, war Religiosität im späten Mittelalter jedoch anscheinend nicht. Wolff hat in Quellen aus Nürnberg, Augsburg und München ausgezählt, dass nur zwischen zehn und 20 Prozent der kollektiven Maßnahmen gegen die Pest religiöser Natur waren. Dennoch haben frühere Historiker diese Epoche der Medizin vor der Entdeckung der Mikrobiologie gern als unwissenschaftlich abgetan, als ein Feld des „Aberglaubens“. „Religiöse Ahnungen, dichterische Einbildungen, philosophische Hirngespinste stritten wider einander“, schrieb der Arzt Georg Sticker 1910, „der Einfältige staunt und sieht zürnende und strafende übernatürliche Mächte“. 1929 bezeichnete ein Gerhard Venzmer in einer Geschichte der Syphilis die Medizin des Mittelalters rundum als „dunkel und finster“.

Ein „Fortschrittstaumel“, den man wohl ein bisschen naiv nennen muss – de Gelehrten damals, die ja nicht durch ein Mikroskop die Welt des Kleinen und Kleinsten beobachten konnten, hatten gar nicht die Möglichkeit, abrupt von der Säfte- und der Miasmentheorie einerseits, theologischen oder magischen Vorstellungen andererseits auf das mikrobiologische Paradigma überzuspringen. In anderer Hinsicht hat die Forscherin jedoch gerade in dem untersuchten Zeitraum eine tiefgreifende Veränderung festgestellt. Im späten 15. Jahrhundert wandelte sich die Auffassung der städtischen Obrigkeiten von ihrer Aufgabe angesichts etwa der Pest. Mehr und mehr versuchten sie sich in einem „vorausschauenden und planvollen Vorgehen“, in einer „agierenden Seuchenprävention“.

Allerdings in einem nach heutigem Empfinden merkwürdigen Nebeneinander von medizinischen und hygienischen Maßnahmen einerseits, religiösen Übungen andererseits. Das Wort „medizinisch“ nach dem Stand der Wissenschaft damals verstanden. Wenn sich süddeutsche Städte wie zum Beispiel Nürnberg in den Jahrzehnten um 1500 verstärkt um ein Minimum von Hygiene in den Städten bemühten, dann war das von der Miasmentheorie her gedacht. So sollten Tote fortan nur noch außerhalb der Stadtmauern bestattet werden. Ähnlich verbot München 1532, die Kleidung von Pestkranken und Pesttoten zu verkaufen.

Vielleicht hing auch die Jagd auf Ratten, die in Nürnberg 1524 ausgerufen wurde, mit der Furcht vor Miasmen zusammen, die vom Kot der Tiere ausgehen konnte. Von der Rolle der Ratten bei der Verbreitung der Pest konnten die Zeitgenossen jedenfalls nichts ahnen. 1545 untersagte Nürnberg in Pestzeiten alle Tanzveranstaltungen. In der Begründung wurden sowohl religiöse als auch medizinische Argumente angeführt: Das Tanzen sei erstens „Gott missfällig“ und zweitens „der Seuche und Krankheit nicht wenig förderlich“. Manchmal standen medizinische und religiöse Argumentationsstränge auch gegeneinander: Immer wieder empfahlen die „Pestschriften“, Menschenansammlungen seien zu vermeiden. Dabei galten Prozessionen als das wichtigste Mittel, die Frömmigkeit einer Stadt kundzutun und damit – hoffentlich – eine drohende Pest abzuwenden.

Bereits 1348, unmittelbar nach dem Auftreten der Pest in Europa, wurde in Mailand das brutalstmögliche aller Rezepte umgesetzt: Ganze Familien wurden eingemauert und von jedem Kontakt abgeschnitten, so dass sie verhungern mussten. Andererseits führte erst die Pest in vielen Städten zum Aufbau einer öffentlichen Krankenpflege. Zuvor, schreibt Wolff, war sie oft Aufgabe der Familie gewesen und hing in der Hauptsache davon ab, ob der Kranke Vermögen hatte.

In zahlreichen „Pestschriften“ hat Wolff den Ratschlag gefunden „Fliehe weit und schnell und kehre spät zurück!“ Dass die Isolation von anderen einen Schutz vor Ansteckung bieten kann, war dem Mittelalter sehr genau bewusst – vorausgesetzt, man hatte sich noch nicht angesteckt und war bereit, ein Leben abseits der Gesellschaft auf sich zu nehmen. Aber natürlich konnte gerade die „Flucht“ die Krankheit auch umso schneller verbreiten. Und mehr, als wir uns das in den westlichen Gesellschaften heute bewusst machen, brachte diese Form der Rettung des eigenen Lebens Gewissensbisse mit sich: Die Pflege von Kranken war christliche Pflicht. 1527 argumentierte Martin Luther, vor der Pest dürfe man allenfalls dann fliehen, wenn man völlig frei von Verpflichtungen sei.

Unvermeidlich suchte auch das späte Mittelalter eifrig nach „Schuldigen“. Die Juden, lautete eine beliebte „Theorie“, hätten sich mit der Pest an der christlichen Mehrheitsgesellschaft gerächt. 1349 wies Papst Clemens VI. darauf hin, diese Schuldzuweisung sei offenkundig unzutreffend. Schließlich würden Juden ebenso wie Christen der Pest zum Opfer fallen. Viele Prediger machten denn auch die Gesamtheit der sündigen Menschen verantwortlich. Die Seuche wurde als göttliche Strafe für ein kollektiv begangenes Vergehen gedeutet.

Tempi passati? Vielleicht doch nicht so ganz. Auch heute, hat Wolff in den Massenmedien beobachtet, vermischt sich die Ursachenanalyse oft mit der ethischen Frage nach einer „Schuld“. Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen überspringen, werden, wie metaphorisch auch immer, gern als „Rache“ der Natur am Menschen aufgefasst. An die Stelle Gottes ist das kybernetische System „Umwelt“ getreten.


Neu auf dem Büchermarkt:

Katharina Wolff: Die Theorie der Seuche. Krankheitskonzepte und Pestbewältigung im Mittelalter, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2021, 445 S. mit 4 s.w. Abb., 80,00 €


Mehr im Internet:

Seuchen - Wikipedia
Katharina Wolff: Die Theorie der Seuche, Franz Steiner Verlag
scienzz artikel Katastrophen

 

 

 

 

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