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Kultur

01.10.2021 - MUSIKTHEATER

Ein Kinderstubenweihfestspiel, vor allem zu Weihnachten

Vor 100 Jahren verstarb Engelbert Humperdinck, der Komponist von Haensel und Gretel

von Josef Tutsch

 
 

Engelbert Humperdinck, Photographie von
Julius C. Schaarwächter - Bild: deutsche
fotothek/doc70244665/Wikipedia

Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es in vielen Familien keine Diskussion, welche Art Musik am Heiligen Abend, vor der Bescherung, aus den Radiolautsprechern zu ertönen hatte. Nicht etwa Advents- oder Weihnachtslieder, nein, eine Oper. Während die Eltern das Wohnzimmer vorbereiteten, hörten die Kinder beim Warten auf den Weihnachtsmann oder das Christkind zwei Stunden lang mehr oder weniger aufmerksam der Geschichte von „Hänsel und Gretel“ zu.

Alternativ kam in diesen Tagen auch ein Theaterbesuch in Frage: An vielen Opernhäusern steht Engelbert Humperdincks Märchenoper zur Weihnachtszeit bis heute im Repertoire. 1890 hatte seine Schwester Adelheid Wette den damals 36-jährigen Komponisten gebeten, für ein von ihr verfasstes Märchenspiel ein paar Lieder zu schreiben, „etwas recht Hübsches, Volkstümliches“. Die Musik gefiel im Familienkreis. Für das folgende Jahr gestalteten Wette und Humperdinck ein Singspiel, schließlich eine abendfüllende Oper.

Humperdinck suchte noch nach seinem eigenen Stil. In München hatte er bei Franz Lachner und Josef Gabriel Rheinberger studiert. Beide standen dem, was damals als musikalische Moderne galt, dem Kreis um Richard Wagner, reserviert gegenüber. Doch Humperdinck war von Wagners Musikdramen, die damals am Münchner Nationaltheater auf die Bühne kamen, sofort begeistert. Seine Lehrer freilich durften von dieser Begeisterung nichts wissen. Gemeinsam mit einigen Kommilitonen gründete Humperdinck eine Art Geheimbund, den „Orden vom Gral“.

Im, wenn man so will, konservativen Kompositionsstil war er dennoch so erfolgreich, dass die Hochschule für Musik in Berlin ihm 1879 den Mendelssohn-Preis verlieh. Dieses Stipendium ermöglichte ihm eine Reise nach Italien. In Neapel suchte er Richard Wagner auf. Und wurde vorgelassen: Die Karte mit der Aufschrift „Mitglied des Ordens vom Gral“, die Humperdinck hatte übergeben lassen, erregte Wagners Neugier. Der alte Meister erkannte die Begabung des jungen Kollegen und bot ihm eine Stelle als Assistent bei den Bayreuther Festspielen an, zur Uraufführung des „Parsifal“ 1882.

Als Nebenergebnis dieser Arbeit entstand ein Klavierauszug des „Bühnenweihfestspiels“, „eingerichtet für Klavier zu vier Händen von Engelbert Humperdinck“. Bald wurde Humperdinck jedoch schmerzlich bewusst, wie sehr das übermächtige Vorbild seine eigene Kreativität lähmte. „Seitdem ich zu Wagner nach Bayreuth gekommen bin, hat es mit der eigenen Produktion ein plötzliches Ende genommen“, schrieb er in einem Brief. „Die Hauptsache ist, dass ich mich selbst wiederfinde, nachdem ich mir nun Jahre entfremdet gewesen.“

Erst mit der Komposition von „Hänsel und Gretel“ schaffte Humperdinck den Befreiungsschlag. Im Untertitel war bescheiden von einem „Märchenspiel in drei Bildern“ die Rede. Doch das Konzept einer bloßen Kinderoper hatte Humperdincks an Richard Wagner geschulte Kunst längst konterkariert. Die Partien von Hänsel und Gretel sind am ehesten von professionellen Sängerinnen zu bewältigen – was den Komponisten freilich nicht daran hinderte, von einem „Kinderstubenweihfestspiel“ zu sprechen, in ironischer Anspielung auf das „Bühnenweihfestspiel“ „Parsifal“.

Ein „Meisterwerk“, an dem „alles originell, neu und so echt deutsch“ sei, nannte Humperdincks Kollege Richard Strauss, der am 23. Dezember 1893 in Weimar die Uraufführung dirigierte, das Werk. Mit „echt deutsch“ meinte Strauss vor allem: echt volkstümlich – wie Richard Wagner träumte er von einem Musiktheater, das vom „Volk“ als das seine angenommen würde.

„Volk“ in einem Sinn, der weit über das traditionelle Opernpublikum hinausgehen sollte, bei dem die italienischen und französischen Komponisten weiterhin große Triumphe feierten. Für den Augenblick schien Humperdincks Erfolg diesen Hoffnungen sogar Recht zu geben: In den folgenden Monaten wurde „Hänsel und Gretel“ an fast 50 deutschen Bühnen aufgeführt.

Doch in seinem späteren Schaffen konnte Humperdinck daran nicht anknüpfen. Die „Königskinder“ von 1910 brachten nochmals einen großen Erfolg, konnten sich jedoch auf Dauer nicht im Repertoire halten. Für die Musikgeschichte wurde der späte Humperdinck vor allem wichtig, weil er eine ganze Reihe weltberühmter Schüler ausbildete: Siegfried Wagner, den Sohn seines großen Vorbildes, den Operettenkomponisten Robert Stolz, den Meister des kabarettistischen Lieds in der Weimarer Republik, Friedrich Hollaender. Nicht zu vergessen: Kurt Weill, den Komponisten der „Dreigroschenoper“.

Nur mit „Hänsel und Gretel“ ging Humperdinck ins Repertoire des Musiktheaters ein. Wo Wagner sich in die Götter- und Heldensagen Nordeuropas versenkt hatte, da spielt diese Oper in der Märchenwelt der Brüder Grimm. In einigen Passagen sind sogar Volkslieder verarbeitet – zum Beispiel „Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh“ oder „Ein Männlein steht im Walde“. Einige weitere, von Humperdinck selbst geschaffene Melodien sind diesem Grundton angeglichen, sie gelten heute beinahe ebensosehr als „Volkslieder“, etwa „Brüderchen, komm tanz mit mir“ oder der „Abendsegen“: „Abends will ich schlafen geh’n, vierzehn Engel um mich steh’n.“

Es wird vor allem die „kindgemäße“ Stimmung gewesen sein, die „Hänsel und Gretel“ bald zur Weihnachtsoper par excellence prädestinierte. Und das, obwohl die Handlung des Märchens mit Weihnachten doch gar nichts zu tun hat. Immerhin – das Schlussbild, wenn das „Knusperhäuschen“ der Hexe sich in Lebkuchen auflöst und die Eltern ihre wiedergefundenen Kinder in die Arme schließen, lässt sich tatsächlich als Weihnachtsidylle inszenieren.

Diese Offenheit für weihnachtliche Stimmung verbindet Humperdincks Oper mit einem anderen Theaterstück, das im Jahr zuvor entstanden war und heute ebenso ein selbstverständlicher Punkt im Festprogramm ist: Peter Tschaikowskis „Nussknacker“-Ballett nach dem Kunstmärchen von E. T. A. Hoffmann. Aber natürlich hat sich der Ehrgeiz der Regisseure bei Humperdinck wie bei Tschaikowski auch darauf gerichtet, Interpretationen zu bieten, die das bloß Weihnachtliche, Kindgerechte unterlaufen, mehr oder weniger plausibel.

Und da bietet dieses idyllische „Märchenspiel“ in der Tat seine Ansatzpunkte. Die Ausgangssituation zwar hat die Librettistin so weit gemildert wie nur eben möglich: Die Kinder werden von ihrer Mutter nicht wie im Grimmschen Märchen ausgesetzt, sondern vielmehr in den Wald zum Beerensammeln geschickt. Dass sie verloren gehen, ist ein Unglück.

Doch die Hexe, bei der sie dann landen, ist wirklich eine Menschenfresserin. Am Ende wird sie selbst in den Backofen geschoben: „Juchhei! Nun ist die Hexe tot!“ Da sind Gut und Böse eindeutig verteilt und werden ebenso eindeutig bestraft und belohnt. Kein Wunder, dass dieses simple Schema die Regisseure dazu herausgefordert hat, die Oper sozusagen „gegen den Strich“ zu inszenieren, die Handlung psychologisch zu vertiefen. Manchmal werden die Partien der Mutter und der Hexe von einer einzigen Sängerin übernommen – eine Umdeutung des Stoffes, die Humperdinck und seine Schwester ihrer Familie zum Weihnachtsfest sicherlich nicht zugemutet hätten.


Mehr im Internet:

Engelbert Humperdinck - Wikipedia
scienzz artikel Musiktheater

 

 

 

 

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