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23.09.2021 - ALTE GESCHICHTE

Keinem Menschen untertan

Vor 2.500 Jahren scheiterte vor Salamis die persische Eroberung Griechenlands

von Josef Tutsch

 
 

Denkmal für die Krieger von Salamis
Bild: Sculptureholic/Wikipedia

Als das Heer des persi-schen Großkönigs Xerxes im August 480 v. Chr. in Griechenland einmar-schierte, ist bei dem Geschichtsschreiber Herodot zu lesen, hielten seine Feldherren es für angebracht, Näheres über dieses kleine Volk zu erfahren, das sich den persischen Herrschafts-plänen so hartnäckig widersetzte. Überläufer berichteten von den Olympischen Spielen, die gerade abgehalten worden waren. Die Perser fragten, welcher Preis bei diesen Spielen ausgesetzt sei. Die Gewährsleute erklärten, die Sieger würden einen Kranz vom Ölbaum erhalten – sonst nichts.

Wenn man Herodot Glauben schenkt, waren die Perser von dieser Antwort schlicht entsetzt. Ein gewisser Tritantaichmes soll zu seinem Vorgesetzten gesagt haben: „Wehe, Mardonios, gegen was für Leute hast du uns in den Kampf geführt, die den Wettkampf nicht um Geld führen, sondern um den Ruhm der Tüchtigkeit!“ Andere Übersetzungen sprechen an dieser Stelle von „Tugend“ oder „Tugendhaftigkeit“.

Die Pessimisten behielten Recht. Wenige Wochen später, Ende September 480 v. Chr., vor 2.500 Jahren, besiegte ein Bündnis griechischer Städte in einer Seeschlacht bei Salamis die weit überlegene persische Flotte. Vor 2.500, nicht, wie man meinen könnte, inzwischen 2.501 Jahren – ein Jahr „0“ gibt es in unserem Kalender nicht. Im Sommer des Jahres darauf schlugen die Griechen bei Plataiai in Böotien auch das persische Landheer zurück.

Eine Generation nach den Perserkriegen kultivierte Herodot in seinem Geschichtswerk die Theorie, es sei die höhere „Tüchtigkeit“ der Griechen gewesen, die ihnen die Kraft verlieh, den Angriff des Imperiums abzuwehren. Genauer, wie an anderen Stellen in Herodots Geschichtswerk deutlich wird: ihr Verständnis von politischer Freiheit. Der Historiker erzählte von zwei Spartanern, denen ein Statthalter des Großkönigs das Angebot unterbreitet, in persische Dienste zu treten: „Jeder von euch würde über ein griechisches Land herrschen, das der König euch geben würde.“ Die beiden weisen den Vorschlag zurück: „Das eine, Sklave zu sein, verstehst du gründlich. Von der Freiheit aber hast du noch nichts erfahren.“ Sonst „würdest du uns raten, nicht bloß mit Lanzen für sie zu kämpfen, sondern auch mit Beilen.“

Seit den Perserkriegen ist „Freiheit“ ein Schlüsselwort, nein: das Schlüsselwort der politischen Theorie, In den 1820er Jahren sagte Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seiner „Geschichtsphilosophie“, in den Perserkriegen hätten gegeneinander gestanden „der orientalische Despotismus, also eine unter einem Herrn vereinigte Welt, und auf der anderen Seite geteilte und an Umfang und Mitteln geringe Staaten, welche aber von freier Individualität belebt waren“. „Niemals ist in der Geschichte die Überlegenheit der geistigen Kraft über die Masse in solchem Glanz erschienen.“

Ein „idealistische“ Sicht der Geschichte, gegen die wir heute aus gutem Grund misstrauisch geworden sind. Ein halbes Jahrhundert nach Hegel stellte der Historiker Jacob Burckhardt nüchtern fest, im alten Athen hätte es kein moderner Mensch lange aushalten wollen. „Freiheit“ war in der Antike nicht als allgemeines Menschenrecht gedacht. Die Freiheit der Bürger, Politik zu betreiben, wurde ermöglicht durch die Unfreiheit anderer, der Sklaven.

Es waren auch nicht alle Griechen, die sich der persischen Herrschaft widersetzten. Viele Städte in Nordgriechenland unterwarfen sich, auch das Orakel von Delphi erklärte Widerstand zunächst für zwecklos und riet zur Flucht „bis ans Ende der Welt“. Wahrscheinlich durch Bestechung gelang es dem athenischen Strategen Themistokles, einen Orakelspruch zu erhalten, den er nach seinem Willen ausdeuten konnte: Athen solle auf seine „hölzernen Wälle“ vertrauen. Themistokles interpretierte: auf die Flotte, die in den Jahren zuvor mit den Einkünften aus den neu entdeckten attischen Silberminen aufgebaut worden war.

Die gesamte Bevölkerung der Stadt, etwa 100.000 Menschen, wurde auf die Insel Salamis vor der attischen Küste evakuiert. Während sich die Schiffe Athens und einiger verbündeter Städte in der Bucht versammelten, mussten die Athener zusehen, wie ihre Heimatstadt, den Eroberern preisgegeben, in Rauch aufging. Die Historiker schätzen, dass die Griechen bei Salamis nicht mehr als etwa 350 Schiffe aufbrachten, gegen 600 der Perser. Herodot zufolge kam die Entscheidungsschlacht nur zustande, indem Themistokles sowohl die Gegner als auch die Verbündeten täuschte. Die Spartaner, selbst keine Seemacht, fürchteten um ihre Vormachtstellung in Griechenland und wollten die Perser lieber in einer Landschlacht am Isthmus von Korinth aufhalten. Der Großkönig wiederum konnte darauf setzen, dass sein Landheer, von der griechischen Flotte unbehelligt, zunächst die Peloponnes erobern würde.

Angeblich schickte Themistokles den Hauslehrer seiner Kinder zu Xerxes: Er selbst stehe insgeheim auf persischer Seite und wolle der Invasion zum Sieg verhelfen. Wenn die griechischen Schiffe in der Bucht von Salamis eingeschlossen würden, sei der persische Sieg so gut wie sicher. Xerxes ging in die Falle. Aufgrund ihrer Schwerfälligkeit konnten seine Schiffe in der Meerenge dann kaum manövrieren. Der Großkönig verlor den Großteil seiner Flotte und zog sich eilends nach Kleinasien zurück.

Versucht man, das Freiheitspathos, mit dem die spätere griechische Geschichtsschreibung den Sieg deutete, in eine „sachlichere“ Sprache zu übersetzen, könnte man sagen: Das persische Imperium stieß an seine Grenzen, und zwar an der Motivation der Griechen, ihre Unabhängigkeit, ihre „Kultur“, ihre Heimat zu verteidigen. Der Berliner Historiker Herfried Münkler machte in seinem Buch über „Imperien“ in der Weltgeschichte 2005 darauf aufmerksam, dass große Reiche nicht unbedingt an konkurrierenden Reichen scheitern, manchmal auch an der Widersetzlichkeit eines viel schwächeren, militärisch unbedeutenden Gegners.

Ein Mechanismus, wie wir ihn – mit anderen Vorzeichen als vor zweieinhalb Jahrtausenden – gerade in den letzten Wochen wieder erlebt haben. Anders als in den 1970er Jahren die Vietcong wurden die „Mopedterroristen“, wie die afghanischen Taliban in der Presse gern genannt werden, nicht einmal von Amerikas weltpolitischen Gegnern massiv unterstützt. Ihre Stärke lag vor allem in der Entschlossenheit, ihre hergebrachte Lebensweise gegen äußere Einflüsse zu verteidigen. Aus westlicher Perspektive sehen wir in solcher Entschlossenheit puren Fanatismus, in dieser Lebensweise nur Unterdrückung jeglicher Individualität und Pluralität. Aber die Taliban fanden in der Bevölkerung genügend Unterstützung, um den USA und ihren Verbündeten eine katastrophale Niederlage zu bereiten – wie übrigens vor einigen Jahrzehnten auch der Sowjetunion.

Zurück ins 5. Jahrhundert v. Chr. Etwa gleichzeitig mit der Schlacht von Plataiai im Jahr 479 fand bei Mykale vor der ionischen Küste eine Seeschlacht statt, in der auch die Reste der persischen Ägäisflotte zerstört wurden. Binnen weniger Monate konnten die griechischen Städte in Kleinasien die persische Herrschaft abschütteln. Bemerkenswert jedoch, wie rasch der Verteidigungskrieg gegen das „fremde“ Imperium in den Augen vieler Griechen selbst imperialistische Züge annahm. 468 v. Chr. wollte die Insel Naxos aus dem „Delischen Seebund“ austreten, den Athen zur gemeinsamen Verteidigung gegründet hatte. Aus der Sicht Athens ein Versuch, vom Schutz des Bundes parasitär profitieren zu wollen, also ohne die Unkosten mitzutragen.

Neuerdings wird gern die Frage gestellt, ob die griechische „Klassik“ der folgenden Jahrzehnte, mit ihrer Blüte von Kunst und Literatur, Philosophie und Wissenschaft nicht auch unter persischer Herrschaft möglich gewesen wäre. Tatsächlich wurden im persischen Großreich die Kulturen der unterworfenen Völker keineswegs ausgelöscht. Frühere Generationen waren in dieser Frage noch sehr entschieden: Die Perserkriege markierten das selbstbewusste Heraustreten des späteren „Europa“, das sich rein geographisch ja kaum als eigener Kontinent ansprechen lässt, aus der großen Landmasse „Asien“.

Ohne Salamis nicht nur keine griechische Klassik, womöglich gar kein „Europa“, keine Renaissance, keine Aufklärung, keine Moderne? Mit einiger Vorsicht stellte der Althistoriker Christian Meier 1993 fest, dass einige griechische Stadtstaaten um 500 v. Chr. mit dem Experiment der „Isonomie“, dem gleichen Recht aller Bürger auf Teilhabe an den politischen Entscheidungen, tatsächlich eine neue Form von „Öffentlichkeit“ einführten: Über Politik wurde nicht in fürstlichen Kabinetten entschieden, sondern in öffentlicher Diskussion.

Die Schlacht von Marathon 490 v. Chr., in der die Athener den ersten Versuch einer persischen Invasion zurückschlagen konnten, war in der Hauptsache noch von schwer bewaffneten Adligen bestritten worden. Eine solche Ausrüstung konnte sich nicht jeder leisten. Doch diese Ungleichheit war mit dem Ausbau der Flotte geschwunden. In Salamis saßen einfache Leute auf den Ruderbänken. Das förderte die Bereitschaft, nun endgültig eine Herrschaft der breiten Bevölkerungsschichten zu etablieren.

Welches Selbstbewusstsein der Sieg bei den Griechen begründet, das zeigt sich in der Tragödie „Die Perser“, die der Dichter Aischylos acht Jahre nach der Schlacht von Salamis aufführte. Im Vorfeld von Xerxes’ Feldzug ist seine Mutter Atossa von bösen Träumen beunruhigt. Sie befragt ihren Hofstaat nach dem fremdartigen Volk am Rande des Reiches: „Wer ist ihr Gebieter und beherrschet Volk und Heer?“ Die Antwort irritiert die Königinmutter zutiefst: „Keines Mannes Sklaven sind sie, keinem Menschen untertan.“ In Salamis, so Meier, wurde dieser Sonderweg, in dessen Tradition wir uns heute sehen, sozusagen „approbiert“.

Doch es war nicht nur das der europäischen Tradition eigene Pathos politischer Freiheit, das sich bis auf die Perserkriege zurückverfolgen lässt. Auch die Ursprünge dessen, was wir heute „Diskriminierung“ nennen, finden dort einen Ursprung. Zwei Generationen nach Salamis hielt der Geschichtsschreiber Thukydides es dem Vater der griechischen Dichtung, Homer, als Makel vor, dass er in seiner „Ilias“ die Trojaner nicht eindeutig als „Barbaren“ gekennzeichnet hatte. Euripides schrieb in seiner Tragödie „Iphigenie in Aulis“, es sei rechtens, dass Griechen über Barbaren herrschen. Niemals aber dürften Barbaren den Griechen gebieten: „Sie sind Sklaven, Freie wir!“

Nicht dass die Griechen der Antike einem biologisch begründeten Rassismus etwa nach Hautfarben gehuldigt hätten. Aber nach ihrem Verständnis begründete die Überlegenheit der eigenen Kultur eine Schranke, die kaum oder doch schwer zu überwinden war. Im 4. Jahrhundert v. Chr. lieferte der Philosoph Aristoteles eine „rationale“ Begründung. Für ihn standen die „Barbaren“ grundsätzlich im Verdacht, sie seien „von Natur“ eigentlich zu Sklaven bestimmt. Der Blick auf die Staatsverfassungen seiner Zeit schien ihm Recht zu geben. Als Aristoteles von seinen Schülern eine umfangreiche Sammlung von Studien zu diesem Thema erstellen ließ, waren in der nicht-griechischen Welt anscheinend nur „despotisch“ regierte Staaten zu finden. Mit einer Ausnahme allerdings: Die Verfassung von Karthago stehe „mit Recht in gutem Ruf“, vermerkte Aristoteles in seiner Schrift zur „Politik“ anerkennend.


Mehr im Internet:

Schlacht von Salamis - Wikipedia
scienzz artikel Alte Geschichte - Griechenland

 

 

 

 

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