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08.10.2021 - GESCHICHTE

Der Macht des Rosenkranzgebetes zuzuschreiben

Vor 450 Jahren besiegte eine Flotte der Heiligen Liga die Tuerken bei Lepanto

von Josef Tutsch

 
 

Deckengemälde von Johann Baptist Zimmer-
mann in "Mariä Himmelfahrt", Prien am Chiem-
see, um 1739
Bild: Wolfgang Sauber/Wikipedia

Wissen Sie, welches Fest in der katholischen Kirche am 7. Oktober gefeiert wird? Es ist das „Rosenkranzfest“, das Fest der Königin des Rosenkranzes, der Gottesmutter Maria. Ursprünglich war es nicht nach der Gebetskette mit den 59 Perlen oder Knoten benannt, die in der Volksfrömmigkeit bis heute eine große Rolle spielt, sondern hieß „Gedenktag Unserer Lieben Frau vom Siege“. Welcher Sieg gemeint war, darüber informiert der „Schott“, die deutsche Fassung des „Römischen Messbuchs“: „Das Fest wurde von dem Dominikanerpapst Pius V. 1572 zur Erinnerung an den Sieg über die Türken in der Seeschlacht von Lepanto, 7. Oktober 1571, eingeführt.“  

Zu der Frage, was dieses historische Ereignis mit dem Rosenkranz zu tun hat, schweigt sich der Schott in seiner aktuellen Auflage allerdings aus. Neugierige müssen zu älteren Ausgaben greifen. Der Seesieg von Lepanto war „nicht zum geringen Teil der Macht des Rosenkranzgebetes zuzuschreiben“, ist dort zu lesen. Während der gesamten frühen Neuzeit galt die Schlacht vor der Küste der Peloponnes am 7. Oktober 1571, vor 450 Jahren, in der katholischen Kirche als sichtbarer Beleg für das Eingreifen Gottes in die Weltgeschichte. Im Vorfeld hatte vor allem der junge Jesuitenorden einen „Gebetssturm“ propagiert, um eine Bedrohung Italiens durch das Osmanische Reich abzuwehren.

Die Eroberung Zyperns, das seit fast einem Jahrhundert von der Republik Venedig beherrscht worden war, durch die Türken hatte den christlichen Staaten am Mittelmeer die Bedrohung deutlich vor Augen geführt. Im Mai 1571 schlossen Venedig und der Papst mit Spanien sowie einigen kleineren Staaten ein Bündnis, die „Heilige Liga“. Während die osmanische Kriegsflotte bereits venezianische Stützpunkte am Ionischen Meer angriff, versammelte die Liga im Hafen von Messina eine Flotte von insgesamt 213 Schiffen. Am 16. September segelte sie von dort aus Richtung Griechenland. Den Oberbefehl hatte Don Juan de Austria, ein unehelicher Sohn des verstorbenen Kaisers Karl, also Halbbruder des spanischen Königs Philipp.

Der türkische Admiral Ali Pascha beschloss, die christliche Flotte am Ausgang des Golfes von Patras, nördlich der Peloponnes, zu stellen. Vor der Stadt Lepanto, heute Nafpaktos, kam es zu einer der größten Seeschlachten der Geschichte. Und der wahrscheinlich opferreichsten: Die Osmanen verloren den Großteil ihrer mehr als 250 Schiffe und hatten 30.000 Tote zu beklagen. Die christlichen Verluste beliefen sich auf 13 Schiffe und 8.000 Gefallene. Unter den Verwundeten war ein gewisser Miguel de Cervantes. Seine linke Hand blieb dauerhaft gelähmt. Vier Jahrzehnte später, nachdem sein „Don Quijote“ zu einem der größten Bucherfolge in der Literaturgeschichte geworden war, schrieb er in einem Gedicht, er habe „die Fähigkeit, seine linke Hand zu bewegen, zum Ruhme seiner rechten verloren“.

Der Sieg der „Heiligen Liga“ war in keiner Weise vorauszusehen. Zahlenmäßig waren die Türken überlegen, ihre Gegner allerdings besser, nämlich „moderner“ bewaffnet. Zu einem dramatischen Höhepunkt kam es, als Ali Pascha mit seinem Schiff, der „Sultana“, die „Real“ von Don Juan direkt angriff. Juan wurde am Bein verletzt, konnte von seinen Leibwachen jedoch aus dem Kampfgetümmel herausgezogen werden. Ali Pascha wurde ebenfalls schwer verwundet. Entgegen einem ausdrücklichen Befehl nahm ihn ein spanischer Soldat nicht lebend gefangen, sondern schlug ihm den Kopf ab.

Ein Exzess, der vermutlich der allgemeinen Verbitterung geschuldet war. Vielleicht war es aber auch Rache für das Massaker, das türkische Truppen einige Wochen zuvor bei der Einnahme von Famagusta angerichtet hatten: Die Belagerer hatten den Verteidigern bei einer Kapitulation freien Abzug zugesichert, fühlten sich an dieses Versprechen dann jedoch nicht gebunden. Oder ahnte der Soldat, dass die Kampfmoral der Türken zusammenbrechen würde, wenn sie den Kopf ihres Oberbefehlshabers, auf einen Spieß gesteckt, zu sehen bekamen? Und noch eine symbolisch wichtige „Eroberung“ gelang den Christen: Sie erbeuteten das sogenannte „Banner das Kalifen“, das Sultan Selim seinem Admiral mitgegeben hatte, ein großes Fahnentuch, in das mit goldenen Lettern Koranverse sowie 28.000mal der Name Allahs eingestickt waren.

Militärisch errangen die Verbündeten einen großen Triumph. Don Juan und die Republik Venedig drängten auf einen Feldzug gegen Konstantinopel zu nutzen, das die geschwächte türkische Flotte kaum noch geschützt war. Doch Philipp II. winkte ab, das Risiko schien ihm zu groß. Als im Jahr darauf Pius V. starb und sein Nachfolger an einer offensiven Politik gegenüber dem Osmanischen Reich kein Interesse zeigt, war Venedig auf sich selbst gestellt. 1573 musste es in einen Frieden mit dem Sultan einwilligen. Zypern blieb türkisch.

Politisch hatte Lepanto an den Verhältnisse im östlichen Mittelmeer nichts verändert, ein Jahrhundert später standen die Türken sogar vor Wien. Der Großwesir Sokollu Mehmed Pascha brachte die Bilanz gegenüber dem venezianischen Unterhändler auf den Punkt: „Indem wir Euch das Königreich Zypern entrissen haben, haben wir Euch einen Arm abgetrennt. Indem Ihr unsere Flotte besiegt habt, habt Ihr uns nur den Bart abrasiert. Der Arm wächst nicht wieder nach, aber der Bart wächst nun umso dichter.“

Da unterschätzte der Großwesir aber wohl doch den Einfluss psychologischer Faktoren in der Politik. Das Osmanische Reich hatte den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren. Wie die Weltanschauung der Zeit es wollte, wurde der Erfolg nicht nur menschlichem Bemühen und dem Glück der Umstände zugeschrieben, sondern ebenso der göttlichen Gnade. In Venedig schuf der Maler Paolo Veronese ein allegorisches Bild: Während in der unteren Hälfte die Seeschlacht tobt, flehen oben Heilige die Jungfrau Maria an, der christlichen Flotte den Sieg zu schenken. Mit Erfolg: Ein Engel schleudert Feuerpfeile auf die osmanischen Schiffe.

Veroneses Allegorie wurde fast zwei Jahrhunderte lang immer und immer wieder nachgeahmt. Um 1698 bemalte Bartholemo Lucchese in der Klosterkirche von Speinshart in der Oberpfalz die Decke der Rosenkranzbruderschaftskapelle mit der Seeschlacht von Lepanto. 1738 bis 1740 folgte Johann Baptist Zimmermann mit dem Deckengemälde der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Prien am Chiemsee. Inzwischen hatte sich das Gedenken an Lepanto längst mit dem an weitere Schlachterfolge der katholischen Mächte vermischt. Vor allem mit dem Sieg der Habsburger am „Weißen Berg“ bei Prag 1620 über die protestantischen Böhmen. Und mit dem von Prinz Eugen 1716 in der Schlacht bei Peterwardein in Ungarn, wiederum über die Türken.

Auf Bitte von Kaiser Karl VI. nahm Papst Clemens XI. nach der Schlacht von Peterwardein das Rosenkranzfest formell in den Festkalender der gesamten katholischen Kirche auf. In seinem Ursprung zeugt dieses Fest von einer Verknüpfung von Religion und Politik, die in unserer Gegenwart von den christlichen Konfessionen als hochproblematisch empfunden wird, Jahrhunderte lang aber auch im christlichen Europa ganz selbstverständlich war und noch im Ersten Weltkrieg von allen Seiten praktiziert wurde.


Mehr im Internet:

Seeschlacht von Lepanto - Wikipedia
scienzz artikel Frühe Neuzeit


 

 

 

 

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