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26.10.2021 - GEOGRAPHIE

Die Wandelbarkeit der Kontinente

Geschichte eines Konzepts von der Aufgliederung der Erde

von Josef Tutsch

 
 

Brunnen mit den vier Erdteilen vor dem
Observatorium, Paris
Bild: couscouschocolat/Wikipedia

1987 traf in Brüssel ein Brief aus Rabat ein: Das Königreich Marokko beantragte seinen Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft. Der Rat der Gemeinschaft lehnte höflich ab. Zwar könne dem Gemeinschaftsvertrag zufolge jeder „europäische Staat“, der die demokratischen Grundsätze achte, sich um eine Mitgliedschaft bewerben; aber Marokko sei eben kein europäischer Staat.

Selbstverständlich war diese Ablehnung allerdings nicht. So argumentierte der belgische Staatssekretär Didier Donfut noch 2004, die Europäische Union müsse als „Wertegemeinschaft“ auch für die Länder südlich des Mittelmeers offen sein, also unabhängig von den geographischen Grenzen, die da für gewöhnlich gezogen werden. Er wird daran gedacht haben, dass zum Beispiel Malta oder Zypern seit 2004 Mitgliedsstaaten der EU sind, jedoch der afrikanischen oder asiatischen Küste näher liegen.

Ist „Europa“, nach geographischen Kategorien betrachtet, bloß eine „Erfindung“? Als der Pariser Historiker Christian Grataloup im vorigen Jahr eine Geschichte des Versuchs herausbrachte, die Länder der Erde nach Großräumen zu ordnen, sprach er sogar grundsätzlich, ohne seine Aussage auf Europa einzuschränken, von einer „invention des continents et des océans“. Unter dem Titel „Die Erfindung der Kontinente“ ist der reich bebilderte Band jetzt auf Deutsch erschienen.

„Erfindung“ … Dass vieles, was von Natur aus gegeben scheint, in Wirklichkeit kulturell und historisch bedingt ist, stellt einen der großen Trends unserer Gegenwart dar. Beim Begriff der „Rassen“ hat sich diese Einsicht im allgemeinen Bewusstsein bereits weitgehend durchgesetzt; zum Begriff „Geschlechter“ tobt zur Zeit ein heftiger Kulturkampf. Bei den Kontinenten wird man wohl sagen dürfen, dass sich ihre „Erfindung“ so ganz und gar willkürlich nicht vollzogen hat. Amerika war durch Atlantik und Pazifik vom Rest der Welt Jahrtausende lang tatsächlich weitgehend isoliert.

Bei der „Alten Welt“ steht es schwieriger. Dem Geschichtsschreiber Herodot zufolge war es im 5. Jahrhundert v. Chr. bereits üblich, drei Erdteile zu unterscheiden, Europa, Asien und Afrika, getrennt durch das Mittelmeer und die Ägäis. Von den Griechen als viel wichtiger empfunden wurde jedoch ihre Abgrenzung von einer „barbarischen“ Umwelt. Und Griechenstädte gab es nicht nur auf der südlichen Balkanhalbinsel, sondern rund um das Mittelmeer.

Dass die „Kontinente“ seit dem frühen Mittelalter mehr und mehr auch kulturell verstanden wurden, dürfte auf die Einnahme Nordafrikas und des Nahen Ostens durch den Islam zurückzuführen sein: Das Christentum sah sich auf Europa beschränkt, konnte beinahe mit Europa identifiziert werden.

Eine Geschichte aus der Bibel lieferte die Rechtfertigung dafür, dass die Bewohner Afrikas als minderwertig betrachtet werden konnten: Nach der Sintflut hatte Noah die Nachkommen eines seiner drei Söhne, Ham, verflucht, weil Ham die Ehre seines Vaters verletzt hatte. In der „Völkerkunde“ des Mittelalters galten die Afrikaner als „Hamiten“. An dieser Stelle verknüpfte sich das Konzept geographischer Großräume mit der Einteilung der Menschheit in große Gruppen – eine Wurzel des modernen Rassismus. Man würde dem Mittelalter jedoch grob Unrecht tun, wollte man seine Sicht der Welt darauf reduzieren. Eines der beliebtesten Motive für Altarbilder war die Anbetung des Jesuskindes. Oft wurden die Heiligen Drei Könige durch ihr Aussehen den drei Kontinenten zugeordnet – von einer Minderwertigkeit des schwarzen Königs war keine Rede.

Die Entdeckung Amerikas stellte das abendländische Denken dann vor eine große Herausforderung: Dass dort Menschen wohnten, schien zu der Geschichte von Noahs Söhnen nicht zu passen. Manche Theologen, berichtet Grataloup, vertraten ernsthaft die Auffassung, die „Indianer“ könnten keine Menschen sein – nicht im Sinne einer Abstammung von den drei Söhnen Noahs.

Geographisch betrachtet, wirft auch die Abgrenzung des Kontinents Amerika an manchen Stellen Zweifel auf, zum Beispiel im Fall Island. Politisch wäre das aber ein müßiger Streit. Die Isländer verstehen sich, obwohl ihr Staat nicht der Europäischen Union angehört, als Europäer. So wie sich auch die Bewohner der Kanarischen Inseln aus Europäer verstehen. Das hindert die Afrikanische Union, berichtet Grataloup, nicht daran, die Kanaren als afrikanisches Gebiet unter europäischer Kolonialherrschaft aufzuführen. Mit einem Argument aus der physischen Geographie: Die Inselgruppe liegt auf einer tektonischen Platte, die als „afrikanisch“ bezeichnet wird.

1882 sagte der französische Schriftsteller Ernest Renan, die Existenz einer Nation sei „ein tägliches Plebiszit, wie die Existenz des Individuums eine ständige Bekräftigung des Lebens ist“. Grataloup zitiert den Historiker Jules Michelet, der bereits 1834 zu dem Schluss gekommen war, für den Kontinent Europa gelte etwas Ähnliches: Europa sei „das am wenigsten Einfache und Naturgegebene, das am meisten Künstliche und somit am wenigsten Unabänderliche“ in der Weltgeschichte. Oder in einer gewagten Umkehrung dieses negativen Merkmals: „Das am meisten Menschliche und Freie in der Welt ist Europa.“

Ein Selbstbewusstsein dieses kleinen Anhängsels der riesigen eurasischen Landmasse, das nicht ohne Überheblichkeit ist. In Kirchen und Schlössern der Barockzeit war es ein beliebtes Motiv für Deckengemälden: Asien, Afrika und Amerika, als Frauengestalten dargestellt, gruppieren sich um ihre Herrin „Europa“. Die Entdeckungsreisen seit dem späten Mittelalter hatten in Europa das Bewusstsein von einer gemeinsamen Welt und Geschichte aller Völker geschärft. Grataloup formuliert es mit einer gewagten rhetorischen Zuspitzung: Damals wurde „die gemeinsame Welt“ von Europa aus „erschaffen“.

Doch in dieser gemeinsamen Welt nahm Europa seinem Selbstverständnis nach eine herausragende Stellung ein. Im Pariser Palais de la Porte Dorée, das heute ein Museum zur Geschichte der Migration beherbergt, hat Grataloup ein Fresko gefunden, das zeigt, wie Frankreich den außereuropäischen Kontinenten Kulturwerte vermittelt. Das Gemälde entstand erst in den 1930er Jahren, wenige Jahrzehnte, bevor Europas Vorherrschaft über die Welt zusammenbrach.

Was wäre gewesen, fragt Grataloup, wenn die Entdeckung der Welt, wie Europa sie seit dem 15. Jahrhundert unternahm, von einer anderen Kultur ausgegangen wäre, zum Beispiel von China? Die Chinesen, so Grataloup lapidar, „brauchten die weite Welt nicht zu kategorisieren“. Ihr Selbstbewusstsein war nicht weniger überragend als das der Europäer mit ihrem Missionierungs- und Kolonisierungseifer, führte jedoch zu einem ganz anderen Ergebnis: Der Rest der Erde blieb am Rande der Aufmerksamkeit.

In Europa dagegen entwickelte sich das Konzept der Kontinente in eins mit den Anläufen europäischer Staaten zur Weltbeherrschung. Zur ganzen Wahrheit gehört freilich auch, dass diese Herrschaft als Weg zur Befreiung der Völker verstanden werden konnte. Vor dem Pariser Observatorium steht ein Brunnen, den der Bildhauer Jean-Baptiste Carpeaux um 1870 schuf. Die vier Frauenfiguren als Repräsentantinnen der vier Kontinente sind streng gleichberechtigt. Afrika trägt noch seine gesprengten Ketten: Als der Brunnen entstand, war die Jahrtausende alte Institution der Sklaverei bereits geächtet.

Nur vier Kontinente anstelle der heute üblichen fünf: Australien oder Ozeanien, berichtet Grataloup, hatte es lange schwer, als Erdteil anerkannt zu werden. Australien als zusammenhängende Landmasse nimmt nur einen kleinen Teil des Gebietes ein; den bei weitem größeren bildet eine Meeresfläche mit vielen Inseln. Statt vier oder fünf Kontinenten kann man auch sechs oder sieben zählen – nämlich wenn man Nord- und Südamerika gesondert aufführt und die Antarktis berücksichtigt, die zwar unbewohnt ist, der Fläche nach aber größer als Australien.

À propos Australien: Von Neuguinea gehört die westliche Hälfte zu Indonesien, also zu Asien. Die östliche bildet mit einigen vorgelagerten Inseln den unabhängigen Staat Papua-Neuguinea, der allgemein zum Kontinent Australien gezählt wird. Bedeutet das, die Kontinentalgrenze verläuft mitten durch die Insel Neuguinea?

Oder im Fall Europa: Wo lässt sich im Osten von Russland sinnvoll eine Grenze gegenüber Sibirien, also Asien ziehen? Seit dem 18. Jahrhundert ist es üblich geworden, hierfür recht willkürlich das Uralgebirge und den Uralfluss in Anspruch zu nehmen. Zwischen dem „europäischen“ und dem „asiatischen“ Teil der Türkei liegt immerhin eine, wenngleich recht schmale, Meerenge – vorausgesetzt, dass man die Ostgrenze Europas, wie konventionell üblich, an den Dardanellen und am Bosporus ansetzt. Ist die Türkei damit nun ein „europäisches Land“ im Sinne der EU-Verträge?

Offenbar eine politische Frage, die zu beantworten die Geographie keine Handhabe bietet. Die Einteilung der Erde nach Kontinenten werde gern als Vorwand für politische Entscheidungen ins Feld geführt, kritisiert Grataloup. Oder um religiöse Vorurteile zu verschleiern: „Operiert die gegen eine EU-Mitgliedschaft gerichtete Argumentation mit Begriffen wie ‚Asien‘ oder ‚Afrika‘, so soll dies oft kaschieren, dass im Klartext ‚Islam‘ gemeint ist.“

„Es besteht kein Verbot, die Türkei, Israel oder Marokko als europäisch zu betrachten“, schließt Grataloup seine Abhandlung. „Aber auch keine Verpflichtung.“ Jedenfalls nicht von der Geographie her. Und auch die Argumente, die sich kulturell oder historisch anführen ließen, führen nicht zu einer eindeutigen Entscheidung. Am Ende bleibt, um die Formel vom „europäischen Staat“ in den EU-Verträgen zu interpretieren, wohl nur die logische Schleife, die in der Wissenschaftstheorie als „Selbstreferentialität“ bezeichnet wird: „Europäer“ sind Menschen, die sich selbst als solche verstehen und von anderen Europäern als solche anerkannt werden.

Womit wir wieder bei Michelets Aussage wären, dass der Kontinent Europa auf einer „freien“, heute würden wir sagen: demokratischen Entscheidung beruht. Grataloup verfolgt im Schlusskapitel seines Buches noch eine andere Spur: „Wir leben in einer postkontinentalen Welt.“ Gemeint ist wohl eher: Wir würden gern in einer postkontinentalen Welt leben, denn: „Die kontinentalen Teilungen können tödlich sein.“ Untermauert wird diese Aussage mit einem Bild von Grenzsicherungsmaßnahmen gegen illegale Migrationströme.

Da stellen sich freilich eine Menge Fragen, die der Autor unbeantwortet lässt: Wie lässt sich demokratische Selbstbestimmung durchführen, wenn eine klare Abgrenzung von Staaten und Staatsvölkern fehlt? Oder, auf Europa bezogen: Welchen Sinn hätte eine Europäische Union, in der, wenigstens prinzipiell, sämtliche Staaten der Erde Mitglied sein könnten?


Neu auf dem Büchermarkt:

Christian Grataloup: Die Erfindung der Kontinente. Eine Geschichte der Darstellung der Welt, aus dem Französischen von Andrea Debbou, wbg/Theiss Verlag, Darmstadt 2021, 256 S. mit 140 farb. Abb., ISBN 978-3-8062-4344-4, 80,00 €


Mehr im Internet:

Kontinente - Wikipedia
Christian Grataloup: Die Erfindung der Kontinente, wbg/Theiss Verlag
scienzz artikel Geschichte

 

 

 

 

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