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Wissenschaft

06.11.2021 - KLIMAGESCHICHTE

Von der mittelalterlichen Warmzeit ueber die Kleine Eiszeit zur rasanten Erwaermung heute

Ein Jahrtausend Klimawandel - ein Beitrag auch zur UN-Weltklimakonferenz in Glasgow

von Josef Tutsch

 
 

Der Rhonegletscher im Wallis auf dem Höhe-
punkt der "Kleinen Eiszeit", Gemälde von
William Pars, 1770 - Bild: Wikipedia

In alter Zeit, erzählt eine Schweizer Sage, war die sogenannte „Blümlisalp“ im Berner Hochland, ein vergletschertes Bergmassiv in über 3.600 Meter Höhe, noch eisfrei und von Blumen bedeckt. Kühe konnten dort weiden und gaben reichlich Milch. Doch der ständige Überfluss machte die Menschen hartherzig. Als ein Hirt von seiner greisen Mutter um eine Tasse Milch gebeten wurde, wies er sie ab. Zur Strafe belegte sie die Alp mit einem Fluch: Eis und Geröll stürzten herab und machten die geblümte Wiese zum Gletscher.

Eine Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies, verursacht durch menschliche Schuld. Aber vielleicht, überlegen der Klimatologe Heinz Wanner und der Historiker Christian Pfister von der Universität Bern in ihrem neuen Buch zur Klimageschichte der letzten tausend Jahre in Europa, steht ja eine historische Erinnerung dahinter. Im frühen 14. Jahrhundert erlebte Mitteleuropa einen ebenso plötzlichen wie heftigen Temperatursturz. Für die Zeit zwischen 1234 und 1306 ist in den Quellen für Europa kein einziger „extrem kalter“ Winter dokumentiert. Manchmal standen die Obstbäume rund um Wien bereits Mitte Februar in voller Blüte. Für Köln sind Feigen- und Olivenbäume bezeugt, die in einigen Jahren auch Früchte trugen.

Dann wurde es jedoch sehr kalt. In Valenciennes blieb der Frost im Winter 1306 volle sieben Monaten lang. Ein Rekordwinter ist für 1364 überliefert. Selbst die Lagune von Venedig und die Rhone vor ihrer Mündung ins Mittelmeer waren zugefroren. Ähnlich bei den Sommern: Mit ihrer Hitze und Dürre „sprengten“ die zwischen etwa 1230 und 1280, schreibt Pfister, „den Rahmen des vergangenen Jahrtausends“. Von 1310 an fielen die meisten Sommer dann kühl und nass aus. 1347 war „der wahrscheinlich kälteste in den letzten tausend Jahren“. Irgendwann im 15. Jahrhundert gingen die Wikingersiedlungen auf Grönland zugrunde: eine ganze Zivilisation, die dem Klimawandel nicht gewachsen war.

Aus natürlichen „Kalendern“ wie etwa den Jahresringen von Bäumen und Eisbohrkernen in Grönland einerseits, den Zeugnissen der Zeitgenossen andererseits haben die beiden Forscher eine Vielzahl von Daten über das Wetter in diesen tausend Jahren zusammengetragen. Mit der gebotenen Vorsicht, versteht sich, bei der Interpretation der historischen Schilderungen. Wenn Termine etwa für die Blüte der Apfelbäume angegeben werden, darf man darin ein verlässliches Datum sehen. Wenn bloß geklagt wird, es sei bitter kalt oder glühend heiß, besagt das zunächst einmal, dass es kälter oder wärmer war, als der Berichterstatter für „normal“ hielt.

Seit dem frühen Mittelalter, zeigt Pfisters und Wanners Überblick, hat es nicht nur immer wieder einzelne Jahre mit extremem Wetter gegeben, sondern auch das, was man heute „Klimawandel“ nennt. Also Veränderungen, die sich über Generationen oder Jahrhunderte hielten – im Fall der „Kleinen Eiszeit“, die im frühen 14. Jahrhundert begann, bis etwa 1900. Ähnlich dem Wechsel von Kalt- und Warmzeiten in der Vorgeschichte, nur mit viel kleineren Ausschlägen. Eine derart extreme Kälte, wie sie während der letzten Eiszeit herrschte, also bis vor etwa 11.700 Jahren, hat es seitdem nicht mehr gegeben. Aber auch nicht derartige Wärmerekorde, wie sie in den darauf folgenden Jahrtausenden eintraten. Seit etwa 6.000 Jahren hält sich in Europa bei allen Schwankungen ein, wenn man so will, „mittleres“ Klima. 

Doch die im Vergleich mit der Vorgeschichte kleinen Schwankungen genügten, die Menschheit in heftige Krisen zu stürzen. Im April 1815 brach auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora aus. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts, berichten Pfister und Wanner, erkannte die Forschung, dass die Asche sich nach dem Ausbruch rund um den Erdball verteilte und in Europa 1816 ein „Jahr ohne Sommer“ verursachte, mit Ernteausfällen und Hungersnöten. Oft kam es zu Plünderungen, manchmal auch zu Gewalttätigkeiten gegen Juden, die man verantwortlich machte.

Die beiden Autoren warnen jedoch davor, die Zusammenhänge zwischen „Klima und Gesellschaft“ allzu simpel, in einem deterministischen Sinn, aufzufassen. Natürliche Umstände wie der Ausbruch des Tambora gaben einen Rahmen, dem die Zeitgenossen nicht entrinnen konnten. Aber wie sie sich in diesem Rahmen bewegten, hing von vielen weiteren Faktoren ab, zum Beispiel der „Tragfähigkeit des sozialen Netzes“ und der „Effizienz des Krisenmanagements“.

Und eben auch der herrschenden Weltanschauung, etwa den Vorurteilen gegenüber sozialen Gruppen. Immer wieder zeigt diese Klimageschichte, dass versucht wurde, Wetterschwankungen zu bekämpfen, indem man die vermeintlich Schuldigen verurteilte und hinrichtete, ein Zusammenhang, den der Historiker Wolfgang Behringer vor zwei Jahrzehnten am Beispiel der Hexenverfolgung aufdeckte. Statt auf natürliche, nicht zu beeinflussende Umstände wurden Variationen des Klimas auf den bösen Willen von Menschen oder Menschengruppen zurückgeführt. In der katholischen wie in der protestantischen Theologie des späten 16. Jahrhunderts war aber auch die Theorie beliebt, die weitere Verschlechterung des Klimas, die sich seit etwa 1570 eingestellt hatte, sei durch eine vermehrte Sündhaftigkeit der gesamten Bevölkerung verursacht. Beide Kirchen versuchten, ihre „moralischen“, vor allem sexualmoralischen, Standards zu verschärfen, damit auch eine weitgehende Kontrolle über das Leben des einzelnen zu erlangen.

Real ist es dem Menschen erst in jüngerer Vergangenheit möglich geworden, das Klima zu beeinflussen. Erste Anfänge dieses „Anthropozäns“ werden bis auf das 18. Jahrhundert zurückgeführt. Die Industrialisierung wäre als späte Antwort Europas auf die Herausforderung der „Kleinen Eiszeit“ zu begreifen, die mit dem Temperatursturz des 14. Jahrhunderts ihren Anfang genommen hatte: als Versuch, den Lebensstandard unabhängig von den Schwankungen des Klimas zu sichern, vor allem durch die Ausbeutung fossiler Energiequellen.

Ein Versuch, der zweifellos auch Erfolg hatte, sichtbar etwa daran, dass es heute in Europa – anders als in vielen Weltgegenden sonst und anders auch als in der älteren europäischen Geschichte – keine Hungersnöte gibt. Die westlichen Volkswirtschaften konnten sich partiell von der Natur abkoppeln. Hinsichtlich der Klimageschichte setzen Pfister und Wanner  jedoch einen anderen Akzent. Die Zahlen würden vielmehr dafür sprechen, dass der Mensch erst „seit den späten 1950er Jahren“ „zu einer Macht im geologischen Sinne“ wurde.

„Einer der wesentlichen Wendepunkte in der Geschichte der Menschheit“, schreiben die beiden Autoren nicht ohne Pathos – und „die Hauptursache für den aktuellen Klimastress“. In der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts nahm die Nutzung fossiler Brennstoffe exponentiell zu. Der Preis für Rohöl brach ein, unter anderem, weil die Transportkosten durch größere Tanker gesunken waren. Gleichzeitig weiteten die Förderländer ihr Angebot noch aus. Erdöl wurde „spottbillig“.

Die Auswirkungen auf das Klima, schreiben Pfister und Wanner, wurden dann eine Generation später sichtbar. Bereits seit etwa 1900 hatten die Temperaturen zugenommen, aber zunächst sehr allmählich. Eine an sich „natürliche“ Entwicklung, die sich jedoch etwa 1989, lesen Pfister und Wanner aus den in der Natur zu findenden „Klimaarchiven“, rasant beschleunigte, als Spätfolge des verschwenderischen Umgangs mit dem Erdöl seit den 1950ern. Aber auch in dieser Phase, merken die beiden Forscher an, spielten natürliche, vom Menschen nicht beeinflusste Faktoren hinein. Etwa zwischen 2002 und 2013 wurde der globale Temperaturanstieg unterbrochen – wahrscheinlich, weil starke „La Niña-Ereignisse“ den östlichen Pazifik abkühlten.

Pfisters und Wanners These, dass nicht die Industrialisierung insgesamt, sondern bloß die Preisentwicklung für Öl seit den 1950ern die wesentliche Ursache für den Klimawandel unserer Tage ausmacht, hat natürlich Folgen für unser Verständnis der Geschichte: Wir brauchen uns dann nicht der Frage zu stellen, ob der abendländische Weg in die Moderne selbst zwar in ökonomischer und politischer Hinsicht, nicht zuletzt auch unter dem Aspekt individueller Freiheit ein großer Erfolg ist, ökologisch womöglich aber ein Problem darstellt.

Was die zukünftigen Szenarien angeht, begnügen sich die Autoren mit einem knappen Exkurs: Aufgrund des „massiven Anstiegs der Treibhauskonzentration“ seien vor allem ab 2035 „stark zunehmende Temperaturen“ zu erwarten. Für den Mittelmeerraum wagen Pfister und Wanner eine Zahl: Im Sommer könnten die Temperaturen um 4 bis 6 Grad Celsius ansteigen. Eine „Rückkehr der Verletzlichkeit“, wie das Schlusskapitel bilanziert. Die Gesellschaften, die sich in den letzten drei Jahrhunderten „durch Innovationen und als Folge der Globalisierung weitgehend vom Diktat des natürlichen Klimas befreien konnten“, sind „in den letzten sechs Jahrzehnten aus denselben Gründen in eine neue und bedrohliche Abhängigkeit von einem menschengemachten Klima geraten.“

Auf Spekulationen, wie zukünftige Generationen mit diesem veränderten Klima zurecht kommen könnten, haben Pfister und Wanner verzichtet. Während am Mittelmeer manche Regionen versteppen könnten, wird in England demnächst vielleicht wieder Wein angebaut, wie es das bereits im hohen Mittelalter gab. Im September 1991 erreichte die Menschheit ein „Weckruf“ aus der Vorgeschichte: Am Tisenjochpass in Südtirol fanden Wanderer eine Leiche, die seit etwa 5.250 Jahren in Schnee und Eis eingeschlossen gewesen war.

Zu „Ötzis“ Lebzeiten war es relativ warm, die Baumgrenze lag fast 300 Meter höher als heute. Vielleicht aber gab es gerade zu seiner Zeit einen Temperatursturz, so dass die Nahrungssituation sich verschlechterte. Ötzi könnte hoch im Gebirge auf der Jagd nach Steinböcken gewesen sein und fiel dort einem Anschlag zum Opfer, warum auch immer. Oder ließ er sich, wie auch spekuliert worden ist, von seiner Gemeinschaft als Menschenopfer darbringen, um höhere Mächte, die als Urheber des Wetters galten, gütig zu stimmen?

Wenn es so gewesen sein sollte – die Hoffnung auf eine Erwärmung ging fehl. Offenbar wurde es vielmehr noch kälter. Ötzis Leiche wurde „relativ rasch von einer schützenden Schneeschicht begraben und schließlich in einem ‚Schneeflecken‘ eingeschlossen“. Bis zu jenem Septembertag des Jahres 1991, als sie zwei Wanderern im Schmelzwasser auffiel. Der Klimawandel unserer Tage hatte sie wieder sichtbar werden lassen. Heute sind die Alpengletscher in ihrem Umfang wahrscheinlich geringer als jemals zuvor in den letzten fünf Jahrtausenden.


Neu auf dem Büchermarkt:

Christian Pfister, Heinz Wanner: Klima und Gesellschaft in Europa. Die letzten tausend Jahre, Haupt-Verlag, Bern 2021, 424 S. mit 215 Abb. und 4 Tab., 49,00 € [D], 50,40 € [A], 49,00 CHF


Mehr im Internet:

Klimageschichte - Wikipedia
Christian Pfister, Heinz Wanner: Klima und Gesellschaft in Europa, Haupt-Verlag
scienzz artikel Umwelt

 

 

 

 

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