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Kultur

10.11.2021 - RUSSISCHE LITERATUR

Ohne hoehere Idee kann weder ein einzelner Mensch noch eine Nation existieren

Vor 200 Jahren wurde Dostojewski geboren

von Josef Tutsch

 
 

Fjodor M. Dostojewski, Portrait von Wassili
Perow, 1872 - Bild: Wikipedia

In wenigen Augenblicken, musste Dostojewski glauben, würde sein Leben zu Ende sein. Am 22. Dezember 1849 stand der 28-Jährige, in einen weißen Leichenkittel gekleidet, mit einer Kappe auf dem Kopf, die das Gesicht verhüllte, gemeinsam mit anderen Verurteilten vor einem Exekutionskommando. Da wurde ein Erlass von Zar Nikolaus I. verlesen, der das Todesurteil in Zwangsarbeit umwandelte.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski hatte an Treffen eines revolutionären Zirkels teilgenommen. Zwei Tage nach der Scheinexekution wurde der Schriftsteller, der am 11. November 1821, vor 200 Jahren, in Sankt Petersburg geboren worden war und sich beim russischen Publikum bereits durch seinen ersten Roman „Arme Leute“ einen Namen gemacht hatte, nach Sibirien in ein Straflager geschafft. In den folgenden Jahren schwor er allen oppositionellen Aktivitäten ab. Erst 1861 trat er wieder mit einem Buch an die Öffentlichkeit, mit den „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“. Es waren die ersten Texte der russischen Literatur, die vom Leben in den sibirischen Straflagern berichteten. Angeblich mokierte sich ein Zensor, die Schilderungen seien viel zu harmlos: Sie würden mögliche Straftäter nicht genügend abschrecken.

Es wird keine Auflistung der hundert wichtigsten Romane der Weltliteratur geben, die ohne zwei oder drei der Werke auskäme, die Dostojewski in den verbleibenden beiden Jahrzehnten bis zu seinem Tod 1881 schrieb. Am populärsten ist bis heute wahrscheinlich „Schuld und Sühne“ von 1866. Ein Kriminalroman, bei dem der Mörder von Anfang an bekannt ist. Rodion Raskolnikow hat sein Verbrechen als eine Art Selbstexperiment angelegt: „Ich wollte erfahren, so schnell wie möglich erfahren, ob ich eine Laus bin, wie alle, oder ein Mensch.“

Ein „großer“, vermeintlich außergewöhnlicher Mensch, der sich nach dem Vorbild Napoleons das Recht herausnimmt, andere Menschen, die „Läuse“, nach Belieben zu benutzen und zu vernichten – zum Beispiel die Wucherin, die dem mittellosen Raskolnikow das Leben schwer macht. Ein Rechenexempel der Nützlichkeit: Um „wertvolles“ Leben zu erhalten und zu fördern, darf „lebensunwertes“ Leben geopfert werden.

Im 20. Jahrhundert konnte dieser Roman als eine der unheimlichsten Prophezeiungen der Weltliteratur gelesen werden: Millionen Menschen fielen jenen „Raskolnikows“ zum Opfer, die sich für außergewöhnlich erklärten und im Namen des historischen Fortschritts über das Schicksal der „Läuse“ nach Gutdünken befanden. Kein Wunder, dass sich die Sowjetunion mit Dostojewski schwer taten. Bereits 1913 hatte der Schriftsteller Maxim Gorki geurteilt, Dostojewskis „reaktionäre“ Positionen seien auch durch sein künstlerisches Genie nicht zu entschuldigen. In der späten Stalinära musste an den Hochschulen gelehrt werden, seine Romane seien „ein Ausdruck der reaktionären bourgeoisen individualistischen Ideologie“.

Wenn man in der revolutionären Veränderung das Ziel der Weltgeschichte sieht, wird man dieses Verdikt nicht einmal unverständlich finden. Der Mord, den Raskolnikow verübt, ist zunächst einmal ein ganz gewöhnliches Verbrechen. Aber Dostojewski wollte darin auch den politischen Aktivismus seiner frühen Jahre spiegeln – und in der Bekehrung des Mörders seine eigene Entwicklung hin zur Gewaltlosigkeit.

Selbst unter einem derart despotischen Regime, wie es der russische Zarismus zweifellos war. Wenn man in den politischen Kolumnen liest, die Dostojewski von 1873 an in Zeitschriften veröffentlichte, heute als „Tagebuch eines Schriftstellers“ bekannt, kommen sogar Zweifel auf, ob der Dostojewski der 1860er und 1870er Jahre diesen Despotismus so wahrgenommen hat. Immer wieder zeigt sich eine merkwürdige Anhänglichkeit an das Zarenregime: „Für das Volk ist der Zar keine fremde Macht, keine Macht irgendeines Eroberers, sondern eine Macht für das ganze Volk, eine allvereinigte Macht, wie es sich das Volk wünscht.“

Und ein sehr unpolitisches Vertrauen auf die Macht der Innerlichkeit: „Wenn alle fromme Christen wären, würde keine einzige soziale Frage entstehen.“ Mit einem frommen Christentum meinte Dostojewski die russische Orthodoxie. In der Geistesgeschichte Westeuropas, mitsamt den modernen Ideologien von Liberalismus und Sozialismus, sah er eine Abirrung vom Christentum. „Der Katholizismus – eine Teufelslehre, eine Verhöhnung Christi“, hat der Schriftsteller Stefan Zweig Dostojewskis Geschichtsphilosophie bündig zusammengefasst, „der Protestantismus – ein vernünftlerischer Staatsglaube, alles Hohnbilder des einzig wahren Gottesglaubens.“

Neuerdings hat sich die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, dass zu Dostojewskis Geschichtsphilosophie auch Vorbehalte gegenüber Juden gehörten. Man wird diese Position jedoch nicht rassistisch missverstehen dürfen. Dostojewskis Antijudaismus, wenn man das so nennen will, war vielmehr ideenhistorisch gemeint. 1981 wies der amerikanische Slawist David I. Goldstein auf den Glauben des Schriftsteller an eine messianische Mission Russlands für die gesamte Menschheit hin: Das begründete eine Konkurrenz gegenüber dem „auserwählten Volk“ Israel.

Dostojewskis Gegenprogramm gegen die Versuchung des „Nihilismus“ war die Selbsterkenntnis, zu der er den Helden von „Schuld und Sühne“ gelangen lässt. Raskolnikow bricht unter der Anforderung, die er an sich selbst gestellt hat, zusammen: „Ich bin eine Laus, wie alle.“ Auch im Roman „Die Dämonen“ von 1871 geht es um einen Mord, diesmal ausdrücklich aus politischer Motivation. Und um den Traum von der Herrschaft eines außergewöhnlichen Menschen über die vielen anderen.

Bereits das Motto, das dem Roman vorangestellt ist, deutet es an: Für Dostojewski lag darin ein Fall von Besessenheit. Die Stelle aus dem Lukasevangelium berichtet von Teufeln, die Jesus aus einem Menschen austreibt. Sie fahren in eine Herde von Schweinen ein, die sich darauf in einen See stürzen und ertrinken. Wenn es keinen Gott gibt, dann bin ich selbst Gott, räsonniert der Ingenieur Kirilov im Roman – und zieht daraus die praktische Konsequenz: Mir ist alles erlaubt.

Eine Überhebung, die in die Selbstzerstörung führt – man muss nicht unbedingt Dostojewskis religiöse Voraussetzungen teilen, um dieser Aussage des Romans etwas abzugewinnen. 1980, die Frage, inwieweit Karl Marx die sowjetische Diktatur mitsamt dem Archipel Gulag vielleicht mitverschuldet habe, stand auf der Tagesordnung, überlegte die Schriftstellerin Luise Rinser nachdenklich, ob Marx seinen Zeitgenossen jemals beschuldigt hätte, „mit diesem Buch die Religion als Opium des Volkes propagiert zu haben“.

Nun – nach der Oktoberrevolution wollten tatsächlich viele Kulturpolitiker Dostojewski, der längst als russischer Klassiker galt, in Acht und Bann tun. 1929 wurde der Literaturwissenschaftler Michail Michailowitsch Bachtin wegen seines Buches über die „Poetik Dostojewskis“ nach Kasachstan verbannt. Bachtin hatte den Romancier gegen Angriffe verteidigt, indem er auf die „Polyphonie“, die Vielfalt der Perspektiven in den Romanen, hinwies. Dostojewski, schrieb Bachtin, schuf „freie Menschen, fähig, ihrem Schöpfer nicht beizupflichten und sogar sich gegen ihn zu empören“. Deshalb sei es verfehlt, in den Äußerungen der Figuren die Meinung des Autors wiederfinden zu wollen.

Vor allem im Westen fand Bachtins These viel Zustimmung. Dostojewski „erörtert Ideen nie in abstrakter Form“, schrieb zum Beispiel der französische Romancier André Gide, „die Ideen treten bei ihm stets durch das Individuum zu Tage". Ähnlich würdigte bereits Friedrich Nietzsche Dostojewski als „den einzigen Psychologen“, von dem er etwas zu lernen habe. „Wie sehr er auch immer meinen untersten Instinkten zuwider geht“, fügt Nietzsche gleich hinzu. Während der russische Schriftsteller die große Gefahr der Gegenwart im entfesselten Individualismus mutmaßte, erhoffte er selbst gerade umgekehrt vom Individuum und vom „freien Geist“ die Rettung aus der drohenden Massenkultur.

Aber ihn faszinierte an Dostojewskis Romanen der „psychologische Scharfblick“, mit dem die Figuren und Standpunkte gegeneinander ins Verhältnis gesetzt wurden. Der Zuspruch, den Dostojewski bis heute beim breiten Publikum findet, ist wohl vor allem der Kunst geschuldet, mit der Ernstes und Lächerliches, Komisches und Tragisches in diesen Romanen vermischt sind. Bachtin sprach zugespitzt von „Karnevalisierung“. Ein Satz im Roman „Der Idiot“ von 1868 deutet darauf hin, dass dieses karnevalistische Element seinen ernsthaften, geradezu moralischen Sinn hatte: Es sei „mitunter sogar ganz gut“, sagt Fürst Myschkin, die Hauptfigur des Romans, „lächerlich zu sein“. „Dann kann man einander leicht verzeihen, leichter auch sich mit einander versöhnen.“

Dostojewski wollte im „Idioten“ keinen „Helden“ schildern, der sich selbst zerstört, sondern einen sittlich „schönen“, im Sinne des Verfassers „menschlichen“ Menschen. „Sehen Sie ein Kind an, schauen Sie Gottes Morgenrot, betrachten Sie einen Grashalm, wie er wächst, schauen Sie in die Augen, die Sie ansehen und lieben“, umschreibt der Fürst seine Vorstellung von einem lebenswerten Leben und vom Glück. Aber Myschkin leidet an Epilepsie. Er erlebt seine Augenblicke des Glücks – „alle Aufregung, alle Zweifel, alle Unruhe löste sich gleichsam in eine höhere Ruhe auf, in eine Ruhe voll klarer, harmonischer Freude und Hoffnung, voll Sinn und letzter Schöpfungsursache“, muss sie gleich danach jedoch mit einem epileptischen Anfall bezahlen muss.

Die Handlung mündet in einem Zusammenbruch. Der Autor – oder vielmehr der imaginäre Erzähler des Romans –  erspart sich jedes kommentierende Wort. Wie Dostojewski auch die Diskussionen der Figuren in seinem letzten Roman, den „Brüdern Karamasow“ von 1878, in einer geradezu verblüffenden Neutralität wiedergibt. Thema sind die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele. Dostojewskis eigene Haltung unterliegt keinem Zweifel: „Ohne höhere Idee kann weder ein einzelner Mensch noch eine Nation existieren“, heißt es im „Tagebuch eines Schriftstellers“. Doch im Roman hat der Autor den Gläubigen wie den Leugnern gleich gute Argumente in den Mund gelegt. In beiden Positionen spiegelt sich Dostojewskis Grundangst: Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.

Vielleicht ist es aber noch schlimmer, überlegt Ivan, einer der Brüder: Gott existiert, aber seine Weltschöpfung ist inakzeptabel, weil Gott darin unschuldiges Leiden zugelassen hat. In der Legende vom Großinquisitor entwickelt Ivan den Gedanken, Christus habe mit dem Geschenk der Freiheit das Unglück des Menschen besiegelt, ein irdisches Paradies sei vielmehr mit Zwang zu verwirklichen. Ivan endet im Wahnsinn – in Dostojewskis Sicht der Prototyp eines Menschen, der sich nicht zu einer „höheren Idee“ bekennen kann, ohne einen solchen Glauben jedoch nicht zu leben vermag. In den 1940er Jahren würdigte Albert Camus den Schriftsteller als den großen Entdecker des „Sinns für das Absurde“. Dostojewskis Helden, diese „zerrissenen und toten Seelen“, die immer nach dem Sinn des Lebens fragen, stellte Camus fest, „fürchten die Lächerlichkeit“ nicht. Niemand habe „in dem Maße wie Dostojewski der absurden Welt so eindringliche und so quälende Reize zu geben gewusst“.


Mehr im Internet:

Fjodor M. Dostojewski - Wikipedia
scienzz artikel Russische Literatur

 

 

 

 

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