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Wissenschaft

19.10.2021 - RELIGIONSGESCHICHTE

Verstehst du, was du liest?

Heilige Schriften, zwischen verbindlichem Text und Auslegungsstreit

von Josef Tutsch

 
 

Thorarolle, im Kölnischen Stadtmuseum
Bild: HOWI/Wikipedia

Am 22. September 1827, erzählen die Mormonen vom Ursprung ihrer Religion, übergab der Engel Moroni auf einem Hügel im Staat New York dem Farmarbeiter Joseph Smith einige Goldplatten, auf denen Texte verzeichnet waren, in „reformägyptischer“ Sprache und Schrift, wie Smith behauptete. Smith machte sich an die Übersetzung ins Englische. Danach forderte der Engel die Goldplatten zurück.

Bei Historikern, die sich nicht an die religiösen Traditionen der Mormonen gebunden fühlen, liest sich der Vorgang ein Stück profaner. Smith fühlte sich zum Propheten und Religionsstifter berufen, und zu einer Religion gehörte nach seinem Verständnis eben auch ein kanonischer Text, so etwas wie eine Bibel. Wie auch immer – in der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ wird das „Buch Mormon“ bis heute als Heilige Schrift verehrt.

Was ist das – eine „Heilige Schrift“? Oder, da dieses Wort in der jüdisch-christlichen Tradition weitgehend synonym für „Bibel“ gebraucht wird, ein „Heiliger Text“? Der Theologe Florian Wilk und der Islamwissenschaftler Sebastian Günther von der Universität Göttingen sprechen in ihrem neu erschienenen Sammelband über den Umgang mit solchen Schriften etwas umständlich von „Textzeugnissen für Repräsentationen und Vorstellungen des Göttlichen, die als autoritativ erachtet werden und die das Leben der Menschen in hohem Maße (mit)bestimmen“. „Heilige Texte sind die tragenden Fundamente in zentralen Fragen des Glaubens und der Ethik.“

Der erste Teil dieser Definition würde rein weltliche Bücher ausschließen – Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: die „Mao-Bibel“, die einige Jahre lang von Millionen Menschen als höchste Autorität anerkannt war. Der zweite stellt klar, dass es auch nicht um mythologische Erzählungen geht, die zwar hohe Autorität genießen, aber nicht unbedingt bestimmen, was im Leben und Verhalten als moralisch richtig, religiös gesprochen: als „fromm“, gelten soll.

Hesiod und Homer „sind es, die den Griechen die Entstehung der Götter dichterisch dargestellt haben“, zitiert der Göttinger Philologe Heinz-Günther Nesselrath gleich im ersten Beitrag des Bandes den griechischen Geschichtsschreiber Herodot. Macht das die Werke von Hesiod und Homer zu „Heiligen Schriften“? Nesselraths Fazit fällt vorsichtig aus: Die Bedeutung dieser beiden Dichter als „Grundtexte“ für die religiöse Weltsicht der Griechen war über Jahrhunderte weithin anerkannt, wenngleich Philosophen wie Xenophanes und Platon heftige „Religionskritik“ übten. Aber mit der „Heiligen Schrift“ der Bibel sei ihre Stellung in der griechischen Kultur wohl doch nicht zu vergleichen.

Aber warum eigentlich nicht? Mehrere Artikel in dem Sammelband gehen darauf ein, dass es zwischen der griechischen und der jüdischen „Bildungswelt“ eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit gab: Sowohl die Bibel als auch Homer oder Hesiod boten Auslegungsprobleme, forderten also die Entstehung einer hermeneutischen Kunst oder Wissenschaft heraus. In der Apostelgeschichte des Neuen Testaments wird von einem äthiopischen Hofbeamten erzählt, der gerade eine Wallfahrt zum Tempel in Jerusalem unternimmt, also offenbar mit dem Judentum sympathisiert. Der Jude Philippus, der sich zum Glauben an Christus bekennt, beobachtet ihn, während er in einer Schriftrolle liest. „Verstehst du auch, was du liest?“, fragt Philippus. Der Hofbeamte antwortet: „Wie könnte ich das, wenn mich niemand anleitet?“

Schriften – und damit auch Religionen, die sich auf „heilige“ Schriften berufen – bedürfen der Interpretation, in viel höherem Maße, als das der Fall ist, wenn es „bloß“ um gemeinschaftliche Rituale geht. Im Christentum entstand aus dieser Notwendigkeit das kirchliche Lehramt, in Judentum und Islam, weniger organisiert, eine theologische Gelehrsamkeit. Im griechischen „Heidentum“ dagegen „bloß“ die Philologie, die zu unverständlichen Homerstellen notfalls eine allegorische Deutung oder Umdeutung fand.

Im 1. Jahrhundert n. Chr., berichtet der Tübinger Theologe Hermann Lichtenberger, mühte sich der jüdische Schriftsteller Philon in Alexandria mit den Schwierigkeiten ab, die das Leben auf der Grenze zwischen diesen beiden Bildungswelten mit sich brachte. Grundvoraussetzung von Philons Denken war, dass Moses und Homer „bei richtiger Lesung übereinstimmten“, Homer konnte Moses „stützen und bestätigen“. Aber: Auch gegenüber diesem „größten aller Dichter“ hatte die Heilige Schrift unbedingten Vorrang.

Aufrechterhalten konnte Philon den Primat der Heiligen Schrift gegenüber aller weltlichen Literatur jedoch nur, indem er auch an den Bibeltext die allegorische Auslegungsmethode anlegte, die bei schwierigen Stellen den „eigentlichen“, wahren Sinn zum Vorschein bringen sollte. Ein Verfahren, das bereits zwei Jahrhunderte zuvor der Verfasser des sogenannten „Aristeasbriefes“ eingeführt hatte. Der unbekannte Autor wollte seinen Lesern, gerade den nicht-jüdischen Lesern, die „Vortrefflichkeit“ des jüdischen Gesetzes deutlich machen. Die vielen, für „Heiden“ zunächst einmal befremdlichen Speisevorschriften der Thora würden dem „gerechten Zusammenleben der Menschen“ dienen, also einem vernünftigen Zweck.

Solche „vernünftige“ Auslegung setzte allerdings voraus, dass es nur einen einzigen, verbindlichen Text der Heiligen Schrift gab. Ziel des Aristeasbriefes, erläutert Lichtenberger, war es, für die griechische Übersetzung der Thora, die damals in Alexandria entstand, Ausschließlichkeit und Verbindlichkeit zu reklamieren. Wer es wagte, diesen Text durch Zusätze, Umstellungen oder Auslassungen zu verändern, wurde verflucht.

So war die Geschichte von Judentum und Christentum in den folgenden zwei Jahrtausenden denn auch immer wieder die Geschichte des Bemühens um den korrekten Bibeltext. Und dann um die „richtige“ Interpretation dieses Textes. Auch die Differenz zum Judentum betraf eine Auslegungsfrage: Deuteten die Prophezeiungen der Bibel wirklich auf jenen Jesus von Nazareth voraus, der am Kreuze starb?

Dass nicht nur einzelne Textstellen in Varianten vorlagen, sondern selbst die Zugehörigkeit ganzer Bücher zum „Kanon“ lange umstritten war, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament, ist der Forschung in vollem Umfang erst bewusst geworden, als im Laufe des 20. Jahrhunderts in der ägyptischen Wüste „apokryphe“ Texte auftauchten, die aus irgendwelchen Gründen „verstoßen“ worden waren. Die Göttinger Ägyptologin Heike Behlmer zitiert den Mönch Schenute, der im 4. Jahrhundert wetterte, nicht-kanonische Schriften seien Erfindungen der Häretiker, vom Teufel inspiriert, um die Menschen zu täuschen.

Bekanntlich warf Mohammed den Vertretern der älteren „Schwesterreligionen“ vor, den Bibeltext verfälscht zu haben. Inwieweit die jüdische und christliche Bibel in ihrer Gesamtheit im Arabien des frühen 7. Jahrhunderts überhaupt bekannt war, muss die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth allerdings offen lassen. Den frühesten Korankommentatoren, vermerkt ihr Göttinger Kollege Sebastian Günther, war bewusst, dass zum Beispiel die ethischen Anweisungen in der Heiligen Schrift des Islams, Sure 6 und 17, im Grunde die Zehn Gebote der Bibel wiedergaben, zum Teil sogar im Wortlaut. Etwa vom 9. Jahrhundert an hoben ihre Nachfolger den spezifisch „islamischen Charakter“ der Gebote hervor, als eine Neuoffenbarung.

„Verstehst du auch, was du liest?“ Die gemeinsame Geschichte von Christentum und Judentum in den vergangenen zweitausend Jahren war bestimmt vom Anspruch der Christen, in Jesus als Messias den Schlüssel für das „richtige“ Verständnis der Bibel zu besitzen. Die Juden galten als „blind“ – die Synagoge mit den verbundenen Augen war ein beliebtes Motiv der christlichen Kunst. Im 19. und 20. Jahrhundert fand diese antijüdische Polemik ihre rassistische Nachgeschichte.

Zieht eine Heilige Schrift zwangsläufig den Streit um die Auslegung dieser Schrift nach sich? Vielleicht ahnten jene Kirchenvertreter, die seit dem späten Mittelalter gegen die Verbreitung der Bibel unter den Laien Einwände erhoben, etwas von diesem Zusammenhang. Im Islam gibt es bis heute Vorbehalte gegen Übersetzungen des Korans. Im Titel von Koranausgaben in westlichen Sprachen stehen oft Formulierungen wie „Erklärung der Bedeutung“. Dahinter steht die Furcht, die Übersetzung sich neben das Original schieben könnte, im Bewusstsein der Bevölkerung womöglich an dessen Stelle. Der Aristeasbrief zeigt, dass im hellenistischen Alexandria genau das mit der hebräischen Bibel geschah: Die griechische Übersetzung galt als verbindlicher Text.

Es könnte interessant sein, vergleichend die Entwicklung in Hinduismus und Buddhismus zu betrachten. Der Sammelband hat darauf verzichtet. Statt dessen findet sich, etwas überraschend, ein Beitrag über das alte Rom. Dabei war die römische Religion, wie die Göttinger Philologin Ulrike Egelhaaf-Gaiser betont, keine Buchreligion“, sie war „handlungs-, nicht glaubensorientiert“. „Offenbarungsschriften, Glaubensdogmen und Rechtgläubigkeit spielten keine Rolle.“

Aber auch dort gab es religiöse Texte. Einer Legende zufolge verkaufte die „Sibylle von Cumae“, eine greise Seherin aus Unteritalien, dem letzten König Roma, Tarquinius Superbus, zu einem enormen Preis drei Orakalbücher. 83 v. Chr. sollen sie bei einem Feuer im Kapitol verbrannt sein, ein Priesterkollegium unternahm es, sie zu „rekonstruieren“. Da die altrömische Religion heute keine Anhänger mehr hat, tritt Egelhaaf-Gaiser mit ihrer Erklärung niemandem auf die Füße: Hier wurde eine „Kultkontinuität“ fingiert, eine vorgeblich uralte Tradition erfunden.

Bei anderen „heiligen Texten“ ist die Entstehungsgeschichte viel komplizierter. Die hebräische Bibel wurde immer und immer wieder „fortgeschrieben“. Im Laufe der Jahrhunderte, berichtet der Göttinger Theologe Reinhard Müller, wurde manches, was die „Schriftgelehrsamkeit“ an den alten Texten kommentierte, in diese Texte eingearbeitet. Müller demonstriert den Bedeutungswandel, der damit einherging, an einem Vers, der heute als Grundbekenntnis des Judentums gilt: „Jahwe ist unser Gott, Jahwe ist einzig.“

In einem Hymnus auf den Gott Baal aus dem phönikischen Ugarit findet sich eine verblüffende Parallele: „Ich [Baal] bin der einzige, der als König herrschen kann über die Götter, der fett machen kann Götter und Menschen, der sättigen kann die Mengen der Erde.“ Gemeint war, erläutert Müller: der den lebensnotwendigen Regen spenden kann. Im jüdischen Glaubensbekenntnis fehlen solche Relativsätze, die „Einzigkeit“ ist ins Absolute gesteigert. Jahwe wurde zum einzigen Gott für das Volk Israel und in der Folge als Schöpfer des Himmels und der Erde der Einzige schlechthin.

Nachdem Martin Luther 1520 vom Papst mit dem Bann bedroht worden war, schrieb er zu seiner Verteidigung, in der Theologie dürfe „allein die Schrift“ herrschen, also nicht eine durch Tradition entstandene kirchliche Lehre. Als ihm der Humanist Erasmus von Rotterdam entgegen hielt, ohne Auslegung seien doch viele Stellen der Bibel dunkel, proklamierte Luther seine Lehre von der doppelten Klarheit der Schrift: Einerseits sei bereits der Text selbst klar, andererseits bewirke der Heilige Geist im Hörer oder Leser Klarheit. Dass „bereits das im Entstehen begriffene Christentum in sich vielfältig und ziemlich streitlustig“ war, wie die Theologen Reinhard Feldmeier und Florian Wilk von der Universität Göttingen es in ihrem Beitrag formulieren, scheint Luther nicht gesehen zu haben.


Neu auf dem Büchermarkt:

Lesen, Deuten und Verstehen?! Debatten über Heilige Texte in Orient und Okzident, herausgegeben von Sebastian Günther und Florian Wilk, Mohr Siebeck, Tübingen 2021, 230 S., ISBN 978-3-16-159491-5, 59,00 €


Mehr im Internet:

Heilige Schriften - Wikipedia
Lesen, Deuten und Verstehen?! herausgegeben von Sebastian Günther und Florian Wilk
scienzz artikel Heiliges Wort

 

 

 

 

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