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28.10.2021 - MEDIZIN

Der Weg zum digitalisierten Menschen

Kapitalismus und die Enteignung der Gesundheit

My nano

 
 

Bild von komta auf iStock


Das Folgende bezieht sich auf die Lektüre vor allem dreier Texte. Zum einen des Buches "Die Nemesis der Medizin" von Ivan Illich. Ich habe es Ende der Siebziger und erneut letztes Jahr gelesen. Es hieß ursprünglich (wesentlich treffender) "Die Enteignung der Gesundheit" und ist unter dem neuen Titel wieder aufgelegt worden und momentan immer noch erhältlich. Dann das Buch "Krisen, Kämpfe, Kriege" von Detlef Hartmann, ein detailreiches Werk von 700 Seiten, 2015 erschienen. Schließlich ein vergleichsweise kurzer Artikel von Ariane Bilheran "Chroniken des Totalitarismus - Wenn alles verrückt wird..." , der hier auf scienzz nachzulesen ist. Diese drei Texte zusammen gebracht lassen mich das, was seit eineinhalb Jahren geschieht, einigermaßen verstehen.

1. Die Vorgeschichte

Ausgangspunkt ist ein Phänomen, das Kapitalismus genannt wird und für die globale Situation momentan sicher verantwortlich ist. Kapitalismus ist eine gesellschaftliche Kraft, die aus dem Bereich der Ökonomie stammte, aber schnell alle übrigen Bereiche der Gesellschaft durchdrang und sich auch schnell global ausbreitete. Ein wesentliches Element des Kapitalismus ist die Tatsache, dass das Kapital auf etwas angewiesen ist, das sein Gegenteil und seine Ergänzung ist: Arbeitskraft, über die es verfügen kann. Die muss erst einmal geschaffen werden. Bauern müssen von ihrem Land vertrieben werden, damit sie keine andere Möglichkeit mehr sehen, als in die Fabrik zu gehen. Handwerker, Landarbeiter und andere Berufe müssen der Geldwirtschaft unterworfen werden, damit die Fabrik ihnen als einzige Möglichkeit erscheint mit Hilfe eines Lohns in Geldform zu überleben. Jegliche Subsistenzbasis muss zerstört werden. Die komplette Zerstörung von "überkommenen", "vormodernen" Lebensverhältnissen stand also am Anfang des Kapitalismus und gehört auch heute noch zu seinen Spezialitäten.

Zu seinen Grundeigenschaften zählt weiterhin das Prinzip der Profitmaximierung. Profitmaximierung ist etwas anderes als Profit: es geht nicht darum, Profit zu machen, sondern mehr Profit zu machen als die Konkurrenz, die einem sonst ruiniert oder auffrisst. Aus diesem Grund muss das Kapital sehr mobil sein, immer dorthin gehen, wo maximale Gewinne möglich sind, oder sich die Bedingungen dazu schaffen. So gehört es zu seinem Wesen, die Gesellschaft auf Dauer vollständig zu durchdringen. Nichts ist vor ihm sicher. Aus diesem Grund ist die kapitalistische Produktion immer auch Destruktion. Sie wird alle äußerlichen Hindernisse zerstören, die ihr im Weg stehen. Sie wird auch alle soziale Organisation, die ihr hinderlich ist, zerstören. Sie wird sogar ihre eigene Form, wenn sie sie zu sehr einengt, ebenso zerstören.

Ein Beispiel: In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entstand das, was "Eisenbahnkapitalismus" genannt wurde. Die Eisenbahn stand im Zentrum der Industrie, damit auch die Hüttenindustrie, der Maschinenbau usw. Die Eisenbahn schuf eine Infrastruktur, die es vorher nicht gegeben hatte und die für den Kapitalismus lebenswichtig war. Immense Werte wurden in diesen Bereich investiert. Einige Jahrzehnte später war dies nicht mehr nötig. Andere Industrien waren zu neuer Macht aufgestiegen (Elektro, Chemie, Fahrzeugbau). Sie legten durch z.T. mafiöse Mittel den öffentlichen Schienenverkehr nun mehr oder weniger still, nur einige strategisch wichtige Bereiche blieben noch erhalten. Das Automobil war von nun an das neue universelle Verkehrsmittel. Im Eisenbahnsektor und der dazugehörigen industriellen Infrastruktur gebundes Kapital wurde vernichtet, Firmen gingen pleite, die Arbeiter mußten andere Arbeitsplätze suchen, umschulen, umziehen oder sie wurden arbeitslos. Für die USA ist dieser Vorgang z.B. sehr gut dokumentiert.*

Eine weitere Eigenschaft des Kapitalismus ist sein Zug zur Konzentration des Kapitals. Es ballt sich in immer größeren Einheiten zusammen. Dadurch wird die gesellschaftliche Sprengkraft, die es entwickelt, immens. Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert schrumpften in den USA Branchen von über 4.000 Unternehmen auf etwas mehr als 200. Die Konzentration setzte sich unvermindert fort. Heute beherrscht auf manchen Gebieten nur eine einstellige Zahl von Konzernen den globalen Markt, d.h. die Produktion für mehrere Milliarden Menschen. Bekannt geworden ist z.B. die weltumspannende Macht von Saatgutkonzernen wie Monsanto (jetzt Bayer), die die Anbaustrategien im hintersten Winkel der Erde bestimmen können.

Die Menschen sind wohl seit mehreren 100.000 Jahren auf der Erde. Nur maximal fünfhundert davon sind vom Kapitalismus geprägt. Es gibt also kein kapitalistisches Gen, keine biologisch verankerte Anpassung an diese Lebensform. Sie muß deswegen immer wieder sozial hergestellt werden. Und zwar in dauernd neuer Gestalt. In seinen diversen Phasen benötigt das Kapital eine jeweils unterschiedliche menschliche Basis. Sobald der Kapitalismus sich selbst wandelt, muß er die Lebensverhältnisse der vorherigen Stufe zerstören und neue schaffen. Mal braucht er beispielsweise Heimarbeiter, mal Plantagenarbeiter, mal Hungerproletariat, mal industrielle Facharbeiter, mal Kinderarbeit, mal gut ausgebildete Kopfarbeiter, mal Großfamilie, mal Kleinfamilie, mal Single-Haushalte usw. Die Übergänge gestalten sich fast immer als Krisen, dabei herrscht eine "schöpferische Zerstörung", die der Bevölkerung als "Fortschritt", "eine bessere Zukunft" oder "Schicksal" verkauft wird. Die Umwandlungsprozesse sind aber immer verbunden mit großer gesellschaftlicher Gewalt.

2. Der Fordismus

Eine solche große Umwälzung brachte Anfang des 20. Jahrhunderts den Fordismus hervor. Vorreiter waren die USA, aber alle großen Ökonomien folgten. Delef Hartmann hat dies umfangreich in seinem Buch "Krisen, Kämpfe, Kriege" geschildert. Der Fordismus organisierte Arbeits- und Alltagsleben völlig neu. Fließbandarbeit und "time-and-motion-studies" vervielfachten den Druck auf die Arbeitenden und intensivierten ihre Leistung. Auch Verkehr, Freizeit und Bildung wurden dementsprechend organisiert. Das "scientific management" entstand mit dem Anspruch totaler Erfassung und Kontrolle der Arbeits- (und bald auch Freizeit-) aktivitäten. Dies war nur mit unglaublicher Gewalt herstellbar. Die alten Lebensformen mußten zerstört werden, damit sich die Menschen in dieses Schicksal begaben. "Innovationsoffensive" nennt sich dieser Vorgang, den der Kapitalismus regelmäßig in Gang setzt.

Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis alle Länder** in das fordistische System gezwungen waren. Zwei Weltkriege brauchte es dazu, denn nichts bringt den Effizienz-Wahn des Fordismus besser zur Entfaltung als die Kriegswirtschaft. Hartmann zeigt, wie das fordistische System in den liberalen USA ebenso wie im faschistischen Deutschland als auch in der stalinistischen UdSSR die treibende gesellschaftliche Kraft wurde. In Deutschland wurden die Systeme von Ford und Taylor begeistert aufgenommen, ebenso von den Bolschewiki in der UdSSR. Die deutsche Organisation der Kriegswirtschaft wurde wiederum in den beiden anderen Ländern bewundert und kopiert. Hartmann nennt diese Situation "die feindlichen Brüder", die zwar in Konkurrenz zueinander stehen oder sich sogar bekriegen, aber den gleichen systemischen Zwängen unterliegen und ähnliche Apparate ausbilden, die sich auf bestimmten Ebenen sogar einig sind und austauschen.

Die Gruppen, die diese Tendenzen aufnehmen und vorantreiben, werden zu gesellschaftlichen Eliten, die eine unglaubliche Macht und Gewalt ausüben können. Nicht nur können, sondern auch müssen. Terror muß herrschen, die Verhältnisse müssen unsicher werden, damit Millionen Menschen als Manövriermasse für dieses Experiment zur Verfügung stehen.

Das Gewaltpotential des Nationalsozialismus, des japanischen Imperialismus und des Stalinismus sind augenfällig. Aber auch die USA stehen auf der gleichen Stufe. Die Ausrottung der Ureinwohner befand sich in ihrer Abschlussphase, nach dem Krieg gegen Spanien wurden Cuba und die Philippinen okkupiert, wobei auch Vernichtungsfeldzüge durchgeführt wurden. Ein immenses Gewaltpotential war vorhanden. Dazu kam noch der permanente Alltagskrieg gegen die schwarze Bevölkerung und bestimmte migrantische Gruppen. Diese Faktoren hielten das Gewaltniveau auf einem konstant hohen Niveau.

Dies klingt vielleicht alles etwas schematisch und konstruiert, es ist aber unmöglich, den Inhalt eines 700-Seiten-Buches in wenigen Zeilen wiederzugeben. Deswegen sei dessen Lektüre allen dringend empfohlen, die die jetzige Situation verstehen wollen.

3. Die neue Ordnung

1945 war ein Großteil der Welt fordistisch strukturiert oder zumindest ins fordistische System integriert. Heute hat der Fordismus seinen Zenit überschritten und wird, wie die früheren Formen des Kapitalismus, untergehen. Eine neue Form wird erscheinen, eingeleitet von einer weiteren Innovationsoffensive, die die Tendenzen des Kapitalismus, den Zugriff auf die Individuen und die Natur zu intensivieren und andererseits zu immer größerer Kapitalkonzentration zu führen, auf neuer Stufe fortführt.

Überflüssiges Kapital muß vernichtet oder radikal umgestaltet werden (vor allem in den zentralen fordistischen Bereichen), ebenso ein Großteil der fordistischen Infrastruktur und schließlich auch die fordistisch verfasste Arbeitskraft. Das muß sehr schnell gehen, schockartig, da das Kapital ja genau jetzt vor seinen gewaltigen Widersprüchen und Krisen steht und keinen Aufschub und keinerlei Stillstand gebrauchen kann. Es darf seinen Gegnern auch keine Zeit zur Formierung  eines Widerstandes geben.

Der Fordismus hatte den Massenproduzenten und den Massenkonsumenten  eingeführt bzw. durchgesetzt. Es ist wahrscheinlich, dass diese Funktionen verschwinden werden. Welche neuen Formen entstehen,  können und wollen sich die wenigsten Kritiker des Kapitalismus vorstellen. Es ist aber klar, dass Massenproduzenten und Massenkonsumenten nur historische Formen waren, und nichts wäre weniger "historisch-materialistisch" als anzunehmen,  dass diese Formen ewig bestehen bleiben.

Die neue Zugriffsintensität zeichnet sich schon ab: digitale Kontroll-, Steuer- und Eingriffsmöglichkeiten, das gleiche auf den Gebieten der Biochemie, Neurologie und Genetik. Der Fordismus hatte seine Insassen als Mangelwesen bezüglich des Konsums definiert. Sein Nachfolger definiert sie als Mangelwesen hinsichtlich der genannten Bereiche. Man kann nur mit Entsetzen erahnen, was das bedeutet.

Wie bei der Etablierung des Fordismus ist auch die heutige Umgestaltung mit einer unglaublichen gesellschaftlichen Gewalt verbunden. Erneut tauchen gesellschaftliche Gruppen auf, die sich dieses Programm zu eigen machen und sich dabei in einen Rausch hineinsteigern, einen paranoiden Gruppenwahn, wie Ariane Bilheran ihn beschreibt. Wie sie sagt und wie sich historisch gezeigt hat, schlägt dieser Wahn um in perverse Handlungen: Mord, Missbrauch, pausenlose Gängelung, Überwachung, Verfolgung und Vernichtung. Das ergibt sich daraus, dass diese Gruppen für diesen kurzen historischen Moment das Gefühl totaler Macht und unbegrenzter Machbarkeit verspüren. Das alte System wankt, sie sind die Boten des Neuen, Träger einer historischen Mission, haben die ganze Kraft und Aggressivität des "neuen" Kapitals hinter sich und können auf seinen Schock-Tsunamis reiten. Dieses "irrationale" Verhalten steht durchaus in Einklang mit der "rationalen" Entwicklung des kapitalistischen Systems. Die (ökonomischen) Ziele des Gesamtprozesses sind in sich logisch, die Akteure können trotzdem paranoide Gruppen bilden.

Es ist natürlich kein Zufall, dass die Institutionen, die zum globalen Gesundheitsmanagement geschaffen wurden, nun zum globalen Management überhaupt umfunktioniert werden. Geht es doch den Menschen nicht nur mehr an die Arbeitskraft, sondern an ihre biologische Basis überhaupt. An ihre Zellen, ihre Organe, ihr Genom, alle Daten hierzu und all ihre Äußerungen als lebendige Wesen. Dem sehen wir uns jetzt gegenüber.


Mehr im Internet:
ARTE-Doku "Die Erdzerstörer" (französischer Originaltitel: "L'homme a mangé la terre") ab Minute 27:00. Die ganze Doku, die die Zerstörungskraft des Kapitalismus mit verschiedenen Beispielen dokumentiert, ist absolut sehenswert. Sogar ein Muss.

** Nicht alle Länder waren und sind fordistisch, aber alle sind an dieses System angekoppelt. Es gibt ein tolles Buch "Der Pilz am Ende der Welt", das zeigt, welch abstrusen Systeme existieren, die die Dinge produzieren, die dann in die Lieferkette kommen; sie kommen schließlich alle in die Lieferkette.

 

 

 

 

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