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Wissenschaft

15.11.2021 - ETHIK

Haben Froesche, Baeume und Landschaften Rechte?

Probleme der Umweltethik

von Josef Tutsch

 
 

Versuch mit einem philippinischen Makaken in
Silver Spring, Maryland, 1981
Bild: Alex Pacheco of PETA/Wikipedia

Nehmen wir in einem Gedankenexperiment einmal an, die Menschheit wäre durch eine Katastrophe beinahe ausgestorben. Beinahe – bis auf eine einzige Person. Der Erdball würde sozusagen ihr allein gehören. Gäbe es, überlegte 1973 der neuseeländische Philosoph Richard Routley, irgendwelche ethischen Argumente, die sie davon abhalten müssten, mit ihrer Umwelt nach Belieben zu verfahren, sie hemmungslos zu verwüsten und zu zerstören?

Routley wollte auf eine Lücke in unserer gängigen Ethik aufmerksam machen. Nach traditioneller Auffassung betrifft Moral das Zusammenleben von Menschen. „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst“, formulierte Immanuel Kant 1785 seinen „Kategorischen Imperativ“.

Erst seit etwa einem halben Jahrhundert, stellt der Philosoph Christoph Sebastian Widdau von der Universität Magdeburg in seinem neuen Buch über „Umweltethik“ dar, richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, dass es Fragen nach dem Sollen und Dürfen geben könnte, die über das menschliche Miteinander hinaus gehen. 1979 erregte der Philosoph Hans Jonas mit seinem Buch „Das Prinzip Verantwortung“ viel Aufsehen. Sein Ausgangspunkt war die Feststellung, dass der Mensch mit den Errungenschaften des 20. Jahrhunderts wie Atom- und Gentechnologie, im Grunde aber bereits mit der Industriellen Revolution eine bislang ungeahnte Macht erlangt hatte, in die Natur einzugreifen.

Jonas forderte eine neue „Ethik für das technologische Zeitalter“. Erstens müssten Eingriffe, die den Fortbestand „echten menschlichen Lebens“ gefährden könnten, unterlassen werden. Und zweitens, damit ging sein Buch über die traditionelle Ethik hinaus, müsse sich der Mensch seiner Verantwortung für die gesamte Natur bewusst werden. „Der Mensch ist das einzige uns bekannte Wesen, das Verantwortung haben kann“, so Jonas. Also das einzige „moralische Subjekt“. Von einem Kleinkind erwarten wir zwar nicht, dass es sein Verhalten moralisch normiert, wohl aber, dass es sich diese Normierung im Laufe seiner Erziehung aneignet. Dagegen können weder Pflanzen und Tiere noch gar unbelebte Sachen über „Sollen“ und „Dürfen“ reflektieren, wenngleich Hunde vielleicht irgendwie doch wissen, dass sie manchmal Dinge tun, die ihnen eigentlich verboten sind.

Fragen wir nach „moralischen Objekten“, also nach Objekten, denen gegenüber wir uns moralisch oder unmoralisch verhalten, ist die Entscheidung viel weniger einfach. Dass wir Tiere nicht ohne zwingenden Grund misshandeln dürfen, wird zwar unbestritten sein. Doch mit der Begründung tat sich zum Beispiel Kant schwer. In seiner „Metaphysik der Sitten“, 1797, argumentierte er nicht mit dem Leid der Tiere, sondern mit einer Pflicht des Menschen gegen sich selbst: Durch das Quälen von Tieren würde die Fähigkeit zum Mitgefühl abgestumpft.

1975 stieß der australische Philosoph Peter Singer auf viel Unverständnis, als er für Menschenaffen ein Recht auf Leben und den Schutz der individuellen Freiheit forderte. Die Debatte wurde von der Furcht überschattet, entgegen Singers Intentionen könnte bereits durch diese Fragestellung das Postulat der Menschenrechte gefährlich nivelliert werden. Der amerikanische Rechtswissenschaftler Christopher D. Stone war bereits 1972 einen Schritt weiter gegangen: „Haben Bäume Rechte?“ Oder vielleicht auch Ströme und Landschaften?

Heute würden „wahrscheinlich die meisten Menschen auf die Frage, ob die außermenschliche Natur geschützt werden soll, mit Ja antworten“, schreibt Widdau. Wenn die Frage dann allerdings konkret wird ... „Stellen wir uns beispielsweise vor, dass ein Immobilieninvestor und ein Bauherr planen, auf einem noch nicht erschlossenen Gelände eine Wohnsiedlung mit Schulen, Kindergärten und Geschäften zu errichten.“ Doch mit dem Projekt würde vielleicht ein seltener Frosch, der dort heimisch ist, verdrängt. Womöglich würde das Projekt dazu beitragen, dass diese Froschart ausstirbt.

Konflikte, die heute das tägliche Brot von Umweltschützern und Umweltjuristen sind. Es geht um wirtschaftliche Interessen, aber für die Menschen, die dort wohnen wollen, natürlich auch um Lebensqualität. Als Philosoph fragt Widdau nach den Argumenten, die angeführt werden, um die eine oder andere Position zu legitimieren.
Und da zeigt sich ein grundlegendes Dilemma: „Einige Umweltethiker denken, dass die Umweltethik allein den Menschen, seine Ansprüche, Bedürfnisse und Interessen im Blick haben solle.“ „Andere gehen davon aus, dass nicht nur der Mensch, sondern auch andere Tiere, vielleicht sogar Ökosysteme oder die gesamte Natur, moralisch relevant sind.“

In seinen Seminaren, berichtet der Autor, wird er von seinen Studenten oft gefragt, ob man sich zwischen diesen beiden Grundströmungen der Umweltethik wirklich entscheiden muss. Seine Antwort: Entweder hat der Mensch einen „moralischen Sonderstatus“ – oder eben nicht. Besonders „radikale“ Formen des Physiozentrismus, im Sinne der Frage von Stone, hat Widdau  etwa bei seinen Kollegen Jan Dierks aus Kiel und Martin Gorke aus Greifswald gefunden. Nicht nur Menschen, sondern ebenso auch Pflanzen und Tiere, angefangen bei Einzellern, seien „eigenwertig“ und damit „unmittelbare Gegenstände von Moral“. Ebenso unbelebte Phänomene wie Flüsse und Berge sowie nicht zuletzt ganze Ökosysteme – so auch der Planet Erde im Ganzen.

Die Schwierigkeiten dieser Position, die gern als „Holismus“ bezeichnet wird, liegen auf der Hand: Müsste sich der Mensch damit nicht jeden Eingriff in seine Umwelt verbieten? „Umweltschutz“ bedeutet, streng genommen, ja auch nicht, dass die Umwelt selbst geschützt und bewahrt werden soll, sondern vielmehr ein ganz bestimmter Zustand. Aber Ökosysteme verändern sich, auch ohne menschliches Zutun. Gibt es überhaupt bestimmte Zustände eines Ökosystems, die vor anderen einen „moralischen“ Vorrang haben?

Doch die Intention der Holisten, kommentiert Widdau, ist zunächst einmal nachvollziehbar: Jeder Versuch, „moralische Objekte“ von nicht-moralischen zu unterscheiden, kann als willkürlich, voreingenommen, bloß von Interessen geleitet verdächtigt werden. Aber vielleicht gibt es doch gute Gründe, zum Beispiel zwischen Wasserfällen und Zwergkaninchen zu unterscheiden. Oder eben auch zwischen Wasserfällen und Menschen. Vielleicht ja auch zwischen Menschen und Zwergkaninchen.

Da sind Positionen, die entweder den Begriff des Lebens oder die Fähigkeit, Schmerzen empfinden zu können, als Voraussetzung für Eigenwertigkeit sehen, mit menschlichen Interessen offenkundig eher zu vereinbaren. Widdau verweist auf antike Denker wie Pythagoras und Plutarch, die den Konsum von Fleisch ächteten, weil sie zwischen menschlichen und tierischen Seelen keinen prinzipiellen Unterschied sehen wollten.

Die Frage könnte man allerdings auch zu Pflanzen stellen, denen wir traditionell keine „Seele“ zuschreiben. Aber sie haben „die natürliche Anlage sich in einer bestimmten Weise zu entwickeln, beispielsweise zu wachsen“. Dürfen wir diese Entwicklung durchkreuzen, indem wir Bäume als Brenn- oder Bauholz nutzen? Offenbar eine Frage der Abwägung – ohne solche Nutzung der außermenschlichen Natur wäre menschliches Leben von vornherein unmöglich.

Wie heikel es werden kann, ein einzelnes Kriterium wie  Schmerzempfindlichkeit zu verabsolutieren, macht Widdau an einem Beispiel aus der Medizin deutlich. Wenn es einem komatösen Patienten nichts ausmacht, wie mit ihm verfahren wird – darf er dann wie eine Sache behandelt werden? Da ist es moralisch und politisch offenbar doch sinnvoll, das Postulat einer Sonderstellung des Menschen aufrecht zu erhalten.

Auf die Diskussion in außereuropäischen Kulturen, die zu Natur und Umwelt vielleicht ein grundsätzlich anderes Verhältnis pflegten, als es sich im Abendland entwickelt hat, geht der Autor nicht ein. „Macht euch die Erde untertan“, sagt Gott in der Schöpfungsgeschichte der Bibel zu den ersten Menschen – einen Satz, aus dem spätere Generationen nur allzu gern eine Legitimation zur hemmungslosen Nutzung und Ausnutzung herausgelesen haben. Widdau vermeidet es, seinen Lesern im Widerstreit zwischen „Physio-“ und „Anthropozentrismus“ einen Standpunkt als den allein gültigen zu präsentieren, macht jedoch klar, dass er eine „grundsätzliche Bevorzugung des Menschen“ für sinnvoll hält. Allerdings ohne deshalb die „außermenschliche Natur“ „grundsätzlich aus der moralischen Gemeinschaft auszuschließen“. Angesichts des Umstands, dass offenbar viele Tiere schmerzempfindlich sind, spreche vieles dafür, auch „einigen Teilen der außermenschlichen Natur einen moralischen Status zuzuerkennen – allerdings grundsätzlich auf einem niedrigeren Status als dem des Menschen“.

Eine etwas gewundene Argumentation, die in ihrer praktischen Anwendbarkeit sympathisch wirkt, streng logisch betrachtet, aber doch unbefriedigend bleibt. Aber lässt sich, wäre zu fragen, ein Anthropozentrismus in Umweltschutz und Umweltpolitik überhaupt vermeiden? Der Zustand unserer Umwelt, den wir schützen und erhalten wollen, zeichnet sich dadurch aus, dass wir uns darin einrichten konnten, nicht sicher zwar, doch einigermaßen wohnlich. Eine Wohnlichkeit, die allerdings heute durch den Umstand gestört wird, dass wir uns für die Umweltprobleme irgendwie mitverantwortlich und mitschuldig fühlen – selbst dann, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass unser individueller Beitrag rechnerisch kaum in Betracht kommt.

Widdau zitiert seinen amerikanischen Kollegen John Nolt, der zu der Schätzung gekommen ist, ein durchschnittlicher Bürger der USA würde etwa ein Zweimilliardstel der gegenwärtigen Emissionen auf der Welt verursachen. „Nur“ Zweimilliardstel oder „immerhin“? Nolt vermutet, „im Laufe des nächsten Jahrtausends“ würden vier Milliarden Menschen durch diese Emissionen schwer geschädigt oder zu Tode kommen. Umgerechnet: „Der durchschnittliche US-Amerikaner verursacht durch seine Treibhausemissionen das schwere Leid oder den Tod von zwei zukünftigen Personen.“

Eine Rechnung, die man als reichlich spekulativ abtun kann. Aber die Frage nach unserer individuellen Verantwortung, meint Widdau, sollten wir trotz unseres relativ kleinen Anteils „nicht vorschnell außer Acht lassen“. In Teilen der ökologischen Bewegung, berichtet der Autor, wird das Problem längst viel radikaler formuliert: Der Mensch selbst, nicht erst der moderne Lebensstil, sei das große Übel der Umwelt.

Und daran ist wohl richtig, wir verursachen einen viel zu großen „ökologischen Fußabdruck“, salopp gesagt: Die Menschheit „tritt die gesamte außermenschliche Natur ‚mit Füßen‘“. Treffen sich im Weltall zwei Planeten, lautet ein Witz, in dem dieses Argument auf den Punkt gebracht wird. „Du siehst schlecht aus“, sagt der eine, „bist du krank?“ „Ach ja“, seufzt der andere, „ich hab Homo sapiens.“ „Mach dir nichts draus, das geht vorüber.“

Zweifellos – das Ende der Menschheit wäre eine sehr effektive Methode, der Umweltverschmutzung und dem Klimawandel, soweit sie vom Menschen verursacht werden, ein Ende zu setzen. Oder wenn schon nicht das Ende, dann doch wenigstens die Reduktion der Menschheit auf eine mit der Umwelt verträgliche Zahl. Eine Gegenposition zu jeder Anthropozentrik: Nicht die Umwelt des Menschen soll geschützt werden, sondern die Umwelt vor dem Menschen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Christoph Sebastian Widdau: Einführung in die Umweltethik, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 19662, Philipp Reclam jun., Ditzingen 2021, 150 S., ISBN 978-3-15-019662-5, 6,00 €


Mehr im Internet:

Umweltethik - Wikipedia
Christoph Sebastian Widdau: Einführung in die Umweltethik, Philipp Reclam jun.
scienzz artikel Ethik und Politik

 

 

 

 

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