Kontrovers
Wissenschaft
Politik
Wirtschaft
Kultur
Medien
Kontakt
archiv
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
Wissenschaft

31.10.2021 - KULTURGESCHICHTE

Ein Raum der Begegnungen, friedlich und weniger friedlich

Die Aegaeis am Suedostrand Europas

von Josef Tutsch

 
 

Kap Sounion mit dem Poseidontempel
Bild: AntonyB/Wikipedia
'

„Die Literatur des Abendlandes“, sagte die Schriftstellerin Christa Wolf 1982 in ihrer Poetik-Vorlesung in Frankfurt am Main, begann „mit der Verherrlichung eines Raubkrieges“. Eine Sicht auf die „Ilias“, die zweifellos sehr einseitig ist: Von simpler „Verherrlichung“ ist Homers Epos weit entfernt. Wahrscheinlich war Wolf diese Komplexität auch bewusst. Als ob sie etwas von der heutigen „cancel culture“ geahnt hätte, schob sie gleich hinterher: „Wer aber wollte sich Homer weg- oder in einen realitätsgetreuen Historiographen umwünschen?“

Wie auch immer – am Anfang der europäischen Kultur, wenn man das antike Griechenland als Wurzel Europas gelten lässt, steht die Sage von einem Krieg, den Fürsten von der südlichen Balkanhalbinsel an der kleinasiatischen Küste führten. Die Ägäis „erscheint aus heutiger Sicht als ein Ort der Grenzüberschreitung par excellence“, als „Begegnungsraum der Kulturen“, schreibt der Paderborner Germanist Michael Hofmann in dem neu erschienen Sammelband über dieses Meer als einen „Kulturraum zwischen Mythos und Geschichte“.

Durchweg friedlich waren, wie bereits das Beispiel der „Ilias“ zeigt, diese „Begegnungen“ in den letzten drei Jahrtausenden nicht. Im frühen 20. Jahrhundert kam es zwischen Griechenland und der Türkei, wie Hofmann es zurückhaltend ausdrückt, zu einem „Bevölkerungsaustausch“, deutlicher gesagt: zur Vertreibung der ethnischen Minderheiten. Im 5. Jahrhundert v. Chr., nachdem sich die Griechen erfolgreich gegen die Weltreichspläne des persischen Großkönigs gewehrt hatten, wunderte sich der Geschichtsschreiber Thukydides, dass Homer die Trojaner nicht eindeutig als „Barbaren“ gekennzeichnet hatte, sozusagen als Vorläufer der Invasoren.

In der späteren Tradition galten die Perserkriege als die erste Selbstbehauptung Europas gegen das viel größere Asien. „Es standen gegeneinander der orientalische Despotismus, also eine unter einem Herrn vereinigte Welt, und auf der anderen Seite geteilte und an Umfang und Mitteln geringe Staaten, welche aber von freier Individualität belebt waren“, sagte Georg Wilhelm Friedrich Hegel in den 1820er Jahren in seinen Vorlesungen zur „Philosophie der Weltgeschichte“.

Heute wird die Frage eher umgekehrt gestellt: Wäre die griechische „Klassik“, auf die sich die europäische Kultur bis heute als einen ihrer Ursprünge beruft, nicht auch unter persischer Oberherrschaft möglich gewesen? Wie schwer sich die historische Wissenschaft mit dieser Frage tut, zeigt die etwas umständliche Ausdrucksweise in Hofmanns Text: Griechenland habe seine „zivilisatorischen Errungenschaften wie die Demokratie und die griechische Kunst, Literatur und Philosophie nicht (ausschließlich) in Abgrenzung von ‚Asien‘ entwickelt, sondern in einem lebendigen Austausch“. „Nicht (ausschließlich)“.

Aber ob man nun die „Abgrenzung“ oder den „Austausch“ hervorhebt – im ägäischen Raum liegt einer der Ursprünge Europas. Die Germanistin Anastasía Antonopoúlou von der „Nationalen und Kapidistrias-Universität Athen“ hat anderthalb Dutzend Autoren zusammengebracht, die sich unter diesem oder jenem Aspekt mit Reflexionen zum „Kulturraum“ Ägäis befassen. Ein Schwerpunkt liegt auf der deutschen Literatur seit dem späten 18. Jahrhundert. Die englische Germanistin Eliza Marian Butler kam 1935 zu dem Schluss, für die deutsche Kultur seit dem späten 18. Jahrhundert sei, anders als etwa für Frankreich oder Großbritannien, das klassische Griechenland geradezu eine Obsession gewesen, sie sprach von einer „Tyranny of Greece over Germany“.

Als Friedrich Hölderlin, berichtet Hofmann, im Jahr 1803 an seiner Übersetzung der „Antigone“ des Sophokles arbeitete, schrieb er in einem Brief, er wolle das „Orientalische“ darin „mehr herausheben“. In seiner Hymne „Patmos“ aus demselben Jahr verband er die griechische Götterwelt mit Christus und speziell mit der Offenbarung des Johannes, die der Tradition zufolge auf dieser Insel im Südosten der Ägäis entstand. Hölderlin reflektierte in seinem Gedicht den doppelten Ursprung des späteren Abendlandes: in der griechischen und römischen Kultur einerseits, der jüdisch-christlichen Religionsüberlieferung andererseits. Hölderlin konzipierte Dionysos und Christus „als verwandte Boten des Göttlichen“.

In dieser Harmonisierung von Orient und Okzident, interpretiert Hofmann, lag eine Abkehr vom „Weimarer Klassizismus“ – insbesondere von Friedrich Schiller, der 1788 in seinem Gedicht „Die Götter Griechenlands“ eine Klage über die Entzauberung der Welt durch das Christentum angestimmt hatte. Die Frage stand um 1800 auf der Tagesordnung. 1793 verfasste Hegel sein Gedicht „Eleusis“. Im Anschluss an Schiller, referiert der Gräzist Martin Vöhler von der Aristoteles-Universität Thessaloniki, entwickelte der junge Philosoph eine Kritik des nachantiken Verhältnisses zur Natur, in dem jeder „göttliche Zusammenhang“ verloren gegangen sei.

Anders als Schiller und Hölderlin dachte Hegel bei der griechischen Antike jedoch weniger an Homer und an die athenische „Klassik“ als an die Mysterien von Eleusis. Der junge Hegel, so Vöhler, sah in der „ekstatischen Tradition von Eleusis“ ein Modell für die „Entgrenzung“, die er und Hölderlin (sowie, als dritter im Freundschaftsbund, der spätere Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling) dem „poetischen Ich“ zutrauten.

Geschichtsphilosophische Gedanken, die als Hintergrund auch bei vielen der Reisen mitzudenken sind, die Denker und Schriftsteller in den folgenden beiden Jahrhunderten in die Ägäis unternahmen. 1962 und dann wieder 1967 machte sich Martin Heidegger nach Griechenland auf. Nach langem Zögern, wie der Philosoph selbst anmerkte: Er befürchtete, das reale Griechenland der Gegenwart könnte seine Sicht auf das alte, die er sich vor allem in seinen Studien zu den vorsokratischen Denkern erarbeitet hatte, verdecken.

In der Tat, berichtet der Philosoph Kosmas Raspitsos von der Universität Patras, tat sich Heidegger auf seiner Reise schwer damit, den „gesuchten Einblick in die Eigenartigkeit der griechischen Welt“ zu gewinnen. So kam ihm die Ausgrabungsstätte von Knossos eher ägyptisch-orientalisch vor als griechisch. Heidegger behalf sich, indem er ein Schema aufrief, das ihm durch Friedrich Nietzsche vertraut war: Die altgriechische Kultur, die erste Repräsentation des „Westens“ insgesamt, sei als „Zähmung“, als „Zivilisierung von östlich-asiatischen Elementen“ entstanden.

Versteht sich, dass die meisten Reisenden, die vor und nach Heidegger kamen, weniger von intellektuellem Gepäck belastet waren. In den 1960er und 1970er Jahren, schreibt der Germanist Sergio Corrado von der Universität Neapel, wurden die Inseln der Ägäis zu Sehnsuchtsorten von jungen Leuten aus dem industrialisierten Norden Europas, die vom „klassischen“ Griechenland kaum etwas wussten. Von „Aussteigern“, wie man so sagt. Es bildete sich, berichtet der Germanist Jürgen Pelzer aus Los Angeles, sogar eine kleine „Exil“-Szene von Intellektuellen heraus, die sich als „links“ verstanden und deshalb in Deutschland ein „Berufsverbot“ befürchteten. Gleichzeitig dienten einige dieser Inseln den Obristen, die in Athen die Macht übernommen hatten, als Verbannungsorte.

Die Historiker Julian Happes von der Universität Freiburg und Julian Zimmermann von der Universität Regensburg haben sich mit Pilgerberichten aus dem späten Mittelalter befasst. Ziel der Pilger war das Heilige Land, die Ägäis, die damals zwischen Venedig und dem aufstrebenden Osmanischen Reich heftig umkämpft war, zunächst ein Transitweg. Doch für gebildete Pilger, die vielleicht volkssprachliche Übersetzungen der homerischen Epen gelesen hatten, mischten sich in den Gedanken an Jerusalem Reminiszenzen an die klassische Antike hinein. 1460 bedauerte der Schweizer Hans Bernhard von Eptingen, dass er Troja an der kleinasiatischen Küste nicht besuchen konnte: Troja, erläutern Happes und Zimmermann, galt, vermittelt durch die „Aeneis“ des Vergil, als „Wiege der christlichen Ritterschaft“.

1835 kam König Ludwig I. von Bayern. In Athen besuchte er seinen Sohn Otto, der seit drei Jahren als König von Griechenland amtierte, und unternahm dann eine Rundreise durch die Inselwelt der Ägäis. Begleitet wurde Ludwig von dem Philologen Ludwig Ross, in dessen Reisebeschreibungen der Athener Germanist Stefan Lindinger ein Motiv gefunden hat, das im 19. und 20. Jahrhundert die Polarität von Orient und Okzident oft überlagerte: Ross, der aus Holstein stammte und Protestant war, wusste bereits mit dem bayerischen Katholizismus nicht viel anzufangen. Mit der Religiosität auf den Kykladeninseln, wo die Mehrheit griechisch-orthodox war, erst recht nicht. In der „starken Rolle der institutionalisierten Religion“, so Lindinger, sah er ein „Hindernis für den Weg Griechenlands in die Moderne“.

Mit einem deutschen Gelehrten des 19. Jahrhunderts, dessen Name „in der griechischen Gesellschaft auch heute noch Unbehagen hervorruft“, befasst sich die Athener Germanistin Aglaia Blioumi in ihrem Beitrag. Mit der klassischen Antike, behauptet Jakob Philipp Fallmerayer seit den 1820er Jahren hartnäckig, habe das Griechenland seiner Zeit so gut wie nichts zu tun, es sei vielmehr durch die slawischen und albanischen Einwanderungswellen im Laufe des Mittelalters geprägt.

Dass die Frage nach einer Kontinuität über drei Jahrtausende hinweg politisch sehr aktuell sein kann, zeigte sich um die Jahrtausendwende bei der Einführung des Euro. Ob der Euro auch für Griechenland in dieser Phase wirtschaftspolitisch sinnvoll sei, wurde weithin bezweifelt. Aber konnte man das Ursprungsland Europas von diesem Projekt ausschließen? Die Herausgeberin wird das dringende Bedürfnis verspürt haben, die aktuelle Krise der Europäischen Union in diesem Sammelband nicht völlig unberücksichtigt zu lassen. Im Schlusskapitel erklärt der Politikwissenschaftler Martin Schwarz von der Universität Vechta die Ägäis zum „Testfall für die Gestaltungsmöglichkeiten einer Europäischen Union im Krisenmodus“.

Vielleicht, das legen zumindest Antonopoúlous Ausführungen über den griechischen Lyriker Odysseas Elytis nahe, der 1979 den Nobelpreis für Literatur erhielt, steht hinter dem unterschiedlichen Umgang der europäischen Länder mit Staatsschulden ja ein tiefergehender kultureller Dissens. Im Anschluss an Ideen etwa an Albert Camus und Le Corbusier entwickelte Elytis bereits seit den 1930er Jahren das Konzept eines neuen Humanismus, alternativ zum „westlichen“ Rationalismus. „Die Ägäis als Symbol für Kulturwerte“, formuliert die Literaturwissenschaftlerin so emphatisch wie vage. Die Frage, was das für ein gemeinsames wirtschaftspolitisches Konzept der europäischen Staaten bedeuten könnte, lässt sie jedoch offen.

Schwarz weist darauf hin, dass das Thema „Staatssschulden“ heute von einem noch dramatischeren Problem aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verdrängt wird: Die Ägäis ist zu einem Brennpunkt der Migrationsbewegungen aus Afrika und Asien nach Europa geworden. „Neue Nationalisten beschwören die Festung Europa“, stellt Hofmann warnend fest und ruft als Gegenbild den „Bewegungs-“ und „Begegnungsraum Ägäis“ auf. Aber man kann fragen, ob das nicht allzu sehr vom mitteleuropäischen Schreibtisch, weitab von diesen Bewegungen und Begegnungen, aus gedacht ist. Die Frage, wie die Bewohner der Ägäisinseln selbst das Phänomen der Migration erlebt haben und erleben, ist im Sammelband ausgeklammert.


Neu auf dem Büchermarkt:

Literarische Ägäis. Ein Kulturraum zwischen Mythos und Geschichte, herausgegeben von Anastasía Antonopoúlou, transcript Verlag, Bielefeld 2021, 350 S., ISBN 978-3-8376-5222-2 , 45,00 €


Mehr im Internet:

Ägäis - Wikipedia
Literarische Ägäis, hg. von Anastasía Antonopoúlou, transcript Verlag
scienzz artikel Südeuropa

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie nach Fachgebieten aufgeschlüsselt eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.
Beispiel: Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr


Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr


Dossiersammlung
Religion
> mehr


Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr


Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr


Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr


Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr


Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet