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04.11.2021 - LINGUISTIK

Perlen vor die Schweine und Geld, das nicht stinkt

Redensarten - ein gemeinsames Erbe der Sprachen Europas

von Josef Tutsch

 
 

"Margeriten vor die Schweine werfen": Aus-
schnitt aus Pieter Brueghel, Die niederländi-
schen Sprichwörter, 1559 (Gemäldegalerie,
Berlin) - Bild: Wikipedia


Auf Pieter Brueghels Gemälde „Die niederländischen Sprichwörter“ aus dem Jahr 1559 ist ein Mann zu sehen, der vor seinen Schweinen Blumen ausstreut. Der Blick in ein Lexikon holländischer Redensarten hilft beim Verständnis: Man solle „rozen niet voor de varkens werpen“, sagt man im Niederländischen. Und das erinnert doch sehr an einen Spruch aus der Bibel. „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben“, sagt Jesus in der Bergpredigt, „und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen.“

Bei Brueghel sind es allerdings weder Perlen noch Rosen, sondern vielmehr Margeriten. Da gibt das griechische Wörterbuch einen Hinweis: Im griechischen Urtext des Neuen Testaments ist von „margaritas“ die Rede. In niederländischen Übersetzungen im Mittelalter wurden die Perlen deshalb mit den Margeritenblumen identifiziert, die ihren Namen wahrscheinlich der heiligen Margarethe verdanken. Später haben sich dann im Sprichwort statt der unscheinbaren Margariten die „edleren“ Rosen durchgesetzt.

Heute ist die Redensart von den Perlen oder auch Blumen, die nicht vor die Säue geworfen werden sollen, in den meisten europäischen Sprachen geläufig. Manchmal sind es auch andere hochgeschätzte Dinge. Im Bretonischen zum Beispiel, berichtet der Autor Rolf-Bernhard Essig über „Redensarten, die Europa verbinden“, ist von Weizenmehl oder Marmelade die Rede. Essig hat in seinem neuen Buch, das sich auf ein umfangreiches Forschungsprojekt an der Universität Trier stützen kann, einige Dutzend solcher Wendungen unter die Lupe genommen, die in ihrer Gesamtheit ein gemeinsames Erbe anzeigen.

Der Großteil dieser „widespread idioms“ geht auf die beiden Wurzeln Europas zurück: die Bibel einerseits, die griechisch-römische Kultur andererseits. Bewusst werden uns diese Ursprünge, wenn uns eine solche Redewendung über die Lippen geht, eher nicht. Etwa bei der „Feuerprobe“. Eigentlich, erläutert Essig, war dabei nicht an etwas Militärisches gedacht, wie man leicht denken könnte. Es handelt sich um einen Ausdruck aus der Metallurgie, nämlich ein Verfahren, edle Metalle auf ihre Reinheit hin zu prüfen.

Der Vorgang diente als Metapher für den göttlichen Blick auf den Menschen: „Wie das Feuer Silber und der Ofen Gold“, heißt es in den „Sprüchen Salomons“, „also prüft der Herr die Herzen.“ Nachdem die Feuerwaffen erfunden waren, lag es nahe, diese Wendung auch auf Schlacht und Krieg anzuwenden. „Wer das erste Mal im Feuer gestanden hatte“, schreibt Essig, „ Pulverdampf und Gefechtslärm das Fallen der Getroffenen erlebt und ihm standgehalten hatte“, der hatte seine Feuerprobe bestanden.

Oder, wie man auch sagt, seine „Feuertaufe“. Im Englischen spricht man von „baptisme of fire“, im Französischen von „baptême du feu“. Die slawischen Sprachen sprechen sogar von einer „Taufe der Schlacht“. Aber wie kam die Taufe in diesen Zusammenhang? Da ist das Matthäusevangelium zu Rate zu ziehen. „Der nach mir kommt“, sagt Johannes der Täufer, „wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ Eine Wendung, die vermutlich auf den Sprachgebrauch der Propheten des Alten Testaments zurückgeht: „Ist nicht mein Wort wie Feuer?“, sagt Gott bei Jeremias. Die Apostelgeschichte des Lukas hat den Gedanken aufgegriffen: Zu Pfingsten senken sich Zungen „wie von Feuer“ auf die Apostel hernieder.

Oft haben sich sowohl Wortlaut als auch Sinn der Redensarten im Laufe der Jahrhunderte, bei der „Wanderung“ durch die etwa 70 Sprachen, die in Europa gesprochen wurden, sehr verändert. Im 7. Jahrhundert erzählte der griechische Dichter Hesiod, Göttervater Zeus habe, um die Menschen nicht übermütig werden zu lassen, ihnen eine schöne Frau mit einem „pithos“ gesandt. Das Wort bezeichnete große Krüge zur Aufbewahrung von Wein, Öl oder Getreide. Offenbar war dieses Gefäß so groß gedacht, dass es alle Krankheiten und Plagen enthalten konnte, unter denen Menschen leiden können – nach Zeus’ Willen sollte „Pandora“ viel Unheil über die Welt bringen.

Doch als der Humanist Erasmus von Rotterdam im frühen 16. Jahrhundert seine „Gesammelten Sprichwörter“ herausbrachte, ersetzte er „pithos“ durch „pyxis“, ein Wort, das im Griechischen eine kleine Dose oder Büchse für Schmuckstücke oder auch Salben bezeichnete. Eine Änderung, die Erasmus vermutlich nicht selbst erfinden musste, sondern im Sprachgebrauch seiner Zeit bereits vorgeprägt fand. Der kleinere Behälter schien wohl eher geeignet, den betrogenen Menschen ein Geschenk vorzutäuschen. Deshalb sprechen wir heute von der „Büchse der Pandora“ und nicht etwa von einem „Fass“.

Eine ganze Fülle von Varianten, die miteinander nur den Grundgedanken gemeinsam haben, dass aus etwas ziemlich Kleinem etwas sehr Großes werden kann, bietet die Redensart „aus einer Mücke einen Elefanten machen“. Bei den alten Griechen waren es Fliegen, die zu Elefanten wurden. Die Römer sprachen drastischer davon, dass aus einer Kloake eine Burg gemacht würde. Im Deutschen wird „aus einem Furz ein Donnerschlag“. Aber am weitesten verbreitet ist eben doch die Verwandlung von ganz kleinen Tieren in ziemlich große. Im Spanischen entsteht der Elefant aus einem Floh, im Flämischen aus einer Maus. Im Rumänischen wird die Mücke zu einem Hengst, im Tschechischen zu einem Kamel, im Finnischen die Fliege zu einem Stier, im Armenischen die Laus zu einem Kamel.

Manchmal haben die „geflügelten Worte“, indem sie aus dem Zusammenhang herausgenommen zu festen Wendungen wurden, viel von ihrem Witz verloren. Von dem Maler Apelles, der am Hof Alexanders des Großen wirkte, erzählte man sich, er habe seine neuen Bilder gern auf dem Marktplatz aufgestellt und sich dahinter versteckt, um die Kritik der Passanten zu hören. Einmal bekam er mit, wie ein Schuster an einem Fuß das Fehlen eines Schuhriemens bemängelte. Prompt verbesserte Apelles seinen Fehler. Doch als der Schuster am folgenden Tag, durch den Erfolg seiner Kritik ermutigt, die Darstellung des gesamten Beins bemäkelte, rief Apelles ihm zu: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“

Es gibt auch Fälle, dass sich Irrtümer der antiken Naturforscher über Redensarten in die modernen europäischen Sprachen fort geerbt haben. Die „Krokodilstränen“ – Plinius d. Ä. glaubte, Krokodile würden beim Verzehr ihrer Opfer Tränen vergießen, die Krokodile wurden zum Inbegriff der Heuchelei. Der Irrtum, meinen moderne Biologen, dürfte darauf zurückgehen, dass beim Fressen die Tränendrüsen angeregt werden.

Wie eigentlich wurde der Halbsatz, dass „kein Jota geändert“ werden darf, in allen europäischen Sprachen zum „geflügelten Wort“? Wörtlich übersetzt besagt das Wort aus der Bergpredigt des Matthäusevangeliums, dass „kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen“. Der Name des griechischen Buchstaben muss dem Volksmund muss dem Volksmund in vielen Sprachen zu fremdartig erschienen sein. Im Spanischen ist es „kein Punkt“, der geändert werden darf, im Tschechischen kein Komma.

Auch Martin Luther glaubte offenbar, seine Leser könnte mit „Jota“ nichts anfangen, so ersetzte er dieses Wort durch „der kleinste Buchstabe“. Und in der Tat, im griechischen Alphabet ist das Jota nur ein senkrechter Strich. Aus seiner Kenntnis der Kirchengeschichte wusste der Reformator aber auch genau, dass solche Kleinigkeiten große Bedeutung haben können. Im 4. Jahrhundert n. Chr. hatten sich Theologen und Kirchenpolitiker einen heftigen, oft blutigen Streit um ein einziges Jota geliefert. War Christus mit Gottvater „wesensgleich“, „homoousios“, oder bloß „wesensähnlich“, „homoiousios“?

Von der „Achillesferse“ bis zum „salomonischen Urteil“, vom „Buch mit sieben Siegeln“ bis zum „Fass ohne Boden“ – Antike und Bibel haben den europäischen Sprachen ein reichhaltiges gemeinsames Erbe hinterlassen. Die „gebratenen Tauben“, die uns in den Mund fliegen – bei dem griechischen Dramatiker Pherekrates im 5. Jahrhundert v. Chr. waren es Wacholderdrosseln, die darum bitten, verspeist zu werden.

Spätere Dichter haben zu diesem Redensartenschatz einiges hinzugefügt. Zum Beispiel den „Kampf gegen Windmühlen“, den es heute im Maltesischen wie im Jiddischen oder im Russischen gibt – er stammt von Miguel de Cervantes. Don Quijote geht gegen Windmühlen an, die er in seinem Wahn für Riesen hält. Der Ursprung der Redewendung, schreibt Essig, ist am ehesten noch im Englischen erkennbar: „to tilt at windmills“. Das Wort „tilt“ war war im Mittelalter Terminus technicus der Turniersprache. Es bezeichnete als Substantiv die Schranke zwischen den Gegnern und dann als Verb das „Lanzenreiten“.

Ein gemeinsames Erbe – das bedeutete bereits bei den alten Griechen oft auch eine gemeinsame Abwehr des „Fremden“. Völker außerhalb der eigenen Kultur wurden „Barbaren“ genannt, das Wort sollte ein unverständliches Gestammel andeuten. In demselben Sinn sagt man heute von Spanien bis nach Ungarn „Das ist für mich Chinesisch“, ersatzweise im Italienischen auch „Das ist Arabisch“ oder im Bulgarischen „Das ist Patagonisch“. Doch ebenso gibt es auch eine Abgrenzung der Europäer gegeneinander. Im Englischen sagt man „That sounds Greek to me“, in Italien kann als Synonym für das Unverständliche das Deutsche dienen, in Dänemark die Kunstsprache Volapük. „Das kommt mir Spanisch vor“, lautet eine verbreitete Wendung im Deutschen. Oder auch: „Das sind für mich böhmische Dörfer.“ Im Dänischen handelt es sich übrigens um russische Dörfer, im tschechischen oder serbischen um spanische.

Umgekehrt werden die Deutschen in vielen slawischen Sprachen mit einem Wort bezeichnet, das von einem Adjektiv für „stumm“ abgeleitet ist, zum Beispiel „nemec“ im Tschechischen. Die Redensart„auf gut Deutsch gesagt“ findet in vielen anderen europäischen Sprachen eine sehr genaue Entsprechung: „in plain English“, „en bon français“ „in buon italiano“, „se aplá Elleniká“ usw. usf. Im Spanischen wird diese Überzeugung nicht durch eine Sprachbezeichnung ausgedrückt, sondern durch das herrschende religiöse Bekenntnis: „católico“ ist ein Synonym für „einwandfrei“, nicht nur bei Meinungen und Überzeugungen, sondern zum Beispiel auch beim Wein. Und „no estar muy católico“ heißt soviel wie „sich nicht recht wohlfühlen“.

Aber noch ein Exempel für eine antike Wendung, die heute so gut wie allen europäischen Sprachen gemeinsam ist, allerdings in einer Fassung, die erst auf die Gelehrten der frühen Neuzeit zurückgeht. Der römische Geschichtsschreiber Sueton erzählt, Kaiser Vespasian habe dem notleidenden Staatshaushalt aufgeholfen, indem er eine Steuer auf das Einsammeln von Urin erhob, das zum Färben und Gerben sowie zur Herstellung von Medikamenten genutzt wurde. Sein Sohn Titus fand die neue Steuer einigermaßen anrüchig. Darauf hielt ihm der Vater einige Geldmünzen unter die Nase und fragte, ob der Geruch irgendwie unangenehm sei. Als Titus verneinte, meinte Vespasian: „Und doch ist es aus Urin.“

Irgendwann im 15. Jahrhundert nahm Vespasians Ausspruch unter den europäischen Humanisten die bündige Fassung „Geld stinkt nicht“ an. Und damit wurde Vespasian ein für allemal als der Kaiser bekannt, der, wie sagt man im Deutschen so schön drastisch, aus Scheiße Gold machte. Oder, wie es von der antiken Anekdote her korrekt wäre, aus Urin Bronzemünzen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Rolf-Bernhard Essig: Phönix aus der Asche. Redensarten, die Europa verbinden, mit Illustrationen von Till Laßmann, Dudenverlag, Berlin 2021, 144 S., ISBN 978-3-411-71136-9, 10,00 €


Mehr im Internet:

Redensarten - Wikipedia
Rolf-Bernhard Essig: Phönix aus der Asche, Dudenverlag
scienzz artikel Welt des Sprechens

 

 

 

 

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