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Wissenschaft

23.11.2021 - GESCHICHTE

Aesthetischer Sinn beim Raisonieren ueber Geschichte

Die Emanzipation einer Wissenschaft aus Philosophie und Literatur

von Josef Tutsch

 
 

Johann Gottfried Herder, Portrait von Anton
Graff, 1785 (Gleimhaus, Halberstadt)
Bild: Wikipedia

„Der Philosoph muss ebenso viel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter“, ist auf einem Blatt Papier zu lesen, das irgendwann in den frühen 1790 Jahren an der Universität Tübingen beschrieben wurde. „Man kann in nichts geistreich sein, selbst über Geschichte kann man nicht geistreich räsonieren – ohne ästhetischen Sinn.“ Die Handschrift ist die des jungen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Der Text stammt vielleicht eher von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling oder von Friedrich Hölderlin, mit denen Hegel im Evangelischen Stift ein Studentenzimmer teilte. Ein Vierteljahrhundert später, in seinen Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte an der Berliner Universität, setzte Hegel einen deutlich anderen Akzent. Er sprach nicht von einem „ästhetischen Sinn“, sondern von der „Vernunft“: „Der einzige Gedanke, den die Philosophie mitbringt, ist der einfache Gedanke der Vernunft, dass […] es auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei.“

Aber die zitierten Sätze aus dem frühen Fragment zeigen: Die Reflexion auf die Geschichte, verbunden mit Überlegungen zur Ästhetik und Literaturtheorie, stand am Anfang der Bewegung, die wir im Rückblick etwas missverständlich „Deutschen Idealismus“ nennen. In den Jahrzehnten um 1800, konstatiert die Gießener Germanistin Ines Schubert, vollzog sich ein radikaler Wandel des Geschichtsbewusstseins. Seit den 1760er Jahren, bereits im Vorfeld der Französischen Revolution, kam eine „Geschichtsphilosophie“ auf. Ihr folgte die moderne Geschichtswissenschaft, als Emanzipation der Geschichtsschreibung aus der Philosophie einerseits, der Literatur andererseits. Dann, zunächst in Großbritannien, der „historische Roman“. Und, nicht zu vergessen, eine Welle von Imitationen historischer Stile, von der Neogotik bis zum Neobarock.

„Eine kurze Geschichte des Historismus“ hat Schubert ihre Studie überschrieben. Das Stichwort „Historismus“ könnte leicht in die Irre führen. In der Regel wird damit bloß ein Teilabschnitt dieser Entwicklung bezeichnet: die Abkehr von der philosophischen „Spekulation“, wie sie vor allem nach dem Tod Hegels 1831 einsetzte, die Hinwendung zu einer empirischen Wissenschaft von der Geschichte. Schubert geht es jedoch umfassender um die Entstehung und Entwicklung dessen, was man „historisches Bewusstsein“ nennen könnte, seit der späten Aufklärung.

Als frühester Beleg für den Begriff „Geschichtsphilosophie“ gilt eine Stelle in Voltaires „Essai sur les moeurs“ von 1756. Man darf sich durch die Allgegenwart des Begriffs „Geschichte“ im Zeitalter der Aufklärung aber nicht täuschen lassen: Das „moderne Zeitregime“, das damals aufkam, schreibt Schubert, war „auf die Zukunft ausgerichtet“, es „orientierte sich nicht mehr an den Vorbildern aus der Vergangenheit“.„Unser Zeitalter“, resümierte Immanuel Kant 1781 in seiner „Kritik der reinen Vernunft“, „ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss.“

Alles – auch die lange Zeit unangefochtene Einbettung der profanen Geschichte in die Heilsgeschichte. Bis weit in die Neuzeit hinein war „Zukunft“ in der Hauptsache als Verheißung des Jüngsten Gerichts am Ende der Zeiten ein Thema. Vom Fortgang der innerweltlichen Geschichte wurde nichts Neues erwartet. Voltaire dagegen, so Schubert, verlangte „nach einer ausschließlich philosophischen statt einer göttlich gegründeten Geschichte“. An die Stelle der Heilsgeschichte trat „die Idee eines von Menschen planbaren und machbaren Fortschritts“. Wie viel von der alten Heilsgeschichte in dieser Fortschrittsidee erhalten blieb, in „säkularisierter“ Form, ist bis heute eine offene Frage. 1949 unternahm es der Philosoph Karl Löwith in seinem Buch „Weltgeschichte und Heilsgeschehen“, die „klassenlose Gesellschaft“ der Marxisten als Fortsetzung der christlichen Eschatologie mit anderen Mitteln zu decouvrieren.

In Deutschland nahm Johann Gottfried Herder Voltaires Anregung 1774 in seiner Schrift „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“ auf. Herder war jedoch ein Stück weniger radikal: Er versuchte, zwischen dem Neuen und dem Alten, zwischen den geschichtsphilosophischen Entwürfen und den traditionellen Vorstellungen von Geschichte als Heilsgeschichte zu vermitteln. Der Plan Gottes hinter dem Gang der Geschichte sei für den Menschen zwar nicht zu erkennen, räumte Herder ein. Dennoch zeigte er sich überzeugt, dass es einen solchen Zweck gab: die Humanität.

Herders etwas unsystematische Denk- und Schreibart wird dazu beigetragen haben, dass seine Schlüsselstellung in der Ideengeschichte früher leicht übersehen wurde. Dabei war es, wie Schubert betont, gerade Herders „ästhetische Geschichtsphilosophie“, die der modernen Geschichtsschreibung ihren Weg bahnte. Ähnlich wie einige Jahre später die Tübinger Studenten wollte auch Herder auf eine „gegenseitige Durchdringung historischer und ästhetischer Aspekte“ hinaus. Es war jedoch gerade dieses ästhetische Moment, schreibt Schubert, das ihm in den 1780er Jahren eine scharfe Kontroverse mit Immanuel Kant eintrug: Kant hielt ihm vor, er lasse sich „vermittelst einer, es sei durch Metaphysik oder durch Gefühle, beflügelten Einbildungskraft“ leiten statt durch Begriffe.

Für die Ausbildung der Geschichtswissenschaft im frühen 19. Jahrhundert wurde Herder vor allem durch seine „Wertschätzung der historischen Individualität einer jeden einzelnen Epoche“ wichtig, seine Forderung, „sich in jede einzelne historische Gesellschaft hineinzufühlen“. Dieses Postulat setzte ein Gegengewicht gegen Hegels Konstruktion der Weltgeschichte, in der jede Epoche letztlich nur als Station auf dem Weg der „Selbstverwirklichung des Geistes“ in Frage kam. Als frühes Beispiel für den Gegensatz zwischen Hegels philosophischer Betrachtung und der neu aufkommenden empirischen Wissenschaft nennt Schubert eine Bemerkung aus den „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“ in den 1820er Jahren. Die „Römische Geschichte“ von Barthold Georg Niebuhr, kritisierte Hegel, bestehe „aus einer Reihe von Abhandlungen, die keineswegs die Einheit der Geschichte haben“.

1811 hatte der Althistoriker im ersten Band die Forderung erhoben, die Frühgeschichte Roms, wie sie etwa bei Livius überliefert war, nicht einfach nachzuerzählen. Er werde statt dessen „den Blick anstrengen, um die Züge der Wahrheit, befreit von jenen Überlieferungen, zu erkennen“. „Wahrheit“ im Sinn einer Wissenschaft von empirisch feststellbaren Daten und Fakten. Hegel wies eine solche „Sammlung von Kenntnissen“ als ein subjektives, dem „Verlangen nach vernünftiger Einsicht, nach Erkenntnis“ nicht zuträgliches Bedürfnis zurück. 1837 brachte Georg Gottfried Gervinus die Abgrenzung seiner Wissenschaft gegenüber der philosophischen Geschichtsschreibung nach Art Hegels polemisch auf den Punkt: Nur der Historiker erforsche die wirkliche Welt.

Zugleich bedeutete die „Verwissenschaftlichung“ der jungen Disziplin aber auch eine Loslösung aus der Literatur: Bloß deshalb, weil in der Geschichte oft von Ideen die Rede sei, gehöre die Geschichtsschreibung noch lange nicht in den „Bereich der schönen Literatur“, stellte Johann Gustav Droysen fest. Dass die Frage nach dem Verhältnis der Geschichtsschreibung zur Literatur bis heute nicht ausgestanden ist, zeigt Schubert an dem Buch „Metahistory“ von Hayden White, 1973. Wohl nicht ohne Willen zur Provokation seiner Kollegen rückte der amerikanische Historiker die Geschichtsschreibung in engste Nähe zur Poesie: Historiographische Erzählungen seien „sprachliche Fiktionen, deren Inhalt ebenso erfunden wie vorgefunden ist“.  Ein Radikalismus, den Schubert aber doch kritisch zurechtrücken will: Aus den literarischen Darstellungsformen, deren sich die Geschichtsschreibung bedient, folge nichts über die Fiktionalität der Gegenstände.

Zurück ins frühe 19. Jahrhundert. Überdeckt wurde die doppelte Emanzipation der Geschichtswissenschaft von der Philosophie einerseits, der schönen Literatur andererseits, weil die Vertreter der jungen Disziplin sich mehr und mehr „durch die anwachsende Konkurrenz der Naturwissenschaften“ bedroht sahen, vor allem, nachdem in den späten 1830er Jahren Verbesserungen in der Mikroskopie Einblicke in die Zellfunktionen ermöglicht hatten. Manche Historiker wie Niebuhr und Leopold von Ranke wollten das Objektivitätsideal der Naturwissenschaften kopieren, andere wie Droysen erklärten diese Vorstellung für illusorisch. „Wirklich objektiv ist nur das Gedankenlose“, schrieb Droysen. „Sowie der menschliche Gedanke die Dinge berührt und fasst, hören sie auf, objektiv zu sein.“

Man könnte die Frage stellen, ob diese Abgrenzung zur Naturwissenschaft nicht oft als Freibrief für beliebige politische Festlegungen verstanden wurde. Viele Historiker in Deutschland, merkt Schubert an, verstanden ihre Arbeit „als kulturellen Beitrag zur Durchsetzung der nationalen Einheit Deutschlands unter Führung Preußens“. In Deutschland setzte bereits wenige Jahre nach der Reichsgründung 1871 eine große Ernüchterung ein: „Der Glaube an eine bessere Zukunft nahm ab“, schreibt Schubert, „und der Sinn historischer Weltorientierung wurde zunehmend in Frage gestellt.“ Ob sich diese Krise mit der Enttäuschung über die politischen Strukturen des Kaiserreichs und dem Nachlassen des wirtschaftlichen Aufschwungs in den 1870er Jahren hinreichend erklären lässt, ist fraglich. Es handelte sich eine umfassende Sinnkrise der Moderne: Gerade das ungeheure Anwachsen des historischen Materials machte deutlich, dass darin ebenso wenig wie in der Natur Antworten auf unsere Fragen nach Sinn und Werten zu finden sind.

Schubert verweist darauf, dass eine fortschrittsskeptische Unterströmung das ganze 19. Jahrhundert hindurch immer wirksam geblieben war, zum Beispiel bei Arthur Schopenhauer, der 1819, Hegels Geschichtsphilosophie hatte den Höhepunkt ihrer Wirksamkeit noch nicht erreicht, feststellte, das „Treiben, Tun, Leiden und Schicksal des Menschengeschlechts“ sei seit Jahrtausenden im Grunde immer ein und dasselbe. Schopenhauer gegen Hegel – im deutschen historischen Bewusstsein um 1900 waren beide offenbar gleichermaßen gegenwärtig. Die Germanistin verweist auf Wilhelm Raabes Alterswerk „Hastenbeck“ von 1898. Der Roman spielt im Siebenjährigen Krieg, die Figuren finden in ihrer Erfahrung keinerlei Grund, von der Annahme abzurücken, „dass es keinen dauernden Frieden hiernieden gibt“. Die Erzählerfigur gibt ihnen sogar Recht – und bewahrt sich dennoch die Zuversicht, diese „betrübliche“ Geschichte könnte am Ende irgendwie „tröstlich“ sein.

Fragen, die in der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung damals längst nicht mehr gestellt wurden, weil sie streng wissenschaftlich eben nicht zu behandeln waren. Und auch die Philosophie – mit Ausnahme freilich des Marxismus – scheute seit dem Tod Hegels vor übergreifenden geschichtsphilosophischen Schemata zurück. In der Belletristik fanden solche Fragen ihr Refugium. Sie sind, in der Terminologie jener Tübinger Studenten gesprochen, geeignet, mit „ästhetischem Sinn“ über die Geschichte zu räsonieren.


Neu auf dem Büchermarkt:

Ines Schubert: Eine kurze Geschichte des Historismus. Moderne Geschichtsdiskurse in Philosophie, Geschichtswissenschaft und Literatur, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2021, ISBN 978-3-8498-1731-2, 384 S., 40,00


Mehr im Internet:

Geschichtsphilosophie - Wikipedia
Historismus - Wikipedia
Ines Schubert: Eine kurze Geschichte des Historismus, Aisthesis Verlag
scienzz artikel Geschichte

 

 

 

 

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