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20.10.2004 - FUNDAMENTALISMUS

In God we trust

Das Freund-Feind-Denken in der amerikanischen Politik

von Josef Tutsch

 
 

George Bush jun., Präsident der
Vereinigten Staaten von Amerika

Was war der größte Fehler, den die Gründer der Vereinigten Staaten von Amerika begangen haben? Vielleicht der fortdauernde Sklavenhandel mit Afrika? oder die Entrechtung der amerikanischen Ureinwohner? Wenn wir nach dem "neokonservativen“ Theoretiker Irving Kristol gehen, war es die Trennung von Kirche und Staat.

Das könnte ein Beobachter diesseits des Atlantiks als individuelle Meinung beiseite legen, wenn nicht Kristol zum Beraterkreis des amtierenden Präsidenten George Bush gehören würde. Und wenn nicht solche christlich-fundamentalistischen Positionen in den letzten Jahren in den USA Konjunktur hätten. Und wenn sie nicht inzwischen mit Bush auch in die Administration eingezogen wären. Eine Entwicklung, die man nicht einmal unbedingt auf die persönliche Haltung dieses Präsidenten zurückführen muss: Bei den republikanischen Nominierungskonventen 2000 wurden immerhin 27 % der Delegierten diesem Spektrum zugerechnet. Kristol ist auch keineswegs der einzige einschlägig bekannte Name in diesem Kreis. Auf den "Evangelisten" Billy Graham führt Bush seine eigene Erweckung zum gläubigen Christen zurück. Wenn der Präsident selbst sich als Prediger versucht, soll er übrigens, wie Kenner der Szene versichern, eine bessere Figur machen denn als Politiker.

Sein politisches Konzept hat Bush vor vier Jahren einen "mitfühlenden Konservativismus“ bezeichnet. Das bedeutet nach der Definition seines

Mayflower
  "Mayflower" 1620

Beraters Stephen Goldmann "ein gesundes Vertrauen in die Bevölkerung, sich selbst zu regieren“. Vorausgesetzt ist, dass der Staat, wenn er sich aus den sozialen Aufgaben zurückzieht, den traditionellen Werten ihre Herrschaft zurückgibt und so Probleme wie Ju-gendkriminalität und Drogenmissbrauch gar nicht erst aufkommen. Das "Mit-fühlen“ wird realisiert, indem der Staat den privaten, religiös motivierten Ini-tiativen durch steuerliche Entlastung beispringt.

Kritiker würden argumentieren, staatliche Sozialpolitik sei gerade umgekehrt ein – ebenso unvoll-kommener wie unvermeidlicher – Versuch, auf den Verlust dieser Werte zu reagieren. Wie auch immer, Bushs "Compassionate Conservatism“ ist nicht bloß innenpolitisch gemeint. Und das unterscheidet diesen Neokonservativismus, wie er heute die Republikanische Partei beherrscht, von älteren konservativen Politikentwürfen: nicht außenpolitische Isolierung, sondern Intervention, also Export der Demokratie und des american way of life, wenn es sein muss, auch mit militärischen Mitteln. Die Wurzeln dieser neuen Politik gehen auf Bush sen. zurück, der 1991, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Sieg über Saddam, eine "neue Weltordnung“ propagierte: die Aufschrift der Dollarscheine,  "Novus ordo seclorum“, ins Weltpolitische übersetzt.

Bereits damals zeichnete sich eine Neukombination alter Elemente in der amerikanischen Politik ab: der außenpolitische Idealismus, wie er bislang eher für die "liberale“ Seite typisch war, mit dem konservativen Gesellschaftsverständnis der Rechten. "The world must be made safe for democracy“, hatte der demokratische Präsident Woodrow Wilson 1918 verkündet, ein Programm, mit dem seine republikanischen Nachfolger heute ernst machen. Was bei dem älteren Bush noch fehlte, war die Verbindung mit einem politisch interpretierten Christentum – in diesem Land, dessen Verfassung jeden kirchlichen Bezug sorgsam vermieden hat, durchaus kein ungewohntes Moment. Schon die ersten calvinistischen Einwanderer verstanden sich als das auserwählte Volk Gottes, sprachen vom "neuen Jerusalem“ und von "Gods own Country“. Welche

Dollarschein
"Novus ordo seclorum"
auf Dollarschein

Bedeutung für den Kredit im Geschäftsleben die Zugehörigkeit zu einer "church“ hat, konnte Max Weber vor gerade 100 Jahren bei seinem Studienaufenthalt in Amerika lebhaft beobachten. Vielleicht ist die Dollar-Aufschrift doch viel wirksamer als jeder Verfassungsartikel. "In God we Trust.“

Dass Kristol es da noch für nötig hält, gegen die Trennung von Staat und Kirche (oder vielmehr im Plural: “Kirchen”) anzurennen, muss vom “alten”, viel stärker säkularisierten Europa her verwundern. Zum Paradox berufen sich Amerikas Neokonservative auf einen durch und durch säkularen Philosophen: Leo Strauss, der Deutschland 1932 verlassen hatte und bis zu seinem Tod 1973 in den USA lehrte. In Deutschland stand der junge Strauss dem Staatsrechtler Carl Schmitt nahe, dem wohl brillantesten Denker der deutschen Rechten in den zwanziger Jahren. Schmitt begründete alle Politik auf die "Unterscheidung von Freund und Feind“. "Feind“, wohlgemerkt, nicht etwa "Gegner“. Gegen den bürgerlichen Liberalismus der Weimarer Republik zitierte Schmitt gern das höhnische Wort eines Theoretikers der spanischen Gegenrevolution im 19. Jahrhundert: Wenn das Jüngste Gericht anstehe, würden die Liberalen einen Vertagungsantrag stellen ...

Halb-Dollar-Münze
    "In God we Trust" - Halb-Dollar

Schmitts Freund-Feind-Formel war anti-jüdisch gemeint und insofern für den gebürtigen Juden Strauss inak-zeptabel. Die Intention jedoch, "einen Horizont jenseits des Liberalismus zu gewinnen“, wurde von ihm geteilt, und so fand diese Formel Eingang in das Denken von Strauss’ amerikanischen Schülern. Staatsmänner müssten "vor allem die Fähigkeit haben, Freunde von Feinden zu unterscheiden“, heißt es ausdrücklich in einem Thesenpapier von Kristol, dem "godfather of the neocons“, wie er gern genannt wird. Bush selbst pflegt diesen Gedanken eher volkstümlich auszudrücken: "Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns.“

Damit wird der amerikanische Neokonservativismus von heute nun nicht zum Abklatsch der konservativen Revolution im alten Deutschland: Carl Schmitt wollte die politische Kultur des Westens von Deutschland abwehren, die amerikanischen "Neocons“ wollen, wie sie selbst es sehen, diese demokratischen Werte gerade verteidigen. Aber, wie der Berliner Historiker Heinrich August Winkler feststellt, "in ihrem Freund-Feind-Denken sind sie würdige Nachfolger von Carl Schmitt“. Dazu gehört dann eben auch das, was Schmitt "politische Theologie“ nannte: Politik als verwirklichte Theologie.

Strauss’ Lehrer hatte zeitlebens mit dem Gedanken geliebäugelt, die politische Gemeinschaft auf das Dogma "Jesus ist der Christus“ aufzubauen – eine Voraussetzung, die gläubige Juden von vornherein ausschließen musste, und man darf unterstellen, dass genau das der Sinn dieses Satzes war. Strauss’ Schülern ist, nachdem die Sowjetunion als Feindbild nicht mehr zur Verfügung steht, nunmehr der islamische Fundamentalismus ins Visier gekommen. Oder, wie so mancher Zungenschlag aus Bushs Umgebung nahe legt, der Islam insgesamt: Der Politikwissenschaftler Daniel Pipes verdächtigte alle Moscheen pauschal als "Nährboden des Terrorismus“, der bekannte Prediger Jerry Falwell brandmarkte den Propheten Mohammed persönlich als "Terroristen“.

Gibson, Passion
von Graham empfohlen:
Mel Gibsons Passions-Film

Bush selbst rutschte kurz nach dem 11. September 2001 das Wort "Kreuzzug“ heraus. Später sah er sich dann veranlasst, nachdrücklich zu betonen, man müsse differenzieren zwischen dem Islam als Religion und einzelnen muslimischen Extremisten. Aber der Gedanke vom "Kreuzzug“ war zweifellos ernsthafter gemeint, als seine politisch denkenden Berater es nachher wahrhaben wollten, und es ist ja auch nicht zu bestreiten: In der Geschichte des Christentums ebenso wie in der des Islams ist der "Heilige Krieg“ eine politische Option gewesen, die immer wieder einmal theologisch legitimiert wurde – wobei der Umstand, dass "die anderen“ gar nicht missioniert, aktuell vielleicht auch nicht "demokratisiert“ werden wollen, für religiöse Eiferer keine Rolle zu spielen pflegt.

Politisch verstandenes Christentum und nackte Interessenpolitik, demokratischer Idealismus und neokonservative Ideologie: Die Gedankenwelt hinter dieser Administration ist beileibe nicht homogen. Schwer abzuschätzen, wieweit etwa Falwells Deutung des 11. September im Umkreis dieses Präsidenten ernst genommen wird: Gott erlaube "den Feinden Amerikas, uns zu geben, was wir verdienen“, nämlich wegen der "Ungläubigen und der Abtreiber und der Feministinnen und der Schwulen und der Lesbierinnen, die aktiv dabei sind, einen anderen Lebensstil zu verwirklichen, die Amerika zu verweltlichen versuchen“.

Falwell erhofft sich in der Folge des Terroraktes eine "religiöse Wiederbelebung“, von Europa aus bekommen wir mehr die Anläufe zu neuer Weltpolitik mit. Und da gewinnt man den Eindruck, dass dieser "Idealismus“ nicht nur recht militärisch daherkommt, wenig kooperations- oder kompromissgeneigt (Francis Fukuyama, auch ein Vertreter der neokonservativen Schule: "Die Amerikaner neigen dazu, keine höhere Quelle demokratischer Legitimität anzuerkennen, als den Nationalstaat“); er scheint sich seine Ziele zufällig oder willkürlich zu wählen. Hätte, wenn es

New York Gay Pride
  aus Falwells Feindbildern:
  Schwulendemonstration

darum geht, die Welt zu Demokratie und Fortschritt und Freiheit zu bekehren, das saudi-arabische Königshaus nicht noch vor dem Irak ins Visier gehört?  Und dieses Jonglieren mit den wirklichen oder angeblichen Kriegsgründen, von der Verstrickung in den internationalen Terro-rismus bis zu den niemals aufgefundenen Massenvernichtungsmitteln ...

"Alteuropäer“ mögen sich da an Thomas Manns Formulierung aus dem "Doktor Faustus“ erinnert fühlen: "Fabeln, Wahn-bilder, Hirngespinste, die mit Wahrheit, Vernunft, Wissenschaft überhaupt nichts zu tun zu haben brauchten, um dennoch schöpferisch zu sein, Leben und Geschichte zu bestimmen und sich damit als dynami-sche Realitäten zu erweisen“.  Wenn das der Sinn von "Neokonservativismus“ sein soll – Carl Schmitt mit seinem Kult der "aus dem Nichts geschaffenen absoluten Entscheidung“, seiner Abwehr von rationalen Argumen-tationen hätte sich darin wiedererkannt. Aber natürlich, Amerika kann sich in dem Bewusstsein sonnen, in beiden Weltkriegen auf der richtigen Seite gestanden zu haben. Ist es Antiamerikanismus, wenn man sich in Deutschland und Europa nicht darauf verlassen will, dass das auch in allen zukünftigen Konfliktfällen so sein muss?


Mehr im Internet:
scienzz artikel Amerika

 


 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

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