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18.10.2004 - AUSSTELLUNG

Fußballspielende Hunde und gläserne Kuh,
Papiertragetaschen und Eidechsentöter

Die Freie Universität blickt zurück - und nach vorn

von Josef Tutsch

 
 

Gründungsfeier der Freien
Universität Berlin am 4.
Dezember 1948

Die Freie Universität Berlin wird demnächst 56 Jahre jung und ist bereits ausstellungswürdig: Bis zum 20 Februar 2005 zeigt sie im Henry-Ford-Bau einen Rückblick auf ihre Geschichte. Anlass ist dennoch ein runder Geburtstag. Gerade vor 50 Jahren hat die FU dieses zentrale Gebäude, das in der Hauptsache durch Spenden aus den USA finanziert wurde, bezogen. Für nächstes Jahr ist eine gründliche Renovierung oder vielmehr Restaurierung vorgesehen. "Der Fußboden im Obergeschoss ist gläsern-transparent gehalten“, hat Präsident Dieter Lenzen festgestellt, "damit das Licht durchscheinen kann. Irgendwann wurde alles undurchsichtig verklebt.“

Fürs erste empfängt den Besucher im Foyer ein großes "Mobile“: zwei Dutzend Köpfe von Hochschullehrern, Studenten und Ehrenbürgern: vom Gründungsrektor Friedrich Meinecke bis zum amtierenden Präsidenten, von Kofi Annan über Jutta Limbach bis Umberto Eco. Oder, wenn man den Eingang von der Garystraße her nimmt, etwas Standfesteres, nämlich eine gläserne Kuh – diese Universität in der Millionenstadt Berlin hat

Henry-Ford-Bau
  Grundsteinlegung des Henry-Ford-Baus
  am 24.7.1952
einen veterinärmedizinischen Fachbereich. Dazwischen viele Bilder und eine Menge Text zu lesen, über den Hochschulsport und die Theaterwissenschaft, die Dahlemer Architektur und die Kindertagesstätte.

Historisch reicht die Ausstellung über das Gründungsjahr 1948 zurück. Pläne für ein "deutsches Oxford“ in Dahlem, auf halbem Weg zwischen den preußischen Residenz Berlin und Potsdam, gehen bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Dass gerade in diesen Gebäuden die Rassismus-Theoretiker des Dritten Reiches gearbeitet haben, wird auch nicht verschwiegen. Einen Schwerpunkt bildet die bewegte Vor- und Frühgeschichte dieser jungen Universität: die Drangsalierung demokratisch orientierter Studenten an der Universität in Berlin-Mitte, die damals von der sowjetischen Besatzungsbehörde zum marxistisch-leninistischen Schulungsinstitut umgeprägt wurde, und der mühsame Aufbau im amerikanischen Sektor – damals mussten die Studenten Briketts mitbringen, damit es im Hörsaal nicht eisig kalt blieb.

Manche der alten Photographien werden, wie der Kurator Wilfried Rogasch erklärt, hier zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. So gut wie unbekannt sind auch die Talare, die Rektor und Dekane sich irgendwann in den fünfziger Jahren umgelegt haben: im Vergleich mit dem, was man von deutschen "Traditionsuniversitäten“ kennt, reichlich bunt und grell, Neonfarben müssen damals gerade modern gewesen sein. Seine Amtskette, die seit ein paar Semestern wieder getragen wird, hat der Präsident übrigens nicht zur Verfügung gestellt. Wahrscheinlich hätte der schrumpfende Universitätshaushalt die Versicherungssumme für das gute Stück nicht aufbringen können.
Talare

  Unter den Talaren ...

Dagegen werden die abgeschabten Anzüge aus den späten vierziger und die speckigen Parkas aus den siebziger Jahren, die den Wandel studentischer Mode demonstrieren, wohl kein Problem bereitet haben.

Studentenrevolte: Auch dieses Kapitel kommt natürlich nicht zu kurz. "Wir haben uns um eine sachliche Darstellung bemüht", sagt Rogasch, "und wir wollten nicht verschweigen, dass es nicht nur frischen Wind gegeben hat, sondern auch Gewalt.“ Nein, allzu viel Harmonisierung haben die Ausstellungsmacher dem guten halben Jahrhundert FU-Geschichte nicht angetan, jedenfalls dann nicht, wenn man die Bilder mit ein wenig Aufmerksamkeit betrachtet und sich auch vor ein wenig Textlektüre nicht scheut. Die Kampfutensilien jener Zeit nötigen dennoch ein Lächeln ab: Einkaufstragetaschen aus Papier. Wozu die gut waren? Bei den Demonstrationen gegen den Schah von Persien konnte man sie zur Vermummung über den Kopf ziehen.

Von den wissenschaftlichen Leistungen in den Jahren, die der Revolte folgten, ist weniger die Rede. Nun ja, gerade an der FU wurde damals Leistung gern mit Repression gleichgesetzt. Tempi passati, wie sich inzwischen bis in die breite Öffentlichkeit rundgesprochen hat, aber in solch einer Ausstellung ist wissenschaftliche Qualität nur schwer zu veranschaulichen. Immerhin ein paar Schlaglichter auf das breite Spektrum: ein Lügendetektor (den man gern einer praktischen Erprobung unterziehen würde ...), fußballspielende Hunde (kein Spielkram, wie sich versteht, sondern hochkomplexe Computertechnik, zu welchem Einsatz auch immer), eine Weltkarte, auf der zu sehen ist, wo überall Archäologieprofessoren und –studenten der FU Materielles oder Immaterielles zu Tage fördern, eine Statue aus der Abguss-Sammlung, die den Studenten antike  Plastik originalgetreu vor Augen bringt, usw. usf.

Matrikelbuch

  Altes Matrikelbuch der FU

Bei dieser Statue handelt es sich übrigens um einen "Apollon Sauroktonos“, eine Darstellung des rettenden Gottes, der dabei ist, zwar nicht einem Drachen, aber doch einer Eidechse den Ga-raus zu machen. Eine diskrete Anspielung auf die Existenz-ängste, die die FU in den letzten Jahren gelegentlich geplagt haben? Präsident und Kurator wollten sich jeden Seitenblick auf die Konkurrenz in der Stadt, die Humboldt-Universität mit ihrer fast viermal so langen Geschichte, versagen. Wie die FU ihre Zukunft konzipiert, wird dennoch deutlich: Die wissenschaftlichen Highlights sollen eben nicht nur große Leistungen der Vergangenheit widerspiegeln, sondern auch auf zukünftige "Exzellenz“ vorausweisen. Während die HU bestrebt ist, weiterhin das breite Spektrum der Wissenschaften so gut wie irgend möglich abzudecken, will die Freie Universität auf einigen ausgewählten Feldern ("Clustern“, wie das neumodisch heißt) zur internationalen Spitze vorstoßen.

 

Mehr im Internet:
Ausstellungseröffnung
Kleine Chronik der FU

 

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur
scienzz communcation.

 

 

 

 

 

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