Berlin, den 29.07.2010 Link Home Link Ticker Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

31.10.2005 - NOVEMBERBRÄUCHE

Almosen, Weihwasser und Bohnenbrei

Totengedenken - von Homer bis zur Gegenwart

von Josef Tutsch

 
 

Den christlichen Ursprung vergessen -
all halloween evening: Heiligenabend
Foto: Sylva Ullmann

Bring mir nichts zu trinken her. Vertane Müh! Getrunken wurde, da ich lebte." Dergleichen Sprüche finden sich öfters auf antiken Grabmälern. Wenn diese Haltung sich durchgesetzt  hätte, sähe unser herbstlicher Festkalender ganz anders aus, Friedhofsbräuche hätten von vornherein keinen Sinn.

Aber bereits in der griechischen Antike wollten längst nicht alle Menschen sich damit zufrieden geben, dass nach dem Tod bloß noch ein wesenloser Schatten bleiben sollte, wie es uns Homer so eindrucksvoll geschildert hat. "Lieber möchte ich führwahr dem unbegüterten Meier, der nur kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld baun, als die ganze Schar vermoderter Toten beherrschen", lässt er den großen Helden Achilleus jammern. Früh schon kam der Gedanke auf, solche "Heroen" könnten doch weiterleben und in unser irdisches Leben hineinwirken. Durch Opferriten und Einweihung in die Mysterien versuchten die "normalen" Sterblichen, sich ebenfalls eine glückliche Fortdauer im Jenseits zu sichern. Manche Philosophen lehrten die Unsterblichkeit jeder einzelnen Seele. In der Spätantike, längst vor der allgemeinen Herrschaft des Christentums, war der Gegenpol zu Homers Hades-Vorstellung erreicht: Das Wort "Heroen" wurde als Synonym für die Toten gebraucht.

Die christliche Theologie hat Jahrhunderte gebraucht, um solche Unsterblichkeitsvorstellungen mit dem biblischen Gedanken einer Auferweckung

Lochner, Weltgericht

Stefan Lochner, Weltgericht, um 1435
(Wallraff-Richartz-Museum Köln)

des Leibes am Jüngsten Tag zu verbinden. Im Jahre 1336 verurteilte Papst Benedikt XII. seinen Vorgänger wegen der Annahme, die Verstorbenen müssten bis zur Auferstehung damit warten, Gott anschauen zu können. Das festliche Brauchtum war unbekümmerter als die Dogmatik: So geht die Verehrung der Heiligen bis auf das 2. Jahrhundert zurück, das Fest "Allerheiligen" am 1. November hat sich spätestens im 9. Jahrhundert durchgesetzt. Und ähnlich wie beim antiken Heroenkult gab es auch hier eine "Demokratisierung". 998 führte Abt Odilo von Cluny am 2. November eine Gedächtnisfeier für die verstorbenen Mönche ein, bereits sechs Jahre später ordnete Johannes XIX. an, das "Allerseelenfest" in der gesamten Kirche zu begehen.

Zum Unbehagen streng denkender Theologen setzt der eine oder andere Brauch voraus, dass die Verstorbenen sich sozusagen körperlich auf dem Friedhof aufhalten. So wurden die Gräber mit Weihwasser bespritzt, um die Qualen der Seele im Fegefeuer zu lindern. Aus dem Alpenraum ist noch für die letzten Jahrzehnte die "Allerseelengastung" überliefert: Im hölzernen Napf wurde ein Bohnenbrei gereicht. Schwer zu deuten scheint gerade jene Gewohnheit, die sich bis heute gehalten hat, die Lichter auf dem Grab: vielleicht als Hinweis, wo die Seele ihre Ruhestätte finden kann? oder als Abwehr gefürchteter Geister? oder bloß ein Sinnbild fortdauernden Lebens?

Den dogmatischen Hintergrund für solche Vorstellungen gab seit dem frühen Mittelalter die Lehre vom Fegefeuer:
Cranach, Abendmahl der Protestanten
Lucas Cranach der Jün-
gere,  Abendmahl der
Protestanten
Zwischen dem Tod der einzelnen Seele und der allgemeinen Auferstehung konnte der Volksglaube eine Wartezeit einschieben, eine Läuterungsphase. Im 13. Jahrhundert fand die Idee Eingang in die offizielle Kirchenlehre, Dantes "Göttliche Komödie" kennt zwischen Himmel und Hölle eine dritte Jenseitsregion, vorgestellt als Berg, an dem die sündigen Seelen mühsam aufsteigen und sich so reinigen. Gottes Güte musste größer sein als seine strafende Gerechtigkeit, und so kam der Gedanke auf, die Hinterbliebenen könnten noch etwas für das Seelenheil ihrer Lieben tun: durch Gebete,
Cranach, Höllensturz der Katholiken

... und Höllensturz der
Katholiken, um 1540

durch Almosen oder durch Spenden an die Kirche. Dieser Rechnung wollte Martin Luthers Reformation ein Ende machen. Das ganze Leben der Gläubigen solle Buße sein, verkündete er in der ersten der 95 Thesen, die er am Vorabend von Allerheiligen 1517 an die Wittenberger Schlosskirche anschlug.

Am Gedenktag der Reformation, 31. Oktober, wird denn auch in der evangelischen Kirche aus dem Römerbrief gelesen: "... dass der Mensch gerecht wird ohne die Werke des Gesetzes, allein durch den Glauben". Ob diese Lehre bis an die Basis durchgedrungen ist? Umfragen deuten darauf hin, dass sich die volkstümliche Vorstellung vom Fegefeuer, für Luther ein "papistischer Aberglaube", auch unter protestantischen Christen gehalten hat. Was Platon in seinem "Staat" anspricht, gilt wohl weiterhin: "Wenn man sich dem Tode nahe fühlt, überkommt einen Furcht, und man denkt über andere Dinge nach als früher."

Frühere Generationen haben sich dieser Furcht viel ungehemmter hingegeben. Aus dem Jahr 1223 wird erzählt, dass ein Abt ganz buchstäblich aus Angst vor der Hölle gestorben wäre ... Auf die Fürbitte der Angehörigen wollte man sich im Ernst doch nicht verlassen, man nahm seine Zuflucht zu asketischen Übungen - vor oder auch erst nach dem Tode, so verfügte Kaiser Maximilian, seinen Leichnam zur Buße auszupeitschen und ihm alle Zähne auszubrechen. Oder zu einem Begräbnis im Umkreis heilbringender Reliquien - Bernhard von Clairvaux ließ sich mit einem Knöchelchen des Apostels Thaddäus auf der Brust bestatten. Oder, weniger aufwändig, zu Sterbekerzen, Totenglocken und Weihwasser.

Die größte Angst des mittelalterlichen Menschen galt der Aussicht, plötzlich, also ohne die Gelegenheit zur Reue, zu sterben. Ein Bild des heiligen Christophorus zu sehen, schütze gegen diese Gefahr, hieß es - ein Glaube, der bis heute in den beliebten Autofahrerplaketten nachwirkt, wenngleich der Heilige durch das 2. Vatikanum aus dem Kalender gestrichen wurde. Skeptiker muss es aber bereits im Mittelalter gegeben haben. "Würden die Priester nicht von der Hölle reden, müssten sie verhungern", zitiert ein Prediger des 14. Jahrhunderts empört eine Meinung, die er bei seinen Schäflein gehört hatte.

Witz, Hl. Christophorus

Konrad Witz, Heiliger
Christophorus, um 1440



Inzwischen ist die Entkirchlichung von Tod und Begräbnis längst nicht mehr zu übersehen, bis hin zum anonymen Begräbnis, das ein jährliches Totengedenken "vor Ort" gar nicht mehr zulässt. Die andere Seite bildet der Versuch, einen solchen kollektiven Ritus neu zu verordnen. So setzte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen 1816 den letzten Sonntag des Kirchenjahres, also Ende November, als "Totensonntag" an - eine Mischung von evangelischem Allerseelen, biblischer Mahnung an das Weltgericht und nationalem Gedenken an die Gefallenen der antinapoleonischen Kriege. Deutlich theologischer ist der Buß- und Bettag gedacht, den die evangelischen Landeskirchen in Deutschland auf den vorhergehenden Mittwoch gelegt haben: Mahnung an Luthers Bußpredigt.

Ganz und gar säkularisiert wurde das Totengedenken dann im Volkstrauertag, wie er heute den Opfern der Weltkriege
Siegesallee Berlin
Mehr Heldenverehrung als Totenge-
denken: Statuen von der Berliner
Siegesallee
und des ^Nationalsozialismus gewidmet ist. Für die volkstümliche Kultur dieser Herbstwochen darf aber seit ein paar Jahren, importiert aus Amerika, etwas ganz anderes als typisch gelten:: "Halloween" in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November. Fans dieses Brauchs glauben gern an alte irische Ursprüngen, das Fest eines keltischen Totengottes, das durch die christlichen Missionare erst sekundär zum Allerheiligenfest verfremdet worden wäre. Alles pure Phantasie, meinen ernsthafte Ethnologen und Religionshistoriker. Schon der Name "Halloween" lässt doch die Herkunft deutlich erkennen: "All Hallows Evening", Allerheiligenabend.


 


 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


forschung


politik


innovation


kultur


campus


kontakt