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kultur

31.10.2011 - KULTURGESCHICHTE

Bohnenbrei für die Toten

Feste und Bräuche zum Totengedenken im November

von Josef Tutsch

 
 

Totenkopf als Zuckerfigur vom Día
de los Muertos in Mexiko
Bild: Tomás Castelazo/Wikipedia

Auf den Friedhöfen wurden die Gräber mit Weihwasser besprengt, um die Qualen zu lindern, denen die Seelen im Fegefeuer ausgesetzt waren. Denn an einem Tag im Jahr, zu Allerseelen, meinte der Volksglaube, kehrten sie auf die Erde zurück, dorthin, wo ihr Körper begraben lag. Aus dem Alpenraum ist der Brauch der "Allerseelengastung“ überliefert: Im hölzernen Napf wurde ein Bohnenbrei gereicht. Heute noch werden auf den Gräbern Kerzen angezündet – früher sagte man, um den Seelen den Weg zu weisen  Oder diente das Licht vielmehr dazu, böse Geister zu vertreiben?

Die Bräuche früherer Generationen sind nicht so gut analysiert, dass da verlässliche Antworten möglich wären; sicher ist eigentlich nur, dass lange vor Aufklärung und Säkularisierung gelehrte Theologen die Vorstellungen, die vielen solcher Bräuche zugrunde lagen, als Aberglauben brandmarkten. Die einfachen Leute ließen sich davon wenig beeindrucken. In manchen Gegenden wurden kleine Münzen auf die Gräber gelegt. Sollten sie den Verstorbenen womöglich dabei helfen, sich im Jenseits von den Strafen für ihre diesseitigen Verfehlungen loszukaufen?

Natürlich wurden die Münzen später von den Kindern eingesammelt – rationalistische Erklärungen lauten denn auch, das wäre der eigentliche Sinn solcher "Opfergaben“ gewesen. Mit schauerlichen Erzählungen von der Wiederkehr der Toten hätte man die Kinder und die Leichtgläubigen gern in Schrecken versetzt. Aber dass die Geister der Verstorbenen zu manchen Zeiten – mit Vorliebe in der Allerseelennacht – an ihren Gräbern real anwesend seien, war keine Erfindung moderner Zeiten. Mitte des 5. Jahrhunderts begründete ein weströmischer Kaiser die Unantastbarkeit der Gräber mit dem Gedanken, die fortlebende Seele zeige eine Vorliebe, sich bei dem bestatteten Leichnam aufzuhalten.

In den zwei Jahrtausenden Christentum gab es immer wieder ein Schwanken zwischen diesen beiden Positionen: Einerseits war der Begräbnisort des Leibes für die Seele unwichtig, da doch die ganze Welt ein Tempel Gottes sein sollte, geweiht durch Christi Blut, wie im 12. Jahrhundert der Theologe Honorius Augustodensis argumentierte; andererseits war der Friedhof ein ganz besonderer Platz – entweder von Dämonen bevölkert oder eben durch kirchliche Riten geheiligt. Die romantischen Autoren, die seit dem späten 18. Jahrhundert das Lesepublikum mit Schauergeschichten von Geistererscheinungen auf dem Friedhof versorgten, konnten sich also aus einem Fundus uralter volkstümlicher Vorstellungen bedienen. Und nicht nur die Verstorbenen waren dort präsent; auch Menschen, die im kommenden Jahr sterben würden; sah man über die Gräber gehen.

Allerseelen ... Im späten Mittelalter und in katholischen Regionen noch in der frühen Neuzeit war dieser Tag der Verstorbenen neben Weihnachten und Ostern das wichtigste Fest im Jahreskreislauf. Kein Wunder, die Menschen mussten damit leben, dass viele von ihnen kaum vierzig oder fünfzig Jahre erreichen würden. Im Grunde handelt es sich um ein Doppelfest: Allerheiligen am 1. und Allerseelen am 2. November. Das Allerheiligenfest war bereits im 4. Jahrhundert aufgekommen: Die steigende Zahl der Heiligen hatte es unmöglich gemacht, jedem von ihnen einen eigenen Tag zu reservieren. 998 setzte Abt Odilo von Cluny das Allerseelenfest daneben, zunächst bloß für die Mönche seines Ordens. Es war sozusagen ein emanzipatorischer Akt: Die selbstbewussten Mönche, die durchweg aus dem Adel stammten, wollten sich nicht damit begnügen, bloß im Anhang eines Heiligen ins Himmelreich einzuziehen.

Newweling-Verkaufsstand in Mainz
Bild: Kandschwar/Wikipedia

Der klösterliche Brauch verbreitete sich bald über die gesamte abendländische Kirche. Nicht nur die Heiligen und die großen Herren, sondern alle Christenmenschen hatten nun ihren Gedenktag. Eine theologische Lehre, die sich im frühen und hohen Mittelalter erst langsam durchsetzte, gab den Menschen Hoffnung, dass eine größere Zahl von ihnen ins Himmelreich gelangen könnte: das Fegefeuer. Im Neuen Testament hieß es, die Menschen würden beim Jüngsten Gericht in die Lämmer zur Rechten und die Böcke zur Linken Christi eingeteilt. Aber war nicht zu hoffen, dass Gottes Gnade auch jenen gelten würde, die sich zwar versündigt hatten, jedoch nicht ganz so schlimm, dass man ihnen die ewige Verdammnis wünschen wollte? Sollte der Himmel wirklich jenen versagt bleiben, die durch ein Unglück nicht mehr dazu gekommen waren, im Diesseits ihre Sünden zu beichten und Buße zu tun?

"Man muss glauben, dass es vor dem Jüngsten Gericht für gewisse leichte Sünden noch ein Reinigungsfeuer gibt“, hatte bereits Papst Gregor der Große um 600 nach Christus diese Lehre erstmals formuliert. Der jenseitige Strafvollzug, wenn man das so nennen will, wurde in der Zeit zwischen dem Tod des einzelnen und dem Jüngsten Gericht angesiedelt. Die Theologen werden sich von dem Philosophen Platon bestätigt gesehen haben, der in seinem Dialog "Phaidon“ davon gesprochen hatte, manche Vergehen könnten im Jenseits durch Strafe "abgebüßt“ werden. Und aus einer Stelle im Alten Testament, im 2. Makkabäerbuch, war herauszulesen, was die Überlebenden gerade am Allerseelentag zu tun hatten: für die Toten beten, nämlich dafür, dass deren Strafen im Fegefeuer gemildert oder abgekürzt würden.

"Gebete“ mussten nicht unbedingt bloß in Worten bestehen, auch mildtätige Gaben und Almosen kamen in Frage, immer mehr auch in Geldform. Die Theologen entwickelten so etwas wie eine Ökonomie der Sünde und Vergebung, die auf der Schnittlinie zwischen Diesseits und Jenseits angesiedelt war: Die Heiligen hatten einen Gnadenschatz angehäuft, den sie für ihre eigene Erlösung nicht benötigten; die Kirche durfte diesen Schatz verwalten und ihn gegen fromme Werke an die Gläubigen verteilen; die Gläubigen wiederum konnten diesen Vorrat an ihre verstorbenen Angehörigen weiterreichen, die damit von ihren Strafen im Fegefeuer einen "Ablass“ erhielten. Dieser Ablass konnte sogar in Tagen oder Jahren bemessen werden, mit der Unsicherheit freilich, dass die Strafdauer insgesamt immer unbestimmt blieb.

Bekanntlich hat diese Verrechnung jenseitiger Strafen mit diesseitigen, "geldwerten“ Leistungen den Protest Martin Luthers herausgefordert und die Reformation in die Wege geleitet. Menschenlehre würden die verkündigen, die sagen dass die Seele aus dem Fegefeuer emporfliege, sobald das Geld im Kasten klingt, argumentierte Luther in seiner 27. These. Als Termin, um zur Disputation über diese Frage zu laden – der aktuelle Ablass war für den Bau der neuen Peterskirche in Rom gedacht, einige Jahre zuvor hatte Luther als Rompilger die Baustelle gesehen –, nahm er, sachlich sehr passend, den Vortag zum Doppelfest Allerheiligen/Allerheiligen. In den protestantischen Kirchen heute wird am 31. Oktober der "Reformationstag“ gefeiert, mit einer Lesung aus dem Römerbrief: "dass der Mensch gerecht wird ohne die Werke des Gesetzes, allein durch den Glauben“. Darin kommt diese Differenz zwischen protestantischer und katholischer Theologie prägnant zum Ausdruck.

Aber ob Luthers Lehre bei seinen Anhängern so ganz durchgedrungen ist? Umfragen deuten darauf hin, dass sich die volkstümliche Vorstellung vom Fegefeuer mitsamt vielen Sitten zum Allerseelentag, für Luther bloß "papistischer Aberglaube“, auch unter protestantischen Christen gehalten hat. Man kann sich vorstellen, welche Schwierigkeiten es gab, wenn die protestantischen Prediger in der einen oder anderen Gemeinde das herkömmliche Brauchtum an diesem Tag bekämpfen wollten. Auf die Frage, was man für das Seelenheil der verstorbenen Angehörigen tun könne, bot die neue Lehre eine Antwort, die viele erschreckt haben muss: nichts. Dass die Makkabäerbücher nicht auf Hebräisch, sondern bloß auf Griechisch überliefert waren, gab den protestantischen Predigern einen Grund, den Halbsatz vom Gebet für die Toten für unverbindlich zu erklären.

Allerheiligen-Bild von Albrecht Dürer 1511 
in Wien, Kunsthistorisches Museum
Bild: Wikipedia

Heute wird der traditionelle Friedhofsbesuch zu Allerseelen oft auf den Allerheiligentag vorverlegt, der vielerorts ja Feiertag ist. Berühmt sind die großen bunten Kerzen auf den Mainzer Friedhöfen, "Newweling“ genannt, wahrscheinlich weil sie durch den Novembernebel leuchten sollen; die Sitte soll auf das 14. Jahrhundert zurückgehen. In Süddeutschland und Österreich sind spezielle Hefegebäcke gebräuchlich, Allerheiligenstriezel oder Allerseelenzopf genannt. Ob sie wirklich, wie gern behauptet wird, auf vorchristliche Trauerriten zurückgehen, als die Frauen sich nach dem Tod von Angehörigen die geflochtenen Haare abschnitten, ist eher fraglich.

In den Zuckerschädeln, die sich in Mexiko Ende Oktober, Anfang November auf allen Märkten finden, werden tatsächlich uralte Bräuche fortleben. In den vorspanischen Kulturen waren Menschenopfer üblich; die Schädel der Geopferten wurden an den Tempeln in langer Reihe zur Schau gestellt. Die heutigen Friedhofsbräuche sind dagegen völlig unblutig: nicht nur Blumen und Kerzen, wie man sie auch hierzulande kennt, sondern allerlei Speisen und Getränke, manchmal Totenköpfe und Skelette aus Ton oder Holz, gelegentlich – aber wohl gar nicht so häufig – auch christliche Kreuze. Und eben die Köpfe aus Zuckerguss, oft durch kleine Schildchen mit dem Vornamen auf der Stirn individualisiert. Nach dem Fest werden sie in der Regel verzehrt, mit derselben Unbefangenheit, mit der wir Weihnachtsmänner aus Schokolade aufessen.

Die UNESCO hat diesen "Dia de los Muertos“ in ihre Liste des immateriellen Menschheitserbes aufgenommen. Denn in Mexiko ebenso wie in Europa ist das nordamerikanische Halloween auf dem Vormarsch. Die Fans unterstellen auch bei diesem Fest gern einen heidnischen Ursprung, im Fest eines keltischen Totengottes, das durch die christlichen Missionare erst sekundär zum Allerheiligenfest verfremdet worden wäre. Alles pure Phantasie, meinen ernsthafte Ethnologen und Religionshistoriker. Zumindest der Name "Halloween“ signalisiert eindeutig christliche Herkunft: "All Hallows Evening“, Allerheiligenabend.

Es wird sich bei Halloween um einen Versuch handeln, unsere als nüchtern empfundene moderne Welt, in der die traditionellen Gebräuche mehr und mehr zurückgehen, spielerisch – und natürlich kommerziell – wieder zu verzaubern. In den letzten zweieinhalb Jahrhunderten hat sich auch unser Verhältnis zu den Toten in rasantem Tempo verändert. In west- und mitteleuropäischen Großstädten wird bereits ein großer Teil der Verstorbenen anonym beerdigt. Ganz neu sind solche Entwicklungen allerdings nicht. Auf antiken Grabsteinen finden sich, offenbar im Widerspruch zu gängigen Sitten der Zeit, Sprüche wie "Bring mir nichts zu trinken her. Vertane Müh! Getrunken wurde, da ich lebte. Auch nicht zu essen! Genug! Eitel Unsinn ist dergleichen.“ Tatsächlich haben die Archäologen auch Szenen gefunden, in denen Skelette gerade mit Essen und Trinken beschäftigt sind. Vielfach wurde offenbar angenommen, die Seele des Verstorbenen habe weiterhin ihre sozusagen "leiblichen“ Bedürfnisse.

Zurück in die Neuzeit. Es gab nur recht begrenzt Widerstände, als die Regierungen zunächst in Frankreich, dann auch in anderen europäischen Staaten Ende des 18. Jahrhunderts daran gingen, die Friedhöfe aus den Innenstädten heraus zu verlagern. Die Maßnahme wurde hygienisch begründet; durchführen konnte man sie, weil sich das Band zwischen den Lebenden und den Toten bereits merklich gelockert hatte. Und die Folge war, dass dieses Band vielerorts nun auch in räumlicher Hinsicht zerrissen wurde. Andererseits sind das 19. und das 20. Jahrhunderte voll von Versuchen, das empfundene Sinnvakuum angesichts des Todes wieder mit Ritualen zu füllen. 1816 erklärte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen den sogenannten "Ewigkeitssonntag“, also den letzten Sonntag des Kirchenjahres, Ende November, zum "Totensonntag“ – eine Mischung von Allerseelen, biblischer Mahnung an das Weltgericht und nationalem Gedenken an die Gefallenen der antinapoleonischen Kriege.

Halloween - Sylva Ullmann

1893 einigten sich die meisten evangelischen Kirchen in Deutschland darauf, den Mittwoch zuvor als allgemeinen Buß- und Bettag zu begehen. Umkehr zu Gott – unnötig zu sagen, dass die Häufung besinnlicher Feste im November letztlich im Kreislauf der Jahreszeiten begründet ist, wie er sich auf der Nordhalbkugel abspielt. In einer Zeit, wo der Herbst allmählich in den Winter übergeht, liegt der Gedanke an Tod und Jenseits besonders nahe. 1952 wurde in der Bundesrepublik Deutschland auch der Volkstrauertag, als Gedenktag für die Kriegstoten und die Opfer der Gewaltherrschaft, in diese Festfolge eingefügt. In der Weimarer Republik war er in der Zeit vor Ostern begangen worden. In den meisten westlichen Ländern wird der Kriegstoten bereits seit längerem in November gedacht – am 11. des Monats, es ist der Tag des Waffenstillstands nach dem Ersten Weltkrieg.

November ... "Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße’, hat er gewollt, dass das ganze Leben des Gläubigen Buße sein soll“, schrieb Martin Luther in der ersten seiner 95 Thesen. Für den gläubigen Christen, wollte Luther sagen, müsste das ganze Jahr über "November“ sein. Für den modernen Menschen hat der Wechsel der Jahreszeiten von einer ganz anderen, sehr profanen Seite her an Gewicht verloren: durch Heizung und Beleuchtung, die unsere Wohnungen und Arbeitsplätze komfortabler gemacht haben, als sich das frühere Generationen jemals hätten vorstellen können.

Auf den Friedhöfen mit ihrer spärlichen Kerzenbeleuchtung ist ein Rest der alten Welt geblieben. Die Dichter haben immer wieder versucht, diese Stimmung in Worte zu fassen. Zum Beispiel Adolf von Schack in der zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, heute durch die Schackgalerie in München eher als Kunstsammler denn als Autor bekannt: "... meines Lebens Blätter sinken hin, die letzten in des Herbstes Schauer. Ich dacht’ es: hinter Wolken, trüb’ und schwer, sah ich das Abendlicht verglimmen, und leise trug der Wind vom Friedhof her mir an das Ohr der Toten Stimmen.“


Mehr im Internet:
scienzz Dossier Der Tod und das Danach


 

Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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