Die Prediger warnten:
Reichtum gefährdet das Seelenheil ...
Die Sozialfürsorge in vormodernen Zeiten
von Josef Tutsch
Heinrich Aldegrever:
Personifikation der
Armut (Detail), 1549
Im Herbst 1557 war es in Italien zu einer Missernte gekommen. "Hier gibt es nichts Neues", berichtete im folgenden Februar ein Korrespondent aus Rom, "abgesehen davon, dass das Volk Hungers stirbt." Hungersnöte gehörten nun einmal zum Leben und Sterben der armen Bevölkerungsschichten, kein Grund zur Aufregung.
Und schon gar nicht zu Aktivitäten, die wir heute unter den Begriff "Sozialpolitik" fassen würden. Solcher Aktivismus scheint den Menschen des Mittelalters und noch der frühen Neuzeit fremd gewesen zu sein. Armut als gesellschaftliches Phänomen wurde ganz einfach hingenommen, allenfalls in ihren Auswirkungen durch tätige Nächstenliebe gemildert. "Gott hätte alle Menschen reich erschaffen können, aber er wollte, dass es auf dieser Welt Arme gibt, damit die Reichen Gelegenheit erhalten, sich von ihren Sünden freizukaufen", erklärte der Verfasser der Legende vom heiligen Eligius im frühen Mittelalter. Reichtum war nämlich eine Gefahr für das Seelenheil, wie man aus dem Evangelium wusste: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr ..."
Sankt Martin teilt seinen Mantel
Leider führen aber auch Not und Armut nicht unbedingt ins Himmelreich, verleiten vielmehr zu Sünde und Laster, wie im 13. Jahrhundert der Prediger Humbert von Romans beobachtet hat: zu Neid, Gier, Trunksucht, Betrug und Diebstahl. Manche Theologen vertraten die Auffassung, in äußerster Not dürften sich die Armen bei fremdem Eigentum bedienen; aber etwa der Benediktiner Rather von Verona empfahl im 10. Jahrhundert andere Mittel, um die Familie satt zu machen: Arbeit und Enthaltsamkeit. Arbeit war für die breiten Massen, die Gott nicht mit Reichtum beschenkt hatte, eine Pflicht, ihr zu entsagen, ein Akt des Hochmuts.
Wie vertrug sich das mit dem Lob der Armut, das bereits in Jesu Bergpredigt angelegt war ("Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet ..."), und mit der freiwilligen, gewollten Armut der Bettelmönche? Wir müssen unterscheiden, argumentierte Humbert: "Nicht die Armut ist eine Tugend, sondern die Liebe zu ihr." Zyniker würden sagen, man musste es sich leisten können, nichts zu haben - eine Aufgabe also für wenige Auserwählte, "Heilsvirtuosen", wie der Religionssoziologe Max Weber das sachlich genannt hat.
Bis heute bekannt ist das Beispiel des heiligen Franziskus, der das Erbe seines Vaters, eines reichen Tuchhändlers, aufgab und nur mit einer groben Kutte bekleidet predigend und bettelnd durch Europa zog. Das große Vorbild des Mittelalters war der heilige Alexius. Am Hochzeitstag soll er Eltern und Braut verlassen haben, um in der Einsamkeit zu leben. Als Alexius später wieder nach Rom verschlagen wurde, nahm der Vater den bettelnden Pilger unerkannt in sein Haus auf. Wenn man auf mittelalterlichen Gemälden einen Bettler unter der Treppe hocken sieht, wie er von der Magd mit Spülwasser übergossen wird: das ist Alexius.
In der Realität wurde die Vaterrolle zumeist von der Kirche eingenommen, die es als ihre Aufgabe ansah, nicht nur geistliche, sondern auch weltliche Güter an die Bedürftigen umzuverteilen. Vor allem an den Pforten der großen Klöster fanden sich Tag für Tag die Armen ein, um in Empfang zu nehmen, was die Mönche von den Reichen - mit mehr oder weniger nachdrücklichem Hinweis auf ihr Seelenheil - erbeten hatten. Mit der Zeit bildeten sich feste Termine heraus, viele Bettler hatten ihren "Reisekalender". Selbst die städtischen Behörden hielten das Almosen offenbar für eine verlässliche Einnahmeart: Im Jahre 1485 werden in Augsburg unter insgesamt 4485 Steuerzahlern auch 107 Bettler aufgeführt, die denselben Betrag zu entrichten hatten wie die Tagelöhner.
Alexius unter der Treppe
Warum dieses System der Sozialfürsorge zu Beginn der Neuzeit aufgegeben wurde, ist bis heute umstritten. Erste Anzeichen des Wandels finden sich bereits im 14. Jahrhundert: In Nürnberg wurden Metallmarken ausgegeben, als eine Lizenz zum Betteln. 1423 versuchte Brüssel, alle Personen zwischen 10 und 60 Jahren zur Arbeit zu verpflichten, Widerspenstige sollten aus der Stadt verbannt werden. Sozialwissenschaftler vermuten heute, dass die Ausbildung der nachwachsenden Generationen nicht mit dem technischen Fortschritt mithalten konnte; in den Städten wuchs die Menge unqualifizierter Arbeitskräfte.
Andererseits verweisen Mentalitätshistoriker darauf, dass sich die Einstellung zu Arbeit und Armut - oder ganz allgemein: zu den "weltlichen" Dingen - in diesen Jahrzehnen geändert hat, und zwar über die Konfessionsgrenzen, wie sie im 16. Jahrhundert entstanden, hinweg. Der katholische Humanist Thomas Morus propagierte bereits 1515 in seiner "Utopia", dass im idealen Staat niemand müßig und ohne Arbeit leben dürfe, der Reformator Martin Luther forderte 1520, "alle Bettelei in der ganzen Christenheit abzuschaffen".
Für Luther stand das theologische Problem im Vordergrund: Die freiwillige Armut der Bettelmönche war in seinen Augen der frevelhafte Versuch, sich durch eigene Anstrengungen das Heil zu erzwingen. 1523 schrieb der Reformator die Grundsätze einer "gemeinsamen Kasse" in der sächsischen Kleinstadt Leisnig nieder: Hilfe für die Bedürftigen, Ausschluss all dessen, was nach seiner Meinung unter den Begriff "Landstreicherei" fiel. "Die Ausbreitung des Protestantismus in den deutschen Städten äußert sich in massenhaften Institution einer solchen gemeinsamen Kasse", schreibt der Sozialhistoriker Bronislaw Geremek.
Johanniterspital
Aber auch auf katholischer Seite wurde wiederentdeckt, was der Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos 1.100 Jahre zuvor gepredigt hatte: Man müsse unterscheiden zwischen Arbeitsfähigen und Arbeitsunfähigen - Fürsorge nur für jene, die sich nicht selbst helfen können. 1516 verordnet Paris allen Bettlern, die als gesund und arbeitsfähig eingeschätzt werden, Zwangsarbeit. Offenbar mit begrenztem Erfolg: 1535 wird bei Todesstrafe befohlen, sich zu öffentlichen Arbeiten zu melden; Bettler von außerhalb müssen, unter derselben Androhung, die Stadt verlassen. Eher nebenbei taucht in der Debatte der Gedanke auf, dass vielleicht gar nicht genug Arbeit für alle bereit stehen könnte. Dieses Problem scheint es in der Seestadt Venedig nicht zu geben: Zur selben Zeit werden Bettler und Vagabunden in immer größerer Zahl auf die Galeeren geschickt.
1525 kommt es im belgischen Ypern zu einem heftigen Theologenstreit. Die Stadt verbietet das Betteln in der Öffentlichkeit; über die Pilger wird eine Aufsicht eingesetzt, damit gesichert ist, dass sie den Ort auch wieder verlassen. Daraufhin verklagen die Mönchsorden diese Politik als "ketzerisch". Interessant die Argumentation der Behörden in dem Verfahren vor der Pariser Sorbonne: Früher hätten die Armen (als Beispiel wird der heilige Alexius genannt) ihr Geschick demütig als Gottes Ratschluss hingenommen, jetzt würden viele in betrügerischer Absicht der Arbeit ein Schmarotzerleben vorziehen ... Wenige Jahre später will Kaiser Karl V. in den gesamten Niederlanden das Betteln untersagen und nur noch das kirchliche Almosensammeln zulassen. Motiv ist wiederum die Abwehr von Schmarotzern: "Obwohl sie jung, stark und von gesundem Leibe sind, erschleichen sie sich mit großer Arglist, was aufgeteilt werden sollte unter Alten, Kranken, Gebrechlichen und Menschen in äußerster Not."
18. Jahrhundert: Freudenmädchen werden ins Arbeitshaus geführt
Ob niun mehr zur Abschreckung oder zwecks effizienter Organisation: In Rom nehmen die Päpste mehrfach einen Anlauf, das Betteln in den Straßen zu unterbinden und die Bettler in einem eigenen Viertel anzusiedeln. Die Betroffenen selbst müssen das als eine harte Strafe empfunden haben, 1581 wurde das Gerücht kolportiert, sie hätten dem Papst die ungeheure Summe von 250.000 Talern geboten, um ihre Freiheit wiederzuerlangen! In der Tat ging die Tendenz dahin, das Betteln als Verbrechen anzusehen, so ausdrücklich in einer französischen Verordnung von 1727: Bettler mussten sich bei den Spitälern melden, die würden irgendeine Arbeit finden.
Zwischen erzwungener Arbeitslosigkeit einerseits, freiwilligem Nicht-Arbeiten andererseits zu unterscheiden, wie es uns so selbstverständlich ist, scheint der Zeit fremd gewesen zu sein. Arbeitshäuser dienten zur "Erziehung", sei es bei Straftätern, sei es bei Armen. "Fürchte dich nicht! Ich räche mich nicht für das Böse, sondern zwinge zum Guten. Schwer ist meine Hand, aber mein Herz ist voll Liebe", stand 1667 über dem Eingang des Arbeitshauses für Frauen in Amsterdam. Wie dieser liebevolle Zwang aussah, illustriert die Überlieferung, anekdotisch oder auch nicht, in einem solchen Arbeitshaus hätten die Insassen sich an einem Wassertretrad betätigen müssen: Wenn sie mit dem Treten aufhörten, stieg das Wasser im Raum ...
Bei Lichte betrachtet, wären solche Kunstgriffe aber gar nicht nötig, um das Gemeinwesen in Gang zu halten, stellte Anfang des 18. Jahrhunderts der englische Moralist Bernard Mandeville fest. Der Mechanismus, um Prosperität zu sichern, funktioniere viel schlichter: durch die Armut selbst, genauer: durch das geringe Arbeitsentgelt. "Kein Mensch würde Arbeit und Mühe auf sich nehmen, wenn er es nicht seines Lebensunterhalts wegen nötig hätte". Karl Marx nannte Mandeville wegen dieser Einsichten "einen ehrlichen Mann und hellen Kopf".
Auf dem Büchermarkt: Bronislaw Geremek, Geschichte der Armut, München und Zürich 1988. Die polnische Originalausgabe (1978) konnte damals nicht erscheinen.
Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz communcation
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