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01.12.2004 - NAPOLEON I.
Der Kaiser der Revolution
2. Dezember 1804: General Bonaparte krönt sich zum Nachfolger Karls des Großen
von Josef Tutsch
 | | Napoleon Bonaparte, Kaiser
der Franzosen | | | Das Wort des Tages hatte Napoleon Bonaparte seinem "Gast“ zugeteilt. Papst Pius VII. durfte (oder vielmehr musste) den Hochruf ausbringen: "Ewig lebe der Kaiser!“ Es wird ihm schwer gefallen sein; aber wenn der General der Revolution sich zum Nachfolger Karls des Großen krönen wollte, dann gehörte ein Papst nun einmal dazu.
Wenigstens als Nebenfigur. Der Papst durfte Napoleon salben, die Krone setzte sich der Kaiser selbst aufs Haupt. Dieses neue Kaisertum galt nicht "von Gottes Gnaden“, sondern durch den Willen der Franzosen. Die hatten im November zugestimmt, "die Regierung der Republik einem Kaiser zu übertragen“. Der General wollte seine Herrschaft – eher Militärdiktatur als Republik – auf Dauer stellen, durch Versöhnung der Revolution mit dem vielhundertjährigen monarchischen und feudalen Erbe. Das geeignete Symbol schien die Kaiserkrone.
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Napoleon krönt Joséphine zur Kaiserin der Franzosen (Gemälde von J.-L. David) |
Den klarsten Blick für die Zu-kunft zeigte an diesem Tag eine alte Dame, Napoleons Mutter Letizia. "Wie lange es wohl dauert ...“, soll sie ahnungsvoll gemurmelt haben. Nun, bis Waterloo waren es noch 10 Jahre, 6 Monate und 16 Tage. Napoleon hatte seine Mutter nicht bereden können, an der Krönungsfeier in Notre-Dame de Paris teilzunehmen. Für die Nachwelt war sie dennoch dabei: Auf allerhöchsten Befehl plat-zierte der Maler Jacques-Louis David sie inmitten der Gäste.
Für die Regenbogenpresse unserer Gegenwart wäre zweifellos Joséphine die Hauptperson gewesen, Napoleons Frau, der er selbst die Krone aufsetzte. 1809 wurde die Ehe geschieden; der erhoffte Thronerbe, um eine Dynastie Bonaparte zu begründen, war ausgeblieben. Napoleon heiratete eine österreichische Erzherzogin, in der (vergeblichen) Hoffnung, sich mit den alten Mächten Europas verbünden zu können.
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Kaiserin Joséphine
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Musikliebhabern ist das Ereignis durch Beethovens 3. Sinfonie im Gedächtnis: Der Komponist hätte bei der Nachricht aus Paris die Widmung an Napoleon ärgerlich zerrissen und durch den allgemeineren Titel "Eroica“ ersetzt. Eine Legende; dass Napoleon sich zum Kaiser krönen würde, war in Europa seit dem Beschluss des französischen Senats im Mai allgemein bekannt. Im August bereits zog Franz II. in Wien die Konsequenz: Im Bewusstsein, dass die altehrwürdige Krone des Heiligen Römischen Reiches gegen den Willen Frankreichs nicht zu halten war, nahm er vorsorglich den neuen Titel eines "Kaisers von Österreich“ an.
Napoleon selbst betrachtete sein Kaisertum nüchtern. "Ich bin der Sohn des Glücks“, sagte er 1813 zum österreichischen Staatskanzler Metternich. "Meine Herrschaft überdauert den Tag nicht, an dem ich aufgehört habe, stark und folglich gefürchtet zu sein.“ Im Nachhinein, im Exil auf St. Helena, kam er zu dem Schluss, sein wahrer Ruhm bestehe auch nicht in 40 gewonnenen Schlachten, sondern in seinem neuen Gesetzbuch, dem "Code civil“. "Égalité“ aller Bürger vor dem Gesetz: Wenigstens insoweit meinte Napoleons berühmter Ausspruch, die Revolution sei beendet, nicht eigentlich ein "Ende“, sondern eine "Vollendung“.
Die "Liberté“ war darüber auf der Strecke geblieben. Man schätzt die Zahl der Personen, die 1814 ohne Gerichtsurteil in den Gefängnissen des Empire saßen, auf 2.500 – eine Zahl, die dennoch jede Gleichsetzung mit den Diktaturen des 20. Jahrhunderts Lügen straft. Eher könnte man die hunderttausende Tote, die Napoleons Kriege forderten, mit den Opfern der Weltkriege vergleichen. Nicht zu vergessen wäre
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Die Bienen der Dynastie Bonaparte... |
allerdings, dass auch der Code civil in Deutschland nur unter dem Schutz französischer Bajonette durchzusetzen war. Bestand hatte das Gesetzbuch wenigstens links des Rheins bis 1900, weil die preußische Regierung außerstande war, eine Alternative auszuarbeiten.
Geblieben ist der Mythos Napoleon. Der Pariser Invalidendom fungiert seit 1840, als Napoleon dort bestattet wurde, immer wieder als nationale Wallfahrtsstätte. Kein junger Mann in den französischen Romanen des 19. Jahrhunderts (nur ein Beispiel: Julien Sorel in Stendhals "Rot und Schwarz“), dessen Idol nicht
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... und der kaiserliche Adler |
Napoleon wäre. Dem Neffen, der sich später Napoleon III. nannte, reichte der Ruf des Onkels zur Machtergreifung – alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen ereigneten sich sozusagen zweimal, kommentierte Karl Marx bissig, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.
Noch ein Beispiel, Heinrich Heine, das Gedicht von den "beiden Grenadieren“: "... dass Frankreich verloren gegangen, besiegt und geschlagen das tapfere Heer – und der Kaiser, der Kaiser gefangen!“ mit der Schlussvision von einer sehr weltlich gedachten Auferstehung: "Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab, viel Schwerter klirren und blitzen; dann steig ich gewaffnet hervor aus dem Grab, den Kaiser, den Kaiser zu schützen!“ In diesen Ausbrüchen von "Bonapartismus“
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Letizia Bonaparte, die Mutter des Kaisers |
spiegelt sich die Verzweiflung des Emigranten, der sehen musste, dass sich in seiner Heimat ohne französischen Waffen nichts, aber auch gar nichts bewegte.
Und mit den französischen Waffen auf Dauer eben auch nicht. Es waren nicht nur die fürstlichen Obrigkeiten, die in Deutschland auf den Kaiser der Revolution ganz anders reagierten als etwa Heine oder Goethe, es war auch ein Großteil der intellektuellen Elite. Ernst Moritz Arndt. "Es ist ein Ungeheuer geboren und ein blutbefleckter Greuel aufgestanden, und heißt sein Name Napoleon Bonaparte, ein Name des Wehs ... Auf ihr Völker! Diesen erschlaget, diesen vertilget ...Ich will den Hass gegen die Franzosen, nicht bloß für diesen Krieg, ich will ihn für lange Zeit, ich will ihn für immer ... Dieser Hass glühe als die Religion des deutschen Volkes, als ein heiliger Wahn in allen Herzen.“
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation.
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