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kultur

06.12.2007 - SOZIALGESCHICHTE

Vom Nikolaus-Manna zu Coca Cola

Ein Heiliger und seine Konkurrenz -
zur Familiengeschichte der winterlichen Gabenbringer

von Josef Tutsch

 
 

Jedes Jahr am 8. Mai steigt der Abt des Klosters vom Heiligen Nikolaus in Bari in die Gruft hinunter und lässt ein langes Rohr in das versiegelte Grab des Bischofs hinein. Damit wird eine Flüssigkeit abgesaugt und in Ampullen gefüllt. Offiziell gibt es keine Erklärung, wie sich in dem trockenen Raum Flüssigkeit angesammelt haben könnte. Jedenfalls wird berichtet, dass bereits Tausende von Menschen, die sich mit diesem "Manna des Heiligen Nikolaus" bestrichen, von schwersten Krankheiten geheilt wurden.

Das unterscheidet den Heiligen vom Weihnachtsmann, seinem profanen Kollegen und Nachfolger: das Wunder. Ansonsten gilt es, genau auf das "outfit" zu achten. Nikolaus trägt, wie es sich für ihn gehört, Bischofsornat mit Krummstab in der Hand und Mitra auf dem Haupt, der Weihnachts-mann einen weiten Mantel und eine Zipfelmütze. Warum eigentlich in Rot-Weiß? 1931 hat die Firma Coca Cola den Weihnachtsmann in Dienst genommen und ihm ihre Hausfarben verpasst. Wenige Jahre später wurde ihm Rudolph das Rentier beigegeben.

Nikolaus-Ikone
  Ikone mit Heiligem Nikolaus

Dem Heiligen wäre dieses Tier recht frem-dartig vorgekommen: Er soll seine Heimat in Kleinasien gehabt haben. Vielleicht waren es auch gleich zwei geistliche Herren, die Modell standen, ein Bischof von Myra im 4. und ein Abt von Sion im 6. Jahr-hundert. Mag sogar sein, dass sie gar nicht Nikolaus hießen; das bedeutet nämlich "Sieger des Volkes" und könnte ein Ehrentitel sein. Wie auch immer, Nikolaus - einer der ersten Heiligen, der nicht den Märtyrertod starb - stieg in der orthodoxen Kirche zum "Hyperhagios" auf, zum "Superheiligen". Ein bulgarisches Sprich-wort sagt: "Wenn der liebe Gott stirbt, machen wir Nikolaus zu seinem Nachfolger."

Bald nahm sich die Legende der Gestalt an. Bereits als Säugling soll Nikolaus so fromm gewesen sein, dass er sich an Fastentagen weigerte, Muttermilch zu trinken. Drei Knaben, die ein Metzger getötet und eingepökelt hatte, erweckte er wieder zum Leben. Einem verarmten Nachbarn, der seine drei Töchter in die Prostitution verkaufen wollte, warf er des Nachts drei Goldkugeln ins Haus usw. usf. Nikolaus wurde der Schutzpatron der Kinder, Jungfrauen, Pilger, Fischer, Metzger, Bierbrauer, Apotheker, Advokaten, Bettler und Diebe ... Und zugleich auch jener, die von Diebstahl bedroht waren.

Weihnachtsmann Coca cola
 Der Weihnachtsmann von
 Coca Cola (1949)

Nicht nur im griechischen und russischen Osten, auch in Westeuropa wurde Nikolaus einer der beliebtesten Heiligen des Mittelalters .1087, während die muslimischen Seldschuken Kleinasien eroberten, überführten Kaufleute oder Piraten, man weiß nicht so recht, seine Gebeine nach Bari in Süditalien. Die ersten Kirchen in Deutschland sind bereits kurz vor 800 in Brauweiler bei Köln und in Billerbeck bei Münster belegt.  Dass Nikolaus dann gerade für deutsche Kinder zum Gabenbringer wurde, ist vermutlich der byzantinischen Prinzessin Theophano zu verdanken, die 972 Kaiser Otto II. heiratete und manches Brauchtum aus dem Osten mitführte. Oft hat er noch eine dunkel drohende Gestalt im Gefolge, "Knecht Ruprecht" genannt. Andere Namen wie "Beelzebub" (in Hessen), "Aschenmann" (in Pommern) oder "Leutfresser" (in Niederösterreich) lassen keinen Zweifel: Der Mann mit Sack und Rute muss ein Höllenfigur sein, die irgendwie von dem Heiligen in Dienst genommen wurde.

Südlich der Alpen werden auch heute noch andere Traditionen gepflegt. In Spanien bringen die drei Könige aus dem Morgenland die Geschenke, ähnlich wie die Weisen im Matthäus-Evangelium, und zwar an ihrem Festtag, dem 6. Januar. In Italien nimmt diese Funktion "La Befana" ein, eine Frau, die in Bethlehem zu spät zur Anbetung des Jesuskindes erschienen war und seitdem jedes Jahr zwölf Tage nach Weihnachten (also an "Epiphanie") in den Häusern nach dem göttlichen Kind suchen will.

Modern und von beiderlei
Geschlecht: Nikolaus und
"Nikola" aus Schokolade

Als Martin Luther die Heiligenverehrung abschaffte, fiel auch Nikolaus dieser Reformation zum Opfer. Und der Gabentag, der 6. Dezember, wurde gestrichen, wenngleich nicht ersatzlos: In protestantischen Familien erhielten die Kinder ihre Geschenke nunmehr am 25. Dezember, zu Weihnachten, und zwar durch den "Heiligen Christ". Oder, in Anklang an die biblische Geschichte, das "Christkind". Die weitere Entwicklung hätte den Theologen Luther wohl nicht befriedigt. Zwar hat sich seine Neuerung auch im katholischen Deutschland durchgesetzt, aber manchmal arg verfremdet. So kennen einige Gegenden Süddeutschlands das "Christkind" als weißgewandete Frau mit blonden Haaren und goldener, kerzenbesetzter Krone - da hat wohl die Vorstellung von den ju-bilierenden Engeln des Lukas-Evangeliums
hineingespielt.

Und das evangelische Deutschland, sozu-sagen die Heimat des Christkindes, ist längst zu einer anderen Gestalt übergegangen: irgendwie dem alten Nikolaus ähnlich, aber beileibe kein Asket, sondern eher ein gemütlicher Dicker. In Amerika, wo ihn im 17. Jahrhundert die Holländer einführten, hat "Santa Claus" seine kirchlichen Würden mit einer Tätigkeit im modernen Wirtschaftsleben vertauscht. Nach einer Befragung, die Volkskundler 1932 durchführten, glaubten die Kinder in katholischen Gegenden Deutschlands damals an das Christkind, die in evangelischen an den Weihnachtsmann; Luther, der den Heiligen Christ gegen den katholischen Nikolaus propagierte, hätte das als eine verkehrte Welt empfunden.

  ...und heute mit PS-starkem Truck

Inzwischen hat sich die Situation schon wieder geändert. "Morgen kommt der Weihnachtsmann" ist heute Standard bei den Gläubigen (und weniger Gläubigen) aller Konfessionen, und in welcher Beziehung er zum Christkind und zum Nikolaus steht, auf diese Kinderfrage wissen die meisten Eltern vermutlich keine Antwort. Der jüngste Schlag, den Sankt Nikolaus in dieser Konkurrenz hinnehmen musste, ist der Öffentlichkeit bislang vielleicht noch gar nicht aufgefallen. 1969 strich Papst Paul VI. ihn aus dem kirchlichen Feiertagskalender. Der Grund: Auf die Frage, ob er wirklich gelebt hat, ist, wie bei so vielen anderen Heiligen, keine zuverlässige Antwort möglich.


Mehr im Internet:
Nikolaus - Wikipedia 
Weihnachtsmann - Wikipedia
scienzz artikel Heilige

 






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

 

 

 

 

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