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18.11.2004 - HUMANBIOLOGIE
Unsere Evolution verlief anders
Berliner Humanbiologe wirft traditionelle Theorien über den Haufen und erklärt unsere Ahnen zu "Amphibien"
von Josef Tutsch
 | | | | | "Mit Würd' und Hoheit angetan, mit Schönheit, Stärk' und Mut begabt, gen Himmel aufgerichtet, steht der Mensch ...", singt der Erzengel in Haydns "Schöpfung". Kein Zweifel, unsere Spezies bezieht ihr Selbstbewusstsein nicht zuletzt aus dem aufrechten Gang. Und im Ergebnis hatte es ja seine Vorteile, dass unsere Vorfahren irgendwann dazu kamen, sich nicht mehr "auf allen vieren" fortzubewegen: Das Gehirn konnte sich entwickeln, die Hände waren frei.
Leider wissen die Anthropologen bis heute nicht, wie eine solche Evolution zustande gekommen sein könnte. Paviane zum Beispiel stellen sich auch öfters auf die Hinterbeine, um die Gegend auszukundschaften - und ducken sich dann rasch wieder: Die Gefahr, selbst erspäht und gefressen zu werden, ist zu groß. Warum also sind unsere Vorfahren, nachdem sie sich einmal aufgerichtet hatten, dann auch stehen geblieben? Im übrigen: Was soll an dem neuen Gehen auf den beiden Hinterbeinen eigentlich praktisch gewesen sein? Die vierfüßigen Affen sind heute noch viel schneller als alle Spitzensportler.
Carsten Niemitz, Humanbiologe an der Freien Universität Berlin, hat jetzt eine verblüffende Theorie vorgelegt: Wir dürfen uns die ersten Vormenschen nicht in der Savanne vorstellen, son-dern - im Wasser. Niemitz nimmt Step-penpaviane in Botswana, Hutaffen in Ceylon, Rotgesichtsmakaken in Japan, Graue Languren in Nepal und Zwerg-schimpansen im Kongo zum Vergleich: Sie alle gehen zweifüßig aufrecht, wenn sie bei der Nahrungssuche in tieferes Gewässer kommen. Diese Fortbewegungsart muss eine "Erfindung" der Primaten sein. Hunde, die das Stöcken appor-tieren, pflegen in dieser Situation zu paddeln.
Sogar die längeren Beine, die sich beim Menschen im Lauf der Jahrmillionen ausgebildet haben, gewinnen so ihren Sinn: Das Wasser fließt weniger gegen den Körper und mehr zwischen den Beinen hindurch; so dass Energie gespart wird; man blickt steiler hinab und sieht die Wassertiere besser, da die Oberfläche weniger spiegelt; die Gefahr, sich bei einem Sturz zu verletzen, ist viel geringer als auf dem trockenen Land. Zum Schlafen werden die "Urmenschen" sich dann auf nahegelegene Bäume zurückgezogen haben.
Wie attraktiv das Flachwasser als Nahrungsquelle gewesen sein mag, kann man sich heute noch an den tropischen Ländern veranschaulichen; Frauen und Kinder, die am Ufer allerlei Getier sammeln, tragen wesentlich zur Versorgung bei, oft mehr als die jagenden Männer. Auch unsere tierischen Verwandten wissen diese Ressource zu nutzen, wie Niemitz an Bilddokumenten demonstriert: Flachlandgorillas sitzen gern badewannentief im Wasser und weiden Pflanzen, Zwergschimpansen oder Bonobos scheuchen mit den Händen Schwärme kleiner Süßwasserkrabben zusammen.
Wahrscheinlich, folgert Niemitz, ernährten sich auch die ersten Vormenschen viel mehr von Muscheln oder Wasserschnecken oder Eiern von Meeresvögeln als von den schwer erreichbaren Landtieren. Das Überleben in der Savanne war viel schwieriger für alle Tiere, die sich nicht entweder aufs Pflanzenfressen spezialisiert oder eine optimale biologische "Ausrüstung" fürs Jagen entwickelt hatten - beides trifft auf den frühen Zweibeiner nicht zu. Dagegen haben die Forscher etwa für die Neandertaler an der italienischen Küste eine hochentwickelte Bearbeitungstechnik an "frutti di mare" nachgewiesen.
Könnte sein, dass diese Prägung bis heute in einem kleinen "Handicap" unserer Biologie nachwirkt: Jodmangel führt bei Inlandbewohner zu einer höheren Häufigkeit des Kropfes. Vielleicht gehört auch unsere uralte Vorliebe für die "Wasserlandschaft", die sich durch die gesamte Kulturgeschichte hindurch verfolgen lässt, in diesen Zusammenhang. Von der Alhambra bis Potsdam - kein Schlossbau, den man sich ohne See oder Teich oder wenigstens Brunnen vorstellen könnte. Auch der Umstand, dass fossile Affen- und Menschenfunde so häufig in sumpfigem Gelände vorkommen, gerät von daher in neues Licht. Sollte Niemitz mit seiner Theorie Recht haben, dann war nicht bloß die Erhaltung der Knochen besser gewährleistet, nachdem die Hominiden zufällig dort gestorben sind, sie haben wirklich dort gelebt.
Mehr im Internet: Institut für Biologie der FU Berlin
Auf dem Büchermarkt: Carsten Niemitz: Das Geheimnis des aufrechten Gangs. Unsere Evolution verlief anders, C. H. Beck (ISBN 3-406-51606-8), München 2004, 22,90 Euro
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation. |
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