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22.11.2004 - TOLERANZ
Das Recht auf den eigenen Himmel ...
... und auf die eigene Hölle:
Toleranz und Intoleranz von Elias bis Voltaire
von Josef Tutsch
 | | Opfer von Intoleranz in
der Antike: Sokrates
(+ 399 v. Chr.) | | | "Wer irgendeine Gottesgestalt mit Hingebung und Vertrauen anbetet, dem werde ich seine Bitten erfüllen“, sagt der Gott Vischnu im berühmtesten heiligen Text der Hindus, der Bhagavadgita. Soviel Duldsamkeit gegen konkurrierende Glaubensformen kommt der modernen Indifferenz in Religionsfragen zweifellos entgegen, der Normalfall der Religionsgeschichte ist das nicht. Da gilt viel eher die Feststellung des Kirchenvaters Cyprian: "Niemand kann selig werden außer in der Kirche.“ Oder die Aussage des Korans: "Wenn jemand eine andere Religion sucht als den Islam, wird er in der jenseitigen Existenz zu den Verlorenen gehören.“
Kurzum: Die Meinung, dass Ungläubige in die Hölle kommen, ist unter Theologen weit verbreitet. Der umfassende Wahrheitsanspruch ("In keinem anderen ist das Heil; denn es ist auch kein andrer Name unter dem Himmel, der den Menschen gegeben wäre, dass wir in ihm sollen gerettet werden“, sagt Petrus in der Apostelgeschichte) verträgt sich schwer mit der Tugend der Toleranz. Wozu das führen muss, wenn Religion und Staat nicht getrennt sind, hat uns die Geschichte der Inquisition drastisch vor Augen geführt. Frömmigkeit galt
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Martyrium der hl. Katharina (Holzschnitt des 15. Jhdt) |
als Gewähr für das Wohlergehen der Gemeinschaft; also hatte der Staat für ein frommes Verhalten seiner Bürger zu sorgen.
Prominentes Beispiel aus der Antike: der Prozess des Sokrates. Dem Philosophen wurde vorgeworfen, die staatlich anerkannten Gottheiten nicht zu akzeptieren und stattdessen neue Götter einführen zu wollen. Stattdessen, wohlgemerkt: Gegen Hinzufügungen zum althergebrachten Pantheon hatten die polytheistischen Völker des Altertums nichts einzuwenden. So akzeptierten die Römer ohne Umschweif die religiösen Gebräuche der unterworfenen Völker und identifizierten die verehrten Gestalten mit passenden eigenen Göttern.
Schwieriger war es bei Völkern, die nur einen einzigen Gott verehrten. "Ich bin Jahve, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben“, heißt es in der Bibel. Mit "du“ war das Volk Israel gemeint. Andere Völker mochten ihre anderen Götter haben, deren Existenz war kein Diskussionsthema; aber innerhalb der eigenen
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Juden- und Ketzerverbrennung (aus der Schedlschen Weltchronik, 1494) |
Gemeinschaft durfte kein "fremder“ Kult geduldet werden, wie wir es in der Geschichte von Elias dramatisch geschildert finden: "Greift die Propheten Baals, dass ihrer keiner entrinne! Und Elias führte sie hinab an den Bach Kison und schlachtete sie daselbst.’“
Dass der Sinn des Gebots "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ sich im Lauf der Jahrhunderte wandelte, hat in der Religionsgeschichte Epoche gemacht. "Außer mir ist kein Gott“, verkündet das Jesaja-Buch und ein Psalm singt: "Alle Götter der Völker sind Götzen, aber Jahve hat den Himmel erschaffen.“ Der Umwelt muss solche religiöse Exklusivität unheimlich gewesen sein. Den Juden gelte als "unheilig, was bei uns heilig ist“, wunderte sich der römische Geschichtsschreiber Tacitus. Die römischen Behörden zeigten sich jedoch erstaunlich duldsam und ignorierten es, wenn die Juden nicht an den offiziellen Festen teilnehmen wollten.
Gegenüber der neuen christlichen Religion wurde diese Toleranz aber nicht durchgehalten. Anscheinend hatten sich die frühen Christen mit ihren nächtlichen Kultfeiern dem Verdacht politischer Geheimbündelei ausgesetzt; die Weigerung, durch Opfer vor dem Kaiserbildnis Loyalität zu bekunden, brachte sie in Konflikt mit dem römischen Staat – der konsequente Monotheismus einerseits, die mit den alten Götterkulten untrennbar verwobene Reichsorganisation andererseits waren nicht in Einklang zu bringen.
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Hinrichtung des islamischen Mystikers al-Halladsch (922) |
Man wird annehmen dürfen, dass die Behörden bei ihren Verfolgungsaktionen unter Druck standen: Die Bevölkerung gab den Christen mit ihrer "unfrommen“ Haltung zu den alten Göttern die Schuld an allen Katastrophen. Im 5. Jahrhundert, als die christliche Kirche bereits gesiegt hatte, richtete Augustinus ein ganzes Kapitel seines "Gottesstaates“ gegen "die Heiden, die das Christentum für den Fall Roms verantwortlich machen“. Eine Verteidigung, die im Umkehrschluss dem abendländischen Mittelalter eine Argumentation zur Verfolgung von Heiden, Juden und Ketzern lieferte. Die juristische Grundlage hatte bereits Kaiser Theodosius Ende des 4. Jahrhunderts geschaffen: "Wir wollen, dass alle Völkerschaften, die die maßvolle Herrschaft unserer kaiserlichen Gnade regiert, an der Religion in der Form teilnehmen, wie sie der heilige Apostel Petrus den Römern überliefert hat.“
Im islamischen Herrschaftsbereich nahm die Entwicklung einen anderen Gang. Das frühe Christentum hatte sich durch friedliche Mission verbreitet, der Islam expandierte durch die Kriegszüge der Anhänger des Propheten. Aber: "Es gibt keinen Zwang in der Religion“, proklamierte der Koran. Zum Übertritt gezwungen wurden die Unterworfenen im allgemeinen also nicht, gedrängt aber doch: Angehörige anderer Religionen hatten eine zusätzliche Steuer zu entrichten, mussten sich ihre Duldung sozusagen erkaufen. Das war viel mehr Toleranz als in Europa unter christlicher Herrschaft, aber keineswegs dasselbe wie Religionsfreiheit. Gelegentlich geriet die Kriegerkaste, die von dieser Sondersteuer lebte, in Konflikt mit religiösen Eiferern, die am liebsten alle Ungläubigen unverzüglich bekehrt hätten.
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Kämpfer für Toleranz: Voltaire (Büste von J.-A. Houdon, 1776) |
In einem Punkt waren sich christliches Abend- und islamisches Morgenland einig: Ein Abfall von der jeweils herrschenden Religion wurde – wenigstens theoretisch – mit dem Tode bestraft. Einen der letzten Religionsprozesse im Christentum geißelte Voltaire 1762 in seiner "Abhandlung über die Toleranz“. In Toulouse war ein calvinistischer Kaufmann unter dem fadenscheinigen Vorwand hingerichtet worden, er habe seinen Sohn ermordet, um dessen Konversion zum Katholizismus zu verhindern. Es konnte nachgewiesen werden, dass der Sohn sich selbst erhängt hatte, Voltaire erreichte die Rehabilitation des Hingerichteten.
Inzwischen hatte Europa längst eine Entwicklung genommen, mit der die Monopolstellung einer einzigen, alleinseligmachenden Heilsinstanz aufgebrochen wurde. Der Konflikt zwischen Papst und Kaiser im hohen Mittelalter – Anfang einer Trennung von Kirche und Staat, wie sie in anderen Weltkulturen niemals aufgekommen ist; die Kirchenspaltung der frühen Neuzeit – eine tiefgreifende Verunsicherung durch
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Illustration zu Lessings "Ringparabel" |
konkurrierende Wahrheitsansprüche; die Aufklärung – also das Bewusstsein, dass Traditionen und Autoritäten, wie heilig auch immer, sich vor der kritischen Vernunft zu rechtfertigen haben.
Fazit dieses Prozesses: Jeder mag versuchen, auf seine eigene Fasson selig zu werden – und geht dabei, populär gesprochen, das Risiko ein, in seiner eigenen Hölle zu landen. „Erfunden“ wurde dieser Individualismus im westlichen Europa, Deutschland hat sich damit über Jahrhunderte reichlich schwer getan; was Toleranz und Religionsfreiheit gerade mit „deutscher Leitkultur“ zu tun haben sollen, bleibt das Geheimnis derer, die diesen Begriff erfunden haben.
„Europäische“ politische Kultur: Das trifft schon eher. Aufklärung und Säkularisierung haben sich in Europa entwickelt – also auf der historischen Grundlage des Christentums. Das Projekt „Moderne“ besteht in der Hoffnung, dass sie sich weltweit verbreiten lassen, unter welchen andersartigen religiösen und kulturellen Bedingungen auch immer.
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation.
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