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10.12.2004 - SPRACHGESCHICHTE

"Selbstverständlich nahm unser sozialistisches Kollektiv geschlossen daran teil"

Ein Sammelband über Sprache in der DDR

von Josef Tutsch

 
 

Den Termin hätte man nicht besser planen können. Im März 2003 fand an der Berliner Humboldt-Universität ein Symposium über Sprache in der DDR statt; wenige Tage zuvor war Wolfgang Beckers Film "Goodbye Lenin" angelaufen. Über die vordergründige Komik hinaus gelang es Becker, die Denk- und Sprachschablonen des real existierenden Sozialismus zu parodieren. Zum Beispiel Coca Cola als sozialistisches Getränk: Jeder noch so eklatante Widerspruch konnte durch Dialektik dem marxistisch-leninistischen Geschichtsdiskurs angepasst werden.

In einem Sammelband, den die Sprachwissenschaftler der HU jetzt herausgebracht haben, sind amüsante Beispiele nachzulesen, wie die Bevölkerung der DDR mit dem "System" umzugehen wusste. Zum Beispiel schrieb 1987 das "Neue Deutschland": "Man denke nur an die vier Millionen Arbeitslosen in der BRD und in Westberlin, man denke an jene armen Kinder, die bei schlechtem Wetter ohne Strümpfe und Schuhe, mit kalten Füßen und ohne Frühstück zur Schule gehen müssen." Daraufhin trafen als Solidaritätsspenden deklarierte Päckchen mit alten Kinderschuhen und Socken ein ...

Aber zweifellos war Sprache in der DDR nicht bloß der parteioffizielle oder parteioffiziöse Jargon und auch nicht nur die mehr oder weniger Parteitag SEDironische Reaktion der Bevölkerung. These der beiden Herausgeberinnen: "Das Deutsche in der DDR war eine natürliche Sprache wie das Deutsche in der Bundesrepublik, in Österreich oder auch in der Schweiz." Der Ausdruck "natürlich" könnte in die Irre führen - immerhin war die Art, wie die DDR zu einem eigenen sozialen Gebilde geformt wurde, sehr von kurzfristig-politischen Entscheidungen bestimmt. Doch man ahnt, was gemeint ist: "Die einseitige Konzentration auf den offiziellen Sprachgebrauch verstellt weitgehend den Blick auf die sprachliche Vielfalt."

Kurzum: "Natürlich" wurde in der DDR nicht bloß offiziell gesprochen und geschrieben, sondern auch ganz alltäglich - und ebenso natürlich nicht ohne Rücksicht auf die Vorgaben von Staat und Partei. Wie aus dem Beitrag der Magdeburger Lehrerin Angelika Wolters zu erfahren ist, bildete sich sogar eine ganz neue Textsorte heraus, das "Brigadetagebuch". Darin war der "Alltag einer TrabantArbeitsgruppe zu dokumentieren, um zu zeigen, dass sich eben diese Arbeitsgruppe zu einem sozialistischen Kollektiv entwickelt hat und ihre Kollektivmitglieder zu sozialistischen Persönlichkeiten geworden sind".

Wie zu erwarten, wimmelt es in diesen Büchern von Floskeln wie "zu Ehren des 35. Jahrestages der DDR" oder "wollen wir uns, jeder an seinem Platz, ständig für die Verwirklichung der Beschlüsse des Parteitages einsetzen". Andererseits fand Wolters neben einem eingeklebten Zeitungsartikel, der die erfolgreiche Bilanz des VEB Autohauses Magdeburg-Sudenburg würdigte (täglich 32 neue Pkw) den handschriftlichen Vermerk. "Herzliche Grüße von deinem Lada, der nun schon seit 15 Jahren auf dich wartet!" Unfreiwillig komisch wirken im Rückblick jene Passagen, in denen sich amtlicher und privater Jargon mischen. Bericht über ein "gemütliches Beisammensein": "Selbstverständlich nahm unser sozialistisches Kollektiv geschlossen daran teil. Insgesamt war es wieder ein sehr gelungener Abend, mit ihrer Unterschrift bekunden dies alle Kollektivmitglieder auf beiliegender Serviette."Jubiläum DDR

Kollektivität: Offenbar wurde dieser von der Partei propagierte Wert auch von der breiten Bevölkerung angenommen und "von vielen bis in die Gegenwart hinein bestätigt", wie Ruth Reiher, Professorin an der Humboldt-Universität, erklärt. Darin könnte eine Antwort auf die Frage im Buchtitel "Was bleibt?" liegen. Manfred W. Hellmann sieht dagegen im Grunde nur noch ein "Generationenproblem": Die verschiedenen Lebenserfahrungen in Ost und West sterben mit den Jahren aus.

Beide Analysen bilden vielleicht nicht einmal einen Widerspruch. Es wäre nicht verwunderlich, dass sich Mentalitäten und Wertschät-zungen schwerer angleichen als der Wortschatz oder gar das Material aus den Massenmedien.  Bereits heute sind die tragikomischen Kommunikationsprobleme im Vereinigungsprozess nur noch aus Film und Literatur nachzuvollziehen. "Witze, Anspielungen, Vergleiche funktionierten nicht, weil sie (nämlich die Altersgenossen aus dem Westen) Pawel Kortschagin, Adolf Hennecke und Gojko Mitic nicht kannten", stellte damals der Held in Alexander Osangs Roman "Die Nachrichten" fest.

Gelegentlich hätte es allerdings auch in den Beiträgen dieses Bandes nicht geschadet, dem unwissenden "Wessi"-Leser das eine oder Bulgarienandere Wort zu "übersetzen". Was etwa mag ein "Arbeiterschließ-fach" gewesen sein? (Ein "Platten-bau", wie sich aus anderer Quelle erfahren lässt.) Dennoch: "Im Wesentlichen" sei die sprachliche Vereinigung heute abgeschlossen, meint Hellmann  -  und zwar "vor allem als eine Leistung der Ostdeutschen". Dem wäre allerdings hinzuzufügen, dass diese Verwestlichung präzise den Intentionen der DDR-Bevölkerung von 1989 entsprach, auch wenn die Konsequenzen vermutlich nicht gesehen wurden. In der Tat, dass ein "ostdeutsches" Wort es in den "gesamtdeutschen" Wortschatz geschafft hat - prominentes Beispiel: der "Broiler" - ist eine Aus-nahme.

Wandel ohne bedauernden Blick zurück? Der Germanist Horst Dieter Schlosser, Frankfurt am Main, macht darauf aufmerksam, dass bei Autoren in der DDR ein "sorgsamerer Umgang mit Sprache" anzutreffen war, "der nicht wenigen westdeutschen Schriftstellen abhanden gekommen zu sein schien". "Wer ,hier' sagte statt ,bei uns in der DDR', signalisierte schon deutliche Reserve", erinnerte sich Wolfgang Thierse . Man kann soviel Sorgsamkeit "konservativ" nennen - anscheinend hat die Marktwirtschaft in der Bundesrepublik gerade über die Medien unsere Sprache in einem Tempo verändert, das die Zeitgenossen gar nicht so recht mitbekommen haben. Nur bei Fahrten mit der Deutschen Reichsbahn wurde der Westdeutsche darauf gestoßen. "Werte Reisende": Bei dieser respektvollen Anrede konnte er sich ins Postkutschenzeitalter zurückversetzt fühlen.

Ein Kapitel Sprachgeschichte also, nicht mehr und nicht weniger. Leider fehlen jedoch, so Hellmann, für eine solide sprachhistorische Demonstration 1989Bearbeitung noch die Grundlagen. So ist aus den gängigen Wörterbüchern zur DDR-Sprache nicht zu erkennen, was häufiger und was seltener gebraucht wurde, ebenso unklar bleibt, in welchem Kontext diese oder jene Formulierung gebraucht wurde. "Unbestritten ist nur, dass öffentliches und nicht-öffentliches Sprachregister in der DDR wesentlich schärfer von einander abgegrenzt waren als in der BRD." Gerade von dieser Beobachtung aus lässt sich aber wohl verstehen, warum die politische Elite von der Bevölkerung am Ende in die Wüste geschickt wurde.



Vorwärts und nicht vergessen. Sprache in der DDR - was war, was ist, was bleibt, herausgegeben von Ruth Reiher und Antje Baumann.
Aufbau Taschenbuch Verlag (ISBN 3-7466-8118-9), Berlin 2004

 

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

 

 

 

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