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25.11.2004 - ZAHNMEDIZIN

Ein Fach wurde zur Wissenschaft

120 Jahre Zahnarzt-Studium an der Berliner Charité

Ingrid Graubner

 
 

Wer heute an große medizinische Leistungen der Vergangenheit denkt, besonders auch im Zusammenhang mit den Traditionen der Medizinischen Fakultät unserer Universität und dem Namen Charité, erinnert sich meist an die Chirurgen, die Anatomen, Physiologen
oder die Vertreter der Inneren Medizin mit international berühmten Namen. Ein Gebiet wird jedoch kaum genannt, das aber im Laufe des Lebens jeden Menschen betrifft und ihn in die Praxis des zuständigen Spezialisten treibt – das Gebiet der Zahnmedizin.

Wenn man auch mit gemischten Gefühlen kommt, oft auch mit Angst, hat man aber doch meistens die Gewissheit, sich in die Hände eines gut ausgebildeten und versierten Mitglieds dieses speziellen medizinischen Fachgebiets zu begeben. Das war nicht immer so. Da müssen nicht die gruseligen Bilder der Zahnbehandlung auf Marktplätzen aus den vorigen Jahrhunderten bemüht werden. Bei denjenigen, bei denen die brachialen Mittel zur Anwendung kamen, war meist alles zu spät um einen Zahn zu erhalten. Er konnte nur noch gezogen werden. So sahen die Gebisse bei Vielen, ob arm oder reich, meist nicht sehr komplett aus. Obwohl es seit 1826 in Berlin eine Ordnung über den Zahnarztberuf gab, änderte sich an der Praxis der Behandlung wenig.

Doch schon bald stiegen die Ansprüche, vor allem auch in den schnell wachsenden Städten, mit ihrer durch die industrielle Entwicklung rasch ansteigenden Bevölkerungszahl. In Berlin hatte sich diese Zahl nach 1870 auf die Zwei-Millionen-Grenze zu bewegt, die sie dann 1910 erreichte. Die Sozialstruktur wies in der Mehrzahl Arbeiter in verschiedenen Berufen und Tätigkeiten aus. Die sozialen Probleme, schlechte Wohnverhältnisse, mangelnde Hygiene, hohe Säuglingssterblichkeit und eine geringe Lebenserwartung, erforderten gezielte Gegenmaßnahmen, um sie in der großen Stadt einigermaßen beherrschbar zu machen. Vor allem Infektionskrankheiten waren zu bekämpfen.

Der Bau von Krankenhäusern und einer Kanalisation, die Errichtung eines zentralen Schlachthofs mit alleinigem Schlachtrecht waren Maßnahmen, deren positive Wirkung für Jahrzehnte spürbar blieben und die Standard wurden. Viele Krankenhausbauten, auch die großzügig von Beginn des 20. Jahrhunderts an ausgebaute Charité, sind heute noch erhalten. Ende des 19. Jahrhunderts entstand die
Einrichtung, deren Gründung sich im Oktober zum 120. Mal jährte. Am 24. Oktober 1884 wurde an der Berliner Universität erstmalig ein Institut zur akademischen Ausbildung von Zahnärzten eingerichtet. Der Sitz des Instituts war in der Dorotheenstraße 40 (nach alter
Nummerierung).

Es gab zwar auch in Halle seit 1883 ein zahnärztliches Institut, auch Leipzig hatte Ähnliches, aber nur in Berlin waren die Studierenden an der Medizinischen Fakultät immatrikuliert und somit an eine Universität angebunden. Dies wurde als wichtiges Kriterium angesehen, um eine universitäre Ausbildung zu begründen. Somit kann man sagen, dass in Berlin das erste zahnärztliche Institut an einer Universität im damaligen Deutschen Reich gegründet wurde. Damit sollte die Ausbildung von Zahnärzten, den Ärzten gleichgestellt, auf eine wissenschaftliche Grundlage gehoben werden. In einer Geschichte der Berliner Universität heißt es über diese Zeit: „Ein erstes zahnärztliches Institut der Universität wurde – mit sehr bescheidenen Mitteln –  1884 eingerichtet. Dennoch entwickelte es sich rasch zu einem Zentrum zahnärztlicher Therapie, Lehre und Forschung.

Vor allem Willoughhy Dayton Miller gab diesem Institut wissenschaftliches Profil durch seine Untersuchungen zur Bakteriologie der Mundhöhle, zu Verlauf und Ursachen der Zahnkaries und durch die Veröffentlichung des ersten deutschen Lehrbuches der Konservierenden Zahnheilkunde.“ (aus: Humboldt-Universität, Überblick, 1985).

Es wurden zunächst drei Lehrstühle eingerichtet, für chirurgische, protetische und konservierende Zahnheilkunde. Erster Institutsdirektor war Professor Friedrich Busch (1844 – 1916), der dieses Amt bis 1907 inne hatte. Am Institut entwickelte sich ein reges wissenschaftliches Leben, das sich durch enge Kontakte zu anderen medizinischen Fachgebieten auszeichnete. Die Studien- und Ausbildungsordnung wurde im Laufe der Zeit, bei steigenden Studentenzahlen, so vervollkommnet, dass man 1909 in Berlin eine Ordnung erließ, die für alle deutschen Universitäten der Maßstab werden sollte.

Das Abitur war Voraussetzung für die Aufnahme, die vorklinische Ausbildung wurde der der Mediziner angeglichen und die Studienzeit verlängert. Die Zahl der Pflichtübungen in den verschiedenen stomatologischen Disziplinen wurde erhöht und ein strenges  Prüfungsreglement, das für den Einzelnen auch nicht ganz billig war, festgelegt. Diese Ordnung galt bis 1945.

1909 waren zwei Drittel der deutschen Zahnärzte Absolventen des Berliner Zahnärztlichen Instituts. Es wurde gleichzeitig ein wissenschaftliches Zentrum und Anziehungspunkt für Fachkollegen aus dem In- und Ausland.

Diese Ausdehnung erforderte auch eine räumliche Erweiterung, die an dem baufälligen alten Standort nicht möglich war. Von 1910 bis 1912 wurde ein Neubau in der Invalidenstraße errichtet, der auf eine Studentenzahl von bis zu 300 ausgelegt war. Die verschiedenen Richtungen der Zahnmedizin spezialisierten sich, neue kamen hinzu, was sich auch in der Struktur des Instituts wiederspiegelte. Der Ausbau der Kieferchirurgie war u.a. der großen Zahl der Verletzten des Ersten Weltkrieges geschuldet.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren auch Einrichtungen der Zahnmedizin zerstört. Der Unterrichtsbetrieb konnte mit der Wiedereröffnung der Universität im Januar 1946 aber wieder aufgenommen werden. 1984, zum 100. Gründungsjubiläum des Zahnärztlichen Instituts, hatte die Nachfolgerin, die Sektion Stomatologie der Humboldt-Universität, 670 Studierende, davon 381 Frauen. Es bestanden bereits die Polikliniken für Konservierende Stomatologie, Protetische Stomatologie, Orthopädische Stomatologie und eine Klinik für Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie eine Poliklinik für Chirurgische Stomatologie.

Nach mehreren Neustrukturierungen der Charité – die letzte mit Bildung der Charité Universitätsmedizin Berlin 2003 – ist die Zahnmedizin an der Charité an verschiedenen Standorten präsent. Das Zentrum für Zahnmedizin mit seinen zwei Standorten gewährleistet am Standort Mitte die vorklinische Ausbildung der Studierenden, der sich die klinische Ausbildung am Standort Virchow-Klinikum anschließt. Außerdem bestehen die Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Campus Benjamin Franklin und an der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und Plastische Operationen der Charité, Campus Virchow-Klinikum.

 

(Manuskript erschien zuerst in "Humboldt 1-2004/2005" ; Übernahme mit freundlicher Genehmigung der Humboldt Universität zu Berlin)

 

Mehr im Internet:
Geschichte der Zahnklinik der FU Berlin  
Zahnheilkunde einst und jetzt

 

 

 

 

 

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