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26.11.2004 - ALEXANDER VON HUMBOLDT

Einer, der die Welt anschaulich machte

Vor 200 Jahren kehrte der Gelehrte von seiner Reise durch Südamerika zurück

Heike Baeckmann

 
 

Alexander von Humboldt, 1843. Gemälde v.
Joseph Stieler - Bild: Stiftung Preußische
Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

Am 3. November 1827 begann Humboldt seine Vorlesungsreihe über den komplizierten Aufbau des Firmaments, über Theorien der Gebirgsbildungen und über andere neue Themen der damaligen Naturwissenschaften. Insgesamt 61 Vorlesungen hielt er im Universitätsgebäude. Im Gegensatz zum eher als dröge und langweilig empfundenen Hegel faszinierte Alexander von Humboldt die Berliner Gesellschaft. Er konnte seine Vorlesungen mit selbst Erlebtem würzen. Der Ansturm der Berliner auf seine Vorlesungen war so groß, dass diese schließlich in die neben der Universität liegende Singakademie mit ihren 800 Plätzen verlegt werden musste – und selbst hier platzte der Saal aus allen Nähten.

Noch einmal 16 Vorlesungen hält Humboldt hier und zieht seine Zuhörer durch eine lebendige und allgemeinverständliche Sprache in seinen Bann. Alexander von Humboldt, zwei Jahre nach seinem Bruder Wilhelm, am 14. September 1769 auf Schloss Tegel in die Familie eines preußischen Offiziers geboren, fand in seinen Jugend-jahren durchaus nicht so viel Gefallen an den Naturwissenschaften, wie man nach Kenntnis seines gesamten Lebens meinen möchte. Er genoss aber, ebenso wie sein Bruder, eine hervorragende Bildung. Seine Mutter, der Vater war 1778 gestorben, engagierte im Ganzen mehr als 20 Hauslehrer, die die Brüder unterrichteten, darunter herausragende Gelehrte. So unterrichtete niemand Geringerer als Daniel Chodowiecki, Direktor der Akademie der Künste, Alexander im Zeichnen.

Unter der strengen Aufsicht der Mutter wurde Alexander von Hum-boldt 1787 an die Universität nach Frankfurt an der Oder geschickt  – die Universität in Berlin sollte sein Bruder erst 13 Jahre später ins Leben rufen – um dort Finanzwissenschaften und Kameralistik zu studieren. Es folgte 1788 ein wiederum einjähriger Aufenthalt in Berlin, da Alexander als kränklich galt und die Mutter ihm ein Studium in der Ferne nicht zumuten wollte. Er, der einen ausge-sprochen großen Freundeskreis pflegte und auch über sein gesamtes Leben erhielt, wurde durch einige dieser Freunde in Wissenschaften eingeführt, zu denen er bisher keine Beziehung entwickeln konnte. Er begeisterte sich z.B. durch den jungen Botaniker Willdenow für dieses Fachgebiet und unternahm seine ersten botanischen Unter-suchungen im Berliner Tiergarten.

Im April 1789 folgte er endlich seinem Bruder nach Göttingen, um dort u.a. Mathematik, Physik und Medizin zu studieren. "In Göttingen lebte ich allein für Naturgeschichte und Sprachen", schrieb  Alexander später über diese Zeit. An der Universität lehrte unter anderem der Physiker Georg Christoph Lichtenberg, der Alexander besonders unter seine Fittiche nahm. Lichtenberg beeindruckte Humboldt nicht nur durch sein eigentliches Fachgebiet, sondern durch geistige Brillanz und eine geradezu euphorische Begeisterung für Reiseliteratur und die Entdeckungsfahrten von James Cook und Christoph Kolumbus.

Ein Freund Lichtenbergs war der von allen Studenten bewunderte Georg Forster. Er hatte 1772 bis 1775 Cook auf dessen zweiter Weltumsegelung begleitet und danach einen berühmten Reisebericht heraus gegeben. Forster lernte Alexander wiederum über gemein-same Bekannte Lichtenbergs und seines Bruders Wilhelm kennen. Er sollte in der Zukunft einer der wichtigsten Lehrer Alexander von Humboldts werden.

Weitere Stationen seines Studiums führten Alexander nach Hamburg und an die Bergakademie Freiberg. Nach Beendigung der Studien trat er als Bergbeamter in den preußischen Staatsdienst. Diese Zeit wird, genau wie sein Studium, immer wieder von zahlreichen kurzen
Reisen unterbrochen – nach Weimar zu Goethe und Schiller, mit Georg Forster nach England, nach Wien und auf eine geologische
Tour durch die Schweiz und Italien.

Der Tod seiner Mutter 1796 und eine nicht unbedeutende Erbschaft ermöglichen ihm endlich, den Staatsdienst zu quittieren und sich voll und ganz seinen lang gehegten Reiseplänen zu widmen: Er lernt Arabisch und will den Nil und die Pyramiden erkunden.  Noch nie-mand vor ihm hat das Atlas-Gebirge vermessen. Doch dieser
Reisegedanke scheiterte am Ägypten-Feldzug Napoleon Bonapartes. In der Hoffnung, sich im nächsten Frühjahr über Cadiz nach dem Orient einschiffen zu können, reisten Alexander von Humboldt und der Botaniker Aimé Bonpland, durch Spanien. Auf dieser Reise maß er „mittels eines Barometers die (bis dahin unbekannte) Höhe des Zentralplateaus“ (Ette, Ottmar (Hrsg.) AvH. Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents, Frankfurt/M., Leipzig, 1991), berichtigte die Landkarte Spaniens durch die Korrektur der Position einiger Städte, die er durch astronomische Messungen ermittelt hatte und wurde schließlich beim spanischen Staatsminister Raphael d’Urquijo vorstellig.

Dieser gewährte ihm, dem Ausländer und dazu noch Protestanten, die Einreise in die spanischen Kolonien auf dem amerikanischen
Kontinent. Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland
begannen 1799, Alexander im Alter von 30 Jahren, ihr größtes Abenteuer.

Seine fünfjährige Reise durch die Länder Südamerikas, die dort gesammelte Materialien, die neu entdeckten, genau beschriebenen
und gezeichneten fast 60.000 Pflanzen, von denen 6300 bis dahin unbekannt waren, sollten sein gesamten weiteres Leben bestimmen. Bewunderer nennen ihn den zweiten Entdecker Südamerikas. Er
vermisst den Orinoco und Rio Negro und führt den Nachweis, dass der Orinoco zum Stromsystem des Amazonas gehört. Er führt Aufzeichnungen über die indianische Bevölkerung Südamerikas und beschreibt die Landschaften Kubas ausführlich. Er besteigt den 6.000 Meter hohen Chimborazo, den damals höchsten bekannten Berg der
Welt.

Seine Tagebücher lesen sich wie der spannendste Reisebericht. Hier sind Daten notiert, Flussläufe verzeichnet, Fische skizziert. Sie bilden die Grundlage für die 36 Bände, die Humboldt nach seiner Rückkehr
aus Südamerika als ein Hauptwerk seines Lebens bis 1833 verfasst.
Am 3. August jährte sich zum 200. Mal der Tag, an dem Alexander von Humboldt in Bordeaux wieder europäischen Boden betrat.
Diese Rückkehr erregte größtes Aufsehen und wurde bejubelt, zumal ihr ein Gerücht vorausgegangen war, Humboldt sei auf Kuba dem Gelbfieber erlegen.

Von 1807 bis zum Jahr 1827 lässt sich Humboldt in Paris nieder, da nach seiner Überzeugung hier die scientific community ausgeprägter und für seine Entdeckungen aufgeschlossener war als im dumpfen
Preußen. Hier entstehen fast alle Bände seiner Reiseberichte. Hier gibt es die besten Illustratoren, Drucker, Zeichner, Verleger. Die Bücher erscheinen in französischer Sprache und dennoch erstaunt es wohl, das eines der Hauptwerke, „Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas“ erst heute, 200
Jahre nach Humboldts Rückkehr aus Amerika, in deutscher Erstausgabe erschienen ist (siehe Buchtipp – d. Red.).

1827 schließlich ruft König Friedrich Wilhelm III. Humboldt aus Paris nach Berlin zurück. 1833, die Auswertung seiner Südamerika-
Reise hat Alexander von Humboldt glücklich aber völlig pleite abge-schlossen, stürzt er sich auf sein nächstes Abenteuer, die Edition seiner Kosmos-Vorlesungen. Auch hier packt ihn der Ehrgeiz und er will die ursprünglich mitstenographierten Vorlesungsskripte völlig überarbeiten. Es entsteht in seiner restlichen Lebenszeit ein fünf-bändiges Werk, das er schlicht „Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ nennt.

Über 9000 Werke der Wissenschaft seiner Zeit wertet er dafür aus. Er korrespondiert mit den Gelehrten der gesamten Welt. Mehr als 2000 Briefe schreibt er im Jahr. Insgesamt sollen es mehr als 50.000
gewesen sein. Er hat den Ehrgeiz, auf allen wissenschaftlichen Gebieten der Beste zu sein – in der Geologie ebenso wie in der
Zoologie oder Meteorologie.

Humboldt selbst beschreibt sein Projekt so „Ich fange den Druck meines Werkes (des Werks meines Lebens) an. Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen wissen, alles in Einem Werke darzustellen, und in einem Werke, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüth ergötzt. Jede große und wichtige Idee, die irgendwo aufglimmt, muß neben den Thatsachen hier verzeichnet sein.“

Das Manuskript endet am 6. Mai 1859 mit dem Tod Alexander von Humboldts mitten in der Beschreibung der Gebirgs- und Gesteins-formationen des Altai.

Mit dem Tod Alexander von Humboldts verlor die Menschheit den wohl letzten Vertreter einer Gattung, die es heute nicht mehr gibt: den Universalgelehrten. Niemand vereinte, gemessen am Gesamt-wissen so viele Kenntnisse in sich selbst. Humboldt war aber nicht nur Wissenschaftler für sich, sondern er verstand es auf einzigartige Weise, dieses Wissen anderen zu vermitteln und die Freude am Wissenserwerb selbst zu wecken. In diesem Sinne sind wohl auch seine umfangreichen Werke heute noch aktuell.

   
(Manuskript erschien zuerst in "Humboldt 1-2004/2005" ; Übernahme mit freundlicher Genehmigung der Humboldt Universität zu Berlin)


 

 

 

 

 

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