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20.12.2004 - GEBURT JESU
"Damit erfüllt würde, was gesagt ist ..."
Die Weihnachtsgeschichte und ihre biblischen Grundlagen
von Josef Tutsch
 | | | Michelangelo, Prophet Jesajas | | | Nein, ordentliche Standesbeamte wären die Verfasser der Evangelientexte wohl nicht geworden. Allein die Frage nach dem Wohnort von Jesu Eltern! Lukas sagt "Nazareth“ und erzählt, dass Joseph und Maria sich wegen einer Volkszählung auf den Weg nach Bethlehem machen mussten, wo dann Jesus geboren wurde. Matthäus setzt gleich bei der Geburt in Bethlehem an; erst nach der Rückkehr aus Ägypten beschließt Joseph, sich im "galiläischen Land in einer Stadt mit Namen Nazareth“ niederzulassen, aus Furcht vor Verfolgung im israelitischen Kernland. Welche Version ist denn nun die richtige?
Theologen werden antworten, dass es darauf gar nicht ankommt. Aber unsere Neugier bleibt: Wo stammt die Familie her? Wo und wann wurde
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Juan de Borgona, Ein Engel offen- bart Joseph das Geheimnis der jungfräulichen Geburt (16. Jh.) | Jesus geboren? Wer war sein Vater, da die Evangelien, für uns mit unserem naturwissenschaftlichen Weltbild befremdlich, ja nun einmal von einer Jungfrauengeburt sprechen? Fragen, die eine historische und philologische Wissenschaft von Neuen Testament in Gang gesetzt und nebenbei eine Flut von romanhaften Leben-Jesu-Darstellungen hervorgerufen haben.
Ernest Renan erzählt in seinem berühmten Buch (1863) von einer Diskussion, die bereits zu Lebzeiten aufgekommen wäre: "Es bestand der allgemeine Glaube, dass der Messias ein Sohn Davids sei und wie dieser in Bethlehem geboren werden würde. Ein großer Streitpunkt erhob sich: Jesu Geburt in Nazareth, welche öffentlich bekannt war. Berechtigte Jesus durch sein Stillschweigen die erdichteten Stammbäume, die seine Anhänger erfanden, um seine königliche Abkunft zu beweisen? Wusste er etwas von den Legenden, die erfunden wurden, um seine Geburt nach Bethlehem zu verlegen?“ Eine sehr phantasievolle Darstellung, aber dann bricht doch ein ehrliches Eingeständnis durch: "Man weiß nichts darüber.“
Was weiß man heute "darüber“? "Es begab sich zu dieser Zeit, dass Jesus aus Nazareth in Galiläa kam“, heißt es im Markus-Evangelium. Das ist die älteste bekannte Nachricht über Jesu Familie, und nichts spricht gegen die Vermutung, dass damit auch der
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Pieter Brueghel d. Ä., Die Volks- zählung in Bethlehem (1566) | Geburtsort bezeichnet wird. Wieso aber berichten Matthäus und Lukas einhellig von Bethlehem? Da hat Renan das Richtige getroffen, dieser Ort war im Alten Testament gefordert, beim Propheten Micha: "Und du, Bethlehem, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei.“
Kurz und gut: Es soll der Nachweis erbracht werden, dass Jesus der Messias aus der Familie Davids ist. Um die Eltern Jesu von Nazareth nach Bethlehem zu bringen, unterstellt Lukas den römischen Behörden eine recht merkwürdige Praxis der Steuerschätzung: Jede Familie musste sich in den Wohnort ihrer Vorväter aufmachen. Ansonsten sind derartige Umständlichkeiten des römischen Verwaltungswesens nicht belegt – muss man sich darüber wundern?
Demselben Zweck – Jesus als der Messias aus dem Hause Davids - dienen die Stammbäume, die Lukas und Matthäus aufstellen. Dass darin Joseph als Vater vorausgesetzt wird, verträgt sich für unsere Logik nicht mit der Jungfrauengeburt, die beide Evangelien ausdrücklich erklären.
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Giotto, Die heiligen drei König und der Stern von Bethlehem (um 1307) | Anscheinend hat diese Unstimmigkeit damals aber nicht gestört. An einem anderen Punkt wird der Abstand der Evangelien von einem modernen Bewusstsein noch deutlicher: Die unterstellten Übereinstimmungen mit dem Alten Testament galten als "Beweis“; neuzeitliche Historiker sehen darin vielmehr einen verräterischen Hinweis, wie die Angaben zu Jesu Leben wirklich zustande gekommen sind: nicht als historisch überlieferte Fakten, sondern rekonstruiert aus den alten Weissagungen, die sich erfüllt haben sollten.
Das Matthäus-Evangelium hat sogar eine stehende Formel, in der sich dieser Umgang mit der heiligen Schrift des Judentums andeutet: "damit erfüllt würde, was durch die Propheten gesagt worden ist“. Vollends verwirrend wird das bei dem alttestamentlichen Zitat, mit dem Matthäus den Umzug nach Nazareth begründet: "Er soll Nazoräer heißen.“ In unseren Ausgaben des Alten Testaments gibt es diese Stelle nicht. Vor 200 Jahren pflegten aufgeklärte Religionskritiker dergleichen als bewusste und gewollte Fälschung anzusehen. Wahrscheinlicher ist, dass der Verfasser, der wohl aus dem Gedächtnis zitierte, irgendetwas durcheinander gebracht hat.
Womöglich noch mehr Tinte als über Geburtsort und Herkunft Jesu hat die moderne Neugier über die Frage des Geburtsjahres vergossen – kein Wunder, unsere Zeitrechnung datiert sich ja "nach Christi Geburt“. Das Jahr 0 war es jedenfalls nicht, ein solches Jahr kommt in dem
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Rubens, Der bethlehemitische Kindermord (1610) | Kalender, den der römische Mönch Dionysius Exiguus im 6. Jahrhundert erstellt hat, nicht vor. Sicher ist auch, dass Dionysius sich verrechnet hat: Laut Matthäus wurde Jesus "zur Zeit des Königs Herodes“ geboren.. Herodes aber starb 4 "vor Christus“.
Leider wird Herodes in den Evangelien im Umkreis von allerlei Engelerscheinungen genannt, mit denen ein Historiker nichts anfangen kann. Aber es gibt ja noch ein paar andere Angaben: die Steuererhebung bei Lukas, ein solcher Zensus ist historisch aber erst für 6 nach Christus belegt, und zwar nur für Judäa, also auch nicht für Galiläa mit Nazareth. Der Stern, der den Weisen aus dem Morgenland erschienen sein soll: Das hat eine ganze Flut von astronomischen Berechnungen hervorgerufen, aber es handelt sich vielmehr um einen Wunderstern. Oder der bethlehemitische Kindermord: Einer Figur wie Herodes vielleicht zuzutrauen, in außerbiblischen Zeitzeugnissen aber nicht belegt.
Da all das nicht zum Ziele führt, haben sich die Jahreszähler auf eine spätere Stelle bei Lukas gestürzt: "Jesus war, als er zu wirken anfing, ungefähr dreißig Jahre alt“, und das soll gewesen sein "im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius“. Das wäre also 28 nach Christus, aber alles nur "ungefähr“. Außerdem dementiert Lukas dieses Datum durch die Aussage, damals wären Hannas und Kaiphas Hohepriester gewesen. Aus anderen Quellen ist bekannt, dass zu jener Zeit Kaiphas Hoherpriester war.
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Rembrandt, Flucht nach Ägypten (1627) | Und noch etwas: Lukas’ bombastische Aufzählung der Potentaten, vom Kaiser über die Statthalter und die Landesfürsten bis zu den Hohenpriestern, ähnelt verdächtig seiner Formel in der Weihnachtsgeschichte, "es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Befehl von dem Kaiser Augustus ausging ...“ Wollte der Verfasser überhaupt irgendwelche historischen Daten mitteilen?
Es hilft nichts: Was wir von einem Familienstammbuch oder auch von einem Geschichtsbuch der Daten und Fakten erwarten, hat die Verfasser der neutestamentlichen Texte nicht interessiert. Diese Einsicht hat sich in der Theologie seit dem 19. Jahrhundert durchgesetzt. Der Neutestamentler Hans Conzelmann im Rückblick auf die Forschungsgeschichte: "Die Quellen stellen nicht den historischen Jesus dar, sondern sie zeichnen Jesus, wie ihn der nachösterliche Glaube sieht – nämlich als den Gottessohn, den Messias.“
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation. |
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